Wie kann die christliche Botschaft glaubwürdig werden?Ein Impuls aus der orthodoxen Tradition

Abstract / DOI

How Can Christian Message Restore Its Credibility? An Impetus coming from the Orthodox Tradition. The article deals with the problem of the East-West division of the Christian tradition regarding it however not from the viewpoint of dogmatics or liturgics, but the concrete practice of Christian life. I will argue that resulting from the 1054 Great Schism, the Christian message for both the West and the East has become one-sided und its meaning turned out to be obscure. The contemporary Western preaching, by Roman Catholics and Protestants alike, presumes that Christian life lies in trusting God and servicing one’s neighbour, but says next to nothing of how to achieve this. One can get an impression that this trust and this service will arise automatically as a result of the mere acknowledgement of certain values and moral attitudes. The Eastern Orthodox tradition, on the contrary, regards faith as hard toil – a path of self-knowledge and ascesis. However, one-sided focusing on self-perfection is also fraught with peril to spiritual life such as sinking in despair at contemplating one’s own imperfection and being unable to love one’s neighbour. The awareness of these lacunae might lead not only to the intensification of the ecumenical dialogue but make Christian message more credible both in the West and in the East.

Die Kirche muß mit ihren beiden Lungen atmen!
Johannes Paul II.

Man denke an die Kathedrale S. Marco in Venedig – byzantinische Kuppeln und gotische Türme, Säulen und Pfeiler, orientalische Mosaike und die Chorschranke mit Figuren der Apostel, das goldene Relief des Markuslöwen und der Viergespann mit bronzenen Pferden. Das alles bildet eine Einheit, die für mich selbst unerwartet in den folgenden, unbegreiflichen Worten zum Ausdruck kommt: die ungeteilte Kirche. Die Kathedrale wurde 1063–1094 bald nach der großen Kirchenspaltung 1054 erbaut und seitdem mehrmals ergänzt und teilweise umgestaltet. Es war gewiss keine Absicht, ein Denkmal für die Einheit der Christen zu errichten. Und doch es ist eines geworden, eigenartig, gewagt und wunderschön. Hier findet man die segensreichsten Früchte der orientalischen Spiritualität, aber ebenso das überreiche spirituelle Erbe des Westens, und zwar beide wie gereinigt und verklärt. Hier sieht man die geistvollen Gestalten der Heiligen, ohne befremdende Dunkelheit, aber auch ohne kitschige rote Bäckchen und Lippen. Man empfindet Nähe ohne plumpe Vertraulichkeit und Freude, ohne dass die Höhen und Tiefen des geistigen Lebens vergessen werden. Verehrung und Anbetung scheinen sich hier von der Freundschaft nicht zu trennen.

Wir können uns nicht vorstellen, wie die Christen das große Schisma vor tausend Jahren erlebt haben. Wenn man bedenkt, dass noch einer der berühmtesten Denker und Kirchenmänner der Renaissance, Nikolaus von Kues, sein Leben und seine Position während des Basler Konzils radikal geändert hat, nur um der Wiedervereinigung der Kirche zu dienen, dann versteht man, dass auch vierhundert Jahre nach diesem Desaster Christenmenschen es mit dem tiefsten Schmerz empfunden haben und bereit waren, mit allen Kräften der Einheit zu dienen. Und wir, die wir schon mehrere Schismen erlebt haben, wundern uns nur darüber und fragen: Was ist da wirklich verloren gegangen? Hat es mit uns Heutigen etwas zu tun? Fehlt uns etwas oder können wir uns damit sehr wohl abfinden? Vielleicht ist es sogar ein Vorteil, dass uns heute eine Vielfalt der Kirchen und Traditionen zur Verfügung steht, bei der wir entscheiden können, welcher Stil des christlichen Lebens uns besser passt? Vielleicht soll man aufhören, diese Vielfalt als Frucht des Scheiterns oder gar als Katastrophe zu betrachten?

