Ausgrenzung - ein Thema, das alle betrifft – Unser Umgang mit Vorurteilen und Diskriminierung

Ausgrenzung und Diskriminierung beeinflussen die Bildungsprozesse von Kindern besonders stark. Die Autorin zeigt auf, worum es bei diesem Thema geht, wie sehr es uns alle betrifft und wie LeiterInnen und ErzieherInnen die pädagogische Praxis vorurteilsbewusst gestalten können.

Gibt es in einer Gesellschaft Ungleichheit und Diskriminierung, so sind Kindertageseinrichtungen davon nicht unbeeinflusst. Hier ist überdies besondere Wachsamkeit geboten, denn es sind junge Kinder, die ihre ersten Erfahrungen mit einer öffentlichen Einrichtung machen. Hier sammeln sie soziales Wissen darüber, wie die Gesellschaft funktioniert: Welche Menschen für die Kinder zuständig sind, welche für das Reinigen der KiTa. Wer etwas zu bestimmen hat - und auf wen es nicht unbedingt ankommt. Welche Rolle dabei bestimmte Merkmale von Menschen spielen: ihr Alter, ihr Geschlecht, ihre Herkunft, häufig festgemacht an Aussehen, Kleidung und Sprache(n).
Die Botschaften darüber, welche Gruppe von Menschen eher für bestimmte Funktionen oder Rollen infrage kommt, betreffen Kinder unterschiedlich, je nachdem, welcher sozialen Gruppe sie selbst angehören. Sie gehen ein in ihr Bild von sich selbst und von anderen Menschen, gehören zu den Wissensbestandteilen, aus denen sie ihr Bild von der Welt konstruieren. Wenn Kinder die Erfahrung machen, dass ihre soziale Bezugsgruppe - in erster Linie ihre Familie und dann die soziale Gruppe, der die Familie angehört - nicht beachtet und anerkannt wird und für das Funktionieren des Geschehens in der KiTa nicht wichtig zu sein scheint, dann haben sie es schwer, ein positives Selbstbild zu entwickeln. Gibt es kaum eine Verbindung zwischen der häuslichen und der KiTa-Kultur, so ist es für Kinder nicht einfach, sich der KiTa zugehörig zu fühlen und sich selbst als Teil der Lerngemeinschaft zu sehen. Zugehörigkeit ist aber eine wichtige Komponente, um sich wohl zu fühlen, mit Interesse auf Neues in der Lernumgebung KiTa zugehen zu können und sich in Bildungsprozessen zu engagieren. Verunsicherte, ängstliche, am Rande des Geschehens stehende Kinder können nicht gut lernen. Dieser Zusammenhang zwischen Bildungsprozessen und Mechanismen von Ausgrenzung und Diskriminierung begründet die Notwendigkeit einer vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung in der KiTa. LeiterInnen kommt dabei eine besondere Verantwortung zu. Im Folgenden wird dargelegt, was es heißt, eine KiTa vorurteilsbewusst zu leiten.

Diskriminierung? Bei uns doch nicht!

Diskriminierung ist ein ungemütliches Thema. Wollen LeiterInnen die Auseinandersetzung damit ins Team tragen, so müssen sie mit Abwehr rechnen. Jede/-r hat zwar Erfahrungen damit gemacht, als Diskriminierte/-r oder als Diskriminierende/-r, doch diese Erfahrungen auf einer fachlichen Ebene zu reflektieren, weil sie eine Bedeutung für pädagogisches Handeln haben, ist zunächst ungewohnt. Die Sensibilisierung dafür umfasst sowohl analysierende Zugänge, die kognitiv herausfordern, als auch Selbstreflexionen, die nahe gehen und im Team ein Klima von Offenheit und Vertrauen erfordern. Es geht darum, gesellschaftliche Machtverhältnisse aufzudecken und zu verstehen, welche Position man selbst in ihnen einnimmt. Bevor LeiterInnen dazu auffordern, müssen sie sich selbst ein Bild davon machen, worum es bei Diskriminierung geht.

Was versteht man unter Diskriminierung?

