"Gnade für das unternehmerische Selbst"Eine theologische Kritik der überzogenen Leistungsgesellschaft

Die Leistungsgesellschaft offenbart zusehends pathologische Züge. Ansgar Kreutzer, Professor für Fundamentaltheologie an der Katholischen Privatuniversität Linz, unterzieht das Phänomen einer theologischen Kritik.

Eine theologische Kritik der überzogenen Leistungsgesellschaft Die Aufsehen erregende Selbsttötung des unter Depressionen und Versagensängsten leidenden Fußballnationaltorwarts Robert Enke im Jahr 2009 ist immer noch im Gedächtnis1. Sie hat nicht nur die Sportwelt erschüttert, sondern zugleich die Schattenseiten einer gnadenlosen Leistungsgesellschaft ans Licht gebracht. Ein hellsichtiger Kommentar in der Süddeutschen Zeitung brachte damals die Ausweglosigkeit, die unerbittlicher Leistungsdruck für Menschen bedeuten kann, auf das treffende Bild fehlender Fluchttüren:

"Die Frage ist, wie viele Fluchttüren die moderne Leistungsgesellschaft im Karriere-Tunnel eingebaut hat oder vielleicht, in diesen Tagen der von Robert Enkes Tod geprägten erleuchtungsartigen Erkenntnis, bereit ist, nachträglich einzubauen."2

Hinter den Kulissen der Selbstinszenierung trägt die übertriebene Leistungsgesellschaft offenbar pathologische Züge3. Die folgenden Überlegungen möchten solche "sozialen Pathologien"4 der Leistungsgesellschaft diagnostizieren und sie mit Impulsen aus den christlichen Glaubens- und Ethosbeständen konfrontieren. In einem ersten Schritt wird dazu die aufschlussreiche Theorie des Soziologen Ulrich Bröckling aufgegriffen, der den ebenso leistungsfixierten wie kategorischen Imperativ "Handle unternehmerisch!" als dominierendes Leitbild unserer Gesellschaft ausgemacht hat5. Einer rein unternehmerischen Handlungslogik wird zweitens das der christlichen Glaubenstradition entnommene und zu diesem Zweck zu "entstaubende" Leitwort "Gnade" gegenübergestellt. Schließlich wird drittens die Kategorie des "Vertrauens" als eine Möglichkeit vorgeschlagen, zwischen "unternehmerischer" und "gnadengeleiteter" Handlungslogik zu vermitteln.

Die Handlungslogik der Leistungsgesellschaft: Imperativ des " unternehmerischen Selbst"

Ulrich Bröckling hat das "unternehmerische Selbst", das in seinen Augen charakteristisch für die heutige Gesellschaft ist, mit dem widersprüchlichen Begriff der "Realfiktion" bezeichnet6. Eine Fiktion ist das unternehmerische Selbst, insofern es nicht einfach empirisch aus quantitativen und qualitativen Umfragen zu Sinn entwürfen zu erheben ist. Es ist zunächst ein analytischer Begriff. Real ist das unternehmerische Selbst jedoch, da es Rollenerwartungen entspricht, die in politischen und gesellschaftlichen Diskursen (zum Beispiel in der boomenden Ratgeberliteratur) prominent anzutreffen sind.

Zusammengefasst zielen diese vorfindlichen Rollenerwartungen darauf ab, dass sich die Individuen in ökonomistischer Interpretation als "Unternehmer und Unternehmerinnen ihrer selbst" begreifen sollen. In diesem imperativen Sollens-Charakter des unternehmerischen Selbst liegt seine Besonderheit. Sie durchzieht das dahinter stehende Subjektkonzept, das leitende Ethos und die darin enthaltene Vorstellung von Authentizität.

Subjektkonzept: Sich selbst entwerfen

Bröckling legt seine Zeitdiagnose vom "unternehmerischen Selbst" als eine Analyse gegenwärtigen Subjektseins an. Menschliche Subjekte sind immer in eine Paradoxie eingespannt, die sich aus anthropologischen Grunddaten ergibt. Einerseits befindet sich der Mensch in einer "exzentrischen Positionalität"7. Das heißt, er kann einen Standpunkt außerhalb seiner selbst einnehmen, sich zu sich selbst verhalten, auf sich selbst einwirken. In diesem Sinne ist Subjektsein aktivisch zu verstehen. Andererseits bedarf das Selbst auch immer des Anderen8. Das Selbst kann sich nur zu sich in ein Verhältnis setzen, wenn "es die Perspektive eines anderen einnimmt und so eine Vorstellung von sich ausbildet"9. In diesem Sinne ist das Subjekt nicht nur aktiv-gestaltend, sondern ebenso passiv-gestaltet. Es steht in der Spannung zwischen steuerndem Subjekt- und gesteuertem Objektanteil: "So bezeichnet das 'Selbst' in Selbststeuerung sowohl die steuernde wie auch die gesteuerte Instanz […]."10 Die Subjekte sind sich zugleich vor- und aufgegeben.

