Rezensionen: Politik & Gesellschaft

Weiler, Birgit: Gut leben – Tajimat Pujút. Prophetische Kritik aus Amazonien im Zeitalter der Globalisierung (Theologie interkulturell 27). Ostfildern: Matthias Grünewald 2017, 215 S. Kt. 25,–.

Die für den Oktober 2019 angekündigte Amazonien-Sondersynode lenkt den Blick wieder auf diese Region, die 1992 und 2012 anlässlich der beiden Rio-Konferenzen der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung immerhin kurzzeitig weltweite Aufmerksamkeit erhalten hatte. Das Buch der an der Jesuitenuniversität in Lima lehrenden theologischen Beraterin des Lateinamerikanischen Episkopats, die seit Jahren enge Kontakte zu zwei indianischen Völkern im nordperuanischen Amazonasgebiet unterhält, ist ein guter Einstieg in die damit verbundene zivilisatorische, theologische und philosophische Problematik.

Im Sinne des befreiungstheologischen Ansatzes wird die Lebenswelt der Awajún und Wampis als „locus theologicus“ (Kap. 1) beschrieben, das seit einiger Zeit auch aus andinen Kulturen bekannte Prinzip des „guten (Zusammen-)Lebens“ als gesellschaftlicher Gegenentwurf zum globalisierten Kapitalismus veranschaulicht (Kap. 2), und sodann eine sich vom Eurozentrismus zu lösen versuchende „amazonische Kirche“ (Kap. 3) vorgestellt. Die indianischen Mythen und ihr tatsächlicher und möglicher Beitrag zu einer inkulturierten Katholizität sowie die Antworten der traditionellen Heilungsrituale auf Krankheit und Tod sind die Themen der beiden folgenden Kapitel. Den durch die neuen Kommunikationsmittel, die Ausweitung des Schulsystems und die Präsenz von rücksichtslosen Bergbau- und Erdölförderungsunternehmen bedingten Umbrüchen hinsichtlich Alltag und Zukunftsperspektiven der indianischen Jugendlichen ist das 6. Kapitel gewidmet. Im Mittelpunkt des 7. Kapitels stehen die indigenen Theologien und die damit verbundene Kritik der weithin üblichen Entwicklungs- und Missionsstrategien.

Es ist selbstverständlich nicht verfehlt, wenn in den europäischen Kirchen und Entwicklungsinstitutionen wieder einmal danach gefragt (werden) wird, was in und für Amazonien getan werden kann, denn die missliche Lage der dort lebenden Menschen wird ja durch den Neokolonialismus beständig verschlimmert. Das Buch von Birgit Weiler (das auch hinsichtlich der Quellenverweise ein aufmerksameres Lektorat verdient hätte) hat jedoch ein anderes Ziel. Weitab von der oft der Kulturanthropologie zugeschriebenen Romantisierung althergebrachter Lebensformen legt es die – nicht nur in Lateinamerika – aufgrund kultureller Überheblichkeit lange vertanen Chancen eines inkulturierten Evangeliums dar. Zentral ist daher der Aufruf zu einer „Perspektivenübernahme“ im Sinne eines „Hereinnehmens der anderen Perspektive und ihre[r] Koordination mit der eigenen“ (15-16). Davon sind allerdings die europäischen universitären Theologien, Philosophien und Sozialwissenschaften weit entfernt: Die über 450 indianischen Kulturen Amazoniens mit ihren vielfältigen Weltsichten und sozialen Organisationsprinzipien kennen und interessieren sie kaum. Vielleicht ist gerade deswegen die Beschäftigung mit diesem amazonischen Kontrastprogramm lohnend, welche ja auch von der Enzyklika Laudato si‘ vorgeschlagen wird.

Stefan Krotz

 

Höhn, Hans-Joachim: Ich. Essays über Identität und Heimat. Würzburg: echter 2018. 160 S. Kt. 14,90.

