Priester

Priestertum (Priester, deutsches Lehnwort von griech. »presbyteros« = der Ältere), ein Begriff, der in der Religionsgeschichte eingebürgert und im Judentum und Christentum eine wichtige Amtsbezeichnung ist. In vielen Kulturen und Religionen begegnen Priester (und Priesterinnen) als Mittler zwischen dem »Volk« und seinen Gottheiten, wobei sie vor allem als Spezialisten für rituelle Tätigkeiten (u. a. für Darbringung von Opfern) gelten. In ihrer Kultfunktion handeln sie nicht im eigenen Namen (wie Zauberer oder Medizinmänner), sondern durch eine »amtliche« Bestellung durch die Gemeinschaft oder durch eine Gottheit; dadurch werden sie aus dem Bereich des Profanen ausgegliedert und dem Sakralbereich zugeordnet (Sakral und profan). Oft ist die kultische Kompetenz mit spirituellen und kommunikativen Fähigkeiten verbunden.

Biblisch

Anfänge eines Priestertum in Israel gehen auf die vorstaatliche Zeit zurück. Angehörige des Stammes Levi waren schon in dieser Zeit priesterlich tätig. In der Kultreform des Königs Joschija († 609 v.Chr.) wurden alle Priester in Israel als »Leviten« verstanden; wegen der Rückbindung der Religiosität an die Zeit Moses wurde der Beginn des levitischen Priestertums in dessen Bruder Aaron mit seinen Söhnen gesehen. Eine Linie des Priestertums wurde auf Jerusalem und den dortigen Priester Zadok zurückgeführt. Nach dem Exil entstand eine Zweiteilung des Priestertums in die Jerusalemer Hohenpriester und in die »Landleviten« (mit Zulassung zum Tempel). Die Priester erscheinen als eigene soziale Kaste; ihre Funktionen sind durch einen Jahresdienstzyklus geregelt. Als Aufgaben treten hervor: Unterweisung im Glauben und in der Tora in der Tradition Moses, Darbringung der Opfer, Kompetenz in Reinheits- und Rechtsfragen (mit starker Konkurrenz von Laien wie z.B. der Pharisäer), Betreuung der Heiligtümer (des Tempels), Deutung des Orakels, Segnung des Volkes. Angesichts des hohen Ranges des Glaubens, des ethischen Verhaltens und der Frömmigkeit der Individuen war dieses Priestertum nicht konstitutiv für das Gottesverhältnis des einzelnen Israeliten. Nach der Zerstörung des Tempels 70 n.Chr. ging dieses Priestertum unter, ohne daß die religiöse Substanz des Judentums mit untergegangen wäre. Von diesem Priestertum im amtlich-institutionellen Sinn ist das gemeinsame Priestertum des ganzen Eigentumsvolkes Gottes zu unterscheiden (es ist ein Königreich von Priestern: Ex 19, 5 f.; vgl. Jes 61, 6).

Das Verhältnis des »Laientheologen« Jesus zum institutionellen Priestertum in Israel läßt sich als prophetische Kultkritik verstehen, wobei Jesus die Autorität der Priester nicht grundsätzlich in Frage stellte (Mk 1, 14 par.; 11, 15–19 par. u. ö.). Seine Appelle zur Umkehr und Annahme der Herrschaft Gottes richten sich unmittelbar an die einzelnen Menschen und erwähnen die Notwendigkeit einer priesterlichen Vermittlung des Gottesverhältnisses nicht. Sein Konflikt mit der Tempelhierarchie fand eine Fortsetzung in deren Feindseligkeit gegenüber der frühen Kirche (Apg 4 und 5 u. ö.). Sehr viele Priester schlossen sich der Urgemeinde an (Apg 6, 7). Bei Paulus spielt der Priesterdienst nur metaphorisch eine Rolle (Röm 15, 16). Die Urgemeinde knüpfte institutionell nicht am Priestertum in Israel an. In leitenden Funktionen begegnen vielmehr neben den Episkopen ( Bischof), wohl nach dem Vorbild der »Ältesten« in der jüdischen Synagogenverfassung, die »Ältesten« (Presbyter), z.T. zusammen mit den Aposteln, z.T. ohne sie, von den Episkopen nicht deutlich unterschieden. Ihnen kamen neben der Gemeindeleitung der Dienst an Predigt und Lehre und die Sorge für Kranke zu (die meisten Zeugnisse in Apg). Im Hebr wird das israelitische Priestertum als vorläufig, das Hohepriestertum Jesu als ewig bezeichnet; als Priester und Opfergabe zugleich hat Jesus durch seinen Sühnetod den Zugang der Glaubenden zu Gott ermöglicht (Hebr 5 7 8 u. ö.). Diese christologische Priesterauffassung steht in einem gewissen Kontrast zum Selbstverständnis Jesu. Auch andere Spätschriften des NT verstehen Jesus als Mittler.

