«Und führe uns nicht in Versuchung»Das Vaterunser als Anfrage an unser Gottesbild und die Rede vom Teufel

Abstract / DOI

«And Lead Us Not Into Temptation». The Lord’s Prayer, God and the Devil. The article takes a position on the recent debate on the sixth request of the Lord’s Prayer «et ne inducas nos in tentationem». It is shown that the German translation «und führe uns nicht in Versuchung» (Catholic standard translation, Lutheran Bible) is literally and factually correct. Behind the criticism of Pope Francis on the German translation stands a dualistic appearing view of the relationship between God and the devil, which is incompatible with biblical understanding. For it is God who tests Abraham, it is God who allows the devil to try Job, it is God who leads Jesus into the wilderness to be tempted by the devil. With the sixth petition we ask God that the trials and temptations in our lives should not be too difficult, that we should be able to bear them, and that God may redeem us from evil – so the seventh request of the Lord’s Prayer.

Das Vaterunser ist das Grundgebet, das Jesus seinen Jünger zu beten gelehrt hat (Mt 6, 9–13; Lk 11, 1–4). Deshalb heißt es auch Gebet des Herrn oder Herrengebet (Oratio Dominica). Es werden sieben Bitten unterschieden. Als besonders schwierig wird die sechste Vaterunser-Bitte empfunden: «und führe uns nicht in Versuchung», so übersetzen sowohl katholische Einheitsübersetzung wie die Lutherbibel καὶ µὴ εἰσενέγκῃς ἡµᾶς εἰς πειρασµόν (Mt 6, 13a).1 Die Vulgata hat et ne inducas nos in tentationem («und führe uns nicht hinein in die Versuchung»). Cyprian von Karthago (um 200/201–258) zitiert eine ältere Fassung: ne patieris non induci in temptationem («und lass nicht zu, dass wir in die Versuchung hineingeführt werden»).2 Schon Markion (um 85–160) verstand die sechste Vaterunser-Bitte im Sinne von «Lass nicht zu, dass wir in Versuchung geraten.»3

In Lk 11, 4 wird die Versuchungsbitte ohne die ergänzende Bitte ἀλλὰ ῥῦσαι ἡµᾶς ἀπὸ τοῦ πονηροῦ (Mt 6, 13b) überliefert, die Didache hat dagegen wie Mt 6, 9–13 die längere Fassung. Die letzte Bitte wird als siebte Bitte gezählt, gehört aber aufs Engste mit der sechsten Bitte zusammen. Die neue katholische Einheitsübersetzung übersetzt die Bitte mit «sondern rette uns vor dem Bösen», statt wie bisher «sondern erlöse uns von dem Bösen». Damit weicht sie von der Lutherbibel wie der liturgischen Fassung des Vaterunser ab: Im neuen Gotteslob (2012/2013) und im deutschen Messbuch (1975; 21988) lautet die siebte Vaterunser-Bitte «erlöse uns von dem Bösen».

Zentral ist bei der sechsten Vaterunser-Bitte das Wort πειρασµός. Im profanen Sprachgebrauch wird es zumeist im Sinne von Prüfung gebraucht. Die Septuaginta übersetzt mit dem Verb πειράζειν das hebräische nsh im Piel, dessen erste Bedeutung «auf die Probe stellen» ist.4 Erstmals in diesem Sinne wird πειράζειν in der Erzählung von der Bindung Isaaks gebraucht: «Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe» (Gen 22, 1 LXX: επεἰραζεν; Vulgata: tentavit). Das nichtkanonische Jubiläenbuch und die rabbinische Überlieferung (Mishna Abot V,2) unterscheiden insgesamt zehn Versuchungen Abrahams, darunter als zehnte den Tod seiner geliebten Frau Sarah ( Jub 19, 38), als achte und neunte Versuchung werden die Unfruchtbarkeit Sarahs und die Bindung Isaaks genannt.

Der Gott Israels prüft nicht nur einzelne Personen, sondern auch sein Volk, «ob es nach meiner Weisung lebt oder nicht» (Ex 16, 4). In einem jüdischen Abend- und Morgengebet aus dem Babylonischen Talmud heißt es: «Lass mich an deinen Geboten hängen und führe mich nicht ins Vergehen, nicht in Schuld, nicht in Versuchung» (Berakot 60b).5 In der Wüste hat Israel auch Gott auf die Probe gestellt: Das Volk hadert mit Gott, weil es kein Wasser hat und gerät darüber mit Mose in Streit. Der Ort, wo dies geschah, wird Massa (Probe) und Meriba (Streit) genannt (Ex 17, 2.7). Neben nsh verwendet die hebräische Bibel das Verb sût, so in 1 Chr 21, 1 für das Handeln des Satans: «Der Satan trat gegen Israel und reizte David, Israel zu zählen.»6 Auch in der Rahmenerzählung des Buches Jiob taucht es auf.7

Die deutlichste Nähe hat die sechste Vaterunser-Bitte zur Bitte in dem schon zitierten jüdischen Abend- und Morgengebet: «Leite meinen Fuß nicht in die Gewalt der Sünde und bringe mich nicht in die Gewalt der Schuld und nicht in die Gewalt der Versuchung und nicht in die Gewalt von Schändlichem» (Berakot 60b).8 Die Mehrheit der Neutestamentler bestätigt die Richtigkeit der Übersetzung von Mt 6, 13a mit «und führe uns nicht in Versuchung».9 Diskutiert wird, ob πονηροῦ in der siebten Vaterunser-Bitte neutrisch zu verstehen ist («das Böse») oder maskulinisch («der Böse»), sich also auf den Teufel bezieht.10 Sachlich lässt sich beides kaum trennen, da der Teufel die Macht des Bösen personifiziert, durch die wir versucht werden. Daher muss bei der Versuchungsbitte auch über den Teufel und sein Verständnis gesprochen werden.11

Hinter der Bitte µὴ εἰσενέγκῃς ἡµᾶς εἰς πειρασµόν vermuten manche Exegeten einen aramäischen Kausativ12, der «ein aktives Handeln wie ein permissives Zulassen meinen»13 kann. Der griechische Text der sechsten Vaterunser-Bitte geht aber von einem aktiven Handeln Gottes aus14, in allen anderen Bitten ist Gott auch der jeweils Handelnde15. Doch spricht der Jakobusbrief nicht dagegen, dass der Mensch durch Gott in Versuchung geführt wird? «Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt (πειράζοµαι). Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung (πειράζει δὲ αὐτὸς οὐδένα). Vielmehr wird jeder von seiner eigenen Begierde in Versuchung geführt, die ihn lockt und fängt» ( Jak 1, 13f ).16 In Mk 6, 13a-b ist aber etwas anderes im Blick als die Versuchung durch unsere Begierden.17

In der fast zweitauendjährigen Auslegungsgeschichte der Oratio Dominica