Ein Sprung nach vorn: Johannes XXIII

Vor fünfzig Jahren, am 3. Juni 1963, verstarb Papst Johannes XXIII. Nicht unerwartet: Seit dem Spätsommer 1962 lebte er mit der Diagnose Magenkrebs und wusste, dass er diesen nicht überleben würde. Er war vorbereitet. In der Kuba-Krise im September 1962 war er noch diplomatisch aktiv, hinter den Kulissen, im April 1963, bereits unübersehbar todkrank, überraschte er mit seiner Enzyklika "Pacem in terris". Als er starb, herrschte weltweit Trauer, nicht nur unter Katholiken. Johannes XXIII. hat dem Papstamt ein menschliches, gütiges Gesicht gegeben, hieß es in Nachrufen, er wurde "papa buono" genannt.

Nach Pius XII., einem ausgebildeten Diplomaten und Juristen, hatte der rundliche, aus Sotto il Monte in der oberitalienischen Provinz Bergamo stammende Bauernsohn Angelo Giuseppe Roncalli schon rein optisch einen völlig anderen Phänotyp repräsentiert. Erfahrungen als Apostolischer Visitator in Bulgarien (1925) und als Apostolischer Delegat für Griechenland und die Türkei (1934) hatten ihn für ökumenische Fragen, nicht nur mit der orthodoxen Kirche, sensibilisiert. Während des Zweiten Weltkriegs half Roncalli Juden bei der Flucht, um sie vor der Deportation zu bewahren.

Er wusste, wie wichtig symbolische Akte bei Begegnungen sind, wie sehr es in heiklen Situationen, nicht nur auf dem diplomatischen Parkett, auf Herzlichkeit, Humor und Höflichkeit ankommt. Seine Versetzung nach Paris als Nuntius (Dezember 1944), so eine Vermutung, war eine Art Racheaktion des Vatikans, der - gezwungen (worden), mit dem Vichy-Regime unter Philippe Pétain kollaborierende Bischöfe abzusetzen - einen "Nobody" an die Seine schickte, um Charles de Gaulle zu brüskieren. Mit seiner natürlichen Freundlichkeit konnte Roncalli weitere Absetzungen von Bischöfen (drei statt 30) verhindern und die französische Regierung für sich einnehmen. 1953 wurde Roncalli zum Kardinal und Patriarch von Venedig ernannt, den "roten Hut" empfing er traditionsgemäß aus den Händen von Staatspräsident Vincent Auriol.

Im Oktober 1958 nahmen 51 von 53 Kardinälen am Konklave teil, 18 von ihnen waren noch älter als der 77-jährige Roncalli. Schon beim ersten Konsistorium, im Dezember 1958, gab es Weichenstellungen des "Übergangspapstes": Unter den neuen Kardinälen waren Julius Döpfner (Berlin), Franz König (Wien) und Giovanni Battista Montini (Mailand). Dieser war in den 1950er Jahren als Pro-Staatssekretär in Ungnade gefallen und als Erzbischof nach Mailand abgeschoben worden.

Keine neunzig Tage nach seiner Wahl kündigte Johannes XXIII. am 25. Januar 1959 ein Konzil an. Mit "frommem und eindrucksvollem Schweigen" reagierten die in San Paolo fuori le mura anwesenden 17 Kardinäle, wie er später preisgab. Warum überhaupt ein Konzil - nach dem Ersten Vatikanum, das den Jurisdiktionsprimat und die Unfehlbarkeit des Papstes definiert hatte? Warum jetzt? Und wie sollte es organisiert werden? Johannes XXIII. setzte sich über solche Bedenken hinweg. Bis heute scheiden sich die Geister, ob es sich wirklich um eine spontane "Eingebung" des Papstes gehandelt habe.

Johannes XXIII. schuf einen neuen Konzilstyp. Er wollte ein "Pastoralkonzil", das keine Verurteilungen (Anathemata) aussprechen, sondern die Kirche auf die Höhe der Zeit, sie mit der Gegenwart ins Gespräch bringen sollte - Stichwort: "Aggiornamento". Offen gelassen, nicht näher definiert hat das Konzil, was die unterschiedlichen Genera litteraria - Konstitutionen, Dekrete, Erklärungen - bedeuten. Natürlich sind die vier dogmatischen Konstitutionen am bedeutsamsten. Aber auch die anderen verabschiedeten Dokumente sind verbindlicher Ausdruck eines Gesamtgeschehens und nicht von der Konzilsidee zu trennen oder zu relativieren, wie dies seit Jahren mehr oder weniger offen geschieht, längst nicht nur von der Priesterbruderschaft St. Pius X., für die das Zweite Vatikanum ein Verrat an der Tradition ist.

Als Sekretär von Giacomo Radini-Tedesci, dem Bischof von Bergamo, hatte Roncalli 1910 dessen Diözesansynode erlebt. Von 1936 bis 1958 edierte er in fünf Bänden die Visitationsprotokolle von Carlo Borromeo, der 1575 in der Diözese Bergamo die Durchführung der Reformbeschlüsse von Trient inspizierte. "Religiöse Erneuerung" war für Roncalli nicht nur ein historischer Begriff. Das Zweite Vatikanum sollte ein Reformkonzil sein wie seinerzeit Trient: Seelsorgsorientierung. Johannes XXIII. wusste, dass die Kirche dringend Erneuerung brauchte. Sein Andenken zu bewahren heißt auch, seinen Entschluss, ein Konzil einzuberufen, rückhaltlos zu bejahen und nicht mit theologischer Rabulistik kleinzureden.

Am 3. September 2000 seliggesprochen, unglücklicherweise zusammen mit Pius IX., dem Syllabus-Verfasser und Konzilspapst des Ersten Vatikanums - auch das war ein (von einer Reihe von Kirchenhistorikern heftig kritisiertes) Signal -, ruht sein mumifizierter Leichnam seither schneewittchenartig in einem gläsernen Sarg im Petersdom unter dem Altar des heiligen Hieronymus. Johannes XXIII. war nicht naiv: Er wurde von vielen (auch von Karl Rahner SJ) unterschätzt.

Mit seinem Tod war das Konzil suspendiert. Noch vor seiner Krönung kündigte Paul VI. dessen Fortsetzung an. Nur ein Johannes XXIII., heißt es, habe das Konzil einberufen, nur ein Paul VI. es zu Ende bringen können. Amt und Charisma (und Witz) flossen hier zusammen. Kann es sich die Kirche leisten, das Erbe des Konzils zu verspielen oder von konkreten Personen zu lösen? Es hat Herausforderungen hinterlassen. Aber nachkonziliare Fehlentwicklungen ursächlich auf das Zweite Vatikanum zurückzuführen, ist auch eine Sünde gegen das Andenken eines Papstes, der ganz genau wusste, warum die Kirche dieses Konzil braucht. Ohne die damit verbundene Öffnung wäre sie zu dem geworden, was sie nach Johannes XXIII. gerade nicht sein sollte: ein Museum. Die Kirche verdankt diesem Papst einen "Sprung nach vorn" - so seine Erwartung an das Konzil in seiner grandiosen Eröffnungsansprache am 11. Oktober 1962. Das verpflichtet alle Katholiken.

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