Diese dialektische Subjekt-Objekt-Struktur beschreibt Bröckling mit einer gelungenen grammatikalischen Metapher. Sie entspricht der Gerundivkonstruktion, die ein "Zu Tuendes" bezeichnet:

"Das Subjekt der Subjektivierung existiert nur im Gerundivum: als wissenschaftlich zu erkundendes, pädagogisch zu förderndes, therapeutisch zu stützendes und aufzuklärendes, rechtlich zu sanktionierendes, ästhetisch zu inszenierendes, politisch zu verwaltendes, ökonomisch produktiv zu machendes usw."11

Die Zeitdiagnose Bröcklings, die er auf den Begriff des unternehmerischen Selbst bringt, lässt sich so verstehen, dass die für die Subjekte sozusagen normalen "Gerundivanteile", die an die aktive Subjektseite gerichteten Appelle also, einseitig zunehmen. Der aktive Part wird gegenüber den passiv-vorgegebenen Persönlichkeitsmerkmalen stark oder gar überbetont.

Die zwei entscheidenden und zusammenhängenden soziologischen Prozesse, welche diese gerundivische oder imperative Struktur der Subjektivierung verstärken, sind die Individualisierung und die Ökonomisierung. So ist es in einer individualisierten Gesellschaft verlangt, die eigene Persönlichkeit, die individuelle Besonderheit herauszustreichen. Die Wertestruktur sieht vor, eine "unverwechselbare Identität zu besitzen und dieser in ihren Lebensäußerungen einen authentischen Ausdruck zu verleihen"12. Damit gehorcht diese Subjektivierungsform dem durchaus widersprüchlichen, weil sowohl von der Selbst- als auch von der Fremdbestimmung herstammenden Imperativ "Sei du selbst!" Der Druck auf die aktive Subjektseite, das eigene Selbst möglichst unverwechselbar zu modellieren, steigt. Der individualistische Imperativ "Sei unverwechselbar!" wird schließlich durch eine zweite, verwandte gesellschaftliche Entwicklung verstärkt: die Ökonomisierung.

Wie Bröckling insbesondere mit der Auswertung von Berufs- und Lebensratgebern zeigt, wird die unternehmerische Logik, sich auf dem Markt zu behaupten, auf die Lebensführung insgesamt ausgeweitet: "Unternehmer zu werden, hängt nicht am Erwerbsstatus, sondern ist eine 'Lebenseinstellung'"13. Die Individualisierung mit ihrem Imperativ der Unverwechselbarkeit und die Ökonomisierung mit ihrem Imperativ der Selbstvermarktung bringen in ihrem ergänzenden Zusammenspiel die Subjektform des "unternehmerischen Selbst" hervor. Eine solche Subjektform, welche die aktiven Anteile der Subjekte in den Vordergrund stellt, hat Auswirkungen auf das Alltagshandeln, das Ethos, und auf das Selbstverständnis, die Authentizität.

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Ethos: Sich nie genug sein

Das unternehmerische Selbst ist als "Realfiktion", als Komprimierung von Rollenerwartungen, keine empirische Realität, sondern ein fortwährender gesellschaftlicher Appell: "Ein unternehmerisches Selbst ist man nicht, man soll es werden."14 Mit diesem bleibend imperativischen Charakter ist freilich verbunden, dass reale Subjekte dem beschworenen Leitbild nie ganz entsprechen können. Einerseits steht das unternehmerische Selbst unter dem steten Zwang zur Selbstoptimierung, denn der Grad an Unverwechselbarkeit und der Marktwert im Gesellschaftsleben sind immer noch steigerbar.