Hier möchte ich eine These aufstellen: Die Trennung der Kirche ist kein Vorteil, und zwar nicht nur, weil die Botschaft in ihrer Folge unglaubwürdig wurde, weil die Trennung in der Geschichte zu heftigen Auseinandersetzungen führte, die alles andere als christliche Liebe demonstrierten. Das alles gehört, möchte man hoffen, nun mehr oder weniger der Vergangenheit an. Die christlichen Konfessionen bekämpfen einander nicht mehr, sie tendieren (auch mehr oder weniger) zu einem friedlichen Nebeneinander. Aber auch in dieser Polyphonie ist m. E. nichts in sich Erfreuliches. Es entsteht der Eindruck, als ob man sich bloß unter den vielen Traditionen eine dem eigenen Geschmack und Verständnis nach passende aussuchen sollte. Und so wird es sein, solange ökumenischer Dialog nichts anderes als tolerante Akzeptanz oder Neugier bedeutet und nicht, voneinander etwas Wichtiges zu empfangen, was einem selbst fehlt. So eine gegenseitige Ergänzung sehe ich als eine dringende Notwendigkeit an: Indem die christlichen Traditionen getrennt bleiben, fehlt einer jeden von ihnen etwas Wesentliches und zwar auf einer Art und Weise, dass dieser Mangel jeden Christen und jede Christin zutiefst betrifft. Denn bei diesem Mangel geht es nicht oder nicht nur um die dogmatischen Lehren und die Gestaltung der Gottesdienste. Das alles könnte noch der Gegenstand eines unbeteiligten Dialogs sein. Es geht jedoch vor allem darum, wie man in der Nachfolge Christi und in Treue Gott gegenüber leben kann, darum, was es für einen konkreten Menschen bedeutet, Christ zu sein.

Wenn man lange Zeit in Deutschland lebt und sich den Kirchgang nicht erspart, kann man merken, dass eine bunte Vielfalt von Predigten, ob man das Evangelium oder ein aktuelles Ereignis oder ein Kirchenfest zum Anlass nimmt, auf zwei große Themen zurückzuführen ist: das Gottvertrauen und das Engagement der Christen für die soziale Gerechtigkeit. Ich denke, ich würde nicht falsch liegen, wenn ich sage, dass sowohl protestantische als auch katholische Prediger scheinen diese Themen zu mögen. Hier kann man ja nichts falsch machen, hier kommt man den Menschen mit ihrem Alltag näher und verschafft ihnen gleichzeitig einen inneren Frieden, indem man sagt, sie seien dazu aufgerufen, alles Mögliches für ihre Mitmenschen zu tun, dürfen aber ihre Sorgen letztendlich dem guten und gnädigen Gott überlassen. Es kommt darauf an, ob man den Akzent auf das Tun oder auf das Überlassen, auf Werke oder auf den Glauben setzt, aber eins scheint klar zu sein: Unser Vertrauen in Gott sei der Segen für uns selbst und für unsere Mitmenschen. Ist es nicht eine glaubwürdige christliche Botschaft?

Nein, sie ist es nicht. Und dies aus einem einfachen Grund: Sie ist unrealistisch. Das wird uns klar, wenn wir fragen: Wie soll dieses Gottvertrauen und dieses Engagement überhaupt entstehen? Was ist, wenn ich kein Vertrauen und keine Nächstenliebe empfinde? Soll ich dann mein Christsein als einen Fehler ansehen? Vielleicht ist das der eigentliche Grund für massenhafte Kirchenaustritte: Man merkt, aus welchem Anlass auch immer, dass dies nur noch schönes Gerede ist, das mit dem wirklichen Leben nichts gemeinsam hat, dass das Gottvertrauen ein leeres Wort ist und dass man sich bei den anderen Institutionen viel besser und zuverlässiger für die soziale Gerechtigkeit engagieren kann. Man kann Jahre lang sonntags in die Kirche gehen, das gute Gefühl pflegen, man habe damit sein Christsein bestätigt und die Treue gewissen Werten gegenüber gezeigt. Doch eines Tages kann entweder eine persönliche Katastrophe oder ein gesellschaftlicher Skandal diesen Schein des christlichen Lebens zerstören und als reine Heuchelei entpuppen – als eine Einbildung, die mit der Realität nichts gemeinsam hat.

