Kirche weltweit unterwegs in christlichen Basisgemeinden?

Paulo Suess, ehemaliger Generalsekretär des Indianer-Missionsrates der Brasilianischen Bischofskonferenz und emeritierter Professor an der Katholischen Universität von São Paulo, beschreibt das innovatorische Potenzial von Basisgemeinden in Lateinamerika angesichts wachsender Spannungen zwischen römischen Vorgaben und ortskirchlichen Entwicklungen.

Auf einem Pastoraltreffen einer indigenen Basisgemeinde in Trinidad (Beni/Bolivien), das so jeden Tag und an vielen Orten stattfinden könnte, bittet Maria Menacho um das Wort und erklärt dann ohne Umschweife:

"Mit Erlaubnis der Schwester, die gescheiter ist als ich; aber ich habe das hier" - und sie zeigt auf ihre Stirn und meint ihr Gedächtnis - "das lässt mich nie im Stich, und das ist besser. Ich möchte mich vorstellen. Ich bin Maria von San Ignacio de Moxos. San Ignacio ist ein großes Dorf. Überaus schön, besonders zur Zeit des Festes. Ah! Das Fest. Ja, so sind meine Leute. Früher hat man in meinem Dorf alles geerntet. Wir lebten im Überfluss. Jetzt hat man uns eingepfercht und möchte, dass wir weiterhin pflanzen. Sie haben unser Land geraubt. Kann man vielleicht in einer Faust pflanzen? Jetzt können wir nicht einmal mehr Holz holen, weil alles eingezäunt ist."

Maria von San Ignacio gehört zu den 20 000 Überlebenden der 15 Reduktionen, in denen die Jesuiten zwischen 1648 und 1767 das Volk der Mojos, das zur Sprachfamilie der Aruak gehört, zusammengefasst hatten. Das Land der Mojos, das heute zum Regierungsbezirk Beni gehört, war - ehe die Jesuiten kamen - von Expeditionen auf der Suche nach dem sagenumwobenen El Dorado verwüstet worden. Dann, nach der Vertreibung der Jesuiten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, verwalteten Funktionäre des Staates die Reduktionen und bereicherten sich auf Kosten der Indios. Schließlich dezimierte der Gummi-Boom am Ende des 19. Jahrhunderts auf drastische Weise ihr Volk. Die Mojos reagierten auf die Invasion ihres Landes mit der messianischen Bewegung der Loma Santa, die 1887 begann und später den Charakter eines militärischen Widerstandes annahm. Heute leben die Mojos als Tagelöhner von Großgrundbesitzern und in systemischer Abhängigkeit von Händlern.

Solidarisches Zusammenleben aus nachhaltigem Glauben

Der Diskurs von Maria Menacho ist sehr überzeugend, wenn sie etwa behauptet, dass es besser ist, die eigene Geschichte zu kennen und ein gutes Gedächtnis seiner Leidensgeschichte zu haben, als gescheit zu sein; wenn sie die Zeit vorher als Zeit der Ernte mit dem Heute vergleicht, wo man weder säen noch pflanzen kann; wenn sie der Würde, zu einem großen Dorf und Volk zu gehören, die Schande gegenüberstellt, Landräuber zu sein; wenn sie auf der Identität ihres Volkes als Mojos und "Ignatianos" besteht, auf der Identität eines Volkes, das zu feiern und zu arbeiten weiß und das sich am Fest seines Schutzpatrons, des heiligen Ignatius von Loyola (1491-1556), trifft, Eucharistie, Hochzeiten und Taufen feiert und sich immer wieder zusammenfindet, um Widerstand zu leisten gegen Landraub und Ausbeutung.

Maria Menacho schaut nicht mehr mit den Augen Spaniens auf Bolivien oder mit den Augen Europas auf Lateinamerika. Sie will nicht zur Ersten Welt, sondern zu einer gerechten Welt gehören. Sie weiß, dass die Gewalttätigkeiten gegen die Mojos nichts mit der Zufälligkeit einer Sternschnuppe zu tun haben, sondern geschichtlich gewachsen sind und politisch unterbrochen werden können.

Besser könnte man all das, was in Basisgemeinden (CEBs)1 vor sich geht, gar nicht beschreiben: solidarisches Zusammenleben auf der Grundlage eines nachhaltigen Glaubens, das Fest als Zentrum der Volksfrömmigkeit und sakramentaler Basisversorgung, Erinnerung als Hoffnung und Inspiration zu Widerstand gegen Vormundschaft und Patriarchat, gegen Kolonialismus und Autoritarismus, gegen eine Wirklichkeit, die das "gute Leben" bedroht.