Andererseits kann, ja soll das angerufene Subjekt den Ansprüchen sogar nie genügen. Denn nur die aufrechterhaltene Diskrepanz von Erreichtem und Verlangtem bringt die entscheidende Motivation zur steten Selbstverbesserung hervor. Bröckling belegt diesen nicht stillstellbaren Imperativ der Selbstoptimierung erneut mit der weit verbreiteten Selbstmanagementliteratur:

"Der Katalog von Schlüsselqualifikationen, wie ihn die Ratgeberliteratur gleichermaßen postuliert und zu vermitteln verspricht, muss selbst den ehrgeizigsten Selbstoptimierer vor unlösbare Aufgaben stellen. Die strukturelle Überforderung ist gewollt, erzeugt sie doch jene fortwährende Anspannung, die den Einzelnen niemals zur Ruhe kommen lässt […]."15

Authentizität: Sich stark zeigen

Das Subjektkonzept des unternehmerischen Selbst und sein bleibender Zwang zur Selbstoptimierung führen auch zu einer bestimmten Form von Selbstpräsentation und Authentizität. Wenn die individualisierte und ökonomisierte Gesellschaft das Leben in allen Bereichen als permanente Vermarktungssituation inszeniert, muss sich das individuelle Verhalten den Marktmechanismen der Präsentation unterwerfen. Dies bedeutet - nach den Grundlagen der Werbestrategie - stets die "Sonnenseiten" des Selbst zu zeigen, die "Schattenseiten" dagegen zu verbergen oder zu verleugnen. Der Unternehmer seiner selbst

"führt sein Leben als permanentes Assessment Center und weiß, dass es nicht reicht, Kompetenzen vorzuweisen, sondern vor allem darauf ankommt, diese zugleich als authentischen Ausdruck der eigenen Persönlichkeit erscheinen zu lassen"16.

Falls die eigene Befindlichkeit sich so gar nicht dem Hochglanz-Ich, das auf dem Markt des Lebens anzupreisen ist, anpassen will, rät die Selbstmanagementliteratur kurzerhand zur Autosuggestion:

"Eine leicht ins Positive hinein verzerrte Wirklichkeitswahrnehmung ist förderlich für eine leistungsorientierte und sozial förderliche Handlungsregulation."17

Damit liegt das spezifische Authentizitätskonzept des unternehmerischen Selbst vor: Der schöne Schein ist in jedem Fall gegenüber dem von Selbstoptimierungszwängen und Versagensängsten geplagten Sein aufrecht zu erhalten.

In der knappen Skizze von Bröcklings Diagnose wird deutlich, dass sie nicht nur eine Gesellschaftsanalyse, sondern auch eine Gesellschaftskritik beinhaltet. So identifiziert Bröckling "dunkle Seiten" des unternehmerischen Selbst, die sich wie eine im Voraus erstellte Analyse des Falles Enke lesen lassen. Die Unternehmer und Unternehmerinnen ihrer selbst leiden unter der "Unabschließbarkeit der Optimierungszwänge, der unerbittlichen Auslese des Wettbewerbs, der nicht zu bannenden Angst vor dem Scheitern"18. Die Süddeutsche Zeitung hat von der Notwendigkeit von Fluchttüren gesprochen, welche die Leistungsgesellschaft zu ihrer Humanisierung einbauen müsste. Könnte nicht eine an "Gnade", also an der Idee unbedingter Zusage orientierte Handlungslogik zumindest auf der Wertebene eine solche Fluchttür aus einer überfordernden und lebensmindernden Leistungsgesellschaft sein?

Die Handlungslogik der Gnade: Indikativ des "geschenkten Selbst"

Ausgerechnet das aus der Alltagssprache so gut wie ausgeschiedene und selbst im religiösen Jargon marginalisierte Wort "Gnade" als Motto eines Humanisierungsprogramms in Anschlag zu bringen, scheint zunächst nicht nahe liegend. Dennoch ist aus innertheologischer Sicht eine Befruchtung des Wertkodexes mit einer von Gnade inspirierten Handlungslogik angezeigt. Denn es liegt im Anspruch der christlichen Rede von Gnade, dass sie in menschlichen Erfahrungen verortbar ist: "Eine der vorrangigen Fragen gegenwärtiger Gnadenlehre ist die nach der Erfahrung der Gnade."18 Mit der Erfahrungsdimension sind allerdings nicht nur persönliche Erlebnisse gemeint. Davon ist auch der gesellschaftliche Rahmen betroffen, der bestimmte Erfahrungen zulässt, stimuliert oder auch unterdrückt:

"Gnade ist öffentlich, publik, politisch […]. Wenn dies gilt, dann wird Gnade Gottes zum Veränderungsimpuls gesellschaftlicher, kultureller Strukturen […]."20

Aus theologischer Sicht kann und muss also eine Orientierung an der christlichen Leitidee von Gnade auch sozialethisch und -kritisch sein. Freilich ist dazu eine gewisse Übersetzungsarbeit zu leisten, um das Wort Gnade aus einem rein binnentheologischen Sprachgebrauch zu lösen und es vor dem gezeichneten Hintergrund der Leistungsgesellschaft, wenn auch primär als Kontrastbegriff, verstehbar zu machen. Daher soll das im christlichen Sprachgebrauch mit Gnade Gemeinte elementarisiert und vor dem Hintergrund der Diagnose des unternehmerischen Selbst in seiner humanen Bedeutung erschlossen werden.