Diskriminierung ist die bewertende Unterscheidung einer Gruppe von anderen Gruppen, wodurch die Mitglieder dieser Gruppe spürbare Nachteile erleiden. In der Gesellschaft wird Diskriminierung von zahlreichen Ideologien gestützt, die behaupten, bestimmte gesellschaftliche Gruppen seien "besser" oder "wertvoller" als andere, seien diesen aufgrund ihrer Natur oder ihrer Herkunft überlegen. Unter- oder Überlegenheit gesellschaftlicher Gruppen wird in diesen und anderen "-ismen" mit Merkmalen begründet, die Menschen äußerlich unterscheiden: Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder sexuelle Orientierung. Diskriminierende Ideologien geben vor, es seien die Merkmale selbst, die wie "Naturgesetze" wirkten. Sie verschleiern damit, dass Ein- und Ausgrenzung soziale Prozesse sind, die den Zugang zu Macht oder Ressourcen regulieren, bestehende Dominanzverhältnisse rechtfertigen und auf diese Weise Unterdrückung und Ausgrenzung in der Gesellschaft aufrechterhalten. Solche Ideologien stehen im Widerspruch zur Verfassung, in der es heißt, niemand dürfe wegen äußerer Merkmale benachteiligt oder bevorzugt werden - und dennoch existieren sie. Wichtig ist, diese Ideologien beim Namen zu nennen und sich klar zu machen, welche Auswirkungen sie haben. Hierzu eignet sich der folgende Workshop, in dem es in erster Linie um die sachliche Auseinandersetzung mit Diskriminierung geht.3

Workshop zum Thema Diskriminierung

Zur sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Diskriminierung dienen zunächst folgende Fragen: Welche Ideologien, die Diskriminierung stützen, sind bekannt? Welche Merkmale von Menschen werten diese Ideologien ab? Wie nennt man diese "-ismen"? Gegen wen richtet sich die jeweilige Diskriminierung, und welche Gruppe von Menschen steht auf der bevorzugten Gegenseite? So entsteht eine Auflistung mehrerer diskriminierender Ideologien wie Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Diskriminierung aufgrund von sozialem Status, Behinderung, Alter, Sprache (Linguizismus). Schwieriger ist der nächste Schritt: Die Gruppen zuzuordnen, die jeweils von dieser Diskriminierungsform betroffen sind. Hier wird es kompliziert, da jeder Mensch mehreren sozialen Bezugsgruppen angehört und als Angehöriger einer Gruppe Diskriminierung erfahren und als Angehöriger einer anderen Gruppe zu den Privilegierten gehören kann. Dennoch kann jeweils genau bestimmt werden, auf welche Gruppe eine bestimmte Diskriminierung zielt und auf welche nicht. Im Workshop kommen die LeiterInnen zu folgenden Differenzierungen: Sexismus trifft auch Männer in Frauenberufen und Hausmänner. Rassismus erleben auch Minderheiten, denen eine besondere wirtschaftliche Macht unterstellt wird, wie z.B. Menschen asiatischer Herkunft als "Gelbe Gefahr" (hier gibt es Parallelen zum Antisemitismus in Nazi-Deutschland, dessen Komponenten Raffgier, Wucherei etc. waren). "Classism" betrifft heute in Deutschland Hauptschüler. Noch in den 1950er-Jahren war der Hauptschulabschluss durchaus ein passabler Schulabschluss, um Handwerker oder Arbeiter zu werden, beides ist heute entwertet. Es gibt also in Deutschland eine Diskriminierung aufgrund von Bildungsabschlüssen. Antisemitismus trifft Juden in ihrem religiösen Glaubensbekenntnis, aber manchmal wird auch Kritik an der israelischen Politik damit abgewehrt, dies sei Antisemitismus. Diskriminierung aufgrund religiöser Glaubensbekenntnisse trifft Protestanten und Katholiken je nach Mehrheitsverhältnissen und muslimische KollegInnen in christlichen Einrichtungen, die nicht die gleichen Rechte haben. Von Linguizismus sind Dialektsprecher betroffen.

Die Übung hilft, sachliche Begriffe für Diskriminierungs-Tatbestände zu finden, die in einem größeren Maßstab existieren und Einfluss auf das Leben von Menschen haben. Sie als Teil gesellschaftlicher Strukturen zu sehen, die älter sind als man selbst, erlaubt es eher, ohne Schuldzuweisungen oder vorschnelle Verteidigungen darüber zu sprechen. Es geht nicht um die Personalisierung von Diskriminierung in dem Sinne, jemanden als "Sexisten" oder "Rassisten" zu entlarven, sondern um den Einblick in die Entstehung und Auswirkung von Bewertungs- und Denkgewohnheiten, mit denen man selbst aufgewachsen ist. Vorurteilsbewusste Bildung beansprucht nicht, all dieses aus der Welt zu schaffen, das wäre eine Überforderung der Möglichkeiten von Pädagogik. Sie beansprucht, dass sich pädagogische Fachkräfte dieser Tatsachen zunächst bewusst werden, um dann in kleinen, konkreten Schritten Gegenmaßnahmen zu entwickeln.

