Mutter Teresa - ein Leben für die Armen

Am 26. August 2010 jährt sich der Geburtstag von Mutter Teresa, der Gründerin der "Missionarinnen der Nächstenliebe", zum 100. Mal. Der in West-Bengalen (Indien) lebende Schriftsteller Martin Kämpchen stellt die Spiritualität der 2003 seliggesprochenen Ordensfrau vor und würdigt ihre vor zehn Jahren bekanntgewordenen Briefe, in denen von Dunkelheit und Gottferne die Rede ist.

Am 26. August 2010 jährt sich der Geburtstag von Agnes Gonxha Bojaxhiu, bekannt unter dem Namen Mutter Teresa, zum 100. Mal. Sie wurde im Jahr 1910 in Üsküb (heute Skopje in Mazedonien) geboren, entschied sich mit zwölf Jahren für das Ordensleben und trat mit 18 in den Orden der Loreto-Schwestern ein. Nach kurzer Ausbildungszeit in Irland wurde sie 1928 nach Kalkutta geschickt. 17 Jahre war sie dort in der St. Mary's School als Lehrerin, später als Direktorin tätig. Inspiriert durch ein mystisches Erlebnis, das sie als Berufung empfand, verließ sie den Orden und gründete 1950 mit kirchlicher Erlaubnis die "Missionarinnen der Nächstenliebe" (Missionaries of Charity: MC), um den "Ärmsten der Armen" auf den Straßen Kalkuttas in ihrer körperlichen und seelischen Not zu helfen. Sie gründete Sterbe- und Waisenhäuser sowie Heime für Leprakranke. Ihr Orden wuchs rasch an und verbreitete sich in der ganzen Welt. 1979 folgte der männliche Zweig des Ordens, 1984 ein Priesterorden. Sie organisierte auch Laienanhänger und -helfer in losen Gemeinschaften.

Vom Staatsbegräbnis zur Seligsprechung

Durch eine Reihe von Zufällen - vor allem durch Begegnungen mit Journalisten - wurden Mutter Teresa und ihr Werk berühmt. Insbesondere das Buch und der Film "Something Beautiful for God" (1971)1 des britischen Journalisten und späteren berühmten Konvertiten zum Katholizismus, Malcolm Muggeridge, brachte ihr weltweite Beachtung. Sie empfand es als ihr Charisma, das Los der Ärmsten in der Welt zu lindern und deren Not in der Öffentlichkeit darzustellen. Sie reiste zu den Niederlassungen des Ordens, nahm an Konferenzen und Kongressen teil und besuchte die Mächtigen, Reichen und Großen dieser Welt. Im Jahr 1979 erhielt sie für ihr Werk den Friedensnobelpreis. Zahlreiche andere hohe Auszeichnungen waren ihm vorausgegangen und folgten. In den letzten Jahren ihres Lebens war Mutter Teresa häufig krank, sie verbrachte Wochen in Krankenhäusern und saß zuletzt im Rollstuhl. Doch blieb sie Leiterin ihres Schwesternordens und war bis zu ihrem Tod am 5. September 1997 in Kalkutta aktiv.

Ihre Beerdigung wurde zu einer Huldigung an den "Engel der Gosse", zu einem Großereignis, wie es Kalkutta bis dahin nicht erlebt hatte. Präsidenten und Könige, Premierminister und Prinzen kamen zu Dutzenden, um von Mutter Teresa

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Abschied zu nehmen. Die indische Regierung gab der einfachen Nonne ein Staatsbegräbnis. Heute liegen ihre sterblichen Überreste in einem Grabmal im Mutterhaus des Ordens in Kalkutta. Dieser Saal ist für die Öffentlichkeit zugänglich und hat sich zu einem Wallfahrtsort für Christen und Nichtchristen entwickelt. Im Mutterhaus befindet sich auch weiterhin die Ordensleitung.

Schwester Nirmala, eine Nonne nepalesischer Abstammung, die zum inneren Kreis um Mutter Teresa gehört hatte, übernahm nach dem Tod der Gründerin die Ordensleitung. Während ihrer zwei Amtszeiten wurde Mutter Teresa im Jahr 2003 seliggesprochen. Allen Befürchtungen zum Trotz wuchs der Orden weiter an, und die Zahl der Niederlassungen stieg. Schwester Nirmala verzichtete aus Altersgründen auf eine dritte Amtszeit; im März 2009 wurde die deutsche Schwester Prema zur zweiten Nachfolgerin von Mutter Teresa gewählt.

Die neue Oberin, mit bürgerlichem Namen Mechtild Pierick, ist im Jahr 1953 im nordrheinwestfälischen Reken geboren und wurde als Sozialtherapeutin ausgebildet. Sie traf 1980 Mutter Teresa auf dem Katholikentag in Berlin und trat bald darauf in den Orden ein. Sie diente den Armen in den Ordensniederlassungen in Rom, Neapel und Madrid, bevor sie nach Kalkutta berufen wurde. Sie ist große Verwaltungsaufgaben gewohnt. So war Schwester Prema Regionalsuperiorin für Europa, und seit 2003 gehörte sie dem aus vier Schwestern bestehenden Rat an, der Schwester Nirmala in Kalkutta unterstützte. Damit ist eine Deutsche Superiorin eines der größten Schwesternorden der katholischen Kirche. Zur Zeit ihrer Wahl hatte er nach eigenen Angaben rund 5100 Mitglieder. Dies sind die nüchternen Tatsachen einer außergewöhnlichen und komplexen "Erfolgsgeschichte" in der Gegenwart der Weltkirche.