Gnade ist ein christlicher Zentralbegriff, die "Zusammenfassung des Ganzen des Evangeliums"21. Gnade ist die knappste Formulierung, um das Gott-Mensch-Verhältnis aus christlicher Sicht zum Ausdruck zu bringen. Sie bezeichnet die Zuwendung Gottes zu den Menschen und charakterisiert diese: Die Zuneigung zum Menschen ist vonseiten Gottes völlig frei, ungeschuldet, und vonseiten des Menschen voraussetzungsfrei, unbedingt. Diese Charakterisierung - "ungeschuldet" und "unbedingt" - durchzieht das biblische Wortfeld von Gnade. Zur alttestamentlichen Metaphorik gehören etwa chesed: verlässliche Güte, chen: ungeschuldete Zuneigung oder rachamim: erbarmende Liebe22. Der Grundzug einer ungeschuldeten und unbedingten Zusage Gottes an den Menschen findet im Neuen Testament einen Höhepunkt im von Paulus profilierten Begriff von Gnade - "charis":

"Formal legt Paulus beim Gnadenbegriff den Akzent darauf, dass Gott sein Heil den Menschen unverdient und ungeschuldet schenkt."23

Im historischen Kontext der sogenannten Heidenmission spitzt Paulus seine Gnadentheologie antithetisch zu, sodass er das "Erstreben des Heils durch eigene Leistung, durch Werke und Verdienste" in einen "Gegensatz zur Gnade"24 bringt.

Schon in dieser Elementarisierung der Gnadentheologie fällt ihre gegenüber dem unternehmerischen Selbst völlig anders gelagerte Handlungslogik auf. Man kann den entscheidenden Gegensatz treffend mit der grammatikalischen Metapher zum Ausdruck bringen, die Bröckling zur Erläuterung seiner ökonomischen "Realfiktion" heranzieht. Das unternehmerische Selbst steht unter einem fortwährenden Imperativ. Es darf nie in sich ruhen, sondern soll immer nach etwas streben, das es zugleich nicht erreichen kann. Die Handlungslogik von Gnade lässt sich - ebenfalls im grammatikalischen Bild - als Vorrang eines Indikativs vor jedem imperativischen Moment verstehen. Es ist das Besondere der als Gnade bezeichneten Gott-Mensch- Relation, dass sie zunächst eine Zusage ist, die sich prinzipiell jeder Bedingtheit, erst recht der Leistungslogik, entzieht. Aus dieser vorgängigen indikativischen Struktur gegenüber dem Imperativ des unternehmerischen Selbst erschließt sich ein Humanisierungspotenzial des alten christlichen Leitworts Gnade: Die von der Omnipräsenz des Appells "Werde anders!" dauerverunsicherten Individuen der Leistungsgesellschaft bedürfen der Stabilisierung ihrer Identität durch den Indikativ: "Es ist (zunächst einmal) gut, wie Du bist." Dieses humanisierende Potenzial einer positivindikativischen Handlungslogik lässt sich verdeutlichen, wenn man sie kontrastierend in das oben für das unternehmerische Selbst entworfene Raster des Subjektkonzeptes, des Ethos und der Authentizität einordnet.

Subjektkonzept: Sich selbst geschenkt

Bröckling hat aufgewiesen, dass menschliches Subjektsein zwischen Vorgegebenheit und Aufgegebenheit oszilliert. Der gegenwärtige Wertewandel verstärkt die aktivischen Subjektanteile unverhältnismäßig und suggeriert, dass die ganze Lebensführung, ihr Gelingen und ihr Scheitern allein in der Hand der menschlichen Subjekte liegen. Die eigene Identität kann und muss erarbeitet werden. Die verbreitete Devise "Jeder ist seines Glückes Schmied" und ihre Kehrseite "Jeder ist an seinem Versagen selber schuld" spiegeln diese Selbstsicht25.