Wer diskriminiert hier eigentlich wen?

Die Überlegungen zu den Zielgruppen von Diskriminierung können zu heißen Diskussionen über Vorfälle in der KiTa führen, bei denen sich die ErzieherInnen oder LeiterInnen durch Eltern abgewertet oder beleidigt fühlten. Es stellt sich die Frage: Wer diskriminiert hier wen? ErzieherInnen fühlen sich ohnmächtig - wer also hat mehr Macht, sie oder die Eltern?
Wer genau in unserer Gesellschaft diskriminiert wird, droht manchmal zu verschwimmen, wenn die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse (Makroebene) von den Verhältnissen in einem gesellschaftlichen Ausschnitt (Mikroebene) nicht deutlich genug unterschieden werden. Folgende Beispiele mögen dies verdeutlichen: Sexismus behauptet in unserer Gesellschaft die Überlegenheit des Mannes vor der Frau, was zu Mechanismen institutionalisierter Diskriminierung führt, die Frauen dabei behindert oder benachteiligt, bestimmte Machtpositionen zu erlangen. Der Mikrobereich KiTa hingegen ist fast vollständig feminisiert: Hier setzen Frauen die Regeln und wenn es hier vereinzelt Männer gibt, dann beklagen sie häufig dieses einseitige Regime, in dem Männer nur alles falsch machen können. Damit verteidigen Frauen möglicherweise eine der wenigen Domänen, in denen sie das Sagen haben - aber es ändert nichts an der gesamtgesellschaftlichen Unterrepräsentation von Frauen in einflussreichen Positionen. Trotzdem ist es für die betroffenen Männer leidvoll, abgewertet, vorgeführt oder nicht ernst genommen zu werden.
Rassismus trifft in unserer Gesellschaft Menschen, die keine Deutschen sind (Pass), die eine dunkle Hautfarbe haben, die Deutsch nicht als ihre Erstsprache sprechen. In einzelnen Schulklassen oder Kindergruppen kann es jedoch sein, dass türkische oder arabische Kinder zahlenmäßig in der Mehrheit sind und den Ton angeben. Es kann so weit gehen, dass sie deutsche Kinder drangsalieren, weil diese in der Minderheit sind. Natürlich darf man das nicht hinnehmen, und häufig wird hierzu fatalerweise nichts gesagt, um sich nicht dem Rassismusvorwurf auszusetzen. Aber auch solche Realitäten in Teilausschnitten der Gesellschaft ändern nichts daran, dass die Zielgruppen von Rassismus in dem Sinne, dass Zukunftsperspektiven und die Verfügung über Ressourcen erheblich eingeschränkt sind, den oben genannten Personenkreis trifft und nicht die weißen Deutschen.

Nicht jede schlechte Behandlung ist eine Diskriminierung

Zweifellos ist es unangenehm oder leidvoll, von anderen schlecht behandelt zu werden. Aber nicht jede schlechte Behandlung ist eine Diskriminierung. Dennoch muss für das Leiden an jedweder Form schlechter Behandlung oder Abwertung Raum sein und es muss als solches benannt werden: Wenn z.B. Eltern sich gegenüber ErzieherInnen unhöflich, respektlos oder abwertend verhalten, muss über diese Erfahrungen und die Gefühle, die dabei hochkommen, gesprochen werden. Sobald man dazu in der Lage ist, sollte man dann das Gespräch mit den Eltern suchen. Tut man es nicht, so wird die ungute Erfahrung zu Groll und Bitterkeit, die jede weitere Kommunikation und Verständigung erschwert. Im Handumdrehen befindet man sich in einem "Teufelskreis des Leidens": Weil kein Raum da ist für die eigenen Leidenserfahrungen, gesteht man es auch anderen nicht zu, über ihr Leid zu sprechen. Man verweigert gerade das Mitgefühl und die Hilfe, die man selbst braucht und nicht bekommt.
Eine Anregung ist, Vorkommnisse aufzuschreiben, bei denen man sich über Eltern ärgert oder verletzt ist. Möglichst in einer beschreibenden Sprache, so dass solche Schilderungen als Fallbeispiele im Team weiterdiskutiert werden können. "Beschreiben statt zuschreiben" hilft, die Interpretationen zu trennen von der Schilderung dessen, was geschehen ist.
Bei der Diskussion des Beispiels kann dann die Fragestellung im Team sein: Was ist mit mir los, warum ärgert oder verletzt es mich? Dann der nächste Schritt: Was weiß ich über die Gegenseite, was könnte das Anliegen gewesen sein? Wie war die Situation und welchen Einfluss könnte sie gehabt haben? Hier wird interpretiert bzw. mit Vermutungen gearbeitet. Aber nicht, um sich seinen eigenen Groll zu bestätigen, sondern um dem anderen eine eigene Perspektive zuzugestehen, damit man ihn besser verstehen kann. Dies ist der wichtigste Schritt, um die Beziehung zu verbessern.