„Die folgenden Reflexionen gehören zur Gattung der Zeitdiagnose“ (8), genauer: der theologischen Zeitdiagnose. Die „Zeichen der Zeit“ werden in doppelter Hinsicht gedeutet: Deutung der Zeichen der Zeit durch das Evangelium und Deutung des Evangeliums durch die Zeichen der Zeit, und dies in Konfrontation und Gespräch mit säkularen Deutungslogiken. Freiheit wird als „Unverfügbarkeit“ versus Freiheit als Maximum von Handlungsoptionen verstanden (Kap. 1), das personale Gegenüber von Mensch und Gott als Grundlage einer möglichen Rede vom „wahren Selbst“ der Eigenkonstruktion von Authentizität gegenübergestellt (Kap. 2), die Differenz von Schöpfer und Geschöpf als Bedingung der Möglichkeit einer Identitätsbestimmung markiert, die nicht über die Markierung von Differenzen ausgrenzt (Kap. 3). Schließlich: Die Bestimmung von Heimat als „zukünftige“ (Hebr 13,13) bringt die Perspektive der Heimatlosen gegen eine bloße Affirmation von Heimat als Herkunftsort ein (Kap. 4).

Höhn macht es sich nicht so einfach, säkulare und theologisch-biblische Deutungslogiken bloß manichäisch nebeneinander zu stellen, wie dies gelegentlich in Zeitgeist-anklagenden Predigten und Reden geschieht. Er weist mit zugleich voller Berechtigung den Vorwurf zurück, die Anerkennung von Zugewinnen an Freiheitsrechten u.a. in der Moderne sei Anpassung an den Zeitgeist. So dringt er zu einer doppelten Abgrenzung vor: „Theologische Zeitdiagnosen leben von der Kunst des Unterscheidens und stehen im Dienst einer Aufmerksamkeitslenkung sowohl auf das zu wenig gewürdigte Gute als auch auf das häufig ausgeblendete Negative sozialer Veränderungen“ (12). In dieser Haltung nähert er sich Redensarten, wie sie in den gängigen Identitätsdiskursen üblich sind, entfaltet ihr Potential, seziert das Verführungspotential einleuchtend klingender Parolen („Hier ist an die Adresse der Christen der händeringende Apell zu richten: Bitte nicht nachmachen!“ – 106), setzt sich kritisch von Freiheitskonzepten ab, die jegliche Form von erzwungenem Spaßverzicht als Eingriff in Freiheitrechte ablehnen (beispielhaft: Tanz-Demos von Atheisten-Verbänden vor dem Kölner Dom am Karfreitag, 34 ff.), verschont weder Marketingberater noch Anti-Genderisten (zur „Ideologie des Genderismus“ siehe 93 ff.), wenn es um die Markierung exklusiver „unique selling Propositions“ oder angeblich unverrückbarer metaphysischer Differenzen geht.

Höhn entwirrt. Das kann gelegentlich verwirren, solange bis man am Ende der jeweiligen Essays zu neuer Klarheit kommt. Gerade darin sind die Essays Meisterstücke der „Unterscheidung der Geister“. Wer Ordnung bei sich und bei anderen schaffen will, muss zunächst falsche Ordnungen dekonstruieren. Diese Verwirrung muss man stiften, wenn man dem „Verwirrer“ (griech. diá-bolos) auf die Spur kommen will, der sich gerne meinungsstark als „Engel des Lichts“ (2Kor 11,14) kleidet und mit seinen Eindeutigkeiten überwältigt.

Klaus Mertes SJ

 

Emunds, Bernhard / Czingon, Claudia / Wolff, Michael (Hg.): Stadtluft macht reich/arm. Stadtentwicklung, soziale Ungleichheit und Raumgerechtigkeit (Die Wirtschaft der Gesellschaft 4). Marburg: Metropolis 2017. 382 S. Kt. 34,80.