Hier soll gleich ein Einwand vorweggenommen werden. Gewiss wird dieses pauschale Bild den einzelnen Menschen nicht gerecht. Ich will nicht behaupten, dass das Christsein heute unmöglich ist, auch nicht, dass es eine Ausnahme ist. Ich möchte nur auf eine riesige Lücke in der deutschen Seelsorge aufmerksam machen. Wenn ich es mit einem Satz formulieren sollte, so würde er folgenderweise lauten: Man spricht so gut wie niemals davon, wie ein Mensch zu einem Christen werden kann. Man spricht bestenfalls nur darüber, was es bedeutet, ein Christ zu sein, wie wichtig das ist, usw. Aber das ist nicht dasselbe. Denn ohne ‹wie› ist das alles genau das, was die Ausgetretenen meinen könnten: ein leeres Gerede. Damit ist der Sinn der christlichen Botschaft tatsächlich verfehlt. Christus ist ja nicht nur die Wahrheit, sondern auch das Leben und der Weg. Diese dynamische Seite des Christseins bleibt unklar und unerklärt. Es genügt nicht zu sagen «Du solltest dies und jenes tun» oder «Du solltest dies oder jenes glauben». Man sollte auch noch erklären, wie man dazu kommen kann, dass man diese Dinge tut oder glaubt.

Das Problem halte ich für gravierend. Denn die statische Vorstellung, dass man als Christ Gott vertraut und gute Taten vollbringt, führt zu einer fürchterlichen, für den Sinn der christlichen Botschaft zerstörerischen Überzeugung, dass Menschen sich als Gläubige und Nicht-Gläubige streng unterscheiden lassen. Schlimm ist dabei nicht nur, dass eine solche Trennung im Endeffekt zur gegenseitigen Herabsetzung führen kann. Schlimm ist vor allem, dass damit der Sinn des christlichen Glaubens verfehlt ist. Der Glaube als Zustand des Gemüts, der seelisches Wohlergehen und gutes Tun garantiert, ist eine völlig unrealistische, kindische Vorstellung, die bei dem ersten Anstoß an realen Problemen zusammenbrechen muss.

Man merke sich, dass ich hier katholisch-protestantische Differenzen vorsätzlich außer Acht gelassen habe. Die beiden deutschen Kirchen – zumindest ist dies mein Eindruck – sind sich in dieser Hinsicht sehr nahe. Ich würde so weit gehen und behaupten, dass nicht nur die Betonung des sozialen Engagements, auch das Verständnis des Christseins als besonderen Zustand, in dem der Mensch Gott vertraut und sich zu gewissen Werten bekennt, ihnen heute gemeinsam ist. Bei beiden zeigt sich die oben beschriebene pastorale Lücke, dass nämlich nicht erklärt wird, wie man an diesen seligen Zustand gelangen soll. Die katholischen Hinweise auf die Sakramente sind dabei genauso wenig hilfreich, wie die protestantische Betonung der Gabe des Glaubens, die von Gott her kommt. Die Vorstellung, dass die Teilnahme an der Eucharistie aus uns gute Christen machen soll, nach dem Muster einer Tankstelle, die uns immer wieder Kräfte verleiht, sieht für mich noch unglaubwürdiger aus als der protestantische Aufruf Gott darin zu vertrauen, dass er uns den Glauben schenkt, der uns dazu bringen wird, seinen Willen zu tun. Dass die beiden Einstellungen unglaubwürdig sind, heißt nicht, dass sie falsch sind, sondern, dass sie vor allem unzureichend sind, um das Christsein als wirklichen Weg im realen Leben zu beschreiben.

