Sich vom Stress nicht stressen lassen

Arbeiten in Kita und Kindergarten bringt immer wieder auch Stress mit sich. Die innere und äußere Balance zu halten und Strategien zur Stressbewältigung zu kennen und zu entwickeln, ist hilfreich für alle Beteiligten.

Obwohl unsere Lebenserwartung ständig steigt und wir, so gesehen, eigentlich für alles viel mehr Zeit haben als früher, ist unser heutiges Leben geprägt von Beschleunigung: Das Abitur wird schon nach der 12. Klasse gemacht, der Bachelor verdichtet das Studium, unsere Autos werden immer schneller, Hochgeschwindigkeitszüge bringen uns in Nullkommanichts in die nächste größere Stadt, elektronische Checkins am Flughafen, Bankautomaten, Drive-ins und Drive-throughs ersparen uns Warteschlangen am Schalter, Krankenhäuser werden uns zwei Tage nach der Operation schon wieder los, Fastfood - obwohl teurer als Slowfood - feiert hohen Absatz, Powernap ersetzt den Mittagsschlaf, DSL und Homebanking, E-Mail und SMS helfen uns, Zeit zu sparen.

Stress im Arbeitsfeld Kita

Das Arbeitsfeld Kita ist sehr viel komplexer geworden. So nehmen heute eine Reihe von Themen breiten Raum ein, die noch vor zehn Jahren keine Rolle spielten, ja vielleicht sogar noch nicht mal als Begriff Relevanz hatten: Dokumentation, Evaluation, Portfolio, Qualitätshandbuch, frühkindliche Bildung, Netzwerkarbeit, Familienzentrum, Sozialmanagement, leistungsbezogene Vergütung, Bilingualität … Gestiegene Komplexität führt dazu, dass eine Riesenmenge an Informationen gleichzeitig verarbeitet werden muss und zu schnell zu große Entscheidungen erforderlich werden.
Das Arbeitsfeld Kita ist aber nicht nur komplexer, sondern auch instabiler geworden, weil Veränderungsprozesse sich nahtlos aneinanderfügen. Da wird umstrukturiert, umgewidmet, ein Paradigmenwechsel vollzogen, um neue Altersstufen erweitert, da werden neue Bildungspläne implementiert, Zielvereinbarungsgespräche und Führungsfeedbacks eingeführt … Die eine Veränderung ist noch nicht abgeschlossen, das Neue noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen, da wird schon „die nächste Kuh durchs Dorf getrieben“.

Das Zeit-Balance-Modell als Langfriststrategie

Vielleicht haben Sie festgestellt, dass das Bewältigen von Stress auch viel damit zu tun hat, wie Sie insgesamt in Balance sind, ob Sie eine beruflich angespannte Situation in einer Phase privater Glückseligkeit trifft oder Sie dort auch noch Kummer haben. Wir haben bisher ausschließlich den Arbeitsbereich in den Blick genommen, dabei hängt das seelische Gleichgewicht, das Zurechtkommen mit den Anforderungen des Lebens wesentlich auch noch von anderen Faktoren ab.
Ganzheitliches Zeit- und Lebensmanagement verfolgt das Ziel, für alle wichtigen Lebensbereiche - Beruf, Beziehungen, Gesundheit und die Frage nach dem Sinn - nicht nur Zeit zu schaffen, sondern diese vier Bereiche auch in Balance zu bringen und zu halten (vgl. Seiwert 2004, S. 59ff.).

Wichtige Anregungen für diesen Ansatz gehen auf Nossrat Peseschkian zurück, der in seinen transkulturellen Untersuchungen die vier genannten Einflussfaktoren auf die Balance zwischen Berufs- und Privatleben herausgearbeitet hat.

Die verschiedenen Lebensbereiche stehen in Abhängigkeit zueinander, d. h. durch einseitige Beanspruchung z. B. im Bereich Arbeit werden Gesundheit und Kontakte vernachlässigt. Oder bei fehlender Sinnhaftigkeit leidet die Motivation und damit die Arbeit. Allerdings würde eine rein rechnerische Balance (100% : 4 Bereiche = je Bereich 25%) kulturelle wie individuelle Unterschiede außer Acht lassen. Daher gilt es, die individuelle Wohlfühl-Balance für sich herauszufinden und zu realisieren.

Reflexionsfragen

  • Was ist Ihre individuelle Wohlfühl-Balance?
  • Wie passt dieser Soll- zum Ist-Zustand?
  • Wie können Sie das Gleichgewicht herstellen?

Drei Strategien im Umgang mit dem, was Sie stresst: love it, leave it or change it!

