Glaube und Naturwissenschaft

In der heutigen von der Aufklärung geprägten Wissensgesellschaft gelten die Begriffe „Glaube“ und „Naturwissenschaft“ als unvereinbare Gegensätze. Zur Abgrenzung unterschiedlicher Sphären der Erkenntnis haben sie durchaus ihren Sinn. Doch sind die beiden Bereiche nur vordergründig unvereinbar.

Glaube und Naturwissenschaft
© Pixabay

Diese nur vordergründige Unvereinbarkeit zeigt einerseits so manche Biographie glaubender Naturwissenschaftler(innen). Andererseits versteht sich sowohl der christliche Glaube als auf (historischen) Tatsachen beruhend, wie auch die exakten Ergebnisse der Naturwissenschaften vielfach einer Interpretation bedürfen. 

Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft

 Das Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft (oder vergleichbarer Begriffspaare wie Glaube und Vernunft, Glauben und Wissen, Religion und Wissenschaft) beschäftigt die Theologie seit jeher. Einflussreiche Ansätze zu ihrer Beziehungsbestimmung stammen etwa von Anselm v. Canterbury (1033–1109) und Thomas v. Aquin (1225–1274). Letzterer entwickelte in seinem Hauptwerk Summa Theologiae „Fünf Wege“ auf denen die Vernunft auf Basis empirischer Befunde zum Glauben an die Existenz Gottes gelange. Auf Anselm geht die berühmte Wendung zurück: „fides quaerens intellectum“ (Glaube, der nach Einsicht/Verstehen sucht). Diesem Programm folgend versuchte er die Existenz Gottes durch bloßen Vernunftgebrauch „zu beweisen“.

Mit dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaften im Zuge der Aufklärung ging eine erneute Problematisierung des Glaubens einher. Der durchschlagende Erfolg der Naturwissenschaften bei der Welterklärung drängte den Glauben mehr und mehr in die Defensive. Doch nicht zuletzt prominente Vertreter der Naturwissenschaften wenden sich gegen eine leichtfertige Verabschiedung des Glaubens und der Religion.

Nach Max Planck „ergänzen und bedingen“ Religion und Naturwissenschaft einander. In diesem Sinne kann gesagt werden, dass Glaube und Naturwissenschaft sich jeweils mit einem bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit befassen. Während die Naturwissenschaften mit ihrer empirischen Herangehensweise Kausalitäten in den Blick nehmen, interessiert sich der Glaube für die Zielgerichtetheit der fraglichen Phänomene. So leisten beide auf ihre Weise einen spezifischen Beitrag zur Erkenntnisbildung. Das Gelingen der Vermittlung der Einsichten des einen für den anderen hängt weniger von den besonderen Vorannahmen ab, die beiden Zugangsweisen zugrunde liegen, als von ihrer prinzipiellen Bereitschaft zum Dialog und zu dem Zugeständnis, allein nicht die ganze Wirklichkeit erfassen zu können.

Der Vermittlungsbedarf tritt besonders deutlich zutage auf dem Gebiet der beiden Erklärungsmodelle Schöpfungstheologie und Evolutionstheorie.

Bereits die Enzyklika Humani generis von 1950 plädiert (unter gewissen Voraussetzungen) für eine aufgeschlossene Begegnung beider Ansätze: „Deshalb verbietet das Lehramt der Kirche nicht, daß die ‚Evolutionslehre‘ […] gemäß dem heutigen Stand der menschlichen Wissenschaften und der heiligen Theologie in Forschungen und Erörterungen von Gelehrten in beiden Feldern behandelt werde, und zwar so, daß die Gründe beider Auffassungen, nämlich der Befürworter und der Gegner, mit der nötigen Ernsthaftigkeit, Mäßigung und Besonnenheit erwogen und beurteilt werden;“

Mit dem Zweiten Vatikanum und seiner Pastoralen Konstitution Gaudium et Spes (Über die Kirche in der Welt von heute) von 1965 wird diese Sicht dann um einen erweiterten Evolutionsbegriff ergänzt, der auch Kultur und Politik umfasst. Naturwissenschaft erscheint hier nicht in Konkurrenz zum Glauben, sondern geradezu als dessen logische Konsequenz: „Wenn wir unter Autonomie der irdischen Dinge verstehen, daß die geschaffenen Dinge und auch die Gesellschaften über eigene Gesetze und Werte verfügen, die vom Menschen schrittweise zu erkennen, zu gebrauchen und zu gestalten sind, dann ist es durchaus berechtigt, diese Autonomie zu fordern: dies wird nicht nur von den Menschen unserer Zeit gefordert, sondern entspricht auch dem Willen des Schöpfers.“

Konflikte zwischen Glaube und Naturwissenschaft

Das diesem Verhältnis naturgemäß innewohnende Konfliktpotenzial kommt in diesen ausgewählten Verlautbarungen des Lehramts freilich nicht ausreichend zur Geltung.

