Resilienzförderung in der Krabbelgruppe eines Mutter-Kind-HausesDer kleine MuK

Im „Kleinen MuK“ werden Kinder betreut, deren Mütter aus schwierigen Lebenssituationen kommen, und in ihrer Resilienzentwicklung unterstützt. Ein Interview mit der stellvertretenden Leiterin Christiane Schaber-Schoor.

Der kleine MuK
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Liebe Frau Schaber-Schoor, um was für eine Einrichtung handelt es sich bei der Krabbelgruppe „Kleiner MuK“?
Die Krabbelgruppe „Kleiner MuK“ ist in das Mutter-Kind-Haus Maria-Magdalena unter Trägerschaft des Sozialdienstes Katholischer Frauen in Freiburg eingebettet. Im Mutter-Kind- Haus leben derzeit 15 Schwangere und Mütter im Alter von 14 bis 33 Jahren mit ihren Kindern in kleinen Appartements. Aufgrund ihres biografischen Hintergrunds wie z. B. persönlicher Lebenskrisen können sie nicht in ihrem bisherigen Umfeld bleiben, da sonst die sichere Versorgung ihres Kindes nicht kontinuierlich gewährleistet wäre. Durch den geschützten und unterstützenden Rahmen unseres Hauses soll eine gelingende Mutter-Kind-Beziehung ermöglicht werden bis hin zum Hineinwachsen in ein eigenverantwortliches Leben. Die Kinder, momentan neun im Alter von null bis vier, werden in der hausinternen Krabbelgruppe betreut; einerseits, um die Mütter zu entlasten und ihre schulische bzw. berufliche Laufbahn zu fördern, andererseits, um den Kindern neue Erfahrungsräume zu öffnen. Der „Kleine MuK“ bietet außerdem in der angeschlossenen Elternschule entwicklungspsychologische Beratung, Videotraining und praktische Begleitung für Schwangere, Mütter und Väter an, um die elterlichen Kompetenzen zu erweitern.

Sie beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Resilienz. Warum ist dieses Thema im Mutter-Kind-Haus so relevant?
Die Mütter, die bei uns leben, bringen oftmals schon einen „schweren Rucksack“ an Belastungen mit, z. B. eigene brüchige Beziehungserfahrungen, eine frühe Schwangerschaft, Gewalterfahrungen, Sucht, soziale Isolation, Flucht, eine Lernbehinderung oder psychische Beeinträchtigung. Das Leben mit einem Neugeborenen bzw. Kleinkind ist für die meisten Eltern eine Herausforderung: Durch ihre eigene belastete Biografie und ihr hohes Stressniveau fällt es ihnen oft schwerer, die Bedürfnisse ihres Kindes feinfühlig zu beantworten. Dies äußert sich bei den Kindern in Reaktionen wie Unruhe, Schlaf- und Essproblemen, einem hohen Erregungs- und Aktivitätsniveau, Überängstlichkeit, Passivität sowie einer erschwerten Selbstregulation und vermehrtem Schreien und Weinen. Ziel unserer Arbeit ist es, Eltern und Kinder in ihrer Resilienz so zu stärken, dass sie Krisen und Misserfolge, aber auch weitere Entwicklungsschritte besser meistern und in schwierigen Zeiten auf ihre persönlichen Ressourcen und vermittelten Kompetenzen zurückgreifen können.

