Rezensionen: Theologie & Kirche

Grün, Anselm / Karimi, Ahmad Milad: Im Herzen der Spiritualität. Wie sich Muslime und Christen begegnen können. Hg. v. Rudolf Walter. Freiburg: Herder 2019. 288 S. Gb. 20,–.

Den Koran verstehe man ohne die Bibel genauso wenig wie das Neue Testament ohne die Tora (18): „Wir Muslime benötigen also für unsere eigene Selbstfindung […] Menschen, die das lebendige Zeugnis der Christenheit in sich tragen, um in der Begegnung mit ihnen unsere eigenen Quellen, wie den Koran, besser zu verstehen.“ Deshalb besuchte Ahmad Milad Karimi, der im Alter von 13 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet ist, während seines Studiums in Freiburg zahlreiche Seminare der katholischen Theologie. Einige Fragen aber konnte der Münsteraner Islamwissenschaftler erst später klären. Warum etwa sind gotische Kirchen so dunkel und einschüchternd?

In ausführlichen Gesprächen mit dem Benediktinerpater und Bestsellerautor Anselm Grün fand Karimi einen gebildeten und spirituell musikalischen Diskussionspartner. Gebündelt wurden einige Ergebnisse dieser Annäherung im vorliegenden Buch, das in beispielloser Weise vorführt, dass interreligiöser Dialog auch in der Tiefe funktioniert und nicht beim medienwirksamen Handschlag oder dem Bekenntnis zu einer friedlichen Welt stehenbleiben muss: „Wir haben […] gestaunt, wie der Versuch, dem anderen den eigenen Glauben zu erklären, […] uns einander näherbringt […] Im Hinhören auf die Glaubenserfahrung des anderen wird der eigene Glaube verdeutlicht und die eigene Spiritualität vertieft“ (269).

Auf der Buchvorstellung in der Katholischen Akademie in Berlin wurde spürbar, dass sich hier zwei religiöse Menschen begegnen, die vieles gemeinsam haben. Aus dieser unvoreingenommenen Offenheit, aus dieser Verständigung erwächst ein größeres Verständnis auf beiden Seiten. Vor gotischen Kathedralen habe Karimi keine Angst mehr, seitdem ihm Pater Anselm seinen persönlichen spirituellen Zugang zum Kirchenraum dargelegt hat.

Auch harte Themen werden angesprochen: Wie steht es mit fundamentalistischen Strömungen im Islam, die sich auf den Jihad und die Scharia berufen? Karimi fordert, ebenso wie Pater Anselm, eine breite religiöse Bildung, die auch Nicht-Theologen erreicht, um die Distanz auch im gesellschaftlichen Zusammenleben zu verringern. Der Koran – ebenso wie die Bibel – müssten im Licht einer historisch-kritischen Methode gelesen werden. Den „Heiligen Krieg“ gegen „Ungläubige“ etwa, so Karimi, solle man gegen den eigenen inneren Schweinehund führen: Wo werde ich durch moderne Götzen abgelenkt von Gott? Hänge ich zum Beispiel zu sehr am Smartphone und vernachlässige darüber mein Familienleben? Pater Anselm vergleicht diese Auslegung mit seiner Auslegung gewalttätiger Szenen im AT [vermutl. 2.Könige 9,33, Anm. PA], wo Kinder grausam ermordert werden sollen: Bei den „Kindern“ handele es sich um die eigenen Sünden.

„Im Herzen der Spiritualität“ folgt einem dialogischen Aufbau, der wiederum einem doppelten Katechismus ähnelt: Auf jede Frage, etwa „Jesus: Prophet oder Erlöser?“ (92-101), folgen die Antworten von Pater Anselm und Professor Karimi. Das ermöglicht eine kurzweilige Lektüre in einem übersichtlichen und gewinnbringenden Buch. Diese Veröffentlichung kann einen großen Beitrag zur Wanderung des einen „Gottesvolkes“ leisten, wie es Pater Anselm formuliert: „Wenn Religionen auf dem Weg sind, ist das Ziel dieser Wanderung immer der eine Gott. Es gibt nur einen Gott, auch wenn wir verschiedene Bilder von ihm haben. Das Miteinander der Religionen […] ist also ein solcher Weg hin auf dieses letzte gemeinsame Ziel“ (17).

Philipp Adolphs

 

Theobald, Christoph: Hören, wer ich sein kann. Einübungen. Ostfildern: Grünewald 2018. 198 S. Kt. 25,–.

Französische geisteswissenschaftliche Bücher sind schwer übersetzbar: Was uns Deutschen in dieser Sprache zwar schön erscheint, aber auch abstrakt und gewunden, übermäßig wortreich und ein wenig pompös, wirkt dann – ziemlich direkt ins Deutsche übertragen – oft nicht mehr schön, dafür schwer verständlich und verdaulich. Müsste man die Sätze nicht ganz neu bilden, abgespeckt und verdichtet? Oder das Buch auf Deutsch neu schreiben? Schade um den Fleiß des Übersetzens, schade letztlich um das Buch von Theobald, denn die Form macht es dem Leser nicht leicht.

Es geht um Berufung: Theobald, aus Deutschland stammender Jesuit und Theologieprofessor in Paris, geht sehr grundlegend an, wie Berufung sich entwickelt. Mit alt- und neutestamentlichen Gestalten zeigt er, wie religiöses Leben und Nachfolge sich aus dem Hören auf Gottes Ruf bilden. Ausführlich wird die paulinische Lehre der Gnadengaben und der Kirche dargestellt. Kirchliche Stände und Ämter werden vorgestellt, auch mit den Schwierigkeiten, die sie heute machen. Diese Berufungslehre wird in die Pastoral der Kirche eingepasst – mehr auf die französische Welt bezogen, aber diese ist für deutsche Erfahrungen anregend: So spricht man in Frankreich etwa von einer „zeugenden Pastoral“, die „aus brennendem Interesse am Alltag der Menschen“ handelt; ihr Grundanliegen ist „gerade die pneumatologische ‚Unterbrechung‘ unserer institutionellen Pastoralstrategien“ (186). Konkrete Hilfe gibt Theobald dafür, wie die Leserin und der Leser ihre Berufungen entdecken und verwirklichen können – mit ignatianischer Unterscheidung der Geister; am Ende Hinweise, wie die Kirche Berufungen besser anerkennen und fördern könnte.

Wer die Mühen der Lektüre nicht scheut, wird reich belohnt: Das Buch schafft die seltene Synthese von spirituellen und theologischen und pastoralen Ansätzen, es ist lehr- und hilfreich im besten Sinn, es ist reflektierend und konkret – genau was die Kirche braucht, um aus der Falle der theologisch-abstrakten Idealisierung und aus der des bloß pragmatischen Verwaltens herauszukommen. Kirche ist nur dann, wenn in ihr nicht Jobs vergeben, sondern Berufungen gelebt werden. Am Ende führt Theobald seine Anliegen zusammen, in einem in seiner deutschen Muttersprache gehaltenen Vortrag („Brennendes Interesse am Alltag der Menschen“) – bei dem die Sprachprobleme verschwunden sind.

Stefan Kiechle SJ

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