Rezensionen: Kunst & Kultur

Moxter, Michael / Firchow, Markus (Hgg.): Die Zeit der Bilder. Ikonische Repräsentation und Temporalität (Hermeneutische Untersuchungen zur Theologie VIII). Tübingen: Mohr Siebeck 2018. 220 S. Kt. 89,–.

Bei dem Versuch, die acht Aufsätze des Sammelbandes einzuordnen und das ihnen Gemeinsame herauszuarbeiten, ist der umfangreichste Text des Buches entstanden: Die „Einleitung“ von Michael Moxter, in der er ausführlich Titel und Untertitel thematisiert. Zunächst verweist er auf die verschiedenen Diskussionen und Hintergründe, die mit Begriffen wie „Repräsentation“ oder „ikonische Prägnanz“ einhergehen (1-28), bevor er eine Hinführung im strengen Sinne zu den einzelnen Beiträgen leistet (28-37). Diese gehen auf eine Tagung zurück, die bereits 2013 durchgeführt wurde. Dass die überarbeiteten Vorträge nun in der Reihe „Hermeneutische Untersuchungen zur Theologie“ erscheinen, sollte jedoch nicht über die Diversität des Bandes hinwegtäuschen. Tatsächlich könnte man die einzelnen Beiträge als ziemlich freie Variationen über das Thema „Bilder und Zeiten“ aus unterschiedlichen Blick- und Fachrichtungen beschreiben. Den Studien Gottfried Boehms, der mit „Die Sichtbarkeit der Zeit und die Logik des Bildes“ den ersten Aufsatz des Bandes vorlegt, kommt eine gewisse Sonderrolle zu, da sie eine wichtige Referenz sowohl in der Einleitung als auch in dem Beitrag von Petruschka Schaafsma sind.

Etwas unverbunden als Einzelstudien stehen daneben die Aufsätze „Imagination und Erinnerung bei Augustinus“ von Johann Kreuzer oder „Die Zeitlosigkeit des Bildes bei Sartre“ von Jens Bonnemann. Reinhard Hoeps bezieht mit seinem Aufsatz „Bildandachten“ kritisch Stellung zur „These von der Transformation des Religiösen ins Ästhetische“ (105) und zeigt anhand von Werken Caspar David Friedrichs und Francisco de Goyas die Implikationen und Grenzen dieser Annahme auf. Wie sich „Ikonizität und Narrativität“ in unterschiedlichen Medien zeigen, untersucht Friedhelm Hartenstein anhand antiker Fallbeispiele aus dem Gilgamesch-Epos, der Ilias und der Exoduserzählung.

Originalität kann Petruschka Schaafsma beanspruchen, die in ihrem englischsprachigen Beitrag von den Forschungen Boehms ausgehend eine mögliche Anwendung für eine theologische Ethik ausführt. Es sind zwei Gemälde der Heiligen Familie von Rembrandt, mithilfe derer sie ihren Ansatz aufzeigt. Nicht weniger kreativ sind die Überlegungen von Kristóf Nyíri, der die Aussage Wittgensteins „Wenn wir uns einmal beim Jüngsten Gericht sehen“ nach ihrer Bedeutung befragt, da „Wittgenstein an das Jüngste Gericht im biblischen Sinne ebensowenig glaubte wie an Gott als Schöpfer“ (161). Mit Reflexionen, die Nyíri von der Gebärdensprache aus entwickelt, legt er seine Interpretation vor.

Dieter Mersch thematisiert in seinem Aufsatz „Axthieb durch die Zeit“ – die Formulierung übernimmt er von Philippe Dubois – die Verschiebungen, die sich im „Zeitalter der Fotografie“ ergeben. Er arbeitet dabei besonders die Abgründigkeit einer „Zeitlichkeit ohne Zeitigung“ (186) heraus, die keine Erlebbarkeit bietet. Hierin liegt aber eine Thanatologie begründet, die sich im Archivieren erschöpft und Erinnerung verunmöglicht. Ob der Band insgesamt in seiner disparaten Zusammenstellung überzeugt, kann sicher unterschiedlich beurteilt werden – dass er jedoch immer wieder mit anregenden Überlegungen aufwarten kann, steht außer Frage. 

