Rezensionen: Geschichte & Biografie

Friedrich, Markus: Die Jesuiten. Von Ignatius von Loyola bis zur Gegenwart.
München: C.H. Beck 2021. 128 S. Kt. 9,95.

Nachdem das frühere Bändchen der Beck‘schen Reihe von Peter C. Hartmann einer Erneuerung bedurfte, legt nun Markus Friedrich, bereits Autor eines großen Werkes zur Geschichte des Ordens, hier einen sehr gelungenen neuen Überblick über „Die Jesuiten“ vor.

Klugerweise beginnt er damit, dass der Orden bei seiner Gründung in sehr alten Traditionen verwurzelt war, spirituell, aber auch in seiner kirchlichen Struktur und Aufgabe. Die Gründung wird eher knapp beschrieben – hier gibt es schon reichliche Literatur; ungemein kenntnisreich dann der Durchgang durch die Geschichte, immer mit Blick auf die Verwobenheit des Ordens in die Profan- und in die Kirchengeschichte seiner Zeit, ebenso immer mit einer ausgewogenen Sicht sowohl auf die spirituellen wie die organisatorischen und die missionarischen Aspekte der sehr komplexen Entwicklung. Schwerpunkte liegen auf dem wichtigen Generalat von Acquaviva am Ende des 16. Jahrhunderts, dann auf der beginnenden Krise ab 1650, auf der Aufhebung und Wiederbegründung des Ordens in der Revolutionszeit, auf der neuen Erstarkung unter General Roothaan, auf den Anfeindungen und Kämpfen am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts und auf dem Umbruch rund um das Zweite Vatikanische Konzil. Pedro Arrupe, charismatischer General in dieser Umbruchszeit, wird ausdrücklich gewürdigt. Auch ein Blick auf die gegenwärtige Nachwuchskrise und auf die gänzlich neue Situation unter dem derzeitigen Jesuiten-Papst fehlt nicht. Bunt, ständig bewegt, immer wieder experimentierend, zwar sehr erfolgreich, aber auch mit zahlreichen Ambivalenzen – so erscheint diese Geschichte von bald 500 Jahren.

Wohltuend ist der kritische Blick eines Nichtjesuiten, also gleichsam von außen auf den Orden. Das erleichtert historische Urteile, die zwischen antijesuitischen „wirren Verschwörungstheorien“ und „hagiografischer Lobhudelei“ (8) die gute Mitte finden. Einige kleine Fehler sind zu vernachlässigen (z.B. 14: Ignatius wurde nicht von der Inquisition inhaftiert, sondern von den Dominikanern; 29: das „Terziat“ ist kein „drittes Jahr“, sondern eine dritte Prüfung). Insgesamt ist die historische Kenntnis stupend, die Fähigkeit zur knappen Synthese verblüffend, die Sprache angenehm lesbar. Erfreulich, dass in Zeiten der Oberflächlichkeit und der neuen auch kirchenpolitischen Ideologisierung Verlag und Autor ein solch knappes, aber gebildetes und Orientierung ermöglichendes Werk herausbringen können.

                Stefan Kiechle SJ

 

Nonn, Christoph: 12 Tage und ein halbes Jahrhundert. Eine Geschichte des Deutschen Kaiserreiches.
München: C.H. Beck 2020. 687 S. Gb. 34,–.

Als der Maler Anton von Werner 1871 nach Versailles gerufen wurde, wusste er nicht, was ihn erwartete. Er bekam den Auftrag, ein monumentales Gemälde vom Augenblick der Reichsgründung zu schaffen – und war Zeuge einer improvisierten Feier, in der der preußische König zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde. Sehr unterhaltsam schildert Christoph Nonn diese Szene. Der Band folgt einer spannenden Struktur: Bestimmte Themenkomplexe werden an ein bestimmtes Datum, einen bestimmten Tag gebunden. Den zwölf Kapiteln entsprechen so die 12 Tage, die es auch in den Titel des Bandes geschafft haben.

Der ganze Komplex der Reichsgründung wird folglich am Beginn des Buches unter dem 18. Januar 1871 behandelt, die Frage nach dem Antisemitismus im Kaiserreich etwa unter dem 11. März 1900, als in Konitz in Westpreußen ein junger Mann ermordet wurde und es aufgrund diverser Verdächtigungen in der Folge zu antijüdischen Ausschreitungen kam. Das große Thema des Kulturkampfes wird unter dem 3. Juli 1876 dargestellt, an dem drei Mädchen in Marpingen fälschlich behaupteten, ihnen sei die Jungfrau Maria erscheinen.