Was bedeutet das für die pädagogischen Fachkräfte der Krabbelgruppe und ihre Arbeit? Auf welche Weise versuchen sie, die Resilienz der Kinder zu stärken?
Alle Fachkräfte (unser Team besteht aus einer Sozialpädagogin, zwei Kindheitspädagoginnen, einer Kinderkrankenschwester und einer Hebamme) sind mit bindungstheoretischem Wissen und dem Konzept der Resilienzförderung fortgebildet. Ressourcenorientierung, Wertschätzung und ein individueller Blick aufs Kind gehören zur pädagogischen Grundhaltung. Jede Fachkraft arbeitet intensiv mit ihrem Bezugskind: Im Alltag ist sie eine verlässliche Bindungsperson und die Hauptverantwortliche für alle Belange des Kindes, z. B. beim Essen, Wickeln, Trösten und Spielen. Sie passt sich dem Tempo des Kindes an, kommt dessen Nähe- und Autonomiebedürfnis nach, unterstützt und ermutigt es beim Erkunden, fungiert als Co-Regulatorin bei Stress und begleitet das Kind sprachlich. In der Elternarbeit ist sie die Person, die die Mutter anleitet und manchmal auch zur Übersetzerin für die Signale des Kindes wird. Durch Selbst- und Teamreflexion entwickeln wir uns weiter. Bei Fallbesprechungen werden wir von einer externen Supervisorin begleitet. Dabei überlegen wir, welche Resilienzfaktoren bei welchem Kind besonders zu fördern sind (z. B. Selbstwirksamkeit, Selbstwahrnehmung oder Problemlösefähigkeit) und wie wir dies umsetzen können. Bei einem zurückgezogenen Kind z. B., das seine Bedürfnisse kaum zeigt, ist die Fachkraft besonders aufmerksam für seine kleinsten Äußerungen, bestärkt es und reagiert prompt darauf, indem sie die Gefühle des Kindes benennt und es bspw. tröstend im Arm wiegt. So unterstützt sie das Kind darin, positive und negative Gefühle auszudrücken, eigene Möglichkeiten zur Stressreduktion zu erproben oder sich Hilfe zu holen. Ein unsicheres Kind ermutigt die Fachkraft vermehrt zum selbstständigen Erforschen und gibt ihm Hilfestellung dabei, Selbstwirksamkeitserfahrungen zu machen, bspw. beim Einsteigen in den Hochstuhl oder beim Versuch, die Cremetube selbst aufzudrehen.

Inwiefern erstreckt sich die resilienzfördernde Arbeit auch auf die Mütter?
Zum einen werden die Mütter von den Pädagoginnen der Wohngruppen bei der Alltagsbewältigung und Tagesstrukturierung unterstützt. Auch werden sie motiviert, ihr Leben aktiv in die Hand zu nehmen, und dadurch in ihrer Persönlichkeit gestärkt. Die Pädagoginnen begleiten sie z. B. bei der Therapeutensuche, beim Finden eines geeigneten Ausbildungsplatzes oder bei der Schuldenregulierung. Zum anderen werden die Mütter von Anfang an als die wichtigste Bezugsperson für ihr Kind gesehen. Sie gestalten z. B. im „Kleinen MuK“ die intensive Eingewöhnungszeit mit und berichten den Fachkräften, welche Vorlieben ihre Kinder haben und was besonders an ihnen ist. Gleichzeitig können die jungen Frauen den Umgang mit den Kindern im „Kleinen MuK“ beobachten; die Pädagoginnen dienen hier als positives Rollenmodell bei allen Themen rund ums Kind, von Säuglings- und Kinderpflege über Ernährung bis zur Entwicklungsförderung. Ein weiteres Modul des „Kleinen MuK“ ist das videogestützte Training: Indem wir alltagstypische Mutter-Kind-Interaktionen filmen und gemeinsam mit der Mutter analysieren, können wir ihre Feinfühligkeit für die Signale und Bedürfnisse des Kindes schärfen, ihr Verständnis für das Kind fördern und so ihre elterliche Kompetenz erweitern und die Mutter-Kind-Bindung stärken.

Welche besonderen Herausforderungen und welche Erfolgserlebnisse prägen Ihre Arbeit?
Eine besondere Herausforderung ist es, wenn die Zusammenarbeit mit einer Mutter nicht gelingt und abbricht. Dann müssen wir akzeptieren, dass unsere Arbeit Grenzen hat. Eine Mutter, die in unser Haus kommt, muss das auch wollen und sich ganz auf unser Konzept einlassen – wenn sie das nicht tut, können wir nur schwer unser Ziel erreichen, nämlich die Mutter-Kind-Beziehung nachhaltig zu festigen, ihre Resilienz zu stärken und die Mutter zu einem eigenverantwortlichen Leben zu befähigen. Erfolgserlebnisse haben wir, wenn sich z. B. die Kommunikation der Mutter mit ihrem Kind erweitert. Besonders freuen wir uns, wenn wir den Stolz der Mütter auf ihre Kinder wachsen sehen oder wenn sich Mütter teils Jahre nach ihrem Auszug melden und sich im Nachhinein für die Zeit im Mutter-Kind-Haus bedanken.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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