Die Stadt als Lebensraum der Menschen wird in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen. Der Anteil städtischer Bevölkerung gegenüber der in ländlichen Räumen steigt weltweit deutlich an. Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass im Jahre 2050 zwei Drittel aller Menschen in Städten oder Ballungszentren leben werden. Die Menschheit erlebt derzeit die größte Landflucht ihrer Geschichte. Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika Laudato si‘ – „Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ – auf die damit verbundenen Herausforderungen hingewiesen und notwendige Maßnahmen angemahnt, die für eine soziale, nachhaltige und menschengerechte Stadt ergriffen werden müssen.

Der Sammelband von Bernhard Emunds u.a. analysiert umfassend die aktuellen Entwicklungen im städtischen und ländlichen Raum. Zudem werden politischer Handlungsbedarf, Lösungsansätze und Modelle aufgezeigt, die einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, sozialen Zusammenhalt und (Raum-)Gerechtigkeit strukturell zu verankern und somit den sozialen Spaltungen entgegenzuwirken. Auf vier Aspekte fokussiert sich der Sammelband: 1. Das Fehlen bezahlbaren, bedarfsgerechten und ausreichenden Wohnraums in den Städten. 2. Die Segregation von Wohnvierteln. 3. Die Unterschiede im Zugang zu öffentlichen Gütern und 4. Die Polarisierung zwischen urbanen Zentren und abgehängten Regionen. Diese Aspekte spiegeln auch den interdisziplinären Grundansatz des Sammelbandes wider, der soziologische, ökonomische, politische und sozialethische Implikationen aufzeigt.

Neben Grundsatzbeiträgen zur Geschichte der Stadt, zu Stadtentwicklung, Wohnungsbaupolitik und den Ursachen räumlicher Segregation behandeln die weiteren Beiträge Raumgerechtigkeit, aber auch anhand konkreter Fallbeispiele städtischer (Fehl-)Entwicklung – etwa durch Gentrifizierung und Abbrüche in der industriellen Produktion – konkrete politische Vorschläge für eine gerechtere Eigentümerstruktur, eine Bodensteuerreform und eine nachhaltige Stadtpolitik. Hierin liegt eine der Stärken dieses Buches: Dringend notwendige Handlungsschritte für mehr bezahlbaren Wohnraum, für eine sozialere und gerechtere Gestaltung des Immobilienmarktes und für eine naturnahe Stadtgestaltung, etwa durch urbane Gärten und mit ihr eine Stärkung der Selbstversorgung, werden im Detail beschrieben und eingefordert. Ziel ist es, die Stadt zu einem guten Lebensraum für alle zu machen. Für die Erreichung dieses Ziels leistet der Sammelband einen pointierten Beitrag. Er mischt sich in die derzeit laufenden Auseinandersetzungen zur Zukunft einer „sozialen Stadt“ ein. Wenn die Zukunft der Menschheit zu einem großen Teil in den Städten entschieden wird, stehen die Themen des Buches weiterhin auf der Tagesordnung und behalten ihre Aktualität.  

 Michael Schäfers

 

Rosswog, Tobi: After Work. Radikale Ideen für eine Gesellschaft jenseits der Arbeit. Sinnvoll tätig sein statt sinnlos schuften. München: Oekom 2018. 144 S. Kt. 15,–.

Zwei rote Fäden verfolgt der Autor, wenn ich es richtig sehe: Er fordert ein ökologisches Gewissen von den Bürgern und stellt sich damit an die Seite von Papst Franziskus, wenn er seine Aussage in der Enzyklika Laudato Si‘, „Diese Wirtschaft tötet“, aufgreift – allerdings ohne sich auf ihn zu berufen. Menschen werden vermarktet und verzweckt, und es gibt nur eine Möglichkeit, dem Dienst der Kapitalvermehrung zu entkommen: sich verweigern. Die Bürger müssen dem Konsum eine Absage erteilen und sehr kritisch prüfen, was sie wirklich zum Leben brauchen. Sonst leben sie nicht nur auf Kosten der Kinder und Enkel, sondern auf Kosten der Ärmeren in der Welt, der „Schwellen- und Entwicklungsländer“, wie es so schön in offiziellen Verlautbarungen heißt.