Gegenüber solchen Formen von Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung kann das Identitätsangebot christlicher Anthropologie ein notwendiges Korrektiv darstellen. Denn vor dem Hintergrund einer christlichen Selbstdeutung als von Gott geschaffenes, geliebtes, "begnadetes" Geschöpf wird Identität primär als geschenkte und verdankte wahrgenommen. Folgerichtig bestimmt Paulus26 in einem eindeutig identitätstheoretischen Zusammenhang, nämlich dem Nachweis seiner apostolischen Autorität gegenüber der Gemeinde von Korinth, sein Selbst als ein primär Verdanktes: "Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin." (1 Kor 15,10)

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Ethos: Gegebenes Charisma

Auch für den zweiten hier fokussierten Bereich einer Handlungslogik des unternehmerischen Selbst, das entsprechende Ethos, kann christliche Anthropologie eine humanisierende Inspiration bereithalten. Es liegt in der Folge des Imperativs "Handle unternehmerisch!", die Alltagsethik von steter Selbstoptimierung bestimmen zu lassen. Siedelt man dagegen die eigene Identität primär in der Wahrnehmung von Gabe und Geschenk an, wird der Zwang, sich selbst immer wieder zu verbessern, zumindest gelockert.

Vor diesem Hintergrund ist die christliche, von Paulus prononcierte Prägung von Begriff und Idee des Charismas aufschlussreich27. Dabei handelt es sich um Fähigkeiten oder Dispositionen zur Leistungserbringung. Es ist bezeichnend, dass Paulus und die ihm folgende christliche Tradition gerade diese Dispositionen zu Fähigkeit und Leistung terminologisch ganz eng an Gnade (charis-charisma) binden. In 1 Kor 12,4 spricht Paulus in diesem Sinne betont von Gnadengaben, "Charismen", was in griechischer Umgangssprache soviel wie "Gunsterweise" bedeutet28. Die deutsche Alltagssprache bewahrt das Bewusstsein einer Gegebenheit von Fähigkeiten ebenfalls im Wort der "Be-Gabung"29. Genau diese Einsicht, dass Leistungsfähigkeit und -erfüllung nicht allein einem souveränen Subjekt zugeschrieben werden können, sondern immer von Rahmenbedingungen und Vorgegebenheiten abhängen, droht in den Werthaltungen der individualisierten Leistungsgesellschaft abhanden zu kommen.

Authentizität: Umkodierung von Stärke und Schwäche

Der dritte in der Logik des unternehmerischen Selbst gesellschaftsethisch problematische Punkt war die verzerrte Authentizität, welche der Zwang zu Selbstinszenierung und Selbstoptimierung mit sich bringt. Im Rahmen gesellschaftlicher Wertstrukturen, innerhalb derer jeder seines Glückes Schmied und für sein Versagen selbst verantwortlich ist, ist es nicht ratsam, Fehler zuzugeben.

Der für Bröckling entscheidende Spiegel von Werthaltungen, die Selbstmanagementliteratur, rät folgerichtig dazu, die Inszenierung von Stärke aufrechtzuerhalten. Auch diesem Authentizitätskonzept stellt die christliche Gnadentheologie ein kritisches Korrektiv gegenüber. Durch das Bewusstsein geschenkter Identität stabilisiert und vom Diktat steter Selbstoptimierung befreit, ist es - idealtypisch - identitätspsychologisch leichter, Schwächen zuzugestehen. In Konsequenz seiner Gnadentheologie nimmt Paulus eine Umwertung von Stärke und Schwäche vor. Zur Verarbeitung eines ausgeprägten körperlichen Leidens, eines "Stachels im Fleisch", rekurriert er auf sein gnadentheologisches Identitätskonzept und formuliert im Christuszitat: "Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit." (2 Kor 12,9) Treffend kommentiert Eva-Maria Faber:

"Der Glaube daran, vorbehaltlos angenommen zu sein, ermöglicht es, sich den eigenen Schatten zu stellen und sich doch nicht darauf festgelegt zu wissen."30

Das humanisierende Potenzial der Gnadentheologie besteht im alternativen Identitätskonzept: Eine Selbstsicht, die auf dem Bewusstsein eines vorgängigen, vorrangigen und bleibenden Angenommen-Seins beruht, speist die Immunisierung gegen die Pathologien des unternehmerischen Selbst wie Selbstüberschätzung, Selbstüberforderung und Selbstverzerrung. Um dieser gnadentheologischen Selbstsicht jedoch gesellschaftliche Geltung zu verschaffen, ist es sinnvoll, die Gegenüberstellung von soziologisch erhobener und theologisch abgeleiteter Handlungslogik zu ergänzen.

