Trinitätslehre

Trinität (lat. »trinitas« = der »dreieine« Gott). Der Glaube an Gottes Trinität ist eine spezifische Ausprägung des christlichen Glaubens an den einen Gott. Wie alle großen Lehrstücke hat auch die Trinitätstheologie ihre Geschichte.

Zur Geschichte

Ausgehend vom Bekenntnis Israels zu Gott als dem Vater (Dtn 32, 6; Ps 68, 6; Jes 63, 16; Jer 3, 19; 31, 9;Mal 1, 6; 2, 10; Sir 23, 1; 51, 14) ist Gott im NT der Vater schlechthin (zahlreiche Texte bei Mt, Lk und Joh; wir haben nur einen Gott, den Vater: 1 Kor 8, 6; Dank und Ehre gebührt Gott dem Vater usw.). Das NT schrieb dem göttlichen Logos (dem Sohn) und dem Pneuma göttliche Qualitäten zu, ohne sich um die Klärung ihrer Vereinbarkeit mit dem Monotheismus der Geschichte Gottes mit dem Judentum und darum auch mit dem Monotheismus Jesu zu bemühen. Außer diesen Zeugnissen kamen für den Beginn der nachbiblischen trinitarischen Reflexionen die »triadischen Formeln« im NT in Betracht (Mt 28, 19; 2 Kor 13, 13), die Vater, Sohn und Geist einfach nebeneinander nennen.

Die christologischen Auseinandersetzungen bis zum Konzil von Nikaia 325 führten zum Bekenntnis des Homoousios, daß der Sohn wesenseins mit dem Vater, also göttlichen Wesens ist. Damit bestanden die Möglichkeiten nicht mehr, den Sohn als reines Geschöpf des Vaters oder als »zweiten Gott« und göttliche Vermittlergestalt zwischen dem reinen Geist und der materiellen Menschenwelt zu verstehen. Die Diskussion war mitgetragen von der Frage nach der besonderen Mittlerschaft Jesu Christi, deren Wirksamkeit darauf beruhen mußte, daß Jesus Christus sowohl ganz auf der Seite Gottes als auch ganz auf der Seite der Menschen existierte, wie das dann in der Formel des Konzils von Chalkedon 451 zum Ausdruck kam. In der mühsamen Rezeptionsgeschichte des Konzils von Nikaia traten Tendenzen zutage, den Heiligen Geist als völlig Gott untergeordnet zu erklären (Makedonianer). Sie wurden durch das Konzil von Konstantinopel 381 abgewehrt, das mit göttlichen Prädikaten (Kyrios, Lebensspender) und mit der Feststellung der Anbetung und Verherrlichung die Göttlichkeit des Heiligen Geistes bekannte. In der Folge dieses von den Kappadokiern beeinflußten Konzils wurde die trinitätstheologische Formel gefunden: Ein einziges göttliches Wesen (griech. »ousia«) in drei Hypostasen. Nach einer ins 2. Jahrhundert zurückreichenden Vorgeschichte, bei der im lateinischen Westen Tertullian († um 220) Patripassianismus und den Sabellianismus bekämpfte, wurde die griech. Version lateinisch wiedergegeben als: »una substantia, tres personae«. (Zur genaueren Bedeutung und Geschichte: Hypostase, Person). Es ist nicht zu über sehen, daß das einfache Erzählen des drei-einen Wirkens Gottes im NT und in den Glaubensbekenntnissen einen enormen kommunikativen und »religiösen« Vorsprung hat vor dieser hellenistisch-philosophischen Sprache.

Augustinus († 430) suchte in seiner sogenannten psychologischen Trinitätslehre nach Analogien der göttlichen Trinität im menschlichen Geist, da er mit einer theologischen Tradition die Gottebenbildlichkeit der Menschen in ihrer Geistbegabung sah. Den rein geistigen Gott kennzeichnen für ihn drei im Menschen analog gegebene Arten des geistigen Selbstvollzugs: »memoria« (Gedächtnis), »intelligentia« (Erkennen) und »voluntas« (Wollen). Diese Selbstvollzüge verstand er als »relational« (auf einander bezogen); daraus wurde später die Theorie der Relationen in Gott.