  1. Es gleich zu lieben, ist vielleicht eine übertriebene Forderung. Aber schauen Sie, ob Sie nicht Ihre Bewertung ändern können: Was Sie bis heute gestresst hat, sehen Sie morgen mit buddhistischer oder kölscher Gelassenheit („Et kütt wie et kütt“). Söhnen Sie sich aus, machen Sie Frieden mit dem, was Sie als nicht veränderbar einschätzen.
  2. Überlegen Sie ernsthaft, ob es Alternativen gibt: Das Leben bietet so viel! Und ist zu wertvoll, um sich mit etwas abzumühen, was nicht wirklich passt für Sie und Ihre Vorstellungen von Leben und Arbeiten! Lassen Sie den Entschluss reifen, aber verpassen Sie auch nicht den richtigen Zeitpunkt. Irgendwann heißt es: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“
  3. Sehen Sie Ansatzpunkte, Dinge zu verändern? Setzen Sie die Priorität der Veränderung bei sich selbst: Schaffen Sie eine angstfreie Atmosphäre für sich, in der Ihr Gehirn optimal arbeiten kann. Aktivieren Sie Ihr Wohlfühlzentrum statt Ihren Überlebensmodus: mit Einzel-Coaching nur für Sie, Sport und Entspannungsmethoden … Der wichtigste Schritt: Gestehen Sie sich ein, dass Sie ein Hilfsprogramm brauchen!

Auch Sie kennen Menschen, die keiner der drei genannten Empfehlungen folgen: Es sind die, deren Frustration irgendwann in Verbitterung und Resignation übergeht. Vermeiden Sie das! Entscheiden Sie sich für einen der drei Wege. Übernehmen Sie Eigenverantwortung statt die Dinge auszusitzen - in den wenigsten Fällen erledigen sie sich von selbst!

Damit Sie den Stress im Griff haben oder Stress gar nicht erst aufkommt

  • Setzen Sie Prioritäten, indem Sie zwischen wichtigen und dringenden Aufgaben unterscheiden.
  • Planen Sie Zeit für die Weiterentwicklung und den Ausbau von Fähigkeiten ein, die in Ihnen stecken. Leisten Sie sich ruhige Stunden pro Woche und das bewusst. Freuen Sie sich auf eine Zeit, die nicht verplant ist, sondern in der Sie das tun, was Ihrem momentanen Bedürfnis entspricht.
  • Erledigen Sie auch „zeitfreie“ Aufgaben. Mihaly Csikszentmihalyi bezeichnet das Versunkensein in eine kreative Tätigkeit, über die man die Zeit vergisst und die Glücksgefühle freisetzt, als „Flow“ (vgl. dazu sein wunderbares Buch: „Flow im Beruf“).
  • Achten Sie auf Ihre biologischen Grenzen und gehen Sie fürsorglich mit sich um: Ernähren Sie sich gesund, treiben Sie Sport, gönnen Sie sich ausreichend Schlaf, gehen Sie regelmäßig in die Natur, machen Sie Entspannungsübungen …
  • Führen Sie nur einen Kalender, in dem Sie Dienstliches und Privates vermerken und den Sie immer dabeihaben, wie Schlüssel, Geldbeutel, Handy. Nur so stellen Sie sicher, dass die verschiedenartigen Anforderungen im Einklang sind (Stichwort „Work-Life-Balance“).
  • Wählen Sie günstige Zeiten für Arztbesuche oder Behördengänge.
  • Seien Sie undogmatisch, statt auf Prinzipien zu beharren: Wägen Sie im Widerstreit stehende Werte zugunsten Ihrer inneren Balance gegeneinander ab. Fragen Sie sich z. B., ob es nicht mal eine Backmischung statt des selbst gebackenen Kuchens fürs Sommerfest tut. Gegen ein schlechtes Gewissen hilft der Gedanke: Wer es schwer hat, muss es sich leicht machen!
  • Beherzigen Sie bei Ihrer Freizeitplanung: Weniger ist mehr! Tanzen Sie nicht auf zwei Festen an einem Abend, sondern entscheiden Sie sich! Seien Sie lieber bei einem Event voll und ganz präsent und nicht bei zweien halb und gehetzt. Prioritätensetzung reduziert Stress wesentlich!
  • Übernehmen Sie Verantwortung für sich selbst! Stehen Sie zu Ihren Entscheidungen und seien Sie ehrlich zu sich selbst.
  • Nehmen Sie alles nur einmal in die Hand und entscheiden Sie sofort! Legen Sie die Dinge erst mal auf einen Stapel, wächst dieser munter vor sich hin, guckt Sie jeden Tag vorwurfsvoll an - bis Sie die Dinge schließlich ein zweites Mal in die Hand nehmen und entscheiden, was damit zu geschehen hat. Das hätten Sie auch bereits beim ersten Mal tun können!
  • Überprüfen Sie Ihre Einstellung zur Zeit, z. B. wenn Sie im Stau stehen! Sie sind selten so ausgeliefert und einflusslos wie in dieser Situation. Was hilft Ihnen hier am meisten: Das Gefühl von Zeitverlust (z. B. weil Sie nun die Sitzung nicht von Beginn an miterleben werden) oder das Gefühl von Zeitgewinn (z. B. für Atemübungen, Fahrtenbuchschreiben, telefonieren, nachdenken …)? Welche Wirkungen haben diese beiden sehr unterschiedlichen Bewertungen der gleichen Situation? Äußerlich wird es keinen Unterschied geben: Sie kommen so oder so zu spät. Aber in Ihnen macht es einen großen Unterschied! Machen Sie sich klar: Ein Problem entsteht nicht durch ein Phänomen oder eine Situation an sich, sondern durch deren Bewertung!
  • Verlangsamen Sie die Zeit! Denken Sie an den buddhistischen Mönch, für den der Moment Ewigkeit ist. Die Fähigkeit, Zeit zu dehnen, kann durch Selbst-Suggestion ausgebildet werden. Unternehmen Sie Fantasiereisen, bei denen Sie der Gegenwart die Ausdehnung erlauben und die Vergangenheit und Zukunft auffordern, sich zu entfernen. Diese Übung führt nachgewiesenermaßen zu einer drastisch gesteigerten Versunkenheit in den gegenwärtigen Moment.
  • Sollte der Stress in Ihrem (Arbeits-) Alltag bereits so angewachsen sein, dass er Sie krank macht oder krank zu machen droht, können Sie sich mit MBSR beschäftigen - einer von Jon Kabat Zinn in amerikanischen Universitätskliniken entwickelte und wissenschaftlich fundierte Methode zur Stressreduzierung (vgl. sein Buch „Gesund durch Meditation“). Sicher gibt es auch in Ihrer Nähe eine/n MBSR Therapeutin/ en.

