Ich bin die Christin
mit dem Schandfleck am Knie,
das ich aufschlug, nicht aufrieb im Dienst.
Ich bin die Christin, die blutet bis auf den Hosenboden
und die, die den Pulli um die Hüfte bindet.
Ich bin die Christin,
die beim Chatten nach Fotos von Händen fragt,
so ungläubig ist sie.
Ich bin die Christin,
die mal textsicher ist, die das Singen nach der Orgel aber meistens vertut.
Ich bin die Christin,
die sich im Lammkostüm vor den Bischoff setzt.
Ich bin die Christin,
die im Leben, im täglichen, das Brot verschmäht.
Ich bin die Christin,
die nach Kunst in der Kirche fragt.
Ich bin die Christin,
die durch die Riten die Rätsel annimmt.
Ich bin die Christin,
die bewundert, wenn einer aus einem Schrank steigt, der ihn eingesperrt hielt.
Ich bin die Christin,
die ernst macht mit der Liebe für den immer Nächsten.
Ich bin die Christin,
die den Tag lobt und den Abend dazu, selten das eine vor dem anderen.
Ich bin die Christin,
die zu ihrem Gott hält, wenn er sich outet und alles sich wendet.
Ich bin die Christin,
die beim Weltuntergang und im Höllenfeuer besonders gut angezogen sein möchte.
Ich bin die Christin,
die an zu viel Weihrauch, nicht an zu wenig sterben möchte.
Ich bin die Christin,
die die weißen Westen der Diener Gottes anschwärzt.
Ich bin die Christin,
die langbeinig schwankend den Männchen die Köpfe verdreht, sie zu essen.
Ich bin die Christin,
die bei der Wandlung klatscht, weil die Show so täuschend, perfekt.
aus: Nora Gomringer, Gottesanbieterin, Berlin – Dresden – Leipzig 2020