Die indische Kirche und Mutter Teresas Orden

In welche Situation hinein hat Mutter Teresa ihre Orden gegründet? Skizzieren wir zunächst die Lage des indischen Christentums. Die indische katholische Kirche ist, wie wohl alle Missionskirchen, klerikal orientiert. Vor allem in ländlichen Pfarreien ist der Priester nach wie vor die Autorität nicht nur für geistliche Belange, sondern auch für die materiellen und sozialen Nöte des Lebens. Er rät, bestimmt, hilft, und dafür erhält er gebührende Ehrerbietung. Die Laienbewegung ist, verglichen mit Europa, in ihren Anfängen. Mit dem Priester, der Messe und den übrigen Sakramenten als Mittelpunkt sind die katholischen Pfarreien als Lebensgemeinschaften gruppenbewußt und lebendig. Die Volksfrömmigkeit mit ihren Andachten, Prozessionen und Pilgerreisen trägt das Leben der Gemeinden. In dieser Atmosphäre hegen viele katholisch erzogene Jungen den Traum, Priester, viele Mädchen, Nonne zu werden. Das Gebot der Ehelosigkeit betrachten sie, zumindest wenn sie jung sind, nicht als Problem. Anders als im Westen werden sie nicht durch ein sexuelles Reizklima, das die Medien verbreiten, schon früh neugierig gemacht.

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Die Schwestern und Brüder der "Missionare der Nächstenliebe" sind oft junge Menschen, die wegen geringer Schulbildung nicht in Priesterseminare und traditionelle Schwesternorden eintreten konnten. Die Missionare und Missionarinnen der Nächstenliebe verlangen nicht - wie andere Orden - einen Volksschulabschluß (zehn Schuljahre) oder eine noch höhere Schulbildung als Bedingung für den Eintritt. Die Begründung ist einleuchtend: Das Charisma, den Ärmsten und Kranken zu dienen, hängt nicht von der Schulbildung ab.

Es ist umgekehrt auch richtig, daß in einem prestigebewußten Land wie Indien junge Männer und Frauen mit höherer Schulbildung nur selten dazu bereit sind, die schwierige, "schmutzige" und "niedere" Arbeit zu leisten, die die Schwestern und Brüder von Mutter Teresa tun. Wie stark der Wunsch nach dem Prestige, im kirchlichen Dienst zu stehen, oder aber das Charisma, den Ärmsten zu dienen, bei der Berufung zum Ordensleben im Vordergrund steht, ist gewiß individuell verschieden und schwer abzuschätzen. Die Versuchung, das Prestige, die Sicherheit und Geborgenheit der Ordensgemeinschaft zu suchen, ist jedenfalls stark. Bedenken wir, daß die katholischen Orden ihren Mitgliedern ein (für indische Verhältnisse) Maximum an Lebenssicherheit bieten: Lebensunterhalt bis zum Tod, Pflege und Fürsorge auch bei langem Krankenlager und gute medizinische Versorgung. Bei Mädchen kommt dazu, daß die Familien nicht die hohen Kosten einer Aussteuer und Hochzeit tragen müssen, wenn sich eine Tochter für einen Orden entscheidet.

Anderseits ist es wichtig, daß Männer und Frauen, die sich im Dienst an den Armen aufreiben, selbst eine gesicherte Existenz haben. Nur aus einem Gefühl persönlicher Sicherheit können sie sich ihrer Arbeit ungeteilt widmen. In Indien wird nämlich soziales Engagement leicht durch persönliche materielle Not geschwächt und gebrochen.

Leben wie die Armen?

In Europa heißt es häufig, die Schwestern und Brüder der "Missionare der Nächstenliebe" lebten "wie die Ärmsten der Armen". Das ist, wie schon gesagt, eine Übertreibung. Erstens kann es kein Ideal sein, wie die Ärmsten zu leben, nämlich in desolaten hygienischen Verhältnissen, mangelernährt, in verschmutzten Kleidern und in ständigen sozialen und emotionalen Spannungen. Ideal ist, gemäß den wirklichen Bedürfnissen zu leben und nichts darüber hinaus zu verlangen. Zweitens ist die Unsicherheit, wo die nächste Mahlzeit herkommt, ein wesentlicher Bestandteil der Armutssituation, die die Ordensmitglieder nicht teilen müssen.