Jörg Nies SJ

 

 

Becker, Hansjakob und Lüstraeten, Martin (Hgg.): Singend glauben. Textperlen aus dem geistlichen Liedgut (100 Worte). München: Neue Stadt 2018. 120 S. Gb. 12,95.

Anzuzeigen ist ein Bändchen aus der Reihe „100 Worte“, die originelle Zugänge zum christlichen Glauben verspricht. Das Versprechen wird erfüllt in der Kirchenlied-Perlenkette, die Hansjakob Becker und Martin Lüstraeten geflochten haben. Die Herausgeber schöpfen vor allem aus dem neuen Mainzer Gotteslob, ferner aus dem Evangelischen Gesangbuch, noch ferner aus Liedsammlungen von Huub Oosterhuis und Jürgen Henkys und aus verstreuten anderen Quellen. Es handelt sich nicht um ein antiquarisches Unternehmen, als gäbe es nur alte Lieder und alten Glauben. Der Anteil von Fundstellen aus relativ neuen Liedern ist ziemlich hoch und auch das Alte wirkt nicht alt, sondern zeitlos. Im Hintergrund ist die Arbeit des Mainzer Gesangbucharchivs spürbar, drängt sich aber nicht vor.

Nach einer knappen Geschichte des Kirchenlieds beginnt das Buch mit einer präludierenden Perle von Peter Gerloff: Unterbrich den Lärm der Tage, / Gott, mit deiner Melodie. / Stelle unsre Zeit in Frage, / fülle und verwandle sie! Kurz danach folgt ein Stück aus Psalm 139: Auch die Finsternis / ist nicht finster vor dir, / die Nacht wie der Tag / sind beide Licht. Der niederländische Dichter Huub Oosterhuis trägt Liedstücke in der Übersetzung von Alex Stock bei, darunter Ich steh vor dir in Leere, arm und bang, wo das Gefühl des modernen Menschen, von Gott verlassen zu sein, den Ausgangspunkt markiert und keinen billigen, sondern einen tiefen Trost findet.

Die Mystik hält das Projekt heimlich zusammen. Gesungener Glaube ist mehr als geredeter Glaube. Gesungener Glaube, das sind nicht nur kluge Sätze, sondern das ist Musik und mehr als Sprache. Man hört die Engel singen. Zwischen anderen Stücken stehen mehrfach Liedstrophen von Gerhard Tersteegen. Sie sind ein Zeichen dafür, dass in der Mitte die Mystik ist. Tersteegen sagt (und obwohl er evangelisch ist, schweigt die Konfessionalität): Die Zeit ist wie verschenket, / drin man nicht dein gedenket, / da hat man‘s nirgend gut; / weil du uns Herz und Leben / allein für dich gegeben,/ das Herz allein in dir auch ruht.

Das Kreuz kommt vereinzelt vor. Es ist erstaunlicherweise kein Marterwerkzeug, sondern es bringt auf paradoxe Weise Heil und Heilung. Aus einem Passionslied von Friedrich Spee SJ stammt die herzbewegende Bitte Jesu: Ach, Vater, liebster Vater mein, / und muß den Kelch ich trinken? / Und mag‘s dann ja nicht anders sein? / Mein Seel nicht laß versinken. Zugleich ist der Sohn aber auch ganz oben, ist als Teil der Trinität auch Glanz der Sonne und außerhalb von allem Leid: Gott Vater, du die Sonne bist, / der Glanz dein Sohn, Herr Jesus Christ, / die Wärme ist des Geistes Bild, / der alle Welt mit Leben füllt (nach Köln 1623). Hab keine Angst. / Im Sand ist eine Spur, versichert ein Lied von Ylva Eggehorn. Gott ist überall zu finden.

Die 100 Worte Kirchenlied sind jedoch keine Sammlung wolkenhoher frommer Sprüche. Sie stammen schwerpunktmäßig aus dem 17. und dem 20. Jahrhundert, spannen weit auseinander Liegendes zusammen, sind oft überraschend, treffen aber immer irgendeinen Nagel auf den Kopf. Sie umgreifen und umarmen das ganze Leben. Jeder Ton und jedes Brummen, das wir hören, macht irgendwie auch Gott vernehmbar.

               Hermann Kurzke

 

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