Christoph Nonn erzählt so die Geschichte des Kaiserreiches in einzelnen Etappen, anhand von zwölf Menschen oder Menschengruppen: Die Gründung des Kaiserreiches aus der Sicht des Malers von Werner, den Antisemitismus ausgehend vom Konitzer Mordopfer, den Kulturkampf etwa anhand der vermeintlichen Seher-Kinder. So ist ein Lesebuch zur deutschen Geschichte entstanden, das man zusammenhängend lesen kann, aber auch Kapitel nach Kapitel. Naturgemäß kann eine derartige Darstellung keine voranschreitende Geschichte des Kaiserreiches erzählen, keiner stringenten Chronologie folgen. Das aber erscheint hier gerade als Vorteil: Bestimmte Themen, Gedankenströmungen, politische Entwicklungen können vom Autor zeitübergreifend dargestellt werden. Der einzige Nachteil dieses Buches ist, dass aus den Kapitelüberschriften noch nicht ihr Inhalt hervorgeht. Man kann nun die Zwischenüberschriften der Kapitel zu Rate ziehen – dies hätte aber durch eine knappe Inhaltsangabe komfortabler gestaltet werden können.

Das vermag den Blick auf dieses Buch aber nicht zu trüben. Christoph Nonn ist eine sehr gute Geschichte des Deutschen Kaiserreiches gelungen. Sein Werk bildet und unterhält durchgängig auf hohem Niveau und schafft es zugleich, Geschichte nicht nur aus der Sicht der allseits bekannten Personen zu erzählen, sondern auch aus den Augen einfacher Menschen.

                Benedikt Bögle

 

Parker, Geoffrey: Der Kaiser. Die vielen Gesichter Karls V. Aus dem Engl. von Bertram / Gabel / Haupt.
Darmstadt: wbg Theiss 2020. 879 S. Gb. 50,–.

Geoffrey Parkers ausgezeichnete Biografie über Kaiser Karl V. (1500-1558) erschien 2019 in der Yale University Press. Jetzt liegt eine deutsche Übersetzung vor. Die Bibliografie listet 440 Primärquellen und 568 Sekundärquellen auf, die in dem 100 S. umfassenden Fußnotenteil verarbeitet werden. Parker zitiert wortgetreu zahlreiche zeitgenössische Quellen, vor allen die Berichte der auswärtigen Diplomaten an den Höfen. Das verleiht dieser Biografie eine ungewöhnliche Breite und Tiefe.

Karl wurde am 24. Februar 1500 in Gent geboren. Er wuchs in der Welt des burgundischen Adels auf, die ihn zeitlebens prägte. Mit 15 Jahren wurde er Herzog von Burgund, 1516 auch spanischer König und nach dem Tod seines Großvaters Kaiser Maximilian 1519 zum deutschen König und erwählten Kaiser. Bis zu seiner Abdankung 1555/56, woraufhin das Kaisertum an seinen Bruder Ferdinand I. und das spanische Königtum an seinen Sohn Philipp II. überging, war Karl V. fast vierzig Jahre lang Beherrscher der Niederlande, Spaniens, Deutschlands (Heiliges Römisches Reich), halb Italiens und zusätzlich der von Spanien neu eroberten Teile von Mittel- und Südamerika.

In die Regierungszeit Karls V. fiel die Spaltung der Christenheit in Konfessionen seit dem Auftreten Luthers vor dem Reichstag in Worms 1521. Außenpolitisch wurde Europa durch die Osmanen bedroht, die 1529 Wien belagerten.