Mit erstaunlicher Geduld und Hartnäckigkeit hat Mutter Teresa versucht, das ursprüngliche Charisma ihres Werkes lebendig zu erhalten: in den Ärmsten Jesus Christus zu erkennen und ihm zu dienen. Dieses Dienen soll spontan, aus einem vollen, liebenden Herzen kommen, es soll sich franziskanisch verschwenden. Die-

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ser franziskanische Geist kommt der indischen Mentalität entgegen, die gefühlsgetragene, eher von der Inspiration als von Rationalität geleitete Handlungen schätzt. Die Bhakti-Bewegung, eine seit dem indischen Mittelalter populäre Frömmigkeitsbewegung, idealisiert die ekstatische Gefühlsliebe gegenüber Gott. Die "Methode" von Mutter Teresas Armenhilfe ist nach wie vor von diesem Charisma geprägt. Entsprechend nennen die Schwestern und Brüder ihren Armendienst nicht "Sozialarbeit", sondern ihre Weise der Kontemplation Christi. Daraus leiten sie die Berechtigung ab, ihre Armenhilfe nicht vorrangig auf die Wirksamkeit auszurichten, sondern auf die Qualität der Liebe, mit der sie gegeben wird. Mutter Teresa sagte: "Nicht der Erfolg, sondern die Treue im Glauben ist wichtig."

Diese Anschauung ist der Grund für die oft dürftige ärztliche Versorgung, die die Patienten in den Kranken- und Sterbehäusern des Ordens erhalten - eine Tatsache, die viele Kritiker und Freunde des Ordens bemängelt haben. Aus Prinzip, nicht aus Mangel an Geld, werden nur die üblichen leichten Schmerzmittel verteilt sowie andere allgemeine Medikamente, und zwar von meist medizinisch ungeschulten Schwestern, Brüdern und Volontären. Schwierigere Krankheiten werden oberflächlich, nicht mit Hilfe medizinischer Kenntnisse, behandelt und komplizierte Eingriffe vermieden.

Im Sterbehaus von Kalighat (dem Haus, in dem Mutter Teresa ihren Dienst begonnen hatte) sprach ich einmal mit Andy, einem deutschen Volontär, der sich von seinem Computerjob immer wieder beurlauben ließ, um den Sterbenden in Kalkutta beizustehen. Er ist ein strahlender Mensch und offensichtlich erfüllt von seinem Dienst. Angesprochen auf die schlechte medizinische Behandlung, sprach er immer wieder von den "kleinen Wundern", die Gott unter den Patienten in ihrer Obhut wirke: Todkranke genesen, andere sterben in Frieden, Patienten söhnen sich mit ihren Familien aus, sie vergessen ihren Haß und finden zurück zu Gott. Sie beginnen selbst, andere, denen es noch schlechter geht, zu trösten - und das alles unter der Inspiration der franziskanisch tätigen Liebe. Daraus hat sich im Orden eine Leidensmystik entwickelt, in deren Mittelpunkt der gekreuzigte Christus steht. Wie Christus soll der Patient seine Leiden eher ertragen, anstatt zu versuchen, sie zu mildern.

Mutter Teresas gedanklicher und spiritueller Ansatz, den sie häufig wiederholt hat, ist jedoch unanfechtbar: Wenn sie jemanden krank und hilflos auf der Straße liegen sieht, wenn sie Waisenkinder entdeckt, die hungern, und Krüppel und geistig Behinderte, die dahinsiechen, gebietet ihr Christus, diese Menschen aufzuheben, zu pflegen und zu trösten. Und solange es solche notleidenden Menschen gibt, müssen ihre Schwestern und Brüder diese Samariter sein. Dieser Urgestus der Nächstenliebe ist allerdings nur berechtigt im Fall von elendig Armen, die auf die Hilfe barmherziger Menschen angewiesen sind. Sobald sie sich wieder selbst helfen können, müssen sie dazu herausgefordert werden. Denn die Armen begeben sich allzu gern in eine bequeme Abhängigkeit; dann empfangen sie nur noch, tragen

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selbst nicht zu ihrer Lebensbewältigung bei und werden so letztlich zu Bettlern reduziert.

Die Schwestern und Brüder Mutter Teresas werden meist nicht dazu ausgebildet, organisatorisch und medizinisch mehr zu leisten, als jenen karitativen Urgestus anzubieten. Ihr Orden kommt mit einem Minimum an Infrastruktur aus. Die Kranken, die sie von der Straße aufheben, in ihren Häusern pflegen, werden im allgemeinen wieder auf die Straße entlassen, sobald sie einigermaßen gesund geworden sind. Rehabilitation gehört nicht zu seinen Aufgaben, sagt der Orden; doch verweist er die Gesundeten normalerweise auch nicht an Rehabilitationszentren anderer Orden oder säkularer Institutionen. Dazu wäre ein Maß an Organisation notwendig, das die Ordensmitglieder überforderte. Die Schwestern und Brüder leiten aber Leprastationen, Waisenheime und Häuser für geistig und körperlich Behinderte, also für permanent Hilfsbedürftige. Vor allem für den Dienst an Leprakranken hat der Orden einige Mitglieder gut ausgebildet, und er leistet landesweit Hervorragendes.

