Kinderbetreuung in einer FlüchtlingsunterkunftIm Hier und Jetzt

Ein Team aus Tagesmüttern und Ehrenamtlichen betreut die Kinder in der Flüchtlingsunterkunft Heppenheim und bieten ihnen so einen sicheren Ort, konstante Bezugspersonen und viel Zuwendung.

Im Hier und Jetzt
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Kommt ein Kind zum ersten Mal in den Gruppenraum, bleibt es direkt da, es steht nicht an der Tür und weint auch nicht seiner Mutter hinterher. Für die Pädagoginnen ist das zunächst sehr ungewöhnlich. Das Leben auf der Flucht scheint sichtbare Spuren hinterlassen zu haben: „Die Kinder mussten sich oft umstellen“, meint Katharina Naegele, Leiterin des Kindergartens in der Flüchtlingsunterkunft Heppenheim. Allerdings sind die Jungen und Mädchen anfänglich sehr verschlossen. Es dauert lange, bis sie zu einem neuen Menschen Vertrauen fassen. „Wenn man von ihnen einen Blick kriegt, ist das ein Geschenk“, sagt Frau Naegele.

Vom Konferenzraum zum Kindergarten

Die Flüchtlingsunterkunft Heppenheim ist in einem alten Verwaltungsgebäude untergebracht und bietet Platz für bis zu 300 Personen. Während die Mühlen der deutschen Demokratie mahlen, erleben die Flüchtlinge dort Monate des Wartens, der Untätigkeit und der Ungewissheit. Seit Juli 2016 gibt es für die Familien die Möglichkeit, ihre Kinder in einem eigens dafür hergerichteten Raum betreuen zu lassen. Finanzielle Unterstützung hierfür kommt von dem ansässigen Pharmahersteller InfectoPharm, der auf seine Weihnachtsfeier verzichtet und das Geld stattdessen der Kinderbetreuung spendet. Aufgrund der begrenzten Öffnungszeiten ist es keine betriebserlaubnispflichtige Einrichtung – dennoch nennen ihn alle „Kindergarten“, denn dieses Wort ist den Kindern und ihren Eltern geläufig. Der Raum ist ein ehemaliger Konferenzraum, ausgestattet mit Tischen, Stühlen und Spielmaterialien aus Sachspenden. Anfangs kamen Kinder im Alter von null bis zehn Jahren, aber jetzt, da die Kinder Kita- und Schulplätze erhalten haben, sind es ausschließlich Null- bis Dreijährige. Betreut werden sie von einem Team aus Tagespflegepersonen und ehrenamtlichen Helfern; Katharina Naegele, Leiterin des Familienzentrums Bensheim, übernimmt die Organisation und leitet die Teamsitzungen. „Die Arbeit ist super abwechslungsreich“, erzählt sie. „Nichts ist wirklich planbar, wir müssen sehr flexibel und autonom sein. Aber es macht uns allen großen Spaß, wir lernen immer dazu und die Kinder geben uns so viel.“
Die meisten Flüchtlinge sind Wirtschafts- und Kriegsflüchtlinge, sie kommen aus Mazedonien, Albanien, Äthiopien, Somalia, Afghanistan, Syrien, Eritrea, aus dem Libanon und dem Irak. Viele Familien sind auf der Flucht getrennt worden und wissen nicht, wo ihre Angehörigen sind. Meist kommen die Menschen aus Diktaturen – das spüren die pädagogischen Fachkräfte auch in ihrer täglichen Arbeit: „Die Eltern sind hierarchische Strukturen gewöhnt und finden unser Bestreben nach einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe ganz komisch.“ Man verständigt sich mit Händen und Füßen, in unterschiedlichen Sprachen oder mithilfe selbst entwickelter Icon-Karten. Auch deshalb hält sich die Zusammenarbeit mit den Eltern in Grenzen. Trotzdem ist der Austausch mit ihnen eine große Bereicherung für die Fachkräfte, weil sie viel über deren Herkunftsländer und Kulturen erfahren.