Karls Verhältnis zu den Päpsten war oft angespannt. Auf dem Reichstag zu Worms 1521 hatte Karl Luthers Auftritt gestattet, entgegen dem dringenden Rat des päpstlichen Gesandten Aleandro. Unter Papst Klemens VII. ereignete sich 1527 der Sacco di Roma, der Einfall der kaiserlichen Truppen, der den Papst zwang, auf die Engelsburg zu flüchten. Karls Sekretär Valdes veröffentlichte einen Dialog, in dem er den Papst und seine Berater dafür verantwortlich machte. Aber der Kaiser und der Papst arrangierten sich, und am 24. Februar 1530, am 30. Geburtstag Karls, kam es zur Kaiserkrönung in Bologna, die ausgiebig gefeiert wurde. Unter seinem Nachfolger, Papst Paul III., wurde 1545 das Konzil von Trient eröffnet, was Karl immer wieder gefordert hatte. Unter Paul IV. fiel das Verhältnis zwischen Papst und Kaiser dann auf einen Tiefstand. Am 25. September 1555 beschloss der Augsburger Reichstag den Religionsfrieden, der die Konfession der Lutheraner anerkannte. Der päpstliche Legat Giovanni Morone, der dem Religionsfrieden zugestimmt hatte, wurde von Papst Paul IV. inhaftiert, weil er die Rechte der Kirche verraten habe.

Karls Beziehungen zu seiner Familie – auch zu den illegitimen Kindern – bis hin zu denen der Nichten, Neffen und Enkeln werden bei Parker ausführlich wiedergegeben („Paterfamilias“, 472-504). Die zahlreichen Ehen waren durchweg politisch motiviert: Ausdruck der dynastischen Habsburger Familienpolitik.

Parker erweist sich in dieser Biografie als ein hervorragender Kenner der spanischen, niederländischen und europäischen Geschichte. Ein eigenes Kapitel widmet er der spanischen Herrschaft in Mittel- und Südamerika („Die Zähmung Amerikas“). Allerdings überquerte Karl nie den Atlantik, um seine amerikanischen Besitzungen zu besuchen. Die Einnahmen, die er von dort erhielt, benutzte er zur Finanzierung seiner europäischen und nordafrikanischen Kriegszüge. In dem umfangreichen Buch habe ich nur einen Fehler entdeckt: Bei dem Reichstag zu Augsburg 1530 war nicht Aleandro, sondern Campeggio der dort anwesende päpstliche Gesandte. In seinem Epilog zieht Parker eine Bilanz der Herrschaft Karls V.: „Dynastie, Ritterlichkeit, Reputation und Glaube“ (608).

                               Wilhelm Ribhegge

 

Ryrie, Alec (Hg.): Christianity. A Historical Atlas.
Cambridge, Massachusetts: The Belknap Press of Harvard University Press 2020. 224 S. Gb. 29,99.

1970 erschien bei Herder in Freiburg Hubert Jedins Atlas zur Kirchengeschichte – eine fulminante Ergänzung zu seinem Handbuch. Nun, genau 50 Jahre später, legt der renommierte britische Historiker – wie Jedin ein Spezialist für die Geschichte des Reformationszeitalters – seinen historischen Atlas zur Geschichte des Christentums vor. Die zwei Jahrtausende der Christentumsgeschichte werden in unzähligen Karten mit ebenso knappen wie gut lesbaren erläuternden Texten lebendig.

Es versteht sich von selbst, dass der zeitbedingte eurozentristische Fokus seines Vorgängers nun überwunden ist. Einige Beispiele: The Mongol Invasion of Europe and the Near East (94-95), East African Christianity (120-121) oder der Abschnitt über das Zeitalter der Reform mit Karten über Catholicism in the New World (128-129) und Catholic Missions in the Old World ( 130-133) – sprich des Fernen Ostens. Natürlich gilt sein Hauptinteresse besonders der lateinamerikanischen und angelsächsischen Welt, wenn er die Missionary States in South America (156-157) oder die Radical Settlers in North America (160-161) und andere christliche Denominationen vorstellt. Allerdings – und hier liegt die große Stärke dieses Kartenwerks – interessiert ihn auch das Verhältnis von Christentum und Islam in Afrika im 17. Jahrhundert (158-159), die protestantischen Missionen im Zeitalter der Sklaverei (164-165) oder das Christentum und die versklavten Menschen (176-179) mit einem faszinierenden Blick auf Black Catholics.

Der Autor scheut sich als Historiker aber auch nicht, Karten und Statistiken für die christliche Zeitgeschichte vorzulegen, so in einer Karte über das Christentum in Afrika 2018 (191) oder zum Pentekostalismus, zum Einfluss der nordamerikanischen Evangelikalen und Fundamentalisten in einer globalisierten Welt (192-197) oder zu den Christenverfolgungen in Nordafrika und im Nahen Osten im Jahr 2018 (203). Besonders spannend ist, dass er die Geschichte des Christentums immer wieder auch mit der Kulturgeschichte verbindet, wenn beispielsweise auf den S. 116-117 der Aufstieg des Buchdrucks anschaulich zum Ausdruck kommt, der ein neues Zeitalter, das der Massenkommunikation, einleitet.