Adultismus - eine Diskriminierungsform, die alle kennen

Alle waren einmal Kinder und hatten damit zu tun, dass Erwachsene mächtiger waren als sie. Vielleicht hatten sie Glück und die Erwachsenen ließen sie ihre Machtposition als Verantwortung, Fürsorge und Liebe erfahren. Vielleicht haben sie aber auch ihren Machtvorteil missbraucht, und die Kinder haben die Hilflosigkeit, Ohnmacht oder Angst erlebt, die das Verhältnis kennzeichnen, wenn man den Stärkeren ausgeliefert ist.
Gesellschaftliche Veränderungen zeigen sich besonders im Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern: Dass Kinder Subjekte eigener Rechte sind und mehr und mehr ein partnerschaftliches Verhältnis für die Eltern-Kind-Beziehung gewünscht wird, in dem man nicht mehr "anordnet", sondern eher "aushandelt", zeigt gewachsenen Respekt für die Belange von Kindern. Weil Kinder aber auf Erwachsene angewiesen und so eindeutig die Schwächeren in diesem Verhältnis sind, kann es leicht passieren, dass Erwachsene unbewusst ihre Überlegenheit ausspielen. "Adultismus" nennt man in den USA die Ideologie von der "Höherwertigkeit von Erwachsenen" und von der "Minderwertigkeit kleiner Kinder" und kennzeichnet damit Formen der Abwertung und Ausgrenzung kindlicher Bedürfnisse, über die sich Erwachsene hinwegsetzen. LeiterInnen sollten sich mit dieser Diskriminierungsform eingehender beschäftigen, denn es besteht die Gefahr, dass Erwachsene im Schulterschluss miteinander das Vorhandensein und die Auswirkungen von Adultismus gegenüber Kindern in Frage stellen, ignorieren oder leugnen.
Hilfreich ist hierzu, im Team die Interaktion mit Kindern mit kritischen Augen zu betrachten und zu verändern, sofern man Einseitigkeiten oder Abwertungen und Ausgrenzungen feststellt. Wie ist der Interaktionsstil mit Kindern? Ist er von oben herab, süßlich und gönnerhaft oder etwas "zu hoch" für die Kinder? Ist er mit Jungen anders als mit Mädchen? Spricht man mit Migrantenkindern ein vereinfachtes "Ausländerdeutsch"? Baut man gerne Ironie oder Scherze ein - und verstehen die Kinder den Spaß? In einem Workshop spielen die LeiterInnen Szenen nach, die sie in der KiTa beobachtet haben und die sie beschäftigen, weil darin geringschätzig mit Kindern umgegangen wurde. In den Situationen selbst haben sie meistens nicht interveniert, weil sie nicht wussten, wie sie es tun sollen, oder weil es das ungeschriebene Gesetz gibt, vor den Kindern niemals eine Kollegin zu kritisieren.

Rollenspiel zum Thema Adultismus

Kinder haben den Tisch gedeckt, mit Messern und Gabeln, obwohl es Suppe gibt. Die Erzieherin sagt dazu: "Ihr habt zu Hause wohl keine Löffel, oder was?" In der Rolle der Kinder geht es den TeilnehmerInnen nicht gut: Entweder sie verstehen die Erzieherin nicht oder sie fühlen sich dumm und vorgeführt. Es gibt keine Anerkennung für das, was sie gemacht haben, keine fassbare Information in der Sache. Aber sie verstehen die Missbilligung der Erzieherin. Die Erzieherin im Rollenspiel hat es teilweise scherzhaft gemeint, teilweise ist sie ungehalten, weil sie seitens der Küche unter Zeitdruck steht. Die Leiterin, die die Szene beobachtet, fühlt sich unwohl: Sie findet den hingeworfenen Satz der Erzieherin abfällig und unangenehm, beschwichtigt sich selbst aber damit, dass diese es wohl nicht "so" gemeint habe.
In der folgenden Diskussion zeigen sich die Beteiligten betroffen vom Perspektivenwechsel. Aus der Sicht der Kinder bedeutet das Schweigen der Leiterin diesen machtvollen Schulterschluss der Erwachsenen, die gegen Kinder zusammenhalten. Die Botschaft ist klar: Die Erwachsenen haben recht. Selbst wenn eine Erzieherin nicht nett ist, wird sie nicht kritisiert, sondern sie behält recht. Erinnerungen an eigene Kindheitserfahrungen kommen hoch. Damals empfundene Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit werden wieder lebendig. Nein, so hat man es nicht gelernt, sich zu wehren. Um gegenüber Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und Abwertung kompetent zu werden, brauchen Kinder etwas anderes: Erwachsene, die sie in ihrem Gerechtigkeitssinn und in ihrer Urteilsfähigkeit unterstützen. Auch, indem sie ihre Machtposition kritisch reflektieren und Kinder ermutigen, Worte für ihre Gefühle und Gedanken in solchen Situationen zu finden.
Die LeiterInnen erkennen: Sich im Team auf diese Weise mit Adultismus zu beschäftigen, kann ein guter Einstieg sein, um in der KiTa eine diskriminierungs- und vorurteilsbewusste Praxis zu entwickeln!