Die unausgesprochene Einheit der Katholiken und Protestanten, in dem, was die oben beschriebe Lücke angeht, erfreut also wenig. Denn es ist Einheit durch Mangel, nicht durch Fülle. Es gibt aber eine andere Tradition, die im Westen im Laufe der Jahrhunderte immer mehr in Vergessenheit geraten ist, die sich auf diese Lücke bezieht. Das ist die Tradition des orthodoxen Christentums, der byzantinischen Mönche, des Hesychasmus – einer orientalischen spirituellen Mönchbewegung, die sich als Weg verstand, um zur Schau des ungeschaffenen Taborlichtes zu gelangen. Auch in den Predigten der modernen orthodoxen Mönche, z. B. in Russland, erkennt man deutlich Spuren dieser alten Tradition. Sie sprechen nicht von der Lehre der Kirche, auch nicht von der Gemeinschaft oder dem christlichen Engagement. Sie sprechen vom Weg eines Christen, von dem, wie man zu einem Christen wird. Die Teilnahme an den Sakramenten ist hier keineswegs das Ziel, auch nicht das Auftanken von Kräften für das fröhliche Miteinander. Zwischen den Momenten, in denen der Mensch das «Medikament des Himmels» empfängt, wie sie die heilige Hostie nennen,1 liegt das Feld eines spirituellen Kampfes, der Weg der Askese, der schmerzhaften Selbstüberwindung und der Selbsterkenntnis – ein wahres Schlachtfeld.

Sehr vereinfacht könnte man diesen Gedanken folgenderweise darstellen. Wenn man sich asketisch anstrengt, wenn man darauf verzichtet, was einem wichtig ist, wird man auf sich, auf die eigenen feinsten Seelenbewegungen aufmerksamer; man wird lernen, in die Tiefe der eigenen Seele hineinzuschauen. Dieser Blick wird höchst wahrscheinlich unerfreulich sein und doch ist er unerlässlich dafür, um den eigenen Willen zu stärken und über eigene Verfehlungen hinauszukommen. Aber dieses Hinauskommen wird nicht einfach gelingen. Dass der christliche Weg ein Passionsweg ist, wird in der orthodoxen Tradition nicht klein geredet. Ganz im Gegenteil: Es wird betont, dass man, wenn man diesen Weg betritt, vor allem eigenes tiefstes Unvermögen, eigene Schwäche und innere Hässlichkeit erfahren wird, dass man verstehen wird, was es heißt, Sünder zu sein, so dass selbst die Hoffnung auf Erlösung schwinden kann. Jedoch aus dieser tiefsten Not kann man gerade lernen, dass man die Hoffnung allein auf Gottes Liebe und Gottes erlösende Tat setzen kann. Der Gedanke ist im Grunde tatsächlich einfach: Nur aus der Tiefe der eigenen Ohnmacht kann man dazu kommen, Gott zu vertrauen und auf ihm allein seine Hoffnungen ruhen zu lassen. Indem wir uns asketisch schulen, durch Fasten und Beten, durch Verzicht auf das Notwendige und Selbstüberwindung, v. a. aber indem wir unser Unvermögen erkennen, lernen wir Gottes Willen über uns bedingungslos zu akzeptieren.

Die Botschaft ist hier also anders als im Westen: Keiner wird über eine Nacht ein Christ; die bloße Zustimmung gewissen Werten und Lehren macht noch keinen Christen aus. Die Ungläubigen gibt es sehr wohl, aber sich als Gläubigen zu bezeichnen darf man nur mit einer demütigen Ergänzung, dass man nämlich noch weit davon entfernt ist, als Christ zu leben und Gott bedingungslos zu vertrauen, dass man sich auf dem Weg befindet, bei dem die Fortschritte leider nicht besonders sichtbar sind. Wenn man als Orthodoxer sonntags in die Kirche geht, tut man dies also nicht, um seine Treue irgendwelchen Werten, Lehren oder einer Gemeinschaft gegenüber zu bestätigen. Man geht nicht als ein guter und freudiger Mensch hin, sondern als ein gescheiterter, der die Vergebung für sein Scheitern braucht, um von seinem Schmerz erlöst zu werden und den spirituellen Kampf neu eingehen zu können. Man braucht die Sakramente, jedoch wie derjenige, der gerade ertrinkt, einen Schluck Luft bitterlich braucht. Wie kann ein Ertrinkender aus der Kirche austreten wollen? Was gehen ihn Skandale, Missstände oder Heuchelei der anderen an? Er hat sein Schlachtfeld, bei dem er jeden Tag seine Schwäche erfährt. Die Verfehlungen der anderen sind für ihn nur der Anlass, sich selbst noch mehr zu misstrauen und sich noch mehr anzustrengen, auch ein Anlass für die sündige Welt zu beten, die, wie er weiß, sich am Ende der Zeiten von Christus völlig abwenden wird. Es werden nur Wenige sein, die gerettet werden. Ob er selber unter ihnen sein wird, ist seine primäre, ja seine einzige Sorge, seine Verzweiflung und seine Hoffnung.2