Mit Liedern und Spielen durch den Tag

Die Anzahl der Kinder im Kindergarten schwankt ständig – man weiß nie, wer am nächsten Morgen kommen wird, manchmal stehen plötzlich ganz neue Familien in der Tür. Aktuell werden sieben Kinder betreut. Der Kindergarten ist von 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr geöffnet, aber da die Kinder keine Tagesstruktur gewohnt sind, ist es schwer, geregelte Zeiten festzulegen. Sie kommen morgens einfach irgendwann oder werden von den Fachkräften in ihren Zimmern abgeholt. Die Betreuung der Kinder gestaltet sich ganz anders als in einer regulären Kita: Die Kinder hier zeigen bspw. keinerlei Interesse an Büchern – Bilderbücher haben sie nie kennengelernt. Beim gemeinsamen Singen von Liedern im Sitzkreis wecken die Pädagoginnen schon eher ihre Neugier. Auch auf kreative Aktivitäten lassen sich die Kinder gerne ein. Viele Kinder weisen ein gestörtes Essverhalten auf – eine Mangelversorgung auf der Flucht, so vermuten die Pädagoginnen, könnte die Ursache dafür sein. Mahlzeiten finden daher im Kindergarten nicht statt, denn die Rahmenbedingungen erlauben es den Pädagoginnen nicht, diese Essstörungen in dem nötigen Maße zu begleiten bzw. aufzufangen. Das fehlende Urvertrauen der Kinder spiegelt sich auch in ihrer verzögerten Kontaktaufnahme wider. Ist das Vertrauen zur Betreuungsperson aber einmal geschaffen, geben die Kinder ihren Bedürfnissen Ausdruck: Sie suchen die Nähe zur Fachkraft und engen Körperkontakt mit ihr, auch benötigen sie viel Aufmerksamkeit und Unterstützung, z. B. bei ihren kreativen Tätigkeiten. Der Kindergarten bietet ihnen Beständigkeit und kontinuierliche Betreuungspersonen. Zwar mangelt es an kindgerecht gestalteten Räumen, ausreichend Platz und einem Außengelände, aber die Tagesmütter und ehrenamtlichen Helfer machen das Beste daraus: Sie ermöglichen den Kindern viel Freispiel und unternehmen nach Möglichkeit Ausflüge auf den Spielplatz oder in die Natur. Indem sie mit den Kindern durchgehend Deutsch sprechen, erleichtern sie ihnen maßgeblich den Einstieg in die noch unbekannte Sprache. Auch Spiele wie z. B. Memory mit einer kleinen Anzahl an Paaren eignen sich sehr gut zum Sprachenlernen, da die einfachen Motive immer wieder benannt werden und zum Gespräch anregen.

Zwischen Willkommenskultur und Abschiebung

Die Willkommenskultur zu verkörpern, das sehen die Fachkräfte des Kindergartens als Grundlage ihrer Arbeit. Dass alle Eltern und Kinder herzlich willkommen sind, haben sie deshalb in allen Sprachen auf einem Begrüßungsschild festgehalten. Es sind kurze, intensive Beziehungen, die die Fachkräfte mit den Kindern eingehen. Oft endet das Betreuungsverhältnis abrupt, wenn die Familien einer Kommune zugewiesen oder in ihre Heimatländer abgeschoben werden.
Bis dahin versuchen die Pädagoginnen, den Familien viel Normalität zu ermöglichen. Dazu gehört auch, sensibel mit den Menschen umzugehen und ihre Fluchterfahrungen nicht direkt anzusprechen – sie sollen im Hier und Jetzt leben können und sich sicher fühlen. Das, so Katharina Naegele, ist allerdings schwierig, da die drohende Abschiebung wie ein Damoklesschwert über den Familien hängt und manchmal die Polizei in die Flüchtlingsunterkunft kommt. Das geschieht meistens nachts – dann werden die Betroffenen unerwartet mitgenommen. Solche Geschehnisse gehen den Flüchtlingen, aber auch den pädagogischen Fachkräften sehr nahe. Bekommen die Familien eine Aufenthaltsgenehmigung, werden sie einer Kommune zugewiesen. Auch diese eigentlich sehr positive Entwicklung kann die Flüchtlingsfamilien überfordern: Oft werden sie ländlichen Gegenden zugewiesen, wo Wohnraum billig ist, wo es kaum öffentliche Anbindung gibt und die Familien auf sich allein gestellt sind. Nicht wenige möchten daher lieber in der Unterkunft bleiben, wo sie die gewohnte Umgebung und bekannte Menschen, Unterstützung im Alltag und die Kinder ihre Spielkameraden haben.

Herausforderungen und Glücksmomente

Die Arbeit im Kindergarten der Flüchtlingsunterkunft bringt für die Fachkräfte mitunter Herausforderungen mit sich, wenn bspw. unterschiedliche Vorstellungen von Bindung und Erziehung aufeinanderprallen: So werden z. B. in manchen afrikanischen Kulturen Kinder lange im Tragetuch getragen und sind sehr engen Körperkontakt gewohnt, den sie auch von den Fachkräften einfordern. Hier müssen die Fachkräfte ihre persönlichen Grenzen aufzeigen. Gleichzeitig ist die Arbeit von vielen Glücksmomenten geprägt, wenn z. B. ein Kind den ersten Blickkontakt aufnimmt und zu sprechen beginnt oder wenn Kitas und Schulen rückmelden, wie gut die Kinder aus der Flüchtlingsunterkunft Heppenheim schon Deutsch sprechen und wie leicht sie sich deshalb in der neuen Einrichtung einfinden konnten.  

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