PriesterausbildungBerufung braucht Erfahrung

Statt den leeren Priesterseminaren nur mit der ewig gleichen Zölibats-Diskussion zu begegnen, lohnen sich auch andere radikale Gedanken: Ein Mindest-Eintrittsalter von 30 Jahren beispielsweise.

Wenzel Widenka
© Florian Nütten

Die Steigerung der Berufungen für das Priesteramt ist ein Nachrichten-Dauerbrenner. Kommentare dazu, wie man die Priesterseminare füllen könnte, gehen immer. Oder ob es Priesterseminare überhaupt braucht. Oder gar, ob es Priester überhaupt braucht.

Ein kurzer Wochenrückblick gefällig? Brisbanes Erzbischof Marc Coleridge fordert, verheiratete Viri probati unter der australischen Urbevölkerung zu Priestern zu weihen. Der Zölibat sei kulturell einfach unvermittelbar, es gebe gerade einmal einen Fall eines sich zum Zölibat verpflichtenden Aborigine-Priesteramtskandidaten und der hielt nur einige Jahre durch. Der scheidende Münsteraner Regens Harmut Niehus wünscht sich im "Katholisch.de"-Interview nicht nur „konkrete Schritte“ bei den Dauerbrennern „Frauen in Weiheämtern“ und „verheiratete Priester“, sondern auch neue Formen des Zusammenlebens der Priesteramtskandidaten. An konkreten und auch kontroversen Lösungsvorschlägen für die Berufungskrise mangelt es also nicht. Es kann also nicht schaden, hier noch einen weiteren zu machen. Und das ganz ohne Forderung, den Pflichtzölibat aufzuheben. Die Lösung geht auch ohne und bleibt dennoch radikal: Lasst einfach keine jungen Menschen mehr in die Seminare. 

Informiert man sich beispielsweise beim Priesterseminar der Erzdiözese München und Freising über das Thema „Mindestalter“, so findet man dort den Hinweis: Ab dem 30. Lebensjahr ist ein Eintritt genau zu prüfen, da damit „ja erhebliche biographische Einschnitte“ verbunden seien. Ja, was denn sonst? Genau die umgekehrte Praxis ist richtig. Niemandem unter 30 sollte erlaubt werden, in ein Priesterseminar einzutreten; die Zahl sollte das Mindestalter darstellen, nicht eine Grenze. Wer mit 30 an die Türen des Seminars klopft, kann im Regelfall auf eine interessante Biographie zurückblicken, bringt damit Erfahrung und Allzumenschliches mit und wird dadurch für den pastoralen Dienst am Menschen erst interessant. Wenn Papst Franziskus fordert, dass die Kirche und ihre Priester an die Ränder gehen sollen, dahin, wo es riecht und wo das menschliche Leben in all seinen Schattierungen grassiert, dann ist die quasi-klösterliche Ausbildung junger Männer, die noch nie aus der behüteten häuslichen Umgebung herausgekommen sind, genau das falsche Signal. Es braucht erfahrene Persönlichkeiten, um authentischen und gelebten Glauben zu repräsentieren.

Das gegenwärtige durchschnittliche Heiratsalter liegt in Deutschland bei 32,6 Jahren. Es muss also statistisch gesehen keine Ehe annulliert werden, wenn in diesem Alter der Wunsch sich konkretisiert, Priester zu werden und es braucht auch keine Aufhebung des Pflichtzölibats. Wer mit 30 entscheidet, als Priester leben zu wollen, kann die Tragweite seiner Entscheidung viel klarer abschätzen als noch mit einem Bein in der Pubertät und im elterlichen Haushalt. Hier wird der Zölibat sogar zum positiven Statement. Zudem kann zu diesem Zeitpunkt besser eingeschätzt werden, ob grobe charakterliche Fehlentwicklungen vorhanden sind. Damit schützen sich die Seminare letztendlich selbst.

Spätberufenenseminare liefern schon heute keine Priester zweiter Klasse, sondern Menschen, die mitten im Leben stehen und sich für den Dienst in der Kirche entscheiden. Das sollte die Regel sein. Der Vorschlag mag naiv sein, aber das sind viele andere auch. Ein Beitrag zum authentischen, überzeugten Priestertum jenseits der völlig festgefahrenen Zölibatsdiskussion und abstrakter Hoffnung auf Neuevangelisierung soll er dennoch sein. Denn da draußen sind bereits viele spannende Biographien, die die Kirche und den pastoralen Dienst bereichern können.

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