... so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen

Es ist ein Segen, Ruhe zu finden für die Seele. Offene Fragen weitgehend beantwortet. Stolpersteine weitgehend weggeräumt. Fehler weitgehend erkannt, eingestanden und wo möglich behoben. Weitgehend verstanden, wer ich bin. Die quälende Frage, wer ich sein könnte, weitgehend ad acta gelegt. Weitgehend erkannt, wer mich aushält, wen ich aushalte, mit wem ich durchhalte, bei wem ich bleibe. Angekommen sein, ohne festgefahren zu sein. Loslassen können, ohne mich aufzugeben. Und von „außen“ kein Krieg, keine Pandemie, weder Dürre noch Überschwemmung, weder Hungersnot noch Diktatur.
Das wäre der Himmel auf Erden. Heile Welt. Geheilte Welt. Nach unser aller Erfahrung doch – wenn überhaupt – nur weitgehend möglich.
Die Religionen mögen noch so verschieden sein; jenseits aller Kontroversen sind sie sich einig: Stille heilt. Die Religionen suchen auf je ihren Wegen die Ruhe der Seele.
Gauthama Buddha zieht sich monatelang zurück, meidet den Kontakt mit Menschen, meidet jedes Wort. Jesus ist der Menge überdrüssig, geht aus ihrer Mitte weg auf einen Berg, in die Wüste, in die Stille. Mohammed erfährt seine Offenbarungen in der Einsamkeit. Zenmönche hören den Felsen beim Wachsen zu. Benediktiner-Klöster laden ein zu Schweigekursen. Kirchentage sparen einen Raum auf als „Raum der Stille“.
Ich bin ein Kind dieser Zeit. Als Kind dieser Zeit spüre ich ein Bedürfnis nach Stille. Menschen brauchen lebensnotwendig Ruhe. Menschen suchen Orte, Räume und Zeiten der Stille. Vermutlich braucht es dazu nicht einmal den besonderen Lärm der heutigen Zeit. Jede Zeit wird ihren Lärm gehabt haben, der die Ohren beleidigt und die Seele müde macht.
2004 war ich wieder einmal in Peking. Wie immer auch auf dem „Platz des himmlischen Friedens“. Der Tian’anmen-Platz oder „Platz (am Tor) des Himmlischen Friedens“ ist ein Platz im Zentrum von Peking, der Hauptstadt der Volksrepublik China. Er wird mit seinen 39,6 ha Fläche oft als größter befestigter Platz der Welt bezeichnet. An der Nordseite steht das Tian’an Men, das Tor des Himmlischen Friedens, hinter dem sich die Verbotene Stadt bis zum „Himmelstempel“ anschließt. Bis 1911 war der Platz nicht öffentlich zugänglich. Ab 1911 war er eine wichtige Demonstrationsstätte mit einem Fassungsvermögen von bis zu einer Million Menschen. Viele erinnern sich noch an den 4. Juni 1989, den blutigen Endpunkt monatelanger Proteste der chinesischen studentischen Demokratiebewegung auf dem Tian’anmen-Platz.

Während andere die großen umliegenden Gebäude bestaunten, dem genialen Reisebegleiter Yang lauschten und auf das Himmelstor zugingen, während chinesische Kinder Drachen steigen ließen, fiel mir ein junges Paar auf. Ich ging sehr viel näher. Eher Koreaner als Chinesen. Sie standen eng umschlungen mitten auf dem riesigen Platz, betrachteten von Weitem den Eingang des Himmelstores mit dem riesigen Bild von Mao Zedong, der dort 1949 die Volksrepublik China ausgerufen hatte. Sie trug eine Jacke, auf deren Rückseite groß der Name Jesus aufgedruckt war. Der ganze Text: „Jesus, that‘s my final answer“ – „Jesus, das ist meine letzte Antwort“. Ein beeindruckendes Bild auf dem „Platz des himmlischen Friedens“.
Der nicht mehr nur weitgehende Frieden, die nicht nur weitgehende Ruhe der Seele, die nicht nur weitgehend von Covid 19, Krebs, Gier und Machtspielen geheilte Welt ist „himmlisch“. Jesus lädt alle (? alle!) ein, Ruhe zu finden für die Seele. Dazu seien – so meint er nach Matth 11,28f – bei ihm, dem sanften Heiler, keine belastenden Schritte nötig: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“

Gelegentlich erlebe ich mich zerrissen, viergeteilt, verurteilt zum stetigen Blick auf die Uhr, süchtig nach Bildern, Geräuschen und Klängen.
Dann wieder sehne ich mich nach Ruhe und Stille, nach einer Auszeit für Leib und Seele.
Doch wohin ich gehe, ans Meer, in ein Kloster, auf einen Berg – ich nehme den Lärm mit, die unaufgeräumte Seele hat noch so viele Geschäfte zu erledigen.
Schon seit Jahren liebe ich den Vierzeiler von Reiner Kunze, zu dem ich einen „Besonderen Gottesdienst“ in dieser September-Ausgabe anbiete:

„Einladung zu einer Tasse Jasmintee
Treten Sie ein, legen Sie Ihre
traurigkeit ab, hier
dürfen Sie schweigen“

Immer wieder denke ich, diese vier Zeilen sollten am Eingang unserer Kirchen stehen.

Ich schließe Sie alle, liebe Leserinnen und Leser der ­PASTORALBLÄTTER, ein, die lastenden Geschäfte dem „sanften Heiler“ anzuvertrauen.

Gerhard Engelsberger

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