Wenn man solche Predigten hört, fragt man sich nicht mehr, wie ein Christ dazu kommen kann, Gott zu vertrauen. Bei den Kirchenvätern des Orients findet man detaillierte Beschreibungen, wie man sich konkret, Schritt für Schritt, dem Christsein nähern soll, so dass man von den einfachen Essensbeschränkungen bis zum heldenhaften Glaubenszeugnis fortschreiten kann.3 Der Weg eines Christen scheint damit klar zu sein, wie auch seine Logik, die oben beschrieben wurde: Je mehr man sich asketisch anstrengt und aufopfert, desto tiefer erkennt man sich, desto klarer werden die Schwächen, die Schuld, die Ohnmacht. Das Wort «Schuld» darf uns allerdings nicht irreführen. Es handelt sich nicht um eine Zuweisung der moralischen Schuld und überhaupt nicht um Moral im strengen Sinne. Denn die Überbetonung der moralischen Seite des Glaubens gehört ebenso zu den Einseitigkeiten des ‹Westens›. Einem orthodoxen Christen, der sich asketisch schult, geht es nicht darum, sich für einen guten und gerechten Menschen zu halten oder nicht zu halten. Die Anerkennung der eigenen Gebrochenheit steht nicht für sich, sondern dient einem anderen Zweck – der Stärkung des eigenen Willens. Sie ist keine Feststellung einer Tatsache, wie etwa bei Luther, dass wir alle Sünder seien und einer Erlösung bedürfen. Sie ist ein Weg – ein Weg der Gott- und Selbsterkenntnis.

Hier erkennt man jedoch eine andere gravierende Lücke. Denn es gibt offensichtlich einen Abzweig auf dem harten Weg der Selbsterkenntnis: den der Verzweiflung. Zwischen dem schmerzhaften Erleben der eigenen Bedürftigkeit und dem freudigen Vertrauen in Gott liegt ein Abgrund. Wie kann man aus der Tiefe der trostlosen Erfahrung des eigenen Unvermögens überhaupt an die Freude und den Seelenfrieden gelangen? Mit anderen Worten: Wie kann man sich noch Christ nennen, nachdem man seine Untreue mehrmals am Tag erkannt hat? Und noch wichtiger: Wie kann man noch an seine Mitmenschen denken, geschweige denn sie lieben, wenn man die eigene Hässlichkeit, und nur sie, vor Augen hat? Den Nächsten sollte man doch lieben wie sich selbst, haben wir von Christus gehört. Sich zu lieben, ist aber in diesem Fall unmöglich. Wenn das Gottvertrauen hier dem Notruf eines Ertrinkenden gleichkommt, so scheint die Nächstenliebe die Frucht der Selbstverachtung zu sein. Weder das eine noch das andere bringt Freude mit sich. Dies ist die Botschaft, die das christliche Leben zu einer bloßen unerfreulichen Anstrengung macht: Der Weg eines Christen führt von einem Leiden zu einem noch größeren Leiden, von einer Prüfung zu noch härterer Prüfung, von einem Scheitern zu einem neuen Versuch. Mehr noch: Das Leiden soll nun als Zeichen einer besonderen Gnade Gottes und die ständige Anstrengung als Weg zur vollkommenen Freiheit betrachtet werden. Darum soll die Krönung des christlichen Weges sein, dass man dazu kommt, auch diesen Weg des Leidens noch zu lieben und Gott für ihn zu danken.