Die Basisgemeinden bewegen sich wie ein Zug, der sich auf den Schienen "Glaube" und "Leben", auf den Schienen glaubwürdiger Nachfolge und einfachen Zusammenlebens in überschaubaren, oft makroökumenischen Gemeinschaften durch den lateinamerikanischen Kontinent bewegt. Die Passagiere dieses Zugs sind Menschen, welche die Herde ihrer Träume von einem guten Leben für alle vor sich hertreiben und gegen die Wölfe verteidigen, die den Zug immer wieder überfallen möchten: die raubgierigen Wölfe des Hungers und der Unterdrückung.

Die Veranstalter (Adveniat, Missio und Universität Tübingen) dieses "Internationalen Symposiums" waren gut beraten, als sie bei der Wahl des Themas den Bogen von "50 Jahre II. Vatikanisches Konzil" zu den "christlichen Basisgemeinden" schlugen. Zwischen dem Zweiten Vatikanum und den Basisgemeinden liegt der ständige Lernprozess der Partizipation der Kirche vor Ort, also an der Basis, am Ganzen der Kirche - die Vision einer Kirche, die man nicht hat, sondern ist. Ehe wir einen Glauben haben, sind wir gläubig. Wir alle sollten ja nicht vom Haben einer Kirche, sondern vom Kirche-Sein sprechen. Die Basisgemeinden denken nicht für die kleinen Leute, sondern die kleinen Leute denken in den Basisgemeinden ihr Lebensprojekt.

Eine dem Volk zugewandte Kirche

Die Umsetzung dieser Vision ins konkrete Leben ist ein Geburtsvorgang nicht ohne Risiken: der Lernprozess einer "Kirche weltweit unterwegs", die dem Stern der Gleichnisse Jesu vom Reich Gottes nachgeht und den dogmatischen Gleichungen jener auf Priestersitzen und Lehrstühlen niedergelassenen Kirche misstraut.

Vor nahezu vierzig Jahren hat mein verehrter Lehrer Johann Baptist Metz in den "Stimmen der Zeit" einen bemerkenswerten Artikel über das vergessene Subjekt des Glaubens veröffentlicht. In diesem Text mit dem Titel "Kirche und Volk" schreibt Metz, was sich bis heute kaum verändert hat:

"Die religiöse Situation hierzulande scheint bestimmt von einem heimlichen 'Schisma' zwischen Kirche und Volk. Die Kirche hat, so scheint es, zwar immer noch ein starkes Milieu, aber immer weniger ein Volk. Sie bekommt es immer mehr mit den Zweifeln ihres Volkes, ihrer 'einfachen Leute' zu tun, mit Zweifeln, die vergleichsweise viel schwerer wiegen als die Zweifel ihrer Theologen und ihrer Intellektuellen. Ein lautloser Abfall breitet sich aus, die Identifikationen des Volkes mit der Kirche nehmen nicht zu, sondern ab."2

Wie kam es zu diesem Abfall? Was war das für eine Kirche vor dem Konzil? Es war eine Kirche, die bei der Feier des Herzstücks ihrer Liturgie, der Eucharistie, erhaben zur Wand blickte, sich mit Gott auf lateinisch verständigte; eine Kirche, deren Pastoral sich doch mehr auf die Eliten als auf Arme und Arbeiterschaft, mehr auf Tradition als auf kritische Zeitgenossenschaft bezogen hat. Die vom Lehramt gebilligte Theologie meinte es sich leisten zu können, ihren besten Theologen ein Schreibeverbot abzufordern, weil sie mehr vom Römischen Katechismus als von den Zeichen der Zeit geprägt war.

Und es war eine Kirche, in der wache Christinnen und Christen schon erste Zeichen eines ekklesialen Exodus wahrgenommen haben. Die Kirche habe die Arbeiterschaft verloren, hieß es allenthalben, weil die Sozialenzyklika "Rerum Novarum" (1891) fünfzig Jahre zu spät kam. So kam das Zweite Vatikanum gerade noch rechtzeitig, um den Bauplan einer Kirche, die sich selbst als Volk Gottes versteht, vorzulegen mit dem Grundriss einer Gemeinschaft von erwachsenen und autonomen Menschen, einer Kirche versus populum. Diese neue Architektur einer dem Volk zugewandten Kirche, in Pastoral und Diakonie, in Theologie und Liturgie, kann wohl als die pastoral-theologische Achse aller Konzilsbeschlüsse betrachtet werden. Die Kirche versus populum, die dem einfachen Volk zugewandte Kirche, ist ja nicht nur die Kirche des einfachen Volkes, sondern sie ist das einfache Volk, das sich als Kirche konstituiert. Aus dem versus populum, aus dem ekklesialen face to face, erwuchsen neue Lebendigkeit und missionarische Bewegung.

