140 Jahre "Stimmen der Zeit"

Von Tradition und Renommee allein kann eine Zeitschrift nicht leben, weder inhaltlich noch finanziell. Exzellenz setzt erstklassige Autorinnen und Autoren voraus - und sie möchte Leserinnen und Leser finden. Auf herausragende, unter ihnen auch junge Autoren ist die Redaktion der "Stimmen der Zeit" stolz; zusammen mit unseren Abonnenten und Lesern sind sie unser größtes Kapital - und das seit nunmehr 140 Jahren.

Seit Juli 1871 erscheint die Zeitschrift monatlich, seinerzeit unter dem Namen "Stimmen aus Maria Laach", benannt nach ihrem Gründungsort Maria Laach, der seit 1862 von Jesuiten als Studienhaus genutzten ehemaligen Abtei in der Eifel. Die Anfänge reichen indes weiter zurück: Nach einem Gründungsbeschluß im September 1864 erschienen sie erstmals im März 1865, bis Juli 1871 allerdings unregelmäßig, vorwiegend als Abhandlungen über die Syllabus-Enzyklika Papst Pius’ IX. und ab 1869 über die Vorbereitung und den Verlauf des Ersten Vatikanischen Konzils. Infolge des Jesuitengesetzes vom 4. Juli 1872 aus dem Deutschen Reich verbannt, begann eine Odyssee der Redaktion: Sie fand Aufnahme in Tervuren bei Brüssel, Blyenbeck und Exaten in den Niederlanden, in Luxemburg und schließlich in Valkenburg bei Maastricht, bevor sie 1914 nach München kam.

Seit bald 100 Jahren hat die damals in "Stimmen der Zeit" umbenannte älteste noch bestehende deutsche katholische Kulturzeitschrift in der bayerischen Landeshauptstadt ihren Sitz: ab 1918 in einem eigenen Redaktionsgebäude in der Veterinärstraße zwischen Ludwig-Maximilians-Universität und Englischem Garten, seit Januar 1966 in Nymphenburg im neu errichteten, nach dem von den Nationalsozialisten ermordeten Redaktionsmitglied Alfred Delp SJ († 1945) benannten Schriftstellerhaus und seit September 2003 in der Kaulbachstraße auf dem Areal des Berchmanskollegs. Von Dezember 1935 bis April 1936 wurden die "Stimmen der Zeit" erstmals von den Nationalsozialisten verboten, im April 1941 erfolgte die definitive Einstellung und die Enteignung des Redaktionsgebäudes. Erst im Oktober 1946 konnten die "Stimmen der Zeit" wieder erscheinen.

Hieß es in der Juli-Ausgabe 1871 programmatisch, es gelte, "die katholischen Grundsätze auf der ganzen Linie, auf welcher sie von den Gegnern befehdet sind, im kirchlichen, staatlichen und sozialen Leben wie auf dem wissenschaftlichen Gebiete zu verteidigen", ergänzte das Vorwort im Oktober 1914, man müsse vom Standort der Vernunft und der christlichen Glaubens- und Sittenlehre aus "die wechselnden Strömungen im Geistesleben der Gegenwart" sowie "Zeitrückschritte und Zeitfortschritte" beurteilen. Beim Neubeginn im Herbst 1946 betonte die Schriftleitung, es komme darauf an, "jenen Willen, der von Anfang an in den 'Stimmen' lebendig war, nämlich, die neue Zeit zu deuten, zu werten und in ihr zu leben, in die Tat umzusetzen".

Inzwischen hat sich viel verändert. Schon im Juli 1971 waren völlig andere Ausgangsbedingungen gegeben, kirchlich ebenso wie gesellschaftlich. In den Grundsätzen dem Ursprung treu, stellte das mit "Die Redaktion" gezeichnete Geleitwort fest: "Der Pluralismus des Geistigen, den wir heute in der Kirche vorfinden, läßt es schwer, wenn nicht unmöglich erscheinen, eine uniforme katholische Meinung zu allen Fragen der Zeit festzustellen und zu formulieren." Manche wollten darin einen Bruch mit der Vergangenheit sehen. Dem kann man damals wie heute entgegen­halten: "Diese Ziele sind geblieben. Aber die Spanne des Christlichen ist größer geworden, das Diskussionsfeld hat sich geweitet. Wir wollen dieser Diskussion der Stimmen und Meinungen ein Forum bieten. Gespräch bedeutet nicht Gerede, Toleranz nicht Mangel an Überzeugung, Offenheit nicht Grundsatzlosigkeit."

Ganze 32 Jahre lang hat Wolfgang Seibel SJ von 1966 bis 1998 als Herausgeber und Chefredakteur Monat für Monat unter Beweis gestellt, daß die "Stimmen der Zeit" weder den Zeitgeist bedienen noch zeitenthobene Beiträge mit "Ewigkeitscharakter" publizieren. Von Anfang an war der Titel Programm: Stimmen - im Plural! Autoren wie Oswald von Nell-Breuning SJ oder Karl Rahner SJ, um nur zwei Namen herauszugreifen, haben die Zeitschrift mit ihren Artikeln maßgeblich im Geist des Konzils mitgeprägt. So spiegelt sich in den "Stimmen der Zeit" die Geschichte der Kirchen, der Gesellschaft, der Politik und der Kultur wie auch der Literatur dieser Jahrzehnte wider. Sie sind eine Stimme im Konzert der vielen Möglichkeiten und Optionen. Aber sie bieten keineswegs nur einer Stimme oder Denkrichtung eine Plattform, sondern sie geben vielen Positionen Gelegenheit, sich zu artikulieren. Pluralismus im Sinne des Zweiten Vatikanums bedeutet weder Bedrohung noch Stromlinienförmigkeit. Aber er bedarf der seriösen Reflexion.

Auch wenn heute die wenigsten unserer Autoren Mitglieder der Gesellschaft Jesu sind: Die Zeitschrift wird als von Jesuiten getragen wahrgenommen. Daß dabei Konflikte und Spannungen nicht ausbleiben können, versteht sich eigentlich von selbst. Innerkirchliche Debattenkultur ist und bleibt ein anspruchsvolles Anliegen. Die "Stimmen der Zeit" sind aber gerade keine Kirchenzeitung oder das Verlautbarungsorgan einer bestimmten kirchlichen Interessenvertretung.

Die Zeitschriftenlandschaft ist in den letzten Jahrzehnten kleiner - und damit ärmer - geworden, sich zu behaupten wird trotzdem zunehmend schwieriger. "Hochland" und "Wort und Wahrheit" mußten 1971 bzw. 1973 eingestellt werden, 2009 ging die Schweizer Jesuitenzeitschrift "Orientierung" zu Ende. Das Internet ist eine mächtige Konkurrenz - und bringt zusätzliche Arbeit. Mit unserem monatlichen Newsletter und dem Beitrag "Online exklusiv" sowie anderen Serviceleistungen wie dem ständig aktualisierten Online-Archiv reagieren wir auf geänderte Leserbedürfnisse. Die "Stimmen der Zeit" stellen sich und bringen sich ein - denn Wahrheit wird nur in engagierter Auseinandersetzung erkannt.

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