Von da an versuchte die westliche Theologie, die innere Lebensdynamik Gottes auch über die Selbstoffenbarung Gottes hinaus zu ergründen und begrifflich zu formulieren, wobei die neuplatonische Auffassung Gottes als des höchsten, sich selber mitteilenden Guten, verbunden mit der Zusammengehörigkeit Gottes mit dem Nichtgöttlichen in der Schöpfung, nur unterschiedlich zur Geltung kam. Auf der einen gedanklichen Linie spielte der Begriff der Person (in seiner von Boethius, † um 525, an tendierenden Entwicklung auf Subjektivität hin) keine Schlüsselrolle, so bei dem einflußreichen Thomas von Aquin († 1274), der den »Sohn« von der Selbsterkenntnis, den Geist von der Selbstliebe Gottes her verstand. Die andere Gedankenrichtung zielte auf die Konstruktion einer personalen Liebesgemeinschaft Gottes, so zuerst der Augustiner Richard von St. Victor († 1173), der den Vater als Liebenden, den Sohn als Geliebten, den Geist (etwas gequält) als Mitgeliebten bezeichnete. In dieser Richtung, in der ohne Scheu von der »Dreipersönlichkeit« Gottes oder von Gott als »Personengemeinschaft« gesprochen werden kann, entwickelten sich katholischer Trinitätsspekulationen von M. J. Scheeben († 1888) bis H. U. von Balthasar († 1988). In die andere Richtung des »dreifaltigen« Selbstvollzugs Gottes deuten die Erklärungsversuche bei Nikolaus von Kues († 1464), G. W. F. Hegel († 1831), K. Barth († 1968) und, erweitert durch den Gedanken der Selbstmitteilungsweisen Gottes an das Nichtgöttliche, bei K. Rahner († 1984). Die Trinität Gottes stand für die von der Reformation geprägten Theologen hinter der Rechtfertigungsfrage zurück; in die Geheimnisse Gottes wollten sie sich nicht hineintasten. Protestantische »Antitrinitarier« wollten den Vorrang des göttlichen Vaters als Quelle auch der Gottheit gewahrt wissen und plädierten, ohne Leugnung einer »trinitarischen« Offenbarung Gottes in der Geschichte, für eine Rückkehr zum Monarchianismus. Für den so einflußreichen F. Schleiermacher († 1834) war die Trinitätstheologie unerheblich. K. Barth erneuerte die evangelische Theologie der Trinität und wies als erster auf die Irreführung hin, die in einem modernen Verständnis von »Person« in der Trinitätslehre liegt, und sprach von einer »Selbstoffenbarung« Gottes in drei unterschiedlichen »Seinsweisen«.

Ökumenische Gespräche gegen Ende des 20. Jh. versuchten, die Trinitätsauffassungen der ostkirchlichen Orthodoxie zu berücksichtigen. Nach dieser wird im Westen die Trinitätsoffenbarung verkürzt, weil die substantielle Wesenseinheit Gottes, an der der Westen festhält, zu einer monarchianischen Subjektivität führe. Die Orthodoxie möchte dagegen das göttliche Wesen eher analog zur kollektiven Einheit der Menschheit sehen, freilich in einer Einheit vollkommener gegenseitiger Durchdringung (Perichorese). Im Hinblick darauf erhält im ökumenischen Gespräch eine »soziale Trinitätstheologie« mit der Rede von einem »kommunitären Wesen Gottes« den Vorzug; es erfolgt eine Absage an die »substantielle« Gottesauffassung, die durch ein bloßes Konzept der Relationen (ohne Substanz?) ersetzt werden soll: die Hypostasen würden sich nur aus ihrem gegenseitigen Bezogensein definieren. Spekulationen dieser Art stehen auch im Hintergrund einer Communio-Ekklesiologie, die trinitarisch fundiert werden soll.