Der institutionelle Flügel der Katholischen Kirche war darauf nicht vorbereitet. Bei der zu erwartenden Turbulenz hat er sich fester angeschnallt an seinen Sitzen und Habseligkeiten und ging aus den nachkonziliaren Erschütterungen offensichtlich unversehrt hervor. Dem Geist, der den Flug der Kirche versus populum getragen hat, wurden die Flügel gestutzt, sodass das Konzil, in seinem Flug gehemmt, lediglich zu einem retardierenden Moment des schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konstatierbaren Exodus wurde.

Jetzt nicht! - Wann dann?

Und heute sind wir soweit, dass Joseph Haydns Abschiedssinfonie als Metapher für die großkirchliche Situation betrachtet werden kann. Dort verlassen ein Musiker und ein Instrument nach dem anderen die Bühne3. Zuerst ging die Oboe der Frauen, dann das Horn der Laien, dann das Fagott der Intellektuellen; der Kontrabass der Jugend folgte ihr auf dem Fuß; schließlich gingen auch die Violinen der Kasualienfrommen auf Distanz und zu allerletzt die gefühlvolle Viola der Kleriker.

Zornige alte Frauen und Männer, die unerschütterlich bei der Stange geblieben sind und befürchten, dass ihre Kirche nun an den benachbarten Supermarkt verkauft werden könnte, sind irritiert von den immer leerer werdenden Bänken und rufen in den Raum: "Jetzt reicht's aber! Chega! Basta!" In den Briefkästen tauchen Flugblätter auf, die verführerisch zu einer kirchlichen Exodusparty einladen. Dort sollen dann wackere Verlustarbeit betrieben und die Zeit ohne den institutionellen Wirrwarr als postekklesialer Aufbruch gefeiert werden.

Die Großkirche versucht in einem Dreiphasenplan den Exodus aufzuhalten: Erstens gelte es das Gesetz neu einzuschärfen und die katholische Identität herauszuarbeiten; zweitens wurde die "Operation Heimholung" durch "Neuevangelisierung" gestartet; drittens dürfe die Kirche nicht nur dem Prinzip Small is beautiful huldigen, sondern müsse durch Mega-Events, wie den Weltjugendtag, öffentlich zeigen, dass ihre Qualität auch eine quantitative Entsprechung habe. Wie im Wechselstromnetz verlaufen alle drei Phasen gleichzeitig. Sie erzeugen aber nicht die gewünschte Energie, weil es sich schon im Ansatz um verzweifelte Versuche handelt, die unter prämodernen Partizipationsbedingungen und ohne missionarischen Impetus den kirchlichen Exodus abzustoppen versuchen, jedoch in Wirklichkeit den status quo aufrecht erhalten.

Die 58 Vorschläge, welche die Synode über "Neuevangelisierung und Weitergabe des Glaubens" im Oktober 2012 dem Papst übergeben hat, waren das Ergebnis von fünfminütigen Interventionen der Delegierten. Sie wurden schon im Vorfeld ad usum Delphini so aussortiert, dass die Synode durchaus als eine Videokonferenz zum Wohl der angespannten Finanzlage des Vatikans hätte über die Bühne gehen können. Außer den dringenden pastoralen Fragen der Ämterstrukturen und Sakramententheologie, deren bloße Erwähnung schon verboten war und die daher weiterhin in mittelalterlicher Höhe hängen geblieben sind, wurden fast alle pastoral-theologischen Themen, wie in einem Einführungskurs für Erstsemester, erwähnt. Da ging es von der heiligsten Dreifaltigkeit bis hin zur Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen in der Kirche. Sehen wir uns einmal das im Vorschlag 46 dazu Gesagte an:

"Die Kirche schätzt die Gleichheit der Würde von Frauen und Männern in der Gesellschaft als Abbild der Ebenbildlichkeit Gottes und in der Kirche auf Grund ihrer gemeinsamen Berufung als Getaufte in Christus. Die Hirten der Kirche haben die speziellen Fähigkeiten der Frauen anerkannt, wie zum Beispiel ihre Aufmerksamkeit für Andere und ihre Gaben für Pflege und Mitleid, besonders in ihrer Berufung als Mütter. [...]"