Kaum ein Name hat diesbezüglich eine solche Symbolkraft wie der des italienischen Gelehrten Galileo Galilei. Mit seinem Kampf für ein heliozentrisches Weltbild sicherte er sich seinen Platz in der Wissenschaftsgeschichte. Bei genauer Betrachtung der damaligen Auseinandersetzung stehen sich im Fall Galilei jedoch nicht nur freie Wissenschaft und kirchliches Dogma gegenüber, sondern auch und zuerst zwei wissenschaftliche Erklärungsmodelle: helio- vs. geozentrisches Weltbild. Dem entspricht, dass Galilei zu zeigen versuchte, dass sich biblischer Text und kopernikanisches Weltbild gerade nicht widersprechen. Dieser Hinweis soll das Fehlverhalten der Kirche in dieser Frage nicht entschuldigen. Mit der späten Rehabilitierung Galileis durch Johannes Paul II. im Jahre 1992 hat die Kirche ihren Irrtum als solchen anerkannt. Nichtsdestotrotz verlief die Konfliktlinie zuerst innerhalb des Glaubenssystems bzw. der Naturwissenschaft jener Zeit. Erst als die Kirche mit dem ganzen Gewicht ihrer Autorität ein wissenschaftliches Erklärungsmodell bevorzugte, wurde der Konflikt zu einem Konflikt zwischen Glaube und Naturwissenschaft.

Naturgesetze

Dass sich Glaube und Naturwissenschaft nicht notwendigerweise widersprechen müssen, lässt sich an ihrem Umgang mit den Naturgesetzen veranschaulichen. Den Naturwissenschaften kommt die Aufgabe zu, die Regelmäßigkeiten in der Natur zu identifizieren und sie als Naturgesetze zu formulieren. Sie bilden dann die Voraussetzung für Prognosen, die das außergewöhnliche Eingreifen Gottes kategorisch ausschließen. Die Naturwissenschaften erachten die Naturgesetze als gegeben und können mit ihren eigenen Mitteln keine Aussagen über deren Herkunft machen. Der Glaube hingegen erblickt in den Naturgesetzen die Handschrift des Schöpfers, der die Schöpfung mitsamt ihrer Ordnung ins Leben gerufen hat.

Schöpfung

Der Begriff der Schöpfung bezeichnet die Entstehung der Welt aus der Sicht des Glaubens. Die Urgeschichte der Bibel stellt die Welt als eine Schöpfung Gottes aus dem Nichts vor. Damit einher geht die Bestimmung Gottes als Schöpfer und die Zuordnung des Menschen als sein Geschöpf. Das von der Schöpfungserzählung vermittelte Gottesbild beschreibt Gott als einen Schöpfer, der kraft seines Wortes ins Dasein ruft („Da sprach Gott: Es werde Licht! Und es wurde Licht.“ Gen 1,3) und die Welt durch Unterscheidung ordnet („Nun sprach Gott: Es sollen Leuchten werden am Gewölbe des Himmels, damit sie scheiden zwischen dem Tag und der Nacht;“ Gen 1,14). Auch der Schöpfungsbericht selbst strukturiert die Erschaffung der Welt anhand von sieben Tagen, wobei Gott am letzten Tag ruht. Auf eine zentrale Funktion der biblischen Schöpfungserzählung verweisen die in ihm enthaltenen Urteile Gottes über sein Werk: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (Gen 1,31) Der Lesende erfährt sich beim Lesen als Teil der guten Schöpfung Gottes und weiß sich als Geschöpf in Beziehung gesetzt zu Gott als einer der sichtbaren Welt vorausliegenden, vertrauenswürdigen Wirklichkeit, die deren Sinnhaftigkeit und ihre Ordnung verbürgt.

