Neuro-Enhancement

Das englische Verb "to enhance" bedeutet: steigern, verbessern, in die Höhe treiben. Ganz allgemein versteht man unter "enhancement" die medizinische Behandlung gesunder Menschen mit dem Ziel der Optimierung oder Perfektionierung, meistens der Leistungsfähigkeit, aber auch des äußeren Erscheinungsbildes. Bekannte Beispiele sind das Doping im Hochleistungssport, die kosmetische Chirurgie, die medikamentöse Steigerung der sexuellen Potenz, die Verabreichung von Life style- und Anti-aging-Medikamenten sowie das Neuro-Enhancement "beyond therapy" (über die Krankheitsbehandlung hinaus). Dabei geht es um die Steigerung der Leistungsfähigkeit (Wachheit, Aufmerksamkeit, Lern- und Erinnerungsfähigkeit).

Neuro-Enhancement kann jedoch nicht die Kreativität steigern. Der Münchener Psychiater Hans Förstl rechnet mit mehr als 100 Medikamenten, die als "smart drugs" für das Gehirndoping untersucht oder bereits angeboten werden. Dazu gehören Substanzen, die zur Behandlung von Demenz eingesetzt werden, aber auch Antidepressiva wie Fluoxetin. "Brain-boosters" sind auch die Stimulanzien Me thyl phenidad (eingesetzt in der Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts- oder "Zappelphilipp"-Syndroms) und Modafinil, das Schichtarbeitern mit ausgeprägter Tagesmüdigkeit verabreicht wird. Ähnliche Wirkungen entfalten Stoffe wie Alkohol, Nikotin, Coffein, Cannabis, Schokolade und Kakao.

Angeblich steigern in den USA bis zu 25 Prozent der Studierenden und Naturwissenschaftler ihre akademischen Leistungen mit "smart drugs". Die Deutsche Angestelltenkrankenkasse nannte 2009 einen Anteil von fünf Prozent der Arbeitnehmer, die sich einem Gehirndoping unterziehen, häufig durch ärztliche Verordnung außerhalb der Zulassung für bestimmte Diagnosen ("off-label"). Obwohl Psychopharmaka in der Öffentlichkeit nicht unumstritten sind, dürfte die Tendenz zum Neuro-Enhancement eher zunehmen.

Warum konsumieren immer mehr gesunde Menschen Psychopharmaka? Die Gründe dafür können in der Person selbst liegen, insbesondere wenn es bereits zu einer Abhängigkeit gekommen ist: Es können dann Entzugserscheinungen auftreten, die durch erneute Einnahme "behandelt" werden. Beim Neuro-Enhancement geht es jedoch um weit mehr als um eine individuelle Problematik. Das Ideal der optimalen "Performance" scheint unsere Arbeitswelt, aber auch die Freizeitgestaltung und die Sexualität zu beherrschen. Dadurch nimmt nicht nur die Akzeptanz des Leistungsprinzips zu, sondern auch die Erwartung, sich leistungssteigernder Methoden zu bedienen. Dies kann zum sanften Druck von Arbeitskollegen oder Kommilitonen aus derselben Prüfungsgruppe führen sowie zum vorauseilenden Gehorsam gerade bei Arbeitnehmern, die ihre Kräfte schwinden sehen.

Gehirndoping ist die Erfüllung eines alten Menschheitstraumes; auch unsere Vorfahren wußten sich zu "dopen". Neu sind die verbesserten chemischen Möglichkeiten und Wirksamkeiten, allerdings auch mögliche Nebenwirkungen. Der Psychiater und Pharmakologe muß nüchtern Vor- und Nachteile des Neuro-Enhancement abwägen. Erkenntnisse, die an kranken Menschen gewonnen werden, zum Beispiel an Demenz-Patienten, dürfen nicht unreflektiert auf Gesunde angewandt werden. Es gilt die alte ärztliche Regel, daß die Indikation besonders streng zu stellen ist, wenn keine behandlungsbedürftige Krankheit vorliegt, wenn die Nebenwirkungen sich nicht abschätzen lassen und wenn ein Embryo bzw. ein heranwachsendes Kind betroffen sind. Die fehlgebildeten Gliedmaßen der "Contergan-Kinder" erinnern uns daran, was geschehen kann, wenn Indikationen unter dem Einfluß der Pharma- Werbung allzu "großzügig" gestellt werden.

Der neue Forschungszweig der Neuroethik beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Neuro-Enhancement auf unser Menschenbild. Bemessen wir den Wert eines Menschen allein nach seiner Leistungsfähigkeit? Dürfen Erholung und Muße sein? Oder wird auch das Freizeitverhalten vom Leistungsprinzip beherrscht? Dient die Freizeit lediglich der Wiederherstellung der Arbeitskraft?

Ähnlich wie Pharmakologen und Psychiater sind auch Neuroethiker gut beraten, wenn sie nüchtern an die Problematik des Enhancement herangehen. Es ist niemandem mit einer spekulativen Ethik möglicher Szenarien und (Schreckens-)Visionen geholfen. Wenn jedoch die Wirkung einer Modafinil-Gabe auf Leistungsfähigkeit und Wachheit eines Schichtarbeiters jener von sechs Tassen Kaffee gleicht: Wäre es dann nicht besser, natürliche Rhythmen von Erholung, Pausen und Ernährung zu fördern, anstatt den Arbeitnehmer an die Schichtrhythmen anzupassen?

In Frankreich und Spanien wird "großzügiger" mit dem Neuro-Enhancement umgegangen als zum Beispiel in den calvinistisch geprägten Niederlanden. In Zeiten des Internets globalisieren sich die Informations- und Beschaffungsmöglichkeiten für Neuro-Enhancer. Es scheint ein riesiger pharmakologischer "Feldversuch" zu laufen, der allerdings hinsichtlich des Wirkungsprofils, der Nebenwirkungen sowie der sozialen Konsequenzen kaum ausgewertet wird. Hier besteht beträchtlicher Nachholbedarf als Vorbedingung für die neuroethische Reflexion.

Möglicherweise ist die soziale Signalwirkung der wichtigste Aspekt des Neuro-Enhancement. Was läßt sich aus dieser Diskussion über die Vorherrschaft des Leistungsprinzips in den westlichen Industrieländern lernen? Medizinethisch gesprochen geht es wie bei jeder Medikamentengabe um die Abwägung zwischen Nutzen und Schaden für die Behandelten, aber auch um die autonome Entscheidung derjenigen, die sich ihre Gehirne "enhancen" lassen. Schließlich erinnert die Diskussion indirekt an das medizinethische Prinzip der Gerechtigkeit: Die Hungrigen, die AIDS- und Malariakranken der südlichen Erdhalbkugel leben diesseits des Existenzminimums, wo sich das Problem des Enhancement "beyond therapy" nicht stellt.

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