Das ist ja nicht gerade falsch, aber eben auch nicht neu und vor allem nicht das, was zum Thema "Frau in der Kirche" heute gesagt werden muss.

Viele Bischöfe sagen, dass die Ortskirche sich bei der Lösung der meisten Krisenphänomene in einem sehr engen Entscheidungsrahmen befinde. Die jeweils höhere Kircheninstanz weist gar häufig auf "endgültige Entscheidungen des Lehramtes" hin oder aber auf eine Gesamtkompetenz der Weltkirche, sodass der Ortskirche die Entscheidungsbefugnis entzogen ist. Dann soll doch die Synode einer Weltkirche darüber entscheiden! Aber wenn eine Synode der Weltkirche darüber sprechen möchte, verteilen die Türhüter des Gesetzes eine Liste mit Themen, die "jetzt nicht!" besprochen werden dürfen. So erinnern die Inszenierungen Römischer Synoden mehr und mehr an Kafkas Erzählung "Vor dem Gesetz":

"Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. 'Es ist möglich', sagte der Türhüter, 'Jetzt aber nicht.' [...] Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er."

Und die andere pastorale Wunderwaffe: die Weltjugendtage. Sie sind ein Zugeständnis an die Eventkultur. Sie erhalten ihre Attraktivität durch den jeweiligen Papstbesuch, obwohl sie nicht jedem Papst auf den Leib zugeschnitten sind. Gerade in Krisenzeiten darf die Kirche nicht der Versuchung nachgeben, die von interkulturellen Marktstrategien der Eventkultur ausgeht, bei der dann Inkulturation auf Anpassung zurechtgestutzt werden muss.

Events wie die Weltjugendtage, sollen ihre Inspirationen nicht am Tatort verpuffen, erfordern viel pastorale Vor- und Nacharbeit in kleinen Zellen der Gemeinden und richten sich nicht an die Mehrheit der Außenstehenden. Es geht dabei um die Erhaltung der Bestände und nicht um die missionarische Kirche. Man wird dort die so genannten Neuen Geistlichen Gemeinschaften treffen, aber auch noch Restbestände herkömmlicher Jugendarbeit und ökumenische Taizé-Gruppen. Auch die Enkelkinder der "Kirche von unten"-Bewegung werden sich ins Gästebuch eintragen4.

Man ist endlich einmal "katholisch beisammen" und reproduziert die Widersprüche der älteren Generation, ohne sich die Köpfe einzuschlagen. Auf die Frage, ob die Teilnehmer auch junge Leute aus den Favelas, den Slums oder Barriadas getroffen hätten, ob sie mit den Dalits, den Unberührbaren Indiens, oder mit Straßenbewohnern Kontakt gehabt hätten, antwortet der Heimkehrer und die Heimkehrerin: "Das nicht gerade, aber es war ein geiler Event."

Auf dem Ohr der Inkulturation nimmt großkirchliche Unmusikalität zu. Hinter dem Rücken des Kreuzes Christi schlägt die billige Heiterkeit der neopentekostalen Welle an viele Kirchentüren. Sie ist das Gegenteil jener Festlichkeit, von der Maria Menacho sprach. In den Basisgemeinden kann man Lachen und Kopfschütteln lernen. Ihre geschichtliche Verwurzelung hilft uns, Idealisierungen zu vermeiden. Auch vom Wirtschaftssystem Ausgeschlossene träumen nicht nur vom Gelobten Land, sondern auch von den Fleischtöpfen Ägyptens; träumen davon, wenigstens Systeminsassen zu werden. Wer allzu lang im Käfig saß, liebt ja immer auch den Käfig, in dem er versorgt war und dem er nun entkommen kann.

