Barmherzigkeit

Barmherzigkeit ist die Bereitwilligkeit, aus Liebe dem Notleidenden und Hilflosen zu helfen.

Die Barmherzigkeit Gottes wird im AT mit verschiedenen Begriffen ausgesagt: Gütigsein, mütterlich empfinden, Mitleid haben, sich herabneigen, bezogen auf die Gesinnung Gottes wie auf seine konkreten Hilfen. Die Barmherzigkeit Gottes ist nicht nur als ungeschuldet charakterisiert, sondern auch mit Erwartungen an die Menschen verbunden, von denen Gott Barmherzigkeit erwartet. Der mögliche Zorn Gottes ist besiegt durch seine Barmherzigkeit u. seine grenzenlose Geduld.

Diese Sicht bezeugt auch das NT. In den synoptischen Evangelien wird der göttlichen Forderung nach Barmherzigkeit der Menschen in Gestalt von Weisungen und Gleichnissen breiter Raum eingeräumt. Diese Barmherzigkeit erweist sich nicht in Gefühlen, sondern in praktischer Hilfe und effektivem Verzeihen (Mitleid). In den paulinischen Barmherzigkeit deuteropaulinischen Texten wird das Angewiesensein der Menschen auf Gottes Barmherzigkeit und die Rettung der Menschen durch sie betont. In der Theologiegeschichte taucht die Spannung von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes auf und führt z.T. zur Forderung nach ausgleichender Gerechtigkeit, Bestrafung der Bösen und zumindest für die Zeit nach dem Tod eines Menschen nach einer Ablösung der Barmherzigkeit Gottes durch seine Gerechtigkeit (besonders deutlich bei Anselm von Canterbury † 1109; Satisfaktionstheorie). Die gegensätzliche und der Gottesoffenbarung entsprechende Meinung setzt der Barmherzigkeit Gottes keine Grenzen und weist darauf hin, dass Gott Möglichkeiten besitzt, seine Gerechtigkeit in Übereinstimmung mit seiner Barmherzigkeit zu bringen.

In der christlichen Tradition wurde die menschliche Barmherzigkeit in jeweils 7 Werken der leiblichen und geistigen Barmherzigkeit beispielhaft konkretisiert. Das Bewusstsein auf das Angewiesensein auf Gottes Barmherzigkeit tritt in der Gegenwart hinter den unterschiedlichen Wirkungen eines Unschuldsbewusstseins zurück. Durch Apathie gegenüber individuellen Leidenssituationen und durch den Alibi-Hinweis auf Leistungen der gesetzlichen Sozialhilfe wird die eminente Bedeutung der menschlichen Barmherzigkeit gefährdet.

Quelle: Herbert Vorgrimler: Neues Theologisches Wörterbuch, Neuausgabe 2008 (6. Aufl. des Gesamtwerkes), Verlag Herder

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