Mutter Teresas Spiritualität

Es ist nicht leicht, Mutter Teresas Spiritualität zusammenzufassen. Sie ist komplex, sogar paradox. In ihr verbinden sich vormoderne und progressive Elemente. In Loyalität zu ihrer Kirche lehnte sie zum Beispiel empfängnisverhütende Mittel sowie Sterilisationen ab, eine Haltung, die viele moderne Inder, auch Christen, angesichts der explosiv anwachsenden Bevölkerung nicht teilen können. Gleichzeitig war Mutter Teresa aber eine der ersten in Indien, die Heime für Aids-Kranke einrichtete. Aids-Kranke werden bis heute als Menschen stigmatisiert, die aufgrund ihres schlechten Lebenswandels krank geworden sind. Über diese sozialen Vorbehalte vermochte sich Mutter Teresa hinwegzusetzen. Sie hat trotz ihres Traditionalismus paradoxerweise Hunderttausende von modern aufgewachsenen jungen Menschen inspiriert. Bis heute laufen dem Orden zahlreiche Volontäre zu, die in seinen Häusern für einige Wochen oder sogar Monate arbeiten.

Das Gelübde der Armut hat Mutter Teresa wörtlicher genommen als die meisten anderen Orden, die in Indien wirken. Besucht man die Häuser anderer Orden oder Pfarrhäuser in Indien, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß es der Kirche auch auf Repräsentanz und Prestige ankommt. Mutter Teresa war es dagegen wichtig, daß die Schwestern in ihrer Lebensweise so bedürfnislos sind, daß sich die Armen ihnen ohne innere Hemmungen öffnen können. Moderne Küchen, Fernsehen, Mobiltelefone, Computer und Autos sind bis heute nicht üblich. Also auch Geräte, die die Verwaltung des Ordens leichter und effizienter machen könnten, bleiben im allgemeinen untersagt. Diese Priorität der unmittelbaren liebenden Zuwendung zu den Armen in allen ihren Konsequenzen ist beeindruckend. Innerhalb

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einer großen Ordensgemeinschaft, in der Koordination und Management unentbehrlich sind, stößt diese Haltung allerdings an Grenzen.

Mutter Teresa hat ihre eine Aufgabe, den Armen wie Jesus Christus zu dienen, mit einer eisernen, geduldigen Zielstrebigkeit verfolgt. Dabei hat sie alles auf sich genommen: das indische Klima, den Schmutz, die Häßlichkeit der häßlichsten und schmutzigsten Winkel Kalkuttas, die Demütigungen in den Amtsstuben einer fossilierten, kafkaesken Verwaltungsmaschine, Verleumdungen, die Haßkampagnen, die Mißverständnisse einer bürgerlichen Öffentlichkeit, die zahllosen Vertrauensbrüche vermeintlicher Freunde und Förderer, die nur ihren Ruhm ausbeuten wollten, und nicht zuletzt schwere Enttäuschungen, die ihr die Schwestern und Brüder bereitet haben.

Um ihre Aufgabe zu erfüllen, hat sie viele Konventionen der westlichen wie der indischen Gesellschaft gebrochen. Sie hatte den phantastischen Mut, den Großen der politischen Welt die Liebe zu den Armen zu predigen. Sie hat sich in die "Höhle der Löwen" begeben, zu den Reichen und Einflußreichen, hat es naiv und schutzlos getan, ohne etwas von den Spielen um Geld und Macht zu verstehen. Das hat ihr den Zorn ihrer Kritiker zugezogen. Tatsächlich zeigte sie kaum politischen Verstand, wenn sie behauptete, sie mische sich nicht in die Politik ein. Denn in Wirklichkeit hatte alles, was sie als berühmte öffentliche Person getan hat, eine politische Aussage.

Eine moderne Ikone

In Indien, besonders in der Riesenstadt Kalkutta, ist Mutter Teresa schon zu Lebzeiten zu einer Ikone geworden. In Kalkutta genügt es, von "Mother" zu sprechen, ähnlich wie die Römer dem "Papa" zujubeln, sich die mittelalterlichen Gebildeten auf "den Philosophen" (Aristoteles) beriefen und in Indien mit "the Poet" stets Rabindranath Tagore gemeint ist. Längst ist Mutter Teresa zum Symbol des Schützend-Mütterlichen geworden, das sich besonders der Armen und Unterprivilegierten annimmt. Im christlichen Symbolbereich nähert sie sich der Madonna mit dem weiten Schutzmantel an, unter dem alle Platz finden; im Hinduismus sind es die Muttergottheiten Durga und Kali, die gerade in Kalkutta besonders verehrt werden. Mutter Teresas Resolutheit läßt an die Dämonen tötende Durga denken, ihre Barmherzigkeit verbindet sich mit der gütig-milden, schenkenden Neigung von Kali. Die Göttinnen und Götter des Hindu-Pantheons werden jeweils mit bestimmten Symbolgegenständen dargestellt - wie Shiva mit Dreizack, Vishnu mit dem Diskus, Krishna mit der Flöte -, die die Gottheiten charakterisieren. Entsprechend sehen sich die Fotos von Mutter Teresa erstaunlich ähnlich: das über einen Patienten gebeugte, faltige und halbverhüllte Haupt, die Frau, die ein krankes oder ausgemergeltes Kind in den Armen hält, die Mutter, die eine Patientin pflegt, sie anlächelt, mit ihr spricht. Stets ist es die Mütterlichkeit, die betont wird.