Fallbeispiel zum Thema "Kulturelle Irritation"

In einer Fortbildung ist der folgende Fall Gegenstand einer Reflexion in mehreren Schritten:
Alle im Team sind stocksauer: Herr X, der ohne Arbeit ist, hatte einer Mutter gesagt, sie sei ja blöd, dass sie arbeite. Er habe 1400 € Hartz IV und dazu käme noch das Kindergeld. Er wolle bald für drei Monate in den Libanon, um in Beirut ein Haus zu bauen.

Schritt 1: Den eigenen Bezugsrahmen erkunden: Welche Gefühle löst der Fall bei mir aus? Was stört mich? Welche meiner Wertvorstellungen werden angegriffen oder in Frage gestellt?
Die Teilnehmer (TN) bringen zunächst ihre Empörung zum Ausdruck. Es entsteht eine lange Auflistung von Punkten, die sie stören. Dann die Wertvorstellungen: Die TN nennen Werte wie "Gerechtigkeit", "Dankbarkeit", "Anstand" und beginnen zu diskutieren: Mit der Gerechtigkeit in diesem Land sei es so eine Sache, manche sahnten ja ganz offiziell ab, ohne fleißig zu sein, das mit der Solidargemeinschaft funktioniere ja nicht mehr.

Schritt 2: Den Bezugsrahmen des anderen erkunden und Hypothesen bilden: Was weiß ich über die Situation und die Wertvorstellungen des Vaters? Was vermute ich, wie er die Situation erlebt hat? Was will ich wissen, um besser zu verstehen?
Die TN stellen fest, dass ihnen weder die Migrationsgeschichte der Familie noch deren Zukunftspläne klar sind. Es fällt ihnen auf, dass ihre Zukunftsvorstellungen für die Kinder der Familie (Sie sollen Deutsch lernen und Kontakt zu Deutschen haben, damit sie es später in der Schule leichter haben, etc.) mit der Familie nicht besprochen sind. Dass die Familie Verwandte im Libanon unterstützt, relativiert den Zorn über die "Verantwortungslosigkeit" des Vaters: Möglicherweise ist für ihn die Familie die Solidargemeinschaft, für die er mit verantwortlich ist? Will er nicht als Versager erscheinen, gerade vor den Kindern?

Schritt 3: Ein Aushandlungsgespräch führen und auf gleicher Augenhöhe eine Lösung entwickeln: Was will ich mit dem Gespräch erreichen? Welche Fragen möchte ich stellen? Was möchte ich von mir sagen?
Die TN entwickeln in Rollenspielen Möglichkeiten, die Irritation anzusprechen. Dabei bemerken sie, dass sie um den "heißen Brei" herumreden oder dass sie dazu tendieren, den Vater auszufragen bzw. zu moralisieren, weil ihnen nicht ganz klar ist, was sie von ihm wollen: Wollen sie ihre persönliche Meinung vermitteln? Wollen sie als Vertreterin der Institution KiTa zeigen, dass sie Illegales wahrnehmen und Konsequenzen androhen? Welchen Auftrag hat hierbei die KiTa überhaupt und was ist ihre Rolle als KiTa-Leiterin? Die TN stellen erstaunt fest, dass die Kinder in der Aufgeregtheit über den Vater nicht mehr vorgekommen sind. Das wäre aber ja der Ansatzpunkt für sie als Fachkräfte: Was bedeutet das alles für die Kinder? Für sie gehören möglicherweise die "Tricks" des Vaters zu stabilisierenden Faktoren bei ihrem Aufwachsen, sofern er dadurch das Auskommen der Familie sichert und seinen Stolz bewahrt. Das ist eine neue Sichtweise.