Die Kita im StadtteilDie Bedeutung von Sozialraumorientierung

Kindertageseinrichtungen öffnen sich immer mehr zum Sozialraum hin und beziehen Eltern, Familien und das soziale Umfeld in die Arbeit ein. Um die damit verbundenen Herausforderungen zu meistern, ist ein konsequent sozialräumlicher Blick notwendig, der von der gesamten Lebensumwelt und -situation der Kinder ausgeht.

Die institutionelle Kinderbetreuung ist heute zu einem wichtigen Bestandteil und zu einer bedeutsamen Sozialisationsinstanz für das Aufwachsen von Kindern geworden. Da die Entwicklungs- und Bildungschancen von Kindern in Deutschland immer noch stark vom Familienhintergrund bestimmt werden und der frühe Zugang zu öffentlichen Bildungsinstitutionen hier ausgleichend wirken soll, erhält die Sozialraumarbeit immer mehr Bedeutung in Kindertageseinrichtungen. Um auf die wachsenden gesellschaftlichen Anforderungen zu reagieren, ist es für Kindertageseinrichtungen bedeutsam, ihren Blick auf das gesamte System rund um das Kind zu erweitern. Doch was meint Sozialraumarbeit eigentlich? Der Begriff verweist durch den Wortbestandteil „sozial“ darauf, dass der Sozialraum immer mit menschlichem Handeln zusammenhängt. Bei einem sozialräumlichen Blick geraten somit Menschen mit ihren sozialen Beziehungen, sozialräumlichen Bezügen und ihrer Einbindung in die Gesellschaft in den Fokus (vgl. Blankenburg, Rätz-Heinisch 2009, S. 170). Bei der Sozialraumarbeit in Kindertageseinrichtungen spielt das Mitwirken des sozialen Umfelds der Kinder eine wichtige Rolle. Eltern werden als Partner verstanden und sollen in den Alltag der Kita integriert werden, damit der Erziehungsprozess gemeinsam gestaltet werden kann. Auch weitere Familienmitglieder und Bewohner des Stadtteils werden immer mehr in den Blick genommen. Sie werden als Ressource für die Arbeit mit den Kindern und als aktive Gestalter des Stadtteils gesehen. Vermehrt richten Kitas ihre Angebote auch auf diese Gruppen aus und bieten Angebote der Familienbildung, Eltern-, Sozial- und Rechtsberatung, Selbsthilfegruppen, Elterncafés, Stadtteilfeste etc. an. Um einen Überblick über dieses komplexe Terrain zu bekommen und die Aufgaben und Anforderungen zu meistern, ist ein sozialräumlicher Blick notwendig (vgl. ebd., S. 165).

Aspekte von Sozialraumarbeit in Kindertageseinrichtungen

Die sozialräumliche Perspektive in Kitas erweitert die Wahrnehmung auf die sozialräumliche Umwelt der Kinder und bezieht die Eltern, die Familie und Bewohner des Stadtteils mit ein. Sozialräumliches Handeln ist also eine Erweiterung des Blicks: Nicht mehr der Einzelfall steht im Fokus, sondern die gesamte Lebenswelt und Lebenssituation von Kindern inklusive der räumlichen Gegebenheiten. Dadurch ergibt sich für Kindertageseinrichtungen ein vielseitiges Handlungsfeld sozialer Kontextbedingungen. Es werden vier Dimensionen von sozialräumlichem Handeln unterschieden:

  • Bei der Sozialraumanalyse geht es um die Auseinandersetzung mit den sozialstatistischen Daten des Stadtteils. Das heißt, die Einrichtung kennt die Bedarfe des Stadtteils und handelt dementsprechend (vgl. Thiersch 2002, S. 252f.), insbesondere unter Berücksichtigung der Perspektive der sozialen Ungleichheit (vgl. ebd., S. 168).
  • Sozialraumpädagogik meint die institutionellen und pädagogisch-inhaltlichen Aspekte, also wie ein gelingender Alltag für Eltern und Kinder geschaffen wird. Diese beziehen sich einerseits auf die strukturellen Rahmenbedingungen wie flexible Öffnungszeiten und andererseits auf die inhaltlich-didaktische Arbeit der Einrichtung (vgl. ebd., S. 253f.). Die inhaltlich-didaktische Arbeit beinhaltet zum Beispiel spezifische Lernarrangements wie Angebote zur Bewegungsförderung in Stadtteilen mit wenig Spielräumen für Kinder oder zur Vermittlung von Naturerfahrungen in innerstädtischen Quartieren, durch die Aneignungsprozesse für Kinder ermöglicht werden (vgl. Deinet 2011, S. 307; Blankenburg, Rätz-Heinisch 2009, S. 168).
  • Eine weitere Dimension ist die Zusammenarbeit mit den Eltern und Kindern. Dabei geht es darum, die unterschiedlichen Erfahrungen und Erwartungen von Eltern und Kindern zu berücksichtigen und auf ihre individuellen Bedürfnisse und Wünsche einzugehen (vgl. Thiersch 2002, S. 255).
  • Sozialraumpolitik bezieht sich auf die Teilhabe und aktive Mitgestaltung der sozialen und pädagogischen Infrastruktur im Stadtteil. Konkret geht es um die Teilnahme der Einrichtung an Stadtteilkonferenzen und -foren und darum, dass sie sich dabei aktiv in die Stadtteilpolitik einbringt, um an einer Verbesserung der Lebensbedingungen von Familien mitzuwirken (vgl. ebd., S. 256f.). Ebenfalls sollen die Menschen im Stadtteil dazu motiviert werden, sich für ihren Stadtteil zu engagieren (vgl. Blankenburg, Rätz-Heinisch 2009, S. 168; Deinet 2011, S. 307f.).

Der Sozialraum hat somit zusammenfassend zwei Dimensionen, einmal die des gesellschaftlichen Raums sowie die des menschlichen Handlungsraums, also als der Raum, der von Menschen geschaffen wird (vgl. Kessl, Reutlinger 2010, S. 23ff.).

Öffnung der Kindertageseinrichtung zum Sozialraum

Beachtet man die Dimensionen von sozialräumlichem Handeln in Kindertageseinrichtungen ist insbesondere eine niederschwellige Öffnung der Einrichtung hin zum Sozialraum wesentlich, um den Anforderungen an Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern gerecht zu werden. Das schließt einerseits eine niederschwellige Öffnung gegenüber den Bewohnern des Sozialraums mit ein, andererseits auch, dass Kindertageseinrichtungen dafür offen sind, mit anderen relevanten Akteuren im Stadtteil zu kooperieren und sich zu vernetzen. Für eine nachhaltige und präventive Arbeit ist es notwendig, dass Kindertageseinrichtungen ein Verständnis der Einrichtung als Haus für die ganze Familie entwickeln. Um die Einrichtung sozialräumlich auszurichten, ist eine niederschwellig gestaltete Arbeit somit unerlässlich. Voraussetzung dafür ist, dass die konkreten Lebenssituationen der Familien bekannt sind, wahrgenommen und verstanden werden. Durch die Auseinandersetzung mit dem Sozialraum der Einrichtung können Fachkräfte diesen kennenlernen, Veränderungen wahrnehmen und Kenntnisse über die Bevölkerungsstruktur gewinnen. Außerdem ist es wichtig, andere Einrichtungen und deren Angebote zu kennen, um diese in Form von Kooperationen konstruktiv in die Arbeit der Kita einbinden zu können. Dabei gibt es Kooperationen, die sinnvoll für die pädagogische Arbeit mit den Kindern sind, zum Beispiel mit der örtlichen Polizeidienststelle, der Feuerwehr, dem Bäcker etc. Und es gibt Kooperationen mit Institutionen, die ebenfalls Angebote für Eltern und Familien bereitstellen wie Beratungsstellen, Tagespflegepersonen, Familienbildungsstätten und andere Kindertageseinrichtungen im Sozialraum, mit denen ein Angebotsaustausch stattfinden kann. Durch die Niederschwelligkeit soll ein Zugang zur Einrichtung und ihren Angeboten geschaffen werden, insbesondere für Menschen, die sonst ggf. nicht den Weg in die Einrichtung finden würden. Eine niederschwellige Öffnung auch im Sinne von niederschwelligen Angeboten kann ein Weg sein, Zugang zu eher bildungsfernen Familien im Sozialraum zu bekommen und diese mit den Angeboten zu erreichen. Niederschwelligkeit soll hier präventiv gestaltet werden im Sinne eines partizipierenden Zuganges und eines Miteinanders von Eltern, Familien und pädagogischen Fachkräften. Die Kinder als primäre Zielgruppe der Kindertageseinrichtung profitieren davon, wenn sie in ihrem lebensweltlichen Kontext von Familie und Sozialraum betrachtet werden (vgl. Jares 2011, S. 130).