Man könnte hier wieder erwidern, dass dies alles eine erhebliche Übertreibung ist. Ich gebe gern zu, dass ich das, was man nur als eine Tendenz beschreiben sollte, sehr zugespitzt habe. Das betrifft beide Lücken, die ‹westliche› und die ‹östliche›, die fröhliche Selbstbestätigung der katholisch-protestantischen Deutung des Christseins und die verzweifelte Selbstverneinung der orthodoxen Christen. Dafür bitte ich beide Seiten um Verzeihung. Ich will auch gar nicht bestreiten, dass es eine asketische Tradition des Westens gibt und ebenso freudvolle Erfahrungen der orthodoxen Mönche.4 Alles, was ich wollte, ist jene Mängel in der christlichen Botschaft auf beiden Seiten klarstellen, die diese verdunkeln, ja für die Welt unverständlich und unattraktiv machen, sowohl im Westen als auch im Osten.5 Nun sieht man: Im Grunde sind es zwei Seiten von einer Botschaft, die jedoch getrennt und ohne einander merkwürdig aussehen. Einerseits sieht man freudige Christen, die ihrer Erlösung sicher sind (ist es nicht der Traum Luthers gewesen?) und sich für die Werte, die Gemeinschaft und die soziale Gerechtigkeit engagieren. Dabei sind sie überzeugt, dass Christ zu sein eine Art Kopfentscheidung ist, ein Einverständnis, dass man der wie auch immer verstandenen christlichen Lehre und den was auch immer bedeutenden christlichen Werten zustimmt; dass man es nur richtig wollen muss, um ein guter Mensch und ein guter Christ zu werden (als ob dies dasselbe wäre). Vom Scheitern ist hier so gut wie nie die Rede.6 Nur bei Katholiken wird es manchmal doch angedeutet, aber dann verweist man auf die Sakramente, die alles wieder in Ordnung bringen können. Nun ja, es gibt freilich ein Sakrament, das nicht nur den Protestanten fremd geworden ist, sondern auch deutsche Katholiken offensichtlich für überflüssig halten – die Beichte. Und das ist verständlich: Wer vom dornigen Weg der Selbsterkenntnis und des Scheiterns nichts wissen will, wird nicht merken können, dass ihm etwas fehlt. Solange, bis eine richtige Katastrophe in seinem Leben auftritt – oder im Leben der Kirche. Wenn eine andere, düstere Seite des christlichen Lebens sich plötzlich, unerwartet und unvorbereitet, zeigt, sieht man: Das Christsein, wenn es noch Sinn macht, ist etwas ganz anderes, als fröhliches Miteinander und williges Sich-Engagieren für die Welt und Umwelt.

Aber auch der orthodoxe Leidensweg ist unwiderruflich einseitig. Denn die Freude, von der die Mönche als von der Krönung des Christseins sprechen, bleibt fantastisch und weltfremd. Selbst wenn man auf dem schmerzhaften Weg der Selbsterkenntnis etwas erreichen würde, wird man sich kaum darüber freuen können, wenn man weiß, dass auf so einen Erfolg eine noch härtere Prüfung folgen wird, dass das Ende der Prüfung nur der Tod sein kann. Das Leben sieht hier wie eine bloße Vorbereitung auf den Tod aus, sowie auf das Alt- und Krank-Werden, auf all die Prüfungen, die Gott uns schicken mag. Hier könnte man fragen: Vergisst man dabei nicht, dass das Evangelium eine frohe Botschaft ist, dass Gott uns sich als Liebe offenbart hat, dass er folglich kein strenger Lehrer ist, der uns ständig mit einer Prüfung droht, bei der wir höchst wahrscheinlich durchfallen werden, sondern ein liebevoller Vater, der uns unsere Verfehlungen nicht anrechnet und selbst leichte Siege schenken kann, die wir gar nicht verdient haben? Mehr noch: Er sagt uns, dass unsere Schwäche seiner Macht nicht im Wege steht, sondern im Gegenteil seine Kraft auch und gerade durch unsere Schwachheit zur Vollendung kommen kann (2 Kor 12, 9). Vielleicht verfehlt man den Sinn des Sonntags, wenn man beim Gottesdienst nur Trost für sein Scheitern sucht, und ebenso den Sinn der Kirche, wenn man sie ausschließlich als Ort der persönlichen Erlösung versteht, ohne Bedeutung für die außenliegende sündige Welt, die ihrerseits nur eine Art Prüfungsort oder gar eine Folterkammer darstellt? Vielleicht missversteht man auch den Sinn der Nächstenliebe, wenn man in ihr nur ein Mittel zu eigener asketischer Schulung sieht, und den Sinn des Gottvertrauens, wenn man es für einen Strohhalm hält, an den sich der Ertrinkende klammert.