Auf die Armen hören

Die römisch-katholische Kirche braucht aufgrund anhaltender Austrittszahlen nicht zur Subkultur zu werden. Sie muss sich stets erinnern, dass sie aufgrund ihrer evangelischen Wurzeln, ihrer Option für die Armen-Anderen und angesichts der Welttrends, die auf Beschleunigung und Akkumulation setzen, Kontra-Kultur ist, Notbremse und Anwältin eines neuen Sozialvertrags. Der Ruf nach Umverteilung, nach anerkannter Lebensvielfalt und Unterbrechung einer abgehetzt-zeitlosen Pastoral ist eine Strategie des Widerstands gegen globale Gleichmacherei und Beschleunigung. Die Armen-Anderen, deren konkrete Namen heute als Migranten, ethnische Minderheiten, Arbeits-, Obdach- und Landlose, als Jugendliche aus sozial gefährdeten Milieus, als Wohlfahrts- und Rentenabhängige ausbuchstabiert werden können, sind immer kontrakulturell. Die Nähe zu ihnen und das Hören auf sie können im Innern der Großkirche eine kontrakulturelle Ekklesiologie und Pastoral anstoßen. Die Begegnung mit einfachen Leuten und die Begegnung mit Menschen anderer Kulturen stellt uns immer wieder in Frage, stellt uns aber auch relevante Fragen, als Kirche und Gesellschaft, als Gläubige und kirchliche Mitarbeiter. Arme und Andere sind das tutioristische Prinzip der Kirche.

Wer hat etwas von Skandalen der Basisgemeinden gehört? Mit ihnen liegen wir nie ganz falsch. Sie unterbrechen unsere sakramentale und administrative Geschäftigkeit mit scheinbar banalen Einreden und sagen uns zum Beispiel:

"Wenn ihr uns schon fast das ganze Jahr den Zugang zur Eucharistie verweigert, dann ärgert euch nicht darüber, dass die Heiligen bei uns sakramentalen Charakter haben und dass wir die Bibel und ihre Auslegung selbst in die Hand nehmen.

Lasst uns mit unseren Augen auf euch schauen und zwingt uns nicht, wie in den vergangenen 500 Jahren, mit euren Augen auf uns zu schauen."

Und sie sagen uns weiter:

"Wenn ihr da draußen Kollekten macht, dann kommt ihr immer zu uns, macht vorher Fotos von unserer Armut und Not, von unserer Arbeit und unseren Festen und reicht sie dann herum. Wenn es aber um Pastoralpläne geht, um Prioritäten und Kirchenstrukturen, da fragt uns kein Mensch. Übrigens hat man aufgrund eurer Fernsehprodukte den Eindruck, ihr wärt das ganze Leben bei uns gewesen. In Wirklichkeit seid ihr wie Formel-1-Fahrer, die nur Kirche weltweit unterwegs in christlichen Basisgemeinden? zu einem kurzen Pitstop bei uns mal hereinschauen und dann meinen, sie verstünden schon alles, was sich in unserer Welt abspielt."

Wer so spricht, hat nicht unrecht. Unser Hang zu schneller Abwicklung pastoraler Vorgänge - entspricht er nicht jener Beschleunigung, die Zeit mit Geld und Ansehen verrechnet?

Lassen wir uns nicht ablenken von Großevents und Talkshows! Gerade in Krisenzeiten darf die Kirche nicht der Versuchung durch Marktstrategien nachgeben. Wenn wir uns im Missionsrat der Indigenas, der gerade sein 40-jähriges Jubiläum gefeiert hat, in einer pastoralen Sackgasse zu verirren drohten, dann beriefen wir eine "Assembleia Indígena" ein und baten die Indios um pastorale Amtshilfe. Dabei sind wir immer gut gefahren. Aufgrund dieser Erfahrung denke ich manchmal, zum Beispiel bei der Synode zur Neuevangelisierung: Warum fragen die Pastoralträger in unserer Kirche nicht die Leute, für die sie sprechen, wo sie der Schuh drückt? Habt Ihr keine Zeit, sie anzuhören? Sie wären dann vielleicht nicht gezwungen, diesen drückenden Schuh auszuziehen und barfuß ins freie Feld davonzulaufen?

Im Jahr 2011 sind 126 488 Menschen in der Bundesrepublik Deutschland aus sehr verschiedenen Gründen aus der katholischen Kirche ausgetreten5, und Brasilien hat jährlich ein Prozent Katholiken weniger im Verhältnis zu seiner Gesamtbevölkerung. Inhaltlich-strukturelle Unzufriedenheit und räumliche Distanz sind wohl die Hauptgründe, die nach einer menschenfreundlichen und räumlich nahen Kirche und berührbaren Amtsträgern verlangen.