Der besinnliche Mini-Urlaub

Die folgende Fantasiereise kann Ihnen dabei helfen, im Alltag zu entspannen und zur Ruhe zu kommen:
1. Nehmen Sie eine für Sie angenehme Haltung ein: Ob Sie sitzen oder liegen, ist egal. Auch müssen Sie nicht unbedingt die Augen schließen. Wenn Sie sich etwas abverlangen, ohne dass es im Moment für Sie passt, machen Sie sich neuen inneren Stress.
2. Lassen Sie Ihre Gedanken kommen und gehen: … und wenn es der Einkauf, der Steuerberater oder Sonstiges ist. Alle Gedanken sind erlaubt, aber auch entbehrlich; sie ziehen vorbei wie Wolken am Himmel. Halten Sie nichts fest, aber verbannen Sie auch nichts. Beobachten Sie einfach Ihre Gedanken, ihr Kommen und Gehen.
3. Stellen Sie sich einen schönen Ort vor; einen Ort, an dem Sie sich so richtig wohlfühlen: Wie sieht er aus? Was und wer befindet sich dort - vor, hinter, neben Ihnen? Was hören Sie? Was riechen Sie? Was bewegt sich? Wie groß sind Sie? Wie alt sind Sie? Was für Impulse spüren Sie?
4. Sie haben Ihr Schutzschild bei sich: Was ist das für ein Schutzschild? Wie sieht es aus? Wie eine Käseglocke, eine Luftballonhülle, eine Konzertmuschel, ganz geschlossen oder halb? Wie durchsichtig ist es, wie durchlässig? Wie viel Bewegungsfreiheit haben Sie? Wie hört es sich an, wenn etwas von außen darauf landet? Was sehen Sie? Rieselt da etwas herab, springt es weg? Schmücken Sie das Bild mit allen Facetten aus, solange Sie Lust haben!
5. Überlegen Sie sich einen Gegenstand, der Symbol für diesen Ort und diese Situation sein könnte: Der Gegenstand sollte nicht zu groß und leicht zu besorgen sein.
6. Kommen Sie langsam zurück in die Realität - und besorgen Sie sich Ihren symbolischen Gegenstand: Wann immer Ihr Traumbild Ihnen zu mehr Abstand zur Realität verhelfen könnte, nehmen Sie den Gegenstand in die Hand oder schauen Sie ihn an. Manchmal hilft schon der bloße Gedanke an das Symbol, um sich an diesen „Mini-Urlaub“ zu erinnern, Zugang zu den eigenen Ressourcen und professionellen Abstand von der konkreten Belastungssituation zu bekommen.

Dieser Beitrag ist entstanden auf Grundlage des Sonderhefts ‚basiswissen kita management: Wie Sie Ihre Zeit optimal nutzen - Zeitmanagement‘ von derselben Autorin.

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