Es ist schwer, nur mit einem Lungenflügel zu atmen, das Christentum braucht beide. Diese Worte von Papst Johannes Paulus II., mit denen er den russischen Philosophen Wjatscheslaw Iwanow zitierte, findet man u. a. in der Enzyklika Ut unum sint. Aber besonders im apostolischen Schreiben Orientale Lumen hat der erste slawische Papst die Trennung der zwei großen Kirchen – der des Westens und der des Ostens7 – als tiefste Wunde ausgelegt. Er hat dabei angedeutet, dass diese Wunde zu einem Mangel im spirituellen Leben des Westens geführt hat.8 Der Mangel ist, so scheint es mir, einer der größten Schäden, die das Schisma 1054 verursachte, und er ist auf beiden Seiten deutlich zu spüren. Das sind die Lücken, die die christliche Botschaft in den beiden großen Traditionen unglaubwürdig, ja fantastisch gemacht haben.

Zum Schluss möchte ich betonen, dass ich mir nicht anmaße, die Gründe der Verschiedenheit von der ‹westlichen› und ‹östlichen› Spiritualität auch nur andeutungsweise anzusprechen. Das ist ein großes Thema, das nicht nur die Rahmen eines Aufsatzes sprengen, sondern auch zu willkürlichen Spekulationen verleiten würde. Man würde z. B. die Politik dafür verantwortlich machen, oder umgekehrt, diese als Folge der spirituellen Divergenzen sehen wollen. Die Gründe, wenn sie überhaupt feststellbar sind, dürften sehr heterogen und überkomplex sein. Alles, was ich hier tun wollte, ist auf eine Unvollständigkeit der Glaubensbotschaft im ‹Westen› und im ‹Osten› hinzuweisen, auf ihre Verdunkelung, für die die beiden Seiten Verantwortung tragen. Denn ohne spirituellen Kampf ist das christliche Engagement oberflächlich, ja unglaubwürdig-kindisch, und bricht bei erster Prüfung zusammen. Derjenige aber, der sich nur auf die Selbsterkenntnis und den inneren Kampf konzentriert, ist dazu verdammt, düster und verschlossen gegenüber seinen Mitmenschen zu werden. Beides steht einem Christen nicht zu. Wenn die Welt das christliche Zeugnis noch hören kann, dann nur aus dem Mund derjenigen, die sowohl den spirituellen Streit mit seinen Höhen und Tiefen, mit seinem Scheitern und seinem Leiden kennen, als auch ihn für die Welt fruchtbar machen wollen, die sich selbst für keine besonders guten Christen halten, jedoch glauben, dass es durchaus möglich ist, nach dem Evangelium zu leben. Freilich bedeutet es viel Mühe, aber es geht dabei nicht nur um ständiges hartes Prüfen. Auf dem christlichen Weg lauert nicht nur das Leiden, das wir ertragen sollen, sondern auch die Freude – an den Gaben, mit denen Gott uns und die anderen überreichlich beschenkt. Ein Selbstgerechter kann den Willen Gottes, der sich im Evangelium offenbart, genauso wenig erkennen wie ein Selbstverächter. Es gehört viel Mut dazu, die eigene Schwäche einzusehen, aber auch viel Liebe zu Gott und den Mitmenschen, um an dieser Erkenntnis nicht zu hängen, um sich, trotz eigener Unvollkommenheit, für eine bessere Welt einzusetzen. Eine solche Synthese der östlichen Tiefe und der westlichen Fröhlichkeit, der Selbsterkenntnis und des Engagements, wäre, so scheint es mir, eine wahre gegenseitige Bereicherung, die die christliche Botschaft der Liebe, die zwar harte Wege geht, aber alles überwinden kann, – die frohe Botschaft Jesu Christi – für die Welt etwas glaubwürdiger machen könnte.

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