Und unsere guten Bischöfe, die mehr und mehr in Erklärungsnotstand kommen, legen dann häufig warme Tücher auf offene Wunden, weil sie, so jüngst Franz- Xaver Kaufmann, auch selbst nicht mehr in der Lage sind "überzeugend darzulegen, dass das, was in der römischen Kirche Lehre und Praxis ist, auch für unsere Zeit das Richtige ist"6. Aparecida 2007 hat es im Schlussdokument der Fünften Generalversammlung des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik so auf den Punkt gebracht:

"Die Kirche ist aufgerufen, ihre Sendung unter den neuen Bedingungen Lateinamerikas und der Welt gründlich zu überdenken und mit Treue und Mut noch einmal auf den Weg zu bringen." (DAp 11)

Auf welchen Weg? In welche Richtung? Auf den Weg versus populum! "Treue", Tradition, Kontinuität in der kirchlichen Situation von heute haben nur Sinn, wenn sie mit "Mut" und Kühnheit gekoppelt sind, Mut zum fortwährenden aggiornamento, zur Rezeption dessen, was Gott unserer Kirche als "Zeichen der Zeit" gerade durch die Basisgemeinden signalisiert: Entkolonialisierung, Dezentralisierung und Entklerikalisierung7; missionarische Solidarität und existenzielle Bibelfestigkeit, die sich an der transformatorischen Energie des Reiches Gottes abarbeiten.

Bei allen Streichungen, die im Dokument von Aparecida gerade zum Thema Basisgemeinden gemacht wurden, ist dann doch geblieben, dass eben diese Basisgemeinden "in der missionarischen Nachfolge Jesu das Wort Gottes als Quelle ihrer Spiritualität" betrachten, dass sie sich "mit ihrem evangelisierend-missionarischen Engagement unter den ganz einfachen und am Rande der Gesellschaft lebenden Menschen" einsetzen, dass in ihnen "die vorrangige Option für die Armen sichtbar" werde, dass aus ihnen "verschiedene Dienste und Ämter für das Leben in Kirche und Gesellschaft hervorgegangen" seien, dass sie "Kennzeichen der Vitalität in der Ortskirche" sein können. Aus den Abstrichen und Einfügungen an römischen Schreibtischen geht hervor, dass dort eine panische Angst herrscht vor einer rechtgläubigen und armen Kirche ohne, wie es dann im noch verbliebenen Text heißt, "die Orientierung durch ihre Hirten als Leitung, die sie in der kirchlichen Gemeinschaft verankert" (DAp 178). Auch die "Hirten" sind in der kirchlichen Gemeinschaft nicht a priori verankert, sondern durch ihre Partizipation am konkreten Leben der Kirche an der Basis.

Dieses konkrete Leben geht in seiner Heilsbedeutung weit über oberhirtliche Orientierung hinaus. Der Angst davor, dass in den Basisgemeinden der "kostbare Schatz der Überlieferung und des kirchlichen Lehramtes" (DAp 178) entstellt werden könnte, kann nur durch Präsenz und nicht durch Pitstops begegnet werden. Die Nähe zu den Armen-Anderen und das Hören auf sie sollten eine kontrakulturelle Pastoral und eine samaritanische Kirche inspirieren. Im Übrigen freut man sich in den Basisgemeinden sehr, wenn ein Priester oder der Bischof auftauchen. Sie wollen Hirten zum Anfassen. Gerade an den Rändern der Großstädte ist genau an diesem Punkt die Einfallschneise für Sektenprediger und Säkularisationsrisse. Die so genannten einfachen Leute haben lieber einen Pastor zum Anfassen als einen Priester, der nur kurz zum Reifenwechsel kommt.

Also keine Angst vor der Basiskirche! Die einzige in Glaubensbehörden zugelassene Angst sollte nicht die Angst vor Heterodoxie sein, sondern die Angst vor gesellschaftlicher Irrelevanz des Glaubens. Angst ist nie ein guter Ratgeber. Mit der größeren Entfernung vom "Tatort" kann sie ins Gespenstische anwachsen.

Die Kirche des messianischen Volkes Gottes

Es geht heute um zwei verschiedene Konzepte von Kirche: um das Konzept vor der Dogmatischen Konstitution über die Kirche "Lumen gentium", also um die klerikale Kolonialkirche mit Heilsmonopol, und um die konziliare Kirche mit den beiden Kirchenkonstitutionen "Lumen gentium" und "Gaudium et spes" über die Kirche in der Welt dieser Zeit. Es geht um die Kirche als messianisches Volk Gottes (vgl. LG 9), der das Konzil den Vorrang gegeben hat vor der hierarchisch konstituierten Kirche, die erst durch die Eingliederung in das Volk Gottes ihren Standort bestimmt und dadurch ihre Wichtigkeit als Dienst für das Volk Gottes nicht verliert, sondern festigt.