Einige Texte des NT übertragen die Redeweise von einem gemeinsamen Priestertum auf die Gemeinschaft der Glaubenden (1 Petr 2, 5 9; Offb 1, 6; 5, 10; 20, 6).

Theologiegeschichtlich

Ein Forschungskonsens besteht darin, daß die frühchristliche Gemeinde bei der Entwicklung und Benennung ihrer Ämter (Amt) nicht von einer kultischen (»sazerdotalen«) Schwerpunktsetzung ausging (wofür griech. »hiereus«, lat. »sacerdos« gestanden hätten), sondern von leitenden und lehrenden Gemeindeaufgaben (Episkopen und Presbyter). Ein kultisches Verständnis des Priestertums bahnt sich mit der Interpretation der Eucharistie als Opfer (Meßopfer) auf dem Hintergrund der Deutungen des Kreuzes als Opfer und Jesu als des Priesters an. Eine besondere Bestellung (»ordinatio«) des Amtsträgers mit Handauflegung zum Dienst an der Liturgie ist erst in der wohl berechtigt Hippolyt von Rom (Anfang des 3. Jh.) zugeschriebenen »Traditio apostolica« bezeugt. Daß der ordinierte Amtsträger den Hohepriester Jesus Christus bei der Eucharistiefeier »repräsentiere«, ist eine viel spätere Ausdeutung; sie kann nicht der Zeit Hippolyts unterstellt werden. Daß der Priester bei der Eucharistiefeier »in der Person Christi« handle, weil er die Konsekrationsworte zitationsweise in Ich-Form vorträgt, beruht auf einem Mißverständnis des lat. Textes von 2 Kor 2, 10. Der erstmals bei Hippolyt im Zusammenhang mit der Liturgie verwendete Begriff »Klerus« (griech. = Los, Schicksal) bezeichnet von Cyprian († 258) an eine institutionelle Klasse, die von den Laien materiell zu unterstützen ist und nach der Tolerierung des Christentums durch den römischen Staat (313–324) in den Genuß von Standesprivilegien kommt. Erst im Mittelalter (vom 9. Jh. an) wird der christologische Titel des Mittlers auf den Priester übertragen und sein Dienst hauptsächlich als »Vollmacht« (»potestas «) zur Darbringung des Meßopfers interpretiert. Die wesentlich gegen diese Entwicklung gerichtete, auf das gemeinsame Priestertum aller Glaubenden gestützte radikale Kritik der Reformatoren, verbunden mit der Verneinung der Existenz des Weihesakraments, führte zu den dogmatischen Formulierungen des Konzils von Trient, die auf den »sazerdotal«-kultischen Charakter des Priestertums und des Opfers zentriert sind (Weihesakrament). Das kirchliche Amt, das seine Mitte und Fülle theologisch und historisch im Bischofskollegium hat, wurde nun für Jahrhunderte her vom Priestertum (»sacerdotium «) verstanden, das bereits durch die Priesterweihe mitgeteilt werde. Das II. Vaticanum versuchte eine gewisse »Rückkehr zu den Ursprüngen«. Es bekannte sich zum gemeinsamen Priestertum aller Glaubenden (SC 14, 48; LG 9 f., 26, 34; PO 2 u. ö.), nannte das Amts- Priestertum als vom Wesen und nicht nur dem Grad nach von diesem gemeinsamen Priestertum verschieden (LG 10). Zur Milderung des »Stufendenkens« wurde die Einheit des »Presbyteriums« aus Bischof und Priestern hervorgehoben (LG 28). Die primäre Aufgabe des Amtes sah das Konzil im Dienst am Wort Gottes (Bischöfe: LG 25; Priester: PO 4 u. ö.). Die theologische Begründung des Amts-Priestertums suchte es durch den Gedanken einer besonderen Teilhabe an den drei Ämtern Jesu Christi zu vertiefen (LG 28; PO 1 u. ö.). Da eine solche Teilhabe, die Aufgabe des Dienstes am Wort und auch die Befähigung zur Leitung einer Ortsgemeinde grundsätzlich allen Gliedern der Kirche Jesu zukommen, bleibt auch für das II. Vaticanum das wesentliche Merkmal des amtlichen Priestertums die amtspriesterliche »Weihegewalt« (»potestas ordinis«): »Der Amtspriester nämlich bildet kraft seiner heiligen Gewalt, die er innehat, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das eucharistische Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gott dar; die Gläubigen hingegen wirken kraft ihres königlichen Priestertums an der eucharistischen Darbringung mit und üben ihr Priestertum aus im Empfang der Sakramente, im Gebet, in der Danksagung, im Zeugnis eines heiligen Lebens, durch Selbstverleugnung und tätige Liebe« (LG 10).