Also: ein weltweiter Solidaritätsgedanke wird gefordert. All dies wird plakativ und teilweise polemisch auf verschiedenen Ebenen durchgespielt und in provokanter, aber gleichwohl motivierender Weise dem Leser gleichsam um die Ohren gehauen. Rosswog mutet zu, Gewohnheiten und Denktraditionen aufzugeben, um Botschafter für intrinsisch motiviertes Tätigsein zu werden, um mit vielen Gleichgesinnten gemeinsam die Welt zu verändern und sich vom Konsumenten zum Gestalter zu wandeln.

Es beginnt mit der sportlichen Du-Anrede. Der Autor betrachtet Leserinnen und Leser als Bundesgenossen (13). Seinen kurzen Lebensweg bietet er als Modell für eine Umorientierung an: weg von Konkurrenz, hin zu Solidarität; weg von fremdbestimmter Arbeit, hin zu selbstbestimmtem Tätigsein. Die Fahndung nach Gründen für Arbeit ergibt einige überzeugende Faktoren, die plausibel beleuchtet werden: sie reichen von „Sicherheitsbedürfnis“ bis „Schuldenfalle“. Arbeit betrachtet Rosswog als Gesundheitsrisiko und diskutiert alle Klischees bis zum Zeitkiller (45 ff.) durch, wobei auch Michael Endes „graue Herren“ gestreift werden (49).

Überzeugend legt Rosswog dar, dass Arbeit in jeder Variante zur Ausbeutung der Erde führt. Was versteht er unter sinnvollen Tätigkeiten? Rosswog verspricht praktische Werkzeuge für und praktische Schritte in ein arbeitsfreies Leben (69 ff.). Er bietet Check-ups (80, 89 f.) und Übersichten, um Lebensnotwendiges vom Überflüssigen zu unterscheiden (86 ff.). Facetten nennt Rosswog Ideen und Privatinitiativen, die mögliche Wege zu seinem Ziel vorzeichnen (94 ff.). Immer stellt er menschliche Modelle voran. Und er setzt sich intensiv mit den zahllosen Einwänden auseinander (112 f., 124 ff.). Zwischendurch träumt er konkret von Utopien (114 ff.), geht blitzlichthaft der Geschichte der Arbeit nach, in die prägende Redewendungen einfließen („Müßiggang ist aller Laster Anfang“, 121) und stellt entlarvende Aphorismen zu seinem Thema vor (130 ff.).

Die Nachwort-Autorin hätte auch als Geleitwort reüssiert; es ist sicher geschickter, ihre Warnung, dass das Menschsein des Menschen auf dem Spiel steht (135), an den Schluss zu setzen, um die ethische Verantwortung, die Rosswog fordert, bewusst zu machen. Die Danksagung liest sich wie eine Liebkosung und die Anmerkungen sind Augenpulver und sträuben sich gegen genauere Überprüfung. Gleichwohl ist dies ein lesenswertes und wichtiges Buch, das allen Lesern den Spiegel vorhält und vor allem bei Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern als Handlungsimpuls wahrgenommen und umgesetzt werden sollte. Es ist zu hoffen, dass es nicht wie viele Ratgeber in der Fülle verpufft, sondern wenigstens Netzwerke von Gleichgesinnten hervorruft, deren Stimme zunehmend gehört wird.

Wie mit diesen Vorschlägen allerdings unser demokratisches Gemeinwesen kompatibel ist – und woher finanzielle Grundlagen zur Finanzierung von Gemeinwohlaufgaben und Infrastruktur neben dieser Arbeitsverweigerung kommen sollen, darauf gibt Rosswog keine Antwort. Dass seine Provokationen Nachdenken hervorrufen, und dass die Reflexionen langfristig Veränderungen ermöglichen, diese Überzeugung färbt durch die Lektüre ab.

Eberhard Ockel

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