Diese zwei Konzepte von Kirche realisieren sich in den Strukturformen von drei sich überlappenden, nicht unbedingt konzentrischen Kreisen kirchlicher Existenz, die wir immer etwas vorläufig als Universal- und Weltkirche, als Ortskirche und als Basisgemeinde/Basiskirche umschreiben können. Zwischen diesen drei Arten des Kircheseins gibt es Kompetenzprobleme, wobei ich auf Grund meiner pastoralen Erfahrung sagen kann, dass die Probleme zwischen Welt- und Ortskirche sehr viel größer sind als die Probleme zwischen Ortskirche und Basisgemeinden.

Wenn sich dann noch die so genannte Weltkirche über ihren Renaissance-Balkon hinauslehnt und, die Ortskirche übergehend, die Basisgemeinden und deren Orthodoxie in den Blick zu bekommen versucht, dann sind oft Unkenntnis und Kurzsichtigkeit im Spiel. Die so genannte Universalkirche kennt die Basisgemeinden nicht und alles, was sie über diese sagt, weiß sie nur auf Grund von Zwischenträgern, deren Beweisstücke dann "skandalöse" Videos sein können, bei denen ein Bischof, bei der Weihe eines Diakons, auch dessen Frau die Hand auflegt, oder Berichte von Sonntagsbesuchen in CEBs, bei denen es in einem von einfachen Gläubigen überfüllten Kirchenraum liturgisch nicht so ganz koscher zugegangen sein soll.

Aber auch der Abstand zwischen Ortskirche und Basiskirche wird immer größer; und es ist vielleicht ein grundlegender Fehler, dass dieser Abstand, ehe er theologisch und pastoral durchdacht wurde, nun kurz und bündig geografischen Lösungen zugeführt wird: Abschaffung von Pfarreien, immer größer werdende pfarrliche Verwaltungseinheiten, die sich, wie das Universum, immer weiter ausdehnen können.

Offene Fragen der Theologie - Offene Wunden der Menschen

Am anderen Ende dieses Problemstrangs stünden pastoraltheologische Überlegungen zur evangelischen Kompetenz der Kirche. Im Hinblick auf ihre Strukturen hat die Kirche sehr viel mehr Freiheit zu Veränderungen, als sie sich zugesteht. Als Beispiel mag hier das Auftreten des Apostels Paulus auf dem so genannten Apostelkonzil in Jerusalem gelten, auf dem es unter anderem um die Frage der Beschneidung für christlich gewordene Heiden ging (vgl. Apg 15,1 ff.). Für gläubige Juden war die Beschneidung ein von Gott gegebenes unverzichtbares Bundes- und Heilszeichen (Gen 17, 10-14). Die Frage wurde dann in Jerusalem konziliar entschieden, und die Beschneidung, obwohl auch von den Christen als Bundeszeichen anerkannt, wurde nun zur "unnötigen Last" erklärt. Das war eine ungeheure Veränderung im Dienst am Evangelium.

In vieler Hinsicht erleben wir am Beginn der Umbrüche dieses 21. Jahrhunderts neu den Konflikt zwischen "unnötigen Lasten" und unverzichtbaren Traditionen. Was ist an unserem Glaubensgut de fide - und was ist de cultura? Das ist oft gar nicht so leicht zu entscheiden, weil ja auch alle Glaubensartikel uns im kulturellen Gewand von Sprache und Konzepten vermittelt wurden. Wenn wir die Prioritäten richtig setzen, etwa mit dem alten Satz, dass das Heil der Seelen das oberste Gesetz ist (salus animarum suprema lex), dann erledigen sich viele Streitfragen ganz von selbst. Das Kirchenrecht hat dieses Gesetz in seinen letzten Kanon eingefügt (Can. 1752 CIC/1983), als wollte es sagen: "Bei allen Rechtsfragen denkt immer daran, den Menschen keine unnützen Lasten aufzubürden, denn Jesus war kein Rechtsgelehrter und auch kein Maurer, sondern Zimmermann und Erlöser." Es ging ihm weder um Paragrafen noch um Mauern, sondern um offene Türen.

