Es gibt einfachere „Vaterländer“ – Gottesdienst am Tag des Gedenkens an die Novemberpogrome

1. Petrus 5,8f

Zitate zur Anregung und Einstimmung – evtl. auch in der Begrüßung und im Eingangsteil des Gottesdienstes zu verwenden:
„Die Geschichte kennt kein letztes Wort.“ (Willy Brandt)
„Alle wahrhaft schlimmen Dinge beginnen mit der Unschuld.“ (Ernest Hemingway)
„Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt.“ (Thomas Mann)
„Erinnerung ist das Geheimnis der Versöhnung.“ (Elie Wiesel)

Es begegnet mir immer wieder, dass in Gesprächen festgestellt wird, dass in Familien ein bestimmter Tag eine besondere Bedeutung hat. Geburtstage, Jahrestage von Sterbefällen oder Beerdigungen. Ob dies nun Schicksal oder Zufall ist, will ich offen lassen, weil es von dem Gesprächspartner ja als Tatsache erlebt wird. Leben verlangt eine Deutung und keine Belehrung.
Mir scheint, dass dem 9. November in unserem Land eine besondere Bedeutung zukommt.
Ein Blick in den Kalender zeigt, dass an diesem Tag Besonderes geschehen ist. Und dies Besondere weckt vielfältige und vielschichtige Gefühle und führt auch zu kontroversen Debatten. Allein im 20. Jahrhundert sind vier bedeutende Ereignisse notiert: der Fall der Berliner Mauer 1989, die Reichspogromnacht 1938, der Hitlerputsch 1923, die Ausrufung der Republik 1918.
Helle und dunkle Ereignisse, Freude und Entsetzen kommen zum Vorschein.

Es gibt einfachere Tage für uns in Deutschland. Es gibt einfachere Vaterländer.
Gustav Heinemann hat bei seinem Amtsantritt als Bundespräsident am 1. Juli 1969 Deutschland als „schwieriges Vaterland“ bezeichnet, aber weil man hier lebe, wolle man seinen „Beitrag für die eine Menschheit mit diesem und durch dieses unser Land leisten“.
Insofern kann man wohl von einem schwierigen Tag und von einem Schicksalstag für uns Deutsche sprechen. Also: Stellen wir uns diesem 9. November. Es ist und bleibt ein schwieriger Tag. Ein Stein des Anstoßes – auch und gerade zum Nachdenken.
Ich erinnere mich noch an das Projekt von drei Jugendlichen, die vor ein paar Jahren die Spuren von jüdischen Mitbürgern in unserer Stadt versucht haben zu erforschen. Die Quellenlage war recht spärlich und die Arbeit gestaltete sich schwierig. Und auch Bemerkungen wie „Muss das jetzt noch sein“ waren zu hören. Aber einige Biographien jüdischer Mitbürgerinnen konnten die Jugendlichen ausfindig machen. Das Projekt wurde öffentlich im Gemeindehaus vorgestellt, und zum Abschluss des Projekts wurden „Stolpersteine“ vor einem Haus in das Gehwegpflaster eingelassen, um an unsere jüdischen Mitbürger zu erinnern, die hier gewohnt und gelebt haben. Ein paar Jahre lang haben wir uns als Zivilgesellgesellschaft dann immer am 9. November abends um 18.00 Uhr an den Stolpersteinen versammelt. Das Abendläuten der Kirchenglocken war zu vernehmen. In den Glockenklang eingebettet und gehüllt, haben wir nochmals die Lebensgeschichten der Menschen gehört und haben die Stolpersteine gereinigt. Nicht, um sie zu säubern und zu polieren, sondern um sie zu reinigen, um die Erinnerung und die Tradition wachzuhalten. Die Spuren sollen eben nicht beschönigt oder beseitigt werden. Die Spuren sollen bleiben.

Und dabei gilt auch jenes, was Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 8. Mai – dem Tage des Endes des Zweiten Weltkrieges – ausführte: „Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie lässt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“

Es jährt sich heute der Tag der Zerstörung der Synagogen in Deutschland zum 82. Mal. „Kristallnacht“ – so habe ich es noch in der Schule gelernt, und erst später wurde aus der „Reichskristallnacht“ der „Tag der Novemberpogrome“. Allein die Veränderung der Begrifflichkeit zeigt, wie schwer es fiel, sich der Wirklichkeit zu stellen – sie nicht zu beschönigen, sondern den Schmerz und das Entsetzen auch in Worte zu fassen und auch zuzulassen und damit auch auszuhalten.