Erschließung des Sozialraums

Strukturen von Sozialräumen sind so unterschiedlich wie ihre Bewohner. Ein Sozialraum ist beispielsweise geprägt von Armut, Arbeitslosigkeit, einer hohen Anzahl von Menschen mit Migrationshintergrund, Mehrfamilienhausbebauung etc., ein anderer wiederum von Wohlstand, gut situierten Strukturen, Einfamilienhausbebauung, doppelter Berufstätigkeit in Familien. Daher unterscheiden sich auch die sozialräumlichen Konzepte von Einrichtungen. Familien aus weniger gut situierten Sozialräumen benötigen eventuell mehr Beratung und Unterstützung bei der täglichen Lebensbewältigung im Sinne von Angeboten der niederschwelligen Familienbildung, der Schuldnerberatung und der Erziehungsberatung. Familien aus besser situierten Sozialräumen haben stattdessen vielleicht eher Bedarf an Kooperationen mit Tagespflegepersonen, flexiblen Öffnungszeiten, die sich den eigenen Arbeitszeiten anpassen, oder zusätzlichen Bildungsangeboten wie zum Beispiel bilingualer Erziehung. Unabhängig davon sollen die jeweiligen Stärken und Ressourcen des Sozialraums genutzt, Defizite aufgegriffen und in die Arbeit der Einrichtung aktiv einbezogen werden. Wesentliche Perspektiven zur Erschließung und Beschreibung des Sozialraums für Kindertageseinrichtungen sind nach Deinet (2011, S. 305):

  1. Die Struktur des Sozialraums, also wie der Stadtteil aufgebaut ist.
  2. Die Angebotsstruktur bezieht sich auf die Institutionen, auf vorhandene Kooperationen und berücksichtigt auch eventuell wiederkehrende Konflikte an bestimmten Orten im Sozialraum. Die Angebotsstruktur bezieht auch die Aneignungsorte und -räume mit ein, die von Familien genutzt werden. Zum Beispiel kann ein Spiel- und Bolzplatz unter dem Aspekt betrachtet werden, den Platz eventuell kreativ umzugestalten, damit er vielfältiger genutzt werden kann.
  3. Die Einbeziehung von Schlüsselpersonen, die einflussreiche Posten besetzen, ist für die Erschließung des Sozialraums unerlässlich.
  4. Eine Analyse des Sozialraums befähigt Fachkräfte, sich fokussiert und systematisch Daten und Informationen über die Gegebenheiten in ihrem Sozialraum zu verschaffen und den Sozialraum aus der Perspektive der Nutzer zu betrachten. So gewinnt man einen Blick darauf, wie die eigene Einrichtung und ihre Angebote im Nahraum verortet sind.

Methoden der Sozialraumarbeit

Hier werden beispielhaft zwei Methoden vorgestellt, deren Ziel es ist, ein Verständnis für die Lebenswelt und die Aneignungsprozesse der Kinder und Familien zu entwickeln.