Daran sollte die Kirche denken, wenn sie Ortsgemeinden zumutet, ohne Eucharistie zu leben, wenn sie Wiederverheiratete in zweiter Lebensgemeinschaft summarisch von den Sakramenten ausschließt und ausgebildeten "Laien" verbietet, die Sonntagspredigt zu halten. Aus offenen Fragen der Theologie werden dann offene Wunden der Menschen. Vielleicht müssen die Sakramente wieder mehr sichtbar machen, was sie sind: Zeichen des Heils für Arme und Sünder. Die Kirche kann denen, für die Evangelium und Sakramente ein wirklicher Halt sind, ohne Bedenken vor falscher Anpassung entgegenkommen. Sie tut damit etwas, was dem Evangelium gemäß ist: Sie ist barmherzig, gerecht und klug. Das sakramentale Vakuum bringt die Gläubigen ja nicht an den Rand der Hölle, wohl aber die Kirche in die Zone der Unglaubwürdigkeit.

Basisgemeinden: Horizont solidarischer Hoffnung

Der Zug der Basisgemeinden hat uns weit herumgebracht. Erfahrenheit ist eine Art solidarischer Wegzehrung, die im Dienst am Anderen das eigene Leben durchleuchtet. Ich möchte dies in drei Punkten zusammenfassen:

1. Wenn die kleinen Leute der tutioristische Weg der Nachfolge Jesu sind, dann ist es notwendig, den Kontakt zu diesen kleinen Leuten, zu den Armen, Anderen und Ausgeschlossenen nicht zu verlieren. Ohne diese existenzielle Nähe kann uns das schlechte Gewissen, das uns ja in unserer bürgerlichen Biederkeit doch immer wieder einholt, insofern wir nur ein wenig wach durch die Straßen gehen, nicht helfen. Wir können diese Nähe Basisarbeit nennen, solidarische Präsenz, Mit-Leiden. Durch Zuspruch und Anblick entstehen Zusammenhang und Veränderung.

2. Es gibt keinen Weg in eine gute, vom Reich Gottes vorgezeichnete Welt, ohne dass jeder Schritt nicht schon etwas von dieser Güte vorwegnimmt. Der Weg muss sich lohnen, nicht erst die Ankunft. Jesus ist der Weg, nicht die Ankunft. Wenn wir nicht ankommen müssen, verbleibt uns viel Zeit auf dem Weg: Zeit für Kampf und Kontemplation, für Partizipation und Solidarität, für Askese und Freiheit als Spielregeln für gelebte Geschwisterlichkeit und Ebenbildlichkeit Gottes aller.

3. Sollen Ethik, Askese und Basisarbeit nicht im Sand starker Worte und guter Einzeltaten verrinnen, müssen sie in einen politischen Rahmen eingefügt werden, in dem die strukturell Deplatzierten und die aus den Fugen geratene Welt einen Ort auf einer Landkarte und den Namen eines Projekts haben. Wir können es Utopie, partizipative Demokratie, Reich Gottes, Horizont, Traum von einer anderen möglichen Welt oder Vernetzung der Sozialbewegungen nennen. In einem solchen politischen Projekt wäre neben der Macht und ihrer Kontrolle auch das Verhältnis von Gratuität, Effizienz und Funktionalität zu klären. Gratuität ist eminent politisch. Sie unterbricht die Kosten-Nutzenrechnung aller Systeme und befreit aus Systemhaft.

In dem Lernprozess, den wir mit den Basisgemeinden gehen können, geht es nicht um Nachahmung oder um sofortigen Ausbruch aus dieser Systemhaft, sondern um Haftunterbrechung, um die reale Möglichkeit eines Horizonts solidarischer Hoffnung, der auf die Notwendigkeit eines Systembruchs und auf die Möglichkeit eines neuen Sozialvertrags hinweist. Letztendlich kamen wir zu diesem Symposium als Vertreter einer Kirche, die beides - Systembruch und Sozialvertrag - auf Augenhöhe mit Armen und Anderen begleiten möchte.

Der für den Druck leicht revidierte Text gibt das Eröffnungsreferat auf dem Interkontinentalen Symposium "In der Welt von Heute? Kirche unterwegs in christlichen Basisgemeinden" vom 17. Januar 2013 in Tübingen wieder. Organisatoren waren Adveniat, Missio und die Universität Tübingen.

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