Denn erstens kann das Konzept geschenkter Identität, wie es hier innertheologisch entwickelt wurde, grundsätzlich nur im christlichen Binnenraum Geltung beanspruchen. Zweitens legt die alleinige Vorgehensweise der Kontrastierung einen theologisch problematischen Gegensatz zwischen "weltlicher" und "religiöser" Handlungslogik nahe.

Um nochmals die Metapher der Süddeutschen Zeitung aufzugreifen: Das christliche Leitbild der Gnade wäre als reine Kontrasterfahrung, auch in der Leistungsgesellschaft, eine Fluchttür im schlechten Sinne, eine "religiöse Weltflucht-Tür" gewissermaßen. Es muss also nach vermittelnden Kategorien Ausschau gehalten werden, die sich einerseits an der christlichen Menschensicht orientieren und sich andererseits innerhalb gesellschaftlicher Plausibilitäten ausweisen lassen. Eine solch vermittelnde Kategorie kann das anthropologische Grundwort "Vertrauen" darstellen, das sich als "passendes Fehlendes"31 der Leistungsgesellschaft entpuppen kann.

Vertrauen als das "passende Fehlende" der modernen Gesellschaft

Hinter der Leistungsgesellschaft verbirgt sich nicht nur ein bestimmtes Wertsystem, ihr entspricht auch eine bestimmte soziale Organisationsform. Die moderne Gesellschaft ist, wie es in der Sprache der Soziologie heißt, "funktional ausdifferenziert", das heißt in unterschiedliche Funktionssysteme (Wirtschaft, Kultur, Politik, Sport, Wissenschaft usw.) aufgeteilt, welche spezialisierte Rollenerwartungen definieren und ein leistungsorientiertes Spezialistentum hervorbringen32. Der hohe Grad an funktionaler Ausdifferenzierung schafft für die Individuen zugleich Unübersichtlichkeit. Die unterschiedlichen Logiken der Teilbereiche können vom Einzelnen gar nicht mehr durchschaut werden. Damit erfordert gerade die komplexe moderne Gesellschaft eine ethische Tugend, die man eher in traditionellen Sozialformen erwartet hätte: Vertrauen. So weist etwa der britische Soziologe Anthony Giddens darauf hin, dass zum Beispiel das für die moderne Gesellschaft charakteristische Geldsystem nur auf der Grundlage von Vertrauen funktioniert: "Verlässlich wird (das) Transaktionsmedium (Geld) […] nur durch unser Vertrauen darauf, dass es allgemein als solches anerkannt wird […]."33

An diese funktionale Notwendigkeit des Vertrauens kann eine gesellschaftssensible und -kritische Theologie der Gnade anknüpfen. Zwar unterliegt die interpersonale Kategorie des Vertrauens nicht den Charakteristika, die oben für die Gnadenbeziehung zwischen Gott und Mensch formuliert wurden. Menschliches Vertrauen ist nicht in dem Maße ungeschuldet und unbedingt wie Gnade. Aber eine Haltung des Vertrauens ist doch eher der Handlungslogik eines bejahenden Indikativs als einem beständig fordernden Imperativ zuzuordnen.

Vertrauen meint eine der Leistung vorausgehende Zusage und weist Gabencharakter auf: Vertrauen wird wie Gnade geschenkt. Insofern lässt sich das Phänomen des Vertrauens wenigstens im Vorfeld von Erfahrungen ansiedeln, die auf unbedingte ("gnadenhafte") Annahme abzielen (wie Liebe und Freundschaft). Auf der Erfahrungsebene können Formen des Vertrauens daher als eine Art "praeparatio gratiae" angesehen werden.

Für unseren Zusammenhang aufschlussreich ist, dass die gnadenanaloge Handlungsform des Vertrauens gerade auch in dem Bereich Raum greift, in dem die Handlungslogik des unternehmerischen Selbst angesiedelt ist: der Wirtschaft. Jüngste wirtschaftswissenschaftliche Studien zeigen, dass eine durch Wettbewerb und Konkurrenzdruck prekär gestaltete Berufsrolle eher leistungshemmend als leistungsförderlich ist34. Dies hat zwei Gründe: Wettbewerb und Unsicherheit untergraben erstens die innere Motivation, also die leistungssteigernde Freude an der Arbeit, und verhindern zweitens Effektivität durch kooperatives Verhalten. Diese wirtschaftspsychologischen Erkenntnisse können als ein Beispiel dafür dienen, dass eine "gnadenanaloge" indikativische Handlungslogik, die Präferenz einer vertrauenden Zusage vor dem fordernden Imperativ also, nicht nur quer zu dominierenden Werthaltungen liegt, sondern auch für die Funktionsweise der (Leistungs-) Gesellschaft notwendig ist.