Einige gegenwärtige Fragen

Die Argumentationsweise auch in amtlichen Texten ist noch weitgehend nicht sachgerecht. So wird z. B. der vollständige Ausbau der kirchlichen Ämterstruktur innerhalb weniger Jahre nach Jesu Tod behauptet; das Apostelverständnis des Paulus wird ohne weiteres für das Amts- Priestertum in Anspruch genommen. Das Amts- Priestertum ist in weiten Teilen der Welt in eine die Kirche zutiefst betreffende Krise geraten, die nicht monokausal erklärt werden kann. In dieser Situation eines gravierenden Priestermangels und eines erschütterten Ansehens des Priesterberufs wird versucht, das Priesterbild möglichst hoch zu stilisieren und damit »attraktiv« zu machen. So wird dem priesterlichen Amt die realsymbolische Vergegenwärtigung der ganzen Lebenshingabe Jesu Christi zugeschrieben, ja noch mehr: Jesus Christus nehme durch den Priester die Gemeinde in sein Lebensopfer hinein und gebe ihr Anteil an dessen Frucht. Der Priester habe Auftrag und Befähigung, das zu tun, was die Kirche im letzten zusammenführe und trage. Es wird von einer »Selbstenteignung« durch den Heiligen Geist gesprochen usw. Es fragt sich, ob die von K. Rahner († 1984) ausgegangenen Impulse nicht tragfähiger sind als solche ideologiebefrachtete Konstrukte. Er verstand unter Priester denjenigen, dem mystagogische Kompetenz (Mystagogie) und amtliche Bestellung zum prophetischen Dienst am Wort Gottes (Prophet) zukommt, wobei die dem Priester bisher (noch) vorbehaltenen sakramentalen Leitungsdienste sich auf die höchsten Intensitätsgrade dieses Gotteswortes, die in den Sakramenten gegeben sind, bezögen. Die Notwendigkeit der Priester in der Kirche begründete er nicht von einer »Christusrepräsentanz«, sondern von der Unentbehrlichkeit eines stabilen, gesellschaftlich greifbaren Dienstes an Glaube, Hoffnung und Liebe der Glaubenden her, eines Dienstes am Verstehen und der Praxis der Einheit von Gottes- und Menschenliebe, die das Höhere sind als dieser Dienst selber. Die konkreten Möglichkeiten zur Erneuerung der Theologie und der Ausgestaltung des Priestertum sind jedenfalls bei weitem nicht ausgeschöpft.