FilterblasenKeine Frage des (Sozialen) Mediums

Die zuletzt viel kritisierten Filterblasen gab es schon immer: „Gleich und gleich gesellt sich gern“. Menschen organisieren sich in Parteien, Gemeinden, Gewerkschaften, Vereinen usw. und kämpfen bisweilen energisch, manchmal sogar gewaltsam für ihre Interessen. Heute allerdings wird der Verfall einer lebhaften, doch fairen Debattenkultur viel zu oft auf die sogenannten Sozialen Medien geschoben. Und häufen sich in Teilen der Bevölkerung Meinungen, die der eigenen zuwiderlaufen oder offensichtlich Humbug sind: Wie gerne sucht man die Schuld daran beim – so das Vorurteil – einseitigen Informationsfluss auf Facebook?

Damit machen wir es uns zu leicht. Das sind Ausreden, um von der eigenen gesellschaftlichen Verantwortung abzulenken, die mit der Freiheit zur Meinungsäußerung sowohl analog als auch digital einhergeht. Das Internet hat weder wütende Mobs noch gehässige Skandierungen und Kommentare – in der Masse „shitstorm“ – erfunden, auch nicht den medialen Tunnelblick vieler Leute. Ganz im Gegenteil bietet uns das Internet die Chance, die analogen Filterblasen zu verlassen und Debatten mit Menschen zu führen, denen wir sonst wahrscheinlich nicht begegnen würden. Was wäre das außerdem für ein niedriges Selbst- und Menschenbild, wenn wir dächten, plötzlich zu völlig anderen Persönlichkeiten zu werden, sobald wir uns vor einer Tastatur wiederfinden?

Früher sah man eben fern: Als Bildungsbürger eher 3sat und arte, als Arbeiter vorzugsweise die privaten Sender – so das Klischee. Oder man las Zeitung, aber eben nur eine. Und zwar die, die am besten zur eigenen politischen Weltsicht oder zum Milieu passte, das oft durch die Region mitbestimmt wurde: Im Ruhrgebiet las man die klassisch sozialdemokratische Westdeutsche Allgemeine Zeitung, im nahen Rheinland die traditionell wertekonservative Rheinische Post. Waren das nicht die viel engeren Filterblasen?

Dass diese klar abgesteckten Milieus und die regionalen Eigenheiten so nicht mehr funktionieren, verwirrt heute. Letztlich aber zeigt das: Seitdem sich das Internet etabliert hat, werden unsere Mediennutzung sowie die Gesellschaft offener. Ich kann auch in Essen die RP lesen oder in Düsseldorf die WAZ – das Internet macht es möglich, mal abgesehen davon, dass die meisten Zeitungsinhalte inzwischen zentral in Berlin, Hamburg oder München produziert werden. Ich kann am selben Morgen die New York Times lesen, Los Tiempos aus Bolivien und beliebig viele linke und rechte Meinungsmedien, die ich mir auf Facebook oder sonst wo, auch gegen Bezahlung, anzeigen lasse. Oder ich lese gar nichts – auch diese Option gab es früher schon.

Das Internet gewährleistet Medienvielfalt und Meinungsvielfalt und ermöglicht so eine Urteilsbildung auf Basis mehrerer Quellen, Analysen und Zweitmeinungen. Die Debatte und ihre Grundlage werden demokratischer und reichhaltiger: Denn Zahlen und Fakten, die man früher oft nur aus einer für zuverlässig gehaltenen Quelle hatte, sind heute schnell gegoogelt und anhand einer Vielzahl an miteinander vergleichbaren Quellen verifiziert oder widerlegt.

Das Internet ist nicht allein Schuld an Filterblasen, Fake News und roher Sprache.

Am lautesten bedauern die Entwicklung manche Leitartikelwölfe der alten Zeitungsverlage, insbesondere jene, die den Sprung ins Internet verschlafen haben und sich bis heute über schwindende Print-Abonnements wundern. In „Keynotes“ (Reden), in „Polit-Talks“ (Podiumsdiskussionen) und natürlich in ihren Leitartikeln weinen die Männer ihrem Einfluss auf die schwindende Leserschaft nach, manchmal begleitet von Vorwürfen gegen selbige. Frauen beobachtet man kaum dabei: Diese werden bis heute selten auf die Seite 1 gelassen oder identifizieren sich weniger mit diesem Format. Bei einigen Leitartiklern riecht man die Verzweiflung, wenn sie ihren Lesern ins Gewissen rufen, dass hier die „Vierte Gewalt“ im Staate spreche, also ein für die demokratische Gesellschaft unverzichtbares Medium. Solche Appelle sind es im Übrigen, die all den „Mediendiktatur-“ und „Lügenpresse“-Rufern unnötigerweise Futter geben. Medienschaffende sollten gelassen anerkennen, dass es neben ihren klassischen Formaten auch andere Informationsquellen gibt, zum Beispiel die der zahlreich in mobilen Apps und sozialen Medien verfügbaren, oft auch kostenfreien Konkurrenz – und dass nicht alles andere zwangsweise Fake News ist. Politische Propaganda und gefärbte Statistiken gab es schon immer und gibt es heute noch, auch in gedruckten Medien, auch unter dem Deckmantel eines „Qualitätsjournalismus“.

Das Internet ist also nicht allein Schuld an Filterblasen oder an der Verbreitung von Fake News und hat sie auch nicht erfunden. Ebensowenig ist das Internet allein Schuld an der rohen Sprache, auch wenn sich dieser Eindruck in so mancher Kommentarspalte aufdrängt. Wir haben das vorher vielleicht nur nicht wahrgenommen, weil wir nie am Kiosk im Problemviertel mit den Stammgästen über Politik diskutiert haben. In ein anderes Klischee umgekehrt haben wir vielleicht nie die heile Welt zwischen Schrebergarten und Schützenverein verlassen, wo wir jeden kennen, sodass wir Fremden oder auch „denen da oben“ und der „Elite“ mindestens skeptisch gegenübertreten.

Entscheidend ist es, immer wieder aus seiner Blase oder seinen Blasen herauszugehen, Andersdenkende kennen zu lernen und miteinander zu reden. Im World Wide Web kommen alle zusammen. Daran kann man sich gewöhnen, auch an den Umgangston, wenn man seine analogen Filterblasen verlässt. Falschinformationen, Hass und Hetze entschieden zu widersprechen, ist dann – genau wie im Supermarkt oder auf der Arbeit – auch im Internet keine Frage des (sozialen) Mediums.

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