Die funktionale Bedeutung des der Handlungslogik von Gnade verwandten Vertrauens zeigt, dass auch die moderne Gesellschaft von solchen moralischen Inspirationen des christlichen Glaubens profitieren kann, die durch ihre eigene Wertestruktur untergraben werden. Die Ökonomin Doris Weichselbaumer beschreibt die geschilderte Abkehr vom unhinterfragten Wettbewerbsprinzip in den Wirtschaftswissenschaften als langsamen Lernprozess35. Es ist offenbar nicht leicht, Plausibilitäten in Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft abzulösen, selbst wenn sie inhumane Folgen zeitigen.

Aus diesem Befund lässt sich eine Chance für die heute kommunikativ sperrig erscheinenden christlichen Glaubensbestände wie die Idee der Gnade ableiten: Ihre Unzeitgemäßheit hilft gültige, auch ideologische Plausibilitäten zu hinterfragen, und ihre zeitgenössische Reformulierung birgt Innovationspotenzial für neue Formen guten und gerechten Zusammenlebens. Vielleicht kann Theologie in dieser ideologiekritischen Funktion Fassaden falschen Scheins und soziale Pathologien verdeckende Vorhänge beseitigen helfen, bevor es durch Katastrophen und menschliche Tragödien geschieht.

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Anmerkungen

1 Vgl. Ronald Reng, Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben. München 2010. 2 Ralf Wiegand, Nach dem Tod von Robert Enke. Leben ohne Fluchttüren, in: SZ, 13.11.2009; ‹www. sueddeutsche.de/sport/962/494301/text/print.html› (abgerufen am 18.12.2009). 3 Das Leiden unter der überstrapazierten Leistungsgesellschaft durchzieht gesellschaftskritische Beiträge in Tages- und Wochenzeitungen. Vgl. z. B. den Artikel von Ingo Leipner, Wer nichts mehr leistet, fliegt raus, in: Frankfurter Rundschau, 22.10.2013, wo von einer "gnadenlosen [sic!] Auslese" die Rede ist, oder von Björn Hayer, Aus dem Inneren der Projektgesellschaft, in: Die Furche (Wien), 27.3.2014, 15.- Die derzeit wohl bekannteste Pathologie der Leistungsgesellschaft ist das medial präsente Burnout- Symptom; vgl. als Überblick und theologische Auseinandersetzung das Themenheft "Burnout", ThPQ 158 (2010) H. 3; Jochen Sautermeister, Engagiert - enttäuscht - erschöpft. Burnout aus theologisch-ethischer Sicht, in: Stimmen der Zeit 232 (2014) 184-194. 4 Der Begriff der sozialen Pathologie ist formuliert nach Axel Honneth (Hg.), Pathologien des Sozialen. Die Aufgaben der Sozialphilosophie. Frankfurt 1994. 5 Vgl. Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt 2007; ders., Diktat des Komparativs. Zur Anthropologie des "unternehmerischen Selbst", in: ders. / Eva Horn (Hg.), Anthropologie der Arbeit. Tübingen 2002, 157-173; ders., Totale Mobilmachung. Menschenführung im Qualitäts- und Selbstmanagement, in: ders. / Susanne Krasmann / Thomas Lemke (Hg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt 2000, 131-167. 6 Vgl. Bröckling, Das unternehmerische Selbst (Anm. 5) 35-38. 7 Vgl. Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch. Frankfurt 2003. 8 Vgl. George Herbert Mead, Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt 111998. 9 Bröckling, Das unternehmerische Selbst (Anm. 5) 19. 10 Ebd. 21. 11 Ebd. 22. 12 Ebd. 25. 13 Ebd. 67 22. 14 Ebd. 47. 15 Ebd. 70 f. 16 Ebd. 72. 17 So der Ratgeber "Coach Yourself", zit. nach: ebd. 69. 18 Ebd. 17. 19 Gisbert Greshake, Gnade - Geschenk der Freiheit. Eine Hinführung. Mainz 2004, 146. 