Damit geht die biblische Schöpfungserzählung über die Grenzen naturwissenschaftlicher Erklärungsmodelle hinaus, indem sie vermittels ihrer Wirklichkeitsbeschreibung abzielt auf die Wirklichkeitsdeutung. Sie setzt ihre Leser(innen) in Beziehung und animiert zu Dank und Schöpferlob.

Evolution

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jh. tritt die von Darwin, Haeckel und anderen Naturwissenschaftlern formulierte Evolutionstheorie in Konkurrenz zur klassischen Schöpfungstheologie. Sie geht aus von einer langen, ungesteuerten Entwicklung der Arten mittels Mutation und Selektion. Die heute vorfindlichen Lebewesen seien die, welche sich aufgrund mutationsbedingter Vorteile gegenüber anderen durchgesetzt hätten und daher nicht „von der Natur“ ausselektiert wurden. Neben dem Zufall als dem treibenden Element innerhalb der Evolutionstheorie kommt so auch dem Tod eine für die Entwicklung der Arten maßgebliche Rolle zu.

Urknall

Die sogenannte Urknall-Theorie überträgt die Annahmen der Evolutionstheorie auf dem Gebiet der Entstehung der Lebewesen auf die Entstehung des gesamten Kosmos. Wie die Evolutionstheorie insgesamt operiert sie als ein rein naturwissenschaftlicher Erklärungsversuch ohne die „Hypothese Gott“. D.h. sie versucht die Existenz der Welt ohne göttliche Einwirkung aus sich selbst heraus zu erklären. Als Urknall wird dabei der Impuls bezeichnet, der am Anfang der weiteren Entwicklung steht. Die Urknall-Theorie befindet sich damit in einer gewissen Analogie zur Vorstellung einer creatio ex nihilo – also einer Schöpfung aus dem Nichts – , als Voraussetzung für die weitere Entwicklung der Welt und ihrer Lebensformen.

Kreationismus

Der Begriff des Kreationismus stammt aus dem englischen Sprachraum und beschreibt eine Bewegung, deren Anliegen es ist, die Evolutionstheorie im Gegenüber zur Schöpfungslehre aus rein naturwissenschaftlich-logischen Gründen als unplausibel zu erweisen. Obwohl der Kreationismus seine Motivation aus dem Glauben zieht vermeidet er den Begriff „Gott“ zugunsten des dialogoffeneren und weniger verdächtigen Begriffs „intelligent design“. Eines seiner wesentlichen Argumente bildet der Verweis auf die Komplexität lebender Organismen, deren Entwicklung nicht graduell – über verschiedene funktionslose Vorstufen hinweg – vorstellbar sei. Während der Kreationismus im deutschen Sprachraum als Randphänomen bezeichnet werden kann, findet er in Nordamerika eine breite Anhängerschaft.

Schöpfung durch Evolution

Demgegenüber bemüht sich die Mehrheit der (deutschsprachigen) Theolg(inn)en der Gegenwart um eine konstruktive Vermittlung von Schöpfungslehre und Evolutionstheorie. Diese Anknüpfungsversuche lassen sich auf die Formel verkürzen: Gott hat die Welt und alles was lebt durch Evolution geschaffen. Die Vorstellung der creatio ex nihilo wird so um die der creatio continua (fortgesetzte Schöpfung durch evolutionäre Vorgänge) ergänzt. Demnach stammen die entscheidenden Impulse zur Entstehung der Welt und ihrer Lebewesen von Gott. Der bereits vorhandenen Schöpfung komme jedoch die Würde der Mitwirkung an der weiteren Entwicklung zu. Als ein besonderer Beitrag des Menschen könnte in diesem Zusammenhang auch die visionäre Forschung auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz angesehen werden.

Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft

Ein früher und klassischer Vertreter dieses Vermittlungsanliegens ist der Theologe und Naturwissenschaftler Teilhard de Chardin (1881-1955). Unter dem Namen „Hyperphysik“ wollte er die Methoden der Naturwissenschaften mit denen der Theologie zusammenführen und so eine Einheitswissenschaft begründen.

Der Herausforderung, die die Errungenschaften der Naturwissenschaften für die Theologie darstellen, können auch aktuelle theologische Entwürfe – gerade sie – nicht ausweichen.