Aktuelle Fragen

Im allgemeinen tritt in der evangelischen Theologie die göttliche Trinität immer noch hinter der Vater- Sohn-Beziehung u. damit hinter der Soteriologie zurück. Die evangelische Version der Politischen Theologie neigt freilich dazu, in ihrer Monotheismus-Kritik die Trinität als Urbild sozialer Demokratie zu sehen und die Verteidiger des Ein-Gott-Glaubens der jüdisch-christlichen Überlieferung als »Modalisten« zu brandmarken. Die ostkirchlich-orthodoxe Trinitätstheologie scheint mit ihrer Theorie der innergöttlichen Perichorese (spätestens seit Johannes von Damaskus †749) zu übersehen, daß »Hypostase« in der Tradition der kappadokischen Kirchenlehrer nicht »Subjektivität« im modernen Sinn bedeutet; sie ist also zu fragen, ob sie sich nicht allzu entgegenkommend gegenüber dem westlichen Person-Begriff verhielt und verhält. Die römisch-katholische Trinitätstheologie scheint zusammen mit der Einzigkeit und Einfachheit Gottes auch die »Monarchie« Gottes des Vaters und damit seine Du-Personalität, die für Gotteserfahrung, Liturgie und Gebet von großer Bedeutung ist, zu verdrängen zugunsten einer (in einer immer subtileren Kunstsprache entwickelten) Kommunitätsspekulation. Die von K. Rahner ausgehende Formulierung, daß Gottes »ökonomische« Trinität (die Selbstoffenbarung Gottes in drei Gegebenheitsweisen) mit der »immanenten« Trinität (Gottes innerstes Sein und Wesen betreffend) identisch sei und umgekehrt (1967), wurde viel beachtet und vielfach akzeptiert. Sie hat aber zur Voraussetzung, das sich selber verschenkende Verhältnis Gottes zum Nichtgöttlichen in das Nachdenken über die innerste Lebensdynamik Gottes einzubeziehen. Das bedeutet, daß Gottes Trinität nicht »zuerst« unabhängig von Schöpfung und Menschen spekulativ in einer »Theodramatik« dreier Subjekte »erdacht« wird und danach die »Personen« Gottes in die Reflexion über die Offenbarung einbezogen werden, sondern daß die Möglichkeiten Gottes, sich dem Nichtgöttlichen mitzuteilen, von den kreatürlichen Aufnahmemöglichkeiten her differenziert zu denken sind, und berücksichtigt wird, daß diese Differenzierungen für das innerste Leben Gottes »immer schon« etwas Wesentliches bedeuten, das sich einem letzten Verstehen entzieht (Geheimnis) und das in analoger Weise als Selbsterkenntnis, Wort, Wahrheit, Sohn und als Mitteilung von Glaube, Hoffnung, Liebe, Geist bezeichnet wird, ohne daß Wort und Geist aufhörten, Wort u. Geist des einen Gottes u. Vaters selbst zu sein, u. ohne daß sie von sich selber aus, als »Subjekte« (in einem Drei-Götter-Verhältnis) anfingen, geschichtlich sprechend Gott zu offenbaren und »übergeschichtlich« Gott mitzuteilen. Diese »Ansätze« einer Trinitätstheologie sind geeignet, jüdische und muslimische Mißverständnisse, als bekenne sich das Christentum zu drei Gottheiten, zu beheben.

Andere neuere Versuche, die Trinitätstheologie »gesprächsfähig « zu machen und ihre Glaubensrelevanz im Christentum aufzuzeigen, leiden unter den Problemen, ob drei Manifestationen des einen Gottes oder drei Gottheiten gemeint sind (wenn z. B. im Gespräch mit dem Hinduismus »Analogien« gesucht werden), oder unter einer zu starken »Personalisierung« der göttlichen Lebensdynamik, wenn z. B. unter Kritik am »patriarchalischen Vaterbild« das göttliche Pneuma (die »ruach«) oder die Weisheit (die »sophia«) als Personifikationen der »weiblichen Dimension« Gottes verstanden werden.