Gottfried Benn: Epilog (V)

Die vielen Dinge, die du tief versiegelt
Durch deine Tage trägst in dir allein,
die du auch im Gespräche nie entriegelt,
in keinen Brief und Blick du ließest ein,

die schweigenden, die guten und die bösen,
die so erlittenen, darin du gehst,
die kannst du erst in jener Sphäre lösen,
in der du stirbst und endend auferstehst.

* * *

Im Geheimnis

Das Gedicht ist vier Jahre nach Kriegsende entstanden, sieben Jahre vor Benns Tod. Er hat es als Schlussakkord eines Zyklus gesetzt, den er Epilog 1949 nannte und der den Band Trunkene Flut abschließt, der nach Jahren verordneten Schweigens als erstes seiner Nachkriegsbücher in Deutschland erscheinen konnte. Benn war damals dreiundsechzig Jahre alt. Was den aus fünf Gedichten bestehenden Zyklus eint, ist der elegische Ton, die Motive des Weggehens, ein inneres Hinsagen von Abschied überhaupt. Jedes der Gedichte sollte auf einer eigenen Seite stehen und so seine Selbständigkeit innerhalb der Reihe bewahren.

Epilog (V) ist kein Klagelied, obwohl es auf das Sterben und den eignen Tod vorausgreift. Es spricht die Ahnung der Erlösung aus. Vers für Vers treiben die Jamben hin zu einem Punkt, den Benn normalerweise nicht berührt. Es ist die Grenze zur Transzendenz. Ein Rahmen, ein Verlauf, an dessen Ende zwar nicht Gott, aber doch etwas steht, das ohne ihn nicht denkbar ist: die Auferstehung. Ein solcher Ausblick ist fast schon befremdlich bei einem Dichter wie Benn. Nicht wegen seines berühmten Diktums «Gott ist ein schlechtes Stilprinzip.» Eher wegen seines Satzes: «Ich stamme aus dem naturwissenschaftlichen Jahrhundert; ich kenne meinen Zustand ganz genau.» Das Wort «auferstehen» ist hier keine Referenz an einen theologischen Begriff, meint kein persönliches Ostern, aber auch keinen Wahn. Es ist ein Wort, das die Grenzen der körperlichen Welt und eines leiblich gestützten Bewusstseins überschreitet. Es verweist auf eine pränihilistische Schicht von Benns Personengeschichte. Er, der Pfarrerssohn, hat einmal gesagt, die Stunde Gottes wäre noch in ihm, die Uhr schlüge noch. Bei aller Gegenrede Richtung Frömmigkeit und Glauben, der wir in einem nicht ohne dämonische Zweideutigkeit erschaffenen Werk begegnen, doch «passioniert irreligiös» (so das Wort von Overbeck über Nietzsche) könnten wir dessen Schöpfer nicht nennen. Benn war kein Atheist, nicht mal ein Agnostiker. Von seinem Gottesbezug hat er mehr als nur einmal gesprochen. An seine 34jährige Tochter Nele schreibt er 1949: «Niemals hat mich die Frage Schuld und Sünde und Jenseits überhaupt beschäftigt, diese Fragen waren für mich einfach nicht vorhanden. Ich kann mir absolut nichts dabei denken. Für mich ist das Diesseits und das Jenseits dasselbe. Ich glaube nicht an das Jüngste Gericht, nicht an Vergebung und Strafe. Glaube ich also nicht an Gott? Das möchte ich bestreiten.»

Und an Alexander Lernet-Holenia schreibt er 1952: «Ein Jesuitenpater, der die Freundlichkeit hatte, mir zu schreiben, sagte: Ein Mensch, der Gott so unabhängig und so in der Ferne sieht wie Sie, ist mir lieber als einer, der sich immer so nahe auf ihn bezieht und alles mögliche von ihm erwartet. Ich füge hinzu, niemand ist ohne Gott, das ist menschenunmöglich, nur Narren halten sich für autochthon und selbstbestimmend. Jeder andere weiß, wir sind geschaffen, allerdings alles andere liegt völlig im Dunklen.»

Benns Verse sprechen nicht von der Auferstehung als erfülltem Traum vom ewigen Leben, sondern vom Auferstehen als Erlösung. Aber Erlösung wovon? Erlösung vom Arkanum, dem Geheimhalten selbst. Dem tief Versiegelten, dem nie Entriegelten. Den verschwiegenen, erlittenen Dingen, den Dingen, die binden. Und die den, den sie binden, in lebenslanger, schmerzhafter Gefangenschaft halten. Und erst im Sterben daraus befreien.

Wie so viele Gedichte Benns ist auch dieses eine Selbstinstruktion. Aber eine Selbstinstruktion besonderer Art, denn der, an den sie gerichtet ist, kann nichts zu ihrer Befolgung beitragen. Was geschehen soll, geschieht ohne sein Zutun. Das Leben, von dem hier die Rede ist, gleicht einem Tresor mit Geheimpapieren, dessen Schloss sich nicht öffnen lässt. Auch wir können es nicht öffnen. «Wer allein ist, ist auch im Geheimnis», heißt es in einem anderen Gedicht des Autors. Und irgendwo sagt er: «Der menschliche Leib ist ein metaphysisches Massiv, aus ihm steigen die Geheimnisse, ohne ihn keine Freiheit und kein Fluidum, ohne ihn keine Erkenntnis, in ihm allein entwickelt der Tod sein Feld.»

Vielleicht geht es in diesem Gedicht gar nicht um Dinge, die man nicht gestanden hat, nicht um Dinge der Schuld oder der Angst, Dinge des Makels oder der Scham. Vielleicht geht es um etwas Unsagbares, etwas, das niemals sagbar wird, eine Liebe oder eine Last, ein Verhängnis. Das zu einem Knoten in uns wurde, der im Leben nicht zu lösen war. Dann wäre der Tod nicht nur ein Epilog. Dann wäre er ein Ende und ein Anfang. Und ein neues Geheimnis.

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