So findet die Verhältnisbestimmung von Glaube und Naturwissenschaft z.B. auch im Werk Hans Küngs Beachtung. Band 11 der Reihe Hans Küng Sämtliche Werke vereint Küngs wichtigste Schriften zu dieser Thematik – etwa seine zeitgemäße Interpretation des Apostolischen Glaubensbekenntnisses und eine Abhandlung zu Religion und Psychologie.

Weitere Vermittlungsversuche unternehmen die Autor(inn)en des Sammelbandes Evolution der Offenbarung – Offenbarung der Evolution. Die Beiträge der Naturwissenschaftler, Theologen und Philosophen gehen auf einen Dialog im Rahmen eines Symposions zurück und beinhalten auch eine theologische Reaktion auf die Anwendung des Evolutionsparadigmas auf die Entstehung von Religion insgesamt.

In einer Spezialausgabe mit dem Titel Getrennte Welten? Der Glaube und die Naturwissenschaften widmet sich auch die Herder Korrespondenz dem aktuellen Forschungs- und Diskussionstand aus der Perspektive verschiedener Disziplinen.

In einem kritischen Beitrag zu den Neurowissenschaften befasst sich etwa Klaus Müller mit den Grenzen der Erforschung des menschlichen Gehirns, des Bewusstseins und des freien Willens.

Reinhard Lassek fragt nach den Auswirkungen der Quantentheorie für den Glauben und Hans-Dieter Mutschler setzt sich mit dem „Neuen Atheismus“ auseinander, der sich explizit auf die Naturwissenschaften beruft.

Mit den methodischen Vorentscheidungen jedes wissenschaftlichen Zugangs – auch der Theologie – befasst sich Michael Bongardt.

Reinhold Bernhardt fragt nach dem Handeln Gottes angesichts der Naturgesetze. Sein Plädoyer für das Modell „Schöpfung durch Evolution“ verdeutlicht er an einem Beispiel: „Nicht Heilung durch Gottes Kraft oder durch medizinische Behandlung, sondern Heilung durch Gottes Kraft unter Inanspruchnahme der ärztlichen Kunst.“

In einem aufschlussreichen Durchgang durch die jüngere Theologiegeschichte verdeutlicht Reinhold Esterbauer das Bestreben der christlichen Theologie, sich komplementär zu den Naturwissenschaften zu verhalten. Dass dieses positive Verhältnis keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt Andreas Benk in seinem Beitrag anhand der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik. Aus zahlreichen Negativ-Beispielen zieht der Physiker und Theologe die Lehre: „Mit Blick auf den gegenwärtigen Dialog zwischen Theologie und Physik können die theologischen Reaktionen auf Relativitäts- und Quantentheorie als Warnung verstanden werden, jede neue physikalische Erkenntnis umgehend mit einem theologischen Kommentar zu quittieren und unmittelbar theologisch ausbeuten zu wollen.“

Ulrich Lüke klärt in seinem Beitrag Zufall oder göttliches Design? Eine Skizze des Konflikts Schöpfungstheologie versus Evolutionstheorie die Rolle des Zufalls auch innerhalb der Schöpfungstheologie.

Dem neuartigen Phänomen der Neurotheologie – einer neurowissenschaftlichen Betrachtung theologischer Fragen bzw. religiöser Erfahrungen – widmen sich Thomas M. Schmidt und Silke Lechtenböhmer.

Neben diesen kompakten Einblicken in die Debatte verdienen auch zwei umfassendere Entwürfe zur Thematik Erwähnung:

In seinem Buch Wie handelt Gott in der Welt? Reflexionen im Spannungsfeld von Theologie und Naturwissenschaft formuliert der Fundamentaltheologe Christoph Böttigheimer u.a. ein zeitgemäßes Verständnis von Wundern als Voraussetzung für die im Gebet sich Ausdruck verschaffende Bitte um Gottes Eingreifen.

Was die Erkenntnisse der Quantenphysik für die Beantwortung der drängenden Lebensfragen austragen, zeigt das in dem Buch Wir erleben mehr als wir begreifen dokumentierte Gespräch zwischen der Philosophin Marianne Oesterreicher und dem Physiker und Träger des Alternativen Nobelpreises Hans-Peter Dürr.

Artikel zum Thema

Produkt wird in den Warenkorb gelegt.
 
Weiter shoppen Zum Warenkorb Sie haben einen Artikel in den Warenkorb gelegt.

Artikel

Ausgabe

Einzelpreis

Menge

Gesamtpreis