Die Karten sind von hervorragender Qualität, die Farbwahl dient dem Verständnis des Lesers. Nur eines hätte sich der Rezensent gewünscht: dass die Karten nicht so oft über zwei Seiten gingen und deswegen Einiges im Falz verschwindet. Aber auch das ist wohl dem handlichen Format geschuldet.

Der Atlas Ryries ist mehr als nur eine Ergänzung des Jedin, er ist ein äußerst brauchbarer Überblick für alle, die sich mit Hilfe von Karten einen ersten Eindruck über die zweitausendjährige globale Geschichte des Christentums verschaffen wollen – besonders in den vielen unterschiedlichen Perspektiven, die er bietet.

                Niccolo Steiner SJ

 

Kern, Peter (Hg.): Alfred Delp – ein Zeugnis, das bleibt.
Münster: LIT 2020. 490 S. Kt. 39,90.

Diese Textsammlung, herausgegeben zum 75. Jahrestag der Hinrichtung von Alfred Delp SJ am 2. Februar 1945 in Plötzensee, kann man nicht in einem Zug durchlesen. Vielmehr eignet sie sich als politisch-geistliche Impulsgeberin für den Tag, als „tägliches Brot“, wenn man sie, wie der Rezensent es tat, einen Text pro Tag als Ration mit in den Alltag hineinnimmt.

Es schreiben über 50 Personen: Zeitzeuginnen und -zeugen, Angehörige (vgl. Fritz Delp, Hubert Delp), Bischöfe, Mitbrüder, bekannte Persönlichkeiten aus Theologie, Wissenschaft und Politik ebenso wie unbekanntere, die deswegen keineswegs weniger zu sagen hätten. Allen Autorinnen und Autoren ist gemein, dass für sie das Lebenszeugnis von Alfred Delp und insbesondere das Zeugnis seiner letzten, mit gefesselten Händen geschriebenen Texte in der Zeit der Tegeler Haft prägend und auch inspirierend wurde für die Gegenwart: Sei es, weil die Texte prophetisch Krisen vorwegnehmen, oder weil Delp eine Synthese aus (ignatianisch geprägter) Spiritualität (vgl. v.a. Brüntrup/Jakolla) und politischem Engagement (vgl. Lob-Hüdepohl) lebt und formuliert: eine Synthese, die auch heute zu einer christlichen Zeitkritik und Praxis inspiriert (vgl. Püttmann).

Gleich mehrere Texte kreisen ausdrücklich und theologisch vertiefend um das Thema des Martyriums (insbesondere Gerl-Falkowitz, Jürgen Moltmann, Jon Sobrino, Ottmar John). Die „Praxis für das Reich Gottes“ als Grund für das Martyrium rückt mehr in den Mittelpunkt im Vergleich zu einer traditionell vielleicht zu starken Fixierung auf das „Glaubens“-Zeugnis im engeren Sinne des Wortes. Delps Zeugnis hat jedenfalls gemeinsam mit dem geistlichen Erbe von Moltke, Bonhoeffer u.a. den Blick mehr als „nur“ ökumenisch geweitet: „Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben“ (Bonhoeffer, 34), und dies als Folge des Einsatzes für die Gerechtigkeit, die von der Verkündigung des Glaubens nicht zu trennen ist, wie der Jesuitenorden zwanzig Jahre nach Delps Tod seine Sendung formulierte. Die ökumenische Dimension (vgl. Bedford-Strohm) ist dabei selbstverständlich vorausgesetzt, wie aus den aufrüttelnden Texten von Delp deutlich wird, die in mehreren Beiträgen immer wieder zitiert werden.

Im Vorwort gibt der Herausgeber Peter Kern, Vorsitzender der Alfred-Delp-Gesellschaft, Hinweise zur Entstehung der Sammlung. Der Band schließt mit einer Auswahl von Zeugnissen von Personen, die Alfred Delp nahe standen oder eng mit ihm befreundet waren.

                Klaus Mertes SJ

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