Stadtteilerkundung und Stadtteilbegehung

Die Stadtteilbegehung unterteilt sich in zwei Phasen. Zunächst wird der Sozialraum durch die Fachkräfte bewusst ohne Kinder erkundet, bevor in der zweiten Phase eine Begehung mit Kindern erfolgt. Bei dieser Methode wird mit einer bestimmten Fragestellung auf den Sozialraum der Einrichtung geschaut, zum Beispiel: Welche Ausflugsziele gibt es für zwei- bis dreijährige Kinder in der näheren Umgebung, die in einer bestimmten Zeit ohne Hilfsmittel wie Boller- oder Kinderwagen erreicht werden können, sicher für diese Altersgruppe sind und den Entdeckungsdrang der Kinder fördern? In der ersten Phase erkunden die Fachkräfte den Lebensraum der Kinder und schauen, wie er strukturiert ist, um herauszufinden, wo sich Kinder eigenständig die Welt erschließen und wie und wo diese Aneignungsprozesse noch weiter gefördert werden können. Das bedeutet, dass auf die Beschaffenheit der Wege, mögliche Hindernisse wie große Kreuzungen, hohe Verkehrsdichte etc., aber auch auf Grünflächen, interessante Spielplätze geachtet und die Erkenntnisse in einer Sozialraumkarte eingetragen werden. Diese Karte lässt sich mit der Zeit erweitern und aktualisieren und dient als Planungsgrundlage für Ausflüge. In der zweiten Phase wird mit einer kleinen Gruppe von Kindern der Nahraum erkundet und aus dem Blickwinkel der Kinder analysiert. Kinder sind meist sehr engagiert, Erwachsenen ihre Welt zu zeigen. Für die Begehung ist eine kleine Gruppe wichtig, damit alle Äußerungen der Kinder berücksichtigt werden können. Die Kinder werden hier als Experten ihrer Lebenswelt wahrgenommen. Die Aneignungsprozesse der Kinder können zum Beispiel mittels Fotos dokumentiert werden. Ziel ist es, Aussagen über die Struktur des Sozialraums für die konkrete Zielgruppe machen zu können und einen Blick für die Perspektive der Kinder auf den Sozialraum zu bekommen (vgl. Blankenburg, Rätz-Heinisch 2009, S. 174ff., in Anlehnung an Deinet, Krisch 2006). Durch den Perspektivwechsel kann man die Handlungsweisen der Kinder besser nachvollziehen und Kindern passendere Angebote eröffnen, die sie dabei unterstützen, sich die Welt eigenständig anzueignen.

Autofotografie

Bei der Autofotografie sollen Menschen unterschiedlichen Alters eigenständig Orte ihrer alltäglichen Lebenswelt unter bestimmten Fragestellungen auswählen und fotografieren. Fragen können sein: Was hat für euch eine besondere Bedeutung im Stadtteil? Was gefällt euch gut, was gefällt euch nicht so gut? Wo verbringt ihr gerne eure Freizeit? Anschließend werden die Fotografien zunächst in den jeweiligen Altersklassen und anschließend gemeinsam angeschaut und interpretiert. Es entsteht ein generationenübergreifender Dialog, der die subjektiven Sichtweisen der Generationen deutlich macht. Durch die verschiedenen Motive und die Gespräche erhält man eine umfassende und interessante Sammlung an Eindrücken zum Sozialraum. Ziel ist es, herauszufinden, wie Menschen unterschiedlichen Alters ihren Stadtteil sehen und wie sie Orte im Sozialraum bewerten (vgl. Blankenburg, Rätz-Heinisch 2009, S. 174ff., in Anlehnung an Deinet, Krisch 2006).

Fazit

Kindertageseinrichtungen sind über die Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern hinaus wichtige Anlaufstellen für Familien und Institutionen im Sozialraum. Damit sie diese Funktion erfolgreich ausfüllen können, ist ein sozialräumlicher Blick unerlässlich. Gelingt es, den Blick auf den Sozialraum zu erweitern, können sich wertvolle Synergieeffekte für Kinder und Familien ergeben (Blankenburg, Rätz-Heinisch 2009, S. 166). Um eine solche Sozialraumarbeit zu realisieren, ist es wesentlich, dass die Fachkräfte eine professionelle räumliche Haltung entwickeln. Dies impliziert einen systematischen, möglichst umfassenden Blick auf den Handlungsraum. Mindestens ebenso wichtig ist, dass die Träger und die politisch Verantwortlichen eine solche Sozialraumarbeit ermöglichen (vgl. Kessl, Reutlinger 2010, S. 126f.). 

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