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Schon lange vor ihrem Tod wuchs ein Devotionalienkult um Mutter Teresa. An den Straßenecken von Kalkutta werden grellbunte Poster von Göttern und Göttinnen, von Filmhelden und Filmdiven zum Verkauf angeboten; Mutter Teresas Bild fehlt dabei selten. Kleine Mutter-Teresa-Tonfiguren und Bilder mit ihrem Porträt finden Abnehmer für das Kitschregal im Wohnzimmer. Dieser Kult verträgt sich übrigens mit Mutter Teresas eigener Frömmigkeit, die, aus dem europäischen 19. Jahrhundert stammend, die Verehrung des Altarsakraments, Rosenkranzgebet und Herz-Jesu- und Marienverehrung betont. Ihre Niederlassungen sind voll von frommen Sprüchen, die an den Wänden hängen, und von lieblichen Jesus- und Mariendarstellungen. Mutter Teresa verteilte selbst Medaillons, kleine Bilder mit Sprüchen und Textkarten an ihre Besucher - ein Brauch, den die gegenwärtige Oberin beibehält.

Kritik

Zu ihren Lebzeiten hatte Indien ein recht gespaltenes Verhältnis zu Mutter Teresa. Vielen gebildeten Hindus war die ausländische Mutter ein Dorn im Auge, gehörte sie doch zu der immer noch politisch und gesellschaftlich beargwöhnten Gruppe der ausländischen Missionare, die über Jahrhunderte mit nicht immer sensiblen Methoden versucht haben, Hindus vom höheren Wert ihrer Religion zu überzeugen. Die Hindu-Psyche hat davon bleibende Wunden erhalten. Bis heute werden Mutter Teresa und ihre beiden Orden verdächtigt, Bekehrungen zum Christentum vorzunehmen. Mutter Teresa hat jedoch immer wieder betont, daß niemand heimlich und gegen den eigenen Willen getauft wird. Sie strebe eine "Bekehrung der Herzen" an. Bruder Prem Anand, ein Mitglied des männlichen Zweigs des Ordens, hat mir zuverlässig versichert, daß der Orden keinerlei Beeinflussung oder Druck ausübt. Es ist allerdings nur natürlich, wenn in einigen Patienten, die die Liebe und Fürsorge von christlichen Schwestern und Brüdern erfahren haben, ein Interesse am Christentum erwacht.

Sodann erinnert Mutter Teresas Werk Hindus an die Mängel ihrer eigenen Religionspraxis und Gesellschaft. Sie war das personifizierte schlechte Gewissen der bessergestellten Menschen in Kalkutta. Peinlich, ja ärgerlich, daß eine Frau aus Europa zu ihnen kommen muß, um die Armen von ihren Straßen aufzuheben! Durch ihren Ruhm habe sie Kalkutta in Verruf gebracht - klagten sie. Sie würde die Augen der Welt vom reichen kulturellen Erbe der Großstadt, der Wirkungsstätte von Ramakrishna, dem Geburtsort von Swami Vivekananda, Sri Aurobindo, Subash Chandra Bose und Rabindranath Tagore ablenken und auf die elende Situation ihrer Slumbewohner und Kranken richten. Während die überwältigende Mehrzahl an den Armen vorübergeht und so das Problem des Elends für sich "löst", ist diese Frau stehengeblieben und hat etwas getan. Der normale Reflex der Wohlhabenden

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ist eher, sich vor der Masse der Armen zu schützen, sich abzugrenzen, statt eine Integration von arm und reich durch Hilfe, Unterstützung und Erziehung anzustreben. Das sei Sache der Regierung, heißt es typischerweise. Diesen Affront gegen das bürgerliche Klassen- und Standesgefühl nehmen viele Menschen Mutter Teresa - oft unausgesprochen, aber dennoch deutlich - übel.

In den letzten Lebensjahren hatte es immer wieder Anlässe gegeben, kritisch oder im Gegenzug verteidigend über Mutter Teresa zu schreiben. Am Beginn steht ein Dokumentarfilm Mother Teresa: Hell's Angel von Tariq Ali und Christopher Hitchens, der im November 1994 im britischen Fernsehen (BBC "Channel Four") gesendet wurde. Er bezichtigte die Ordensgründerin der Scheinheiligkeit und des Paktierens mit den Mächtigen und Korrupten dieser Welt. Sie sei eine Frau, die mit der Barmherzigkeit Geschäfte betreibe und dabei geschickt für sich selbst Reklame mache. Dem folgte die Buchversion des Films von Christopher Hitchens2. Man braucht nur die ersten Seiten zu lesen, um zu erfassen, daß es dem Autor nicht um eine nüchterne Analyse geht, sondern um die Rechtfertigung einer tiefen Abneigung. Damit beraubte er sich der Gelegenheit, das objektiv-genaue Porträt einer Frau zu zeichnen, deren Methoden durchaus auch angreifbar sind.