20 Gottfried Bitter, Art. Gnade. Praktisch-theologisch, in: LThK3, Bd. 4, Sp.787-789, 788 f. 21 Otto Hermann Pesch, Gnade, in: NHThG, Bd. 2, 51-61, 59. 22 Vgl. Herbert Vorgrimler, Art. Gnade, in: ders., Neues Theologisches Wörterbuch. Freiburg 32000, 239-243, 239. 23 Georg Kraus, Gnadenlehre. Das Heil der Gnade, in: Wolfgang Beinert (Hg.), Glaubenszugänge. Lehrbuch der Katholischen Dogmatik. Bd. 3. Paderborn 1995, 159-305, 177. 24 Ebd. 25 Dieses in der Arbeits- und Leistungsgesellschaft weithin akzeptierte Alltagsethos ist ein entscheidender Grund zur ideellen und materiellen Diskriminierung Arbeitsloser; vgl. Ansgar Kreutzer, Arbeit und Arbeitslosigkeit, in: ders., Arbeit und Muße. Studien zu einer Theologie des Alltags. Münster 2011, 71-100. 26 Paulus dient hier als entscheidender bibeltheologischer Repräsentant der Gnadenlehre, der freilich aufgrund der gebotenen Kürze nur in pointierten gnadentheologischen Zitaten "zu Wort kommen" kann. - Zur Theologie von Gnade und Rechtfertigung bei Paulus vgl. Thomas Söding, Der Skopos der paulinischen Rechtfertigungslehre. Exegetische Interpretationen in ökumenischer Absicht, in: ZThK 97 (2000) 404-433. 27 Vgl. Gerhard Dautzenberg, Art. Charisma. Begriff. Biblisch-Theologisch, in: LThK3, Bd. 2, Sp. 1014- 1015. 28 Vgl. die entsprechende Kommentierung zu 1 Kor 12,4 und Übersetzung von Charisma in: Stuttgarter Neues Testament. Einheitsübersetzung mit Kommentar und Erklärungen. Stuttgart 2000, 337. 29 Vgl. zum sprachlichen und semantischen Zusammenhang von Gabe und Begabung (nicht nur im Deutschen oder [Bibel-]Griechischen) auch Gérald Berthoud, Das Universum der Gabe. Anerkennung des Anderen, Wertschätzung seiner selbst und Dankbarkeit, in: Michael Rosenberger / Ferdinand Reisinger / Ansgar Kreutzer (Hg.), Geschenkt - umsonst gegeben? Austausch und Gabe in Religion, Ethik und Gesellschaft. Frankfurt 2006, 25-52. 30 Eva-Maria Faber, Du neigst dich mir zu und machst mich groß. Zur Theologie von Gnade und Rechtfertigung. Regensburg 2005, 45. 31 Die Rede vom "passenden Fehlenden" ist von Hans-Joachim Höhn übernommen (vgl. ders., Zerstreuungen. Religion zwischen Sinnsuche und Erlebnismarkt. Düsseldorf 1998, 143), der sie allerdings nicht im Hinblick auf die Leistungsgesellschaft, sondern in einem allgemeinen religionssoziologischen Zusammenhang verwendet: Religion als das "passende Fehlende" der modernen Gesellschaft. 32 Vgl. überblickshaft zur funktionalen Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft: Ansgar Kreutzer, Kritische Zeitgenossenschaft. Die Pastoralkonstitution Gaudium et spes modernisierungstheoretisch gedeutet und systematisch-theologisch entfaltet. Innsbruck 2006, 121-146. 33 Martin Hartmann, Einleitung, in: ders. / Claus Offe (Hg.), Vertrauen. Die Grundlage des sozialen Zusammenhalts. Frankfurt 2001, 7-34, 15, mit Bezug zu Anthony Giddens; vgl. Anthony Giddens, Konsequenzen der Moderne. Frankfurt 62008. Vgl. zur problematischen Instrumentalisierung von Vertrauen in ökonomischen Zusammenhängen Ansgar Kreutzer, Arbeit macht Sinn, aber welchen?, in: KSÖ-Nachrichten (Wien) 7/2011, 1-3. 34 Vgl. Christiane Schwieren / Doris Weichselbaumer, Does competition enhance performance or cheating? A laboratory experiment. Linz 2008. 35 Vgl. Doris Weichselbaumer, Die Segnungen des Wettbewerbs?, in: Interesse (Zeitschrift des Sozialreferats der Diözese Linz) 1/2008, 3.

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