Das Jahr steht auf der HöheZu einem Lied von Detlev Block

Zwischen Zeit und Ewigkeit besteht kein unversöhnlicher Gegensatz. Jesus Christus hat den Zyklus von Wachsen und Vergehen durchbrochen, weil Gott ihn dem Gesetz der Zeit entrissen hat.

Blumenwiese im Sommer
© Pixabay

Das Jahr steht auf der Höhe,
die große Waage ruht.
Nun schenk uns deine Nähe
und mach die Mitte gut.
Herr, zwischen Blühn und Reifen
und Ende und Beginn.
Lass uns dein Wort ergreifen
und wachsen auf dich hin.

Kaum ist der Tag am längsten,
wächst wiederum die Nacht.
Begegne unsren Ängsten
mit deiner Liebe Macht.
Das Dunkle und das Helle,
der Schmerz, das Glücklichsein
nimmt alles seine Stelle
in deiner Führung ein.

Das Jahr lehrt Abschied nehmen
schon jetzt zur halben Zeit.
Wir sollen uns nicht grämen,
nur wach sein und bereit,
die Tage loszulassen
und was vergänglich ist,
das Ziel ins Auge fassen,
das du, Herr, selber bist.

Du wächst und bleibst für immer,
doch unsre Zeit nimmt ab.
Dein Tun hat Morgenschimmer,
das unsere sinkt ins Grab.
Gib, eh die Sonne schwindet,
der äußre Mensch vergeht,
dass jeder zu dir findet
und durch dich aufersteht.

(Text und Melodie: Gotteslob Nr. 465)

* * *

So wie die Tage nach der Jahresmitte wieder kürzer werden, so nehmen, ohne dass ein Mensch je Einfluss darauf hätte, die Lebenstage beständig ab. «Blühn und Reifen», «Ende und Beginn», «das Dunkle und das Helle», «der Schmerz, das Glücklichsein» – oft liegt nur ein kleiner Augenblick zwischen Aufgang und Niedergang. Genau diesen unverfügbaren Moment bedenkt das ungewöhnliche «Mittsommerlied», und zwar unter einem kosmischen Vorzeichen: «Das Jahr steht auf der Höhe, die große Waage ruht.»

Für Detlev Block, evangelischer Pfarrer und Amateur-Astronom, sind die Sterne mehr als nur angestrahlte Materie. Er weiß um die Sternenmystik des Altertums wie auch um die Bedeutung der Astronomie als ältester Naturwissenschaft. Die Waage gehört zu den klassischen 48 Sternbildern, die bereits Claudius Ptolemäus († nach 160) beschrieben hat. Sie liegt auf der Ekliptik, der vermeintlichen Bahn der Sonne, die sich durch die Zone der Tierkreissternbilder erstreckt. In den späten Juninächten ist es das Sternbild der Waage, das in der Nacht als Pendant zum überlangen lichten Tag seinen höchsten Stand erreicht, um anschließend wieder zu sinken. Für eine kurze Weile hat es für den Betrachtenden sogar den Anschein, als ob die Bewegungen am nächtlichen Himmel stillstünden, als ob die große Waage «ruhen» würde. So ist das Sternbild hier ein Symbol für ein alternatives Zeiterleben, für das kosmisch-leibliche Phänomen gefühlter Simultaneität von Zeit.

Allerdings ruht die Waage nur scheinbar! Festhalten kann der Mensch die Mitte, den Höhepunkt des Jahres ja nicht. So klingt in der zweiten Strophe die berühmte Weisheit des biblischen Predigers Kohelet an: «Alles hat seine Zeit.» (Koh 3,1) Von der hohen Mitte aus bahnt sich der Abschied an. Schon zum Sommerbeginn heißt es loszulassen, einzuwilligen in die Vergänglichkeit dieser lichtvollen Zeit. Diese Erkenntnis ist aber kein Grund zur Resignation, keine Einladung zu Müßiggang. Für den Beter und die Beterin gibt es einen Horizont hinter dem irdischen Firmament: Gott selbst, der das Ziel von allem ist. So wird am Ende der einzelnen Strophen ein Bogen von der Astronomie und Biologie zum christlichen Glauben geschlagen: «Lass uns dein Wort ergreifen und wachsen auf dich hin» – «nimmt alles seine Stelle in deiner Führung ein».

Zwischen Zeit und Ewigkeit besteht kein unversöhnlicher Gegensatz. Da steht auch eine Brücke. Und diese Brücke ist für den Glaubenden Christus. Er hat den Zyklus von Wachsen und Vergehen durchbrochen, weil Gott ihn dem Gesetz der Zeit entrissen hat. Gottes Tun hat «Morgenschimmer», ist in jedem seiner Werke so frisch und neu wie am ersten Schöpfungsmorgen. Das Tun des Menschen dagegen hat keine Dauer, «das unsre sinkt ins Grab» – «Windhauch» (Koh 1,2). Daher die im Vergleich zum Original präzisierte Schlussbitte: «dass jeder zu dir findet, und durch dich aufersteht». Und zwar schon jetzt, inmitten dieses irdischen Lebens, in den unverfügbaren Momenten still gestellter Zeitlichkeit, in den ganz individuellen Augenblicken von Muße und vielleicht in einer mittsommerlichen Nacht unter den Sternen, bevor die Sonne ganz verschwindet. Besonders die dritte Strophe greift dazu die Grundhaltung kosmischer Mystik auf: die Gelassenheit. Der gelassene, in sich ruhende Mensch ist der Inbegriff des Mystikers. Er ist auf der Suche nach der Einheit mit und in Gott selbst.

In einer durch Technik und Digitalität geprägten Gesellschaft leben wir kaum noch mit dem Kreislauf der Natur. Nur hin und wieder werden wir uns der kosmischen Zusammenhänge bewusst, vor allem an den jahreszeitlichen Wendepunkten. Fast jedes christliche Fest deutet die Überlieferungen des Glaubens, das, was wir «Heilsgeschichte» nennen, mit Elementen der Schöpfung und stellt sie zugleich in den Horizont der Vollendung – so auch der Johannestag zur Sommersonnenwende mit der biblischen Botschaft: «Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.» (Joh 3,30) Es gibt keinen Gegensatz von Natur und Glaube, von Religiosität und Christianität. Es geht immer um Gegenwart, um ein erfülltes und gefülltes Heute. Denn: «Die Herrschaft Gottes ist nahe», das heißt: «Gottes Herrschaft ist zum Greifen nahe» (Mk 1,15). Das ist die zentrale Botschaft, der erste Satz Jesu.

Und das ist auch die Botschaft dieses Liedes, zusammen mit seiner alten, unvergänglichen Melodie von Johann Steuerlein (1546–1613). Sie bringt die Dramatik des Lebens eindrucksvoll zur Geltung: Mit einem anfänglichem Schwung, der durchgehalten wird, pendelt sich die Melodie vor dem Wiederholungszeichen bei «ruht» auf den Grundton ein. In der Mitte des zweiten Liedteils fließen Text und Melodie ruhig wie auf einem offenen Halbschluss. Eine Viertelpause lädt zum Innehalten ein. Dann aber drängt sich alles dem Liedschluss entgegen.

Kennen wir uns darin nicht wieder? Der Tatendrang des Anfangs, die Gelassenheit der Mitte, das kurze Verweilen auf der Höhe, der Durchbruch zum…, ja wohin – zurück zum Anfang?

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