Seit ihrem Tod ist die Kritik an Mutter Teresa nahezu verstummt. Nur einmal noch, als Mutter Teresas Briefe erschienen, war sie Thema öffentlicher Debatten. Die beiden Nachfolgerinnen, Schwester Nirmala und Schwester Prema, scheuen bewußt davor zurück, eine öffentliche Rolle zu spielen. Schwester Prema gibt keine Interviews, besucht keine Konferenzen und hält keine Reden. Sie leitet den Orden von Kalkutta aus und besucht regelmäßig die Niederlassungen in der ganzen Welt. Die deutsche Nonne ist tief in der Frömmigkeit der Gründerin verwurzelt. Ihre ruhige, aber feste Art, die Klarheit, mit der sie Fragen knapp beantwortet, haben mich beeindruckt. Ich sprach sie auch auf Mutter Teresas geistliche Briefe an, die im Jahr 2007 - zum zehnten Todestag - erschienen waren und das öffentliche Bild der Seliggesprochenen noch einmal radikal verwandelten. Schwester Prema sagte:

"Diese Briefe sind für uns ein Schatz. Wir lesen sie, wir diskutieren sie und vor allem meditieren wir sie und nehmen sie in unser Gebet hinein."

Mutter Teresas Briefe an ihre geistlichen Ratgeber

Als das Buch mit den gesammelten Briefen von Mutter Teresa an ihre geistlichen Ratgeber erschien, wurde dies weltweit als ein sensationelles Ereignis behandelt3. Die "spirituelle Dunkelheit", die die Ordensfrau jahrzehntelang ertragen mußte, stehe - so empfand man - im Gegensatz zum Image der Seligen, die stets geistliche Freude ausgestrahlt hatte. War das nun alles "Show" gewesen, fragte man.

Die Reaktionen auf das Buch waren gespalten: Die Presse ließ Verehrer zu Wort kommen, die in dem Buch eine erneute Bestätigung ihrer Heiligkeit sahen. Sie leg-

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ten das Schwergewicht nicht so sehr auf ihre geistliche Trockenheit und seelische Dunkelheit, als auf die Tatsache, daß sie trotz jener Dunkelheit geistliche Freude ausgestrahlt und ihr Werk für die Armen mit beispielloser Energie und Hingabe bis zu ihrem Tod fortgesetzt hatte. Ihre Kritiker sahen in den Offenbarungen mit kaum versteckter Häme das Eingeständnis einer Schwäche und in ihrer Freude und Herzlichkeit eine Heuchelei. Es gab zahlreiche nichtchristliche indische Stimmen zu dem Buch, die seinem Inhalt hilflos gegenüberstanden.

Bedeutsamer ist, daß auch viele Schwestern von dieser unbekannten Seite ihrer "Mutter" sich zunächst befremdet fühlten. Sogar die deutsche Schwester Andrea, die als Ärztin das erste Waisenhaus des Ordens - Shishu Bhavan in Kalkutta - leitet, gestand mir nach Erscheinen, sie sei "erschrocken" gewesen.

Als ich die Presseberichte und die Verlagsreklame las, argwöhnte ich, daß in ihnen die Zentralität der "Dunkelheit" in Mutter Teresas Leben übertrieben dargestellt worden sei. Doch die Lektüre belehrte mich, daß diese Dunkelheit die Ordensfrau tatsächlich fast 50 Jahre lang begleitet hat. Nur während der 20 Jahre, in denen sie als Loreto-Schwester in einem Konvent wohnte und in einer christlichen Schule unterrichtete, spürte sie die liebende Vereinigung mit Jesus. Wiederholt bezeichnete die Briefschreiberin diese Zeit als überaus glücklich.

Als Mutter Teresa schon weltbekannt war, viel reisen mußte, was ihr große Opfer abverlangte, und sich um die Verwaltung eines großen Ordens bemühte, lernte sie den österreichischen Jesuiten Josef Neuner (1908-2009) kennen, der in der Nähe von Kalkutta ab 1960 Vorlesungen am Priesterseminar hielt. Ihr Briefwechsel, der wieder wesentlich das Mysterium jener Erfahrung der Dunkelheit und trostlosen Leere umkreiste, brachte Mutter Teresa auf neue Gedanken. Neuner interpretierte Mutter Teresas Seelenleben nicht negativ als Läuterung und Sühne, sondern als besondere Gottesnähe (vgl. 250). Diese Dunkelheit nicht nur zu ertragen, sondern zu lieben, sei - so Neuner - ihre besondere Aufgabe (vgl. 253)4.

Mutter Teresa hat in keinem ihrer Briefe einen Zweifel an ihrer Berufung ausgedrückt. Im Gegenteil: Sie betonte stets, daß sie sich ihres anfänglichen spirituellen Erlebnisses total sicher sei. Die erstaunlichen Früchte, die ihr Werk hervorbrachte, gaben ihr überdies Recht, worauf ihre geistlichen Begleiter stets hinwiesen. Zweifel an und Verzweiflung über ihr Werk waren also nicht die Ursache ihrer inneren Dunkelheit. Doch hat sich diese Sicherheit, mit der sie ihren Orden organisatorisch und ihre Schwestern geistlich führte, nicht auf ihr Gebetsleben übertragen können. Bis zuletzt hat sie dieses Werk trotz aller Widerstände durch ihr gequältes Seelenleben fortgeführt.

Bei der Lektüre der Briefe kann man nachvollziehen, wie revolutionär Mutter Teresas Werk innerhalb der katholischen Kirche ihrer Zeit gewesen ist. Klerus und Ordensleute dienten der Bevölkerung durch Schulen, Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen. Doch lebten sie von der Bevölkerung getrennt, hielten sich fern von ihr. Ihre sozialen Werke dienten in der Mehrzahl der Mittel- und Ober-

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schicht in den Städten. Die katholische Kirche wollte (und will noch immer) ihre Stimme hörbar machen, indem sie in Institutionen für die Elite in Verwaltung, Regierung und Lehre, den gegenwärtigen und zukünftigen Meinungsmachern des Landes, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten vermittelt. Inzwischen hat sich durch den allgemeinen Bewußtseinswandel hin zu demokratischen Normen der Gerechtigkeit und Gleichheit sehr viel in der indischen Kirche geändert, wenn auch Überreste der feudalistischen Mentalität nicht zu übersehen sind.

Mutter Teresa war die Pionierin, die aus diesem elitären und behüteten Kreis der Kirche ausbrach, um sich den Lebensbedingungen der Armen in den Slums auszusetzen. "Alle werden mich für verrückt halten" (66), schrieb sie. Ihre Anfangserkenntnis war:

"Unser Herr möchte ... indische Schwestern, die das Leben der Inder führen, sich wie diese kleiden und Sein Licht werden, Sein Feuer der Liebe inmitten der Armen, der Kranken, der Sterbenden, der Bettler und der kleinen Straßenkinder" (91).

Sie nannte ihr Ziel so: "Direkt unter die Armen gehen - Die Kranken in ihren Wohnstätten pflegen - Den Sterbenden helfen, ihren Frieden mit Gott zu machen" (91). Dabei war sie sich durchaus bewußt, daß sie einen Platz in der Kirche ausfüllte, der bisher leergeblieben war. Darum war ihre Absicht, "die Arbeit tun, die in der Kirche Indiens fehlt" (92).

Durch ihr Beispiel entdeckte die Kirche die "Option für die Armen"; insofern muß Mutter Teresa als Vorläuferin der Befreiungstheologie betrachtet werden, wenn auch ihr theologischer Ansatz ein ganz anderer ist. Sie selbst sah sich nämlich nicht als eine Sozialrevolutionärin. In ihren Briefen grenzte sie die Frage aus, durch welche ungerechten sozialen Strukturen die Armut der Slums entstehen konnte. Stichworte wie Unterdrückung und Ausbeutung, Feudalismus und Gerechtigkeit durch Strukturänderungen in der Gesellschaft fanden in ihrem Denken und Handeln keinen Platz. Mutter Teresa folgte zunächst und vor allem dem Ruf Gottes, ohne ihn zu analysieren. Erst in zweiter Linie richtete sich also ihr Augenmerk auf die Not der Armen. Diese Not erschütterte sie tief. Doch dabei ging es ihr wiederum zunächst und vor allem um diese Armen als "Seelen", die gerettet oder für Gott gewonnen werden mußten.

Ebenso ist in diesen Briefen keine historische Einbindung ihres Lebens und ihres Werkes zu spüren. Mit Ausnahme von zwei oder drei Bemerkungen reflektieren ihre Briefe nicht die epochalen Entwicklungen Indiens: den Kampf um die politische Unabhängigkeit, die im Jahr 1947 erfolgte, und die Spaltung des indischen Subkontinents in Indien und Pakistan, bei der mehrere Millionen Hindus und Muslime massakriert wurden, den Weg Indiens als Entwicklungsland. Man mag dagegen halten, daß diese Themen in Briefen an geistliche Ratgeber keinen Platz haben. Und doch werfen auch diese historischen Entwicklungen geistliche Probleme auf, die jedoch Mutter Teresa offenbar nicht berührten.

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Eine erschütternde Lektüre

Mutter Teresas Buch "Komm, sei mein Licht" ist eine erschütternde und aufwühlende Lektüre. Man erlebt das Ringen einer Frau, die den Willen Gottes in allem und unmittelbar zu erfüllen sucht, ohne jede Rücksicht auf sich selbst, ohne jede Forderung an Gott. Ihr Ringen richtet sich nicht darauf, den Willen Gottes zu erkennen, sondern dem einmal erkannten Willen in allem zu entsprechen. Sie schreibt beinahe in jedem Brief von ihrer spirituellen Trockenheit, ihrer Dunkelheit, ihrer Einsamkeit ohne Gott, ihrer geradezu unerträglichen, ungestillten Sehnsucht nach ihm. Erst nach Jahrzehnten scheint sie diese Sehnsucht ertragen zu können, nachdem ihr durch den Zuspruch ihrer Begleiter deutlich geworden ist, daß Gott sich ihr gerade in dieser Dunkelheit mitzuteilen sucht. Mehrmals ist von den Lehren des heiligen Johannes vom Kreuz die Rede, der die inneren Läuterungsprozesse in psychologisch genauen Einzelheiten beschreibt und dafür die Begriffe der "dunklen Nacht der Sinne" und "dunklen Nacht des Geistes" geprägt hat. In diesen "Nächten" reinigt der Mensch mit der Gnade Gottes zunächst seine Sinne, danach den Geist, um nach dieser Erfahrung der Abwesenheit Gottes schließlich die Erfahrung der Einheit mit Gott zu empfangen.

Diese "Nächte" sind, so lehrt Johannes vom Kreuz, Übergangsstufen - bei Mutter Teresa jedoch haben sie vermutlich bis zum Tod gedauert. Dies hat auch ihre geistlichen Begleiter und Beichtväter erschüttert und geradezu ratlos gemacht. Nach den Briefen wurde Mutter Teresas Nacht nur einige Male von geistlicher Freude und dem Empfinden des Friedens unterbrochen.

Man mag spekulieren, daß die anhaltende Dunkelheit ausgelöst wurde, weil Mutter Teresa tagtäglich mit der unsagbaren Not der Armen in Kalkutta konfrontiert wurde. Um diese Not innerlich zu verarbeiten und sie in den Plan Gottes für die Menschen zu integrieren, bedurfte es möglicherweise unendlicher seelischer Anstrengungen, die ihre Auswirkungen in jener Dunkelheit hatten. Ihr letzter geistlicher Begleiter, Michael van der Peet SCJ, sieht es ähnlich:

"Ich glaube wirklich, daß der Grund, weshalb Mutter Teresa so viel Dunkelheit in ihrem Leben durchmachen mußte, darin liegt, daß dies eine größere Identifikation mit den Armen mit sich bringen würde" (320).

Mit anderen Worten, Gott hielt Mutter Teresa im Dunkeln, damit sie das menschliche Leid der Armen vollkommen nachempfinden könne5.

Bei der Lektüre müssen wir bedenken, daß Mutter Teresa in ihren Briefen nicht das gesamte Spektrum ihrer Spiritualität ausbreitete. Die Briefe handeln beinahe ausschließlich von ihrer Beziehung zu Gott. In ihren zahlreichen Ansprachen, Gebeten und Interviews, die in Büchern veröffentlicht sind, in ihren Exerzitien für die Schwestern und Brüder ihres Ordens (die teilweise hektographiert unter den Ordensmitgliedern kursieren) spricht sie andere Aspekte an, in denen von Dunkelheit

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und geistiger Not nicht die Rede ist. Um Mutter Teresa als geistliche Persönlichkeit zu erfassen, ist es unerläßlich, beides zusammen zu sehen.

Der Widerspruch jedoch, daß Mutter Teresa Freude und geistliche Erfüllung ausstrahlte, von der sich zahllose Menschen berührt und verwandelt gefühlt haben, in ihrem Innern jedoch fast nur Trostlosigkeit spürte, ist unauflöslich. Die Ordensfrau klagte: "Wenn (die Menschen) nur wüßten - und wie meine Fröhlichkeit nur der Deckmantel ist, unter dem ich die Leere & das Elend verberge" (219). An diesem Widerspruch zu deuteln und ihn letztlich zu harmonisieren, würde bedeuten, die Rätselhaftigkeit von Gottes Willen auflösen zu wollen. Mutter Teresa war nicht (nur) die einfache Nonne, als die sie sich selbst stets darstellte.

Ihre Persönlichkeit war komplexer und vielschichtiger. Aber gerade darum gewinnt sie durch das Bekanntwerden dieser Briefe an Tiefe und Bedeutung, besonders auch für unsere Epoche, die die gebrochenen Helden höher schätzt als die glatten und geradlinigen6. Gerade weil sie diese einfache Nonne nicht war, werden ihre Ordensmitglieder und Freunde mit großer Anstrengung umdenken müssen, um an diesem neugeschaffenen Vorbild zu wachsen. Für sie ist dieses Buch eine enorme Herausforderung an ihre spirituelle Reife.

ANMERKUNGEN

1 M. Muggeridge, Mutter Teresa. Leben u. Wirken der Friedensnobelpreisträgerin (Freiburg 61979). 2 Ch. Hitchens, The Missionary Position. Mother Teresa in Theory and Practice (New York 1995). 3 Die englischsprachige Ausgabe trägt den Titel "Come, be my light", hg. v. B. Kolodiejchuk (New York 2007); der Titel der deutschen Ausgabe lautet "Mutter Teresa: Komm, sei mein Licht" (München 2007); Seitenzahlen im Text beziehen sich auf die deutschsprachige Ausgabe. 4 J. Neuner, Mother Teresa's Charisma, in: Vidyajyotí. Journal of Theological Reflection (New Dehli) 65 (2001) 179-192; dt.: Mutter Teresas Charisma, in: GuL 74 (2001) 336-348. 5 Vgl. A. Huart, Mother Teresa. Joy in Darkness, in: Vidyajyotí 64 (2000) 654-659. 6 Vgl. dazu die Überlegungen in dem Editorial von A. R. Batlogg, Die unvollkommenen Heiligen, in dieser Zs. 225 (2007) 721-722.

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