Als biblisches Wort zum Bedenken der Pogromnacht 1938 ist uns in diesem Jahr ein Text aus dem 1. Petrusbrief gegeben.

Lesung: 1. Petrus 5,8f.

Nüchtern und nicht fanatisch. Wach und nicht träge. Diese zwei Grundrichtungen des Textes nehme ich wahr. Der brüllende Löwe, von dem die Rede ist. Es sind wohl historisch nicht die Dämonen des Römischen Reiches. Und damit heute nicht die „bösen“ Nachbarn, vielmehr die Dämonen in uns. Das Böse steckt in uns. Der Löwe brüllt in uns.
Deshalb seid nüchtern und wachsam. Berauscht euch nicht an euren Fähigkeiten und lebt eure blutrünstigen Tagträume aus den Ballerspielen des Internets nicht aus. Seid aufmerksam, wo blutige und menschenverachtenden Phantasien wieder zum Vorschein kommen. Halle an der Saale kann überall sein. Der Löwe, er brüllt noch immer und hat doch manchmal wie im Märchen Kreide gefressen, um die üblen Absichten und die zerstörerische Gesinnung zu kaschieren.
Die Dämonen sind listig wie die Schlange, die sich im braunen Schlamm fortbewegt und ihr tödliches Gift verströmen will „Sollte es wirklich 1938 so gewesen sein?“ und „Muss es nicht irgendwann einmal ein Ende haben mit dem ewigen Schuldkomplex des Erinnerns?“. Das Gift wird in Form der Frage unter die Menschen gebracht.
Seid nüchtern und wachsam. Wehret den Anfängen. Nicht leugnen und kein Verdrängen. Und auch keine Belehrung mit erhobenem Zeigefinger, der den Weg von mir weg vorgibt und auf andere zeigt.
Und auch nicht mit leicht erhöhtem Tonfall.

Vielmehr als Antidot gegen das tödliche Gift der Schlange: in mich gehen.
Ehrlich, nüchtern, aufmerksam und wahrhaftig.
Nüchtern und sachlich, auch und gerade wenn es wehtut.
Ich verorte mich in der Gegenwart und mit meiner Geschichte.
Nein, wir sind nicht besser als unsere Väter und Großmütter. Wir können uns nicht frei machen von der Last der Geschichte. Die Geschichte des 9. Novembers 1938 gehört genauso zu unserem kulturellen Erbe wie der 9. November 1989.
„Erinnerung ist das Geheimnis der Versöhnung“, so sagte es Elie Wiesel, ein Überlebender der Konzentrationslager. Wenn ich erinnere, wenn ich gedenke und bedenke, dann vertreibe ich die Gespenster, die hinter der Tür warten. Die vielleicht größte Hypothek der deutschen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg war das Verdrängen und Verleugnen.
Dagegen die Arznei und das Antidot: Sei wachsam und nüchtern.

Anregungen und Fundorte für Gebete:
W. Brinkel und H. Hilgendiek (Hg.), Neue Eingangs- und Fürbittengebete für die Sonn- und Feiertage des Kirchenjahres, Gütersloh 1994, S. 150f.
E. Domay und H. Köhler (Hg.), Gottesdienstbuch in gerechter Sprache. Gebete, Lesungen, Fürbitten und Segenssprüche für die Sonn- und Feiertage des Kirchenjahres, Gütersloh 2003
Das Versöhnungsgebet/die Versöhnungslitanei aus Coventry (EG 828)

Psalmvorschlag: Psalm 74
Evangelium: Markus 14,66–72
Lesung: Sprüche 24,10–12
Liedvorschläge: 146 (Nimm von uns, Herr, du treuer Gott)
235 (O Herr, nimm unsre Schuld)
382 (Ich steh vor dir mit
leeren Händen, Herr)
EG.E 12 (Meine engen Grenzen)
EG.E 25 (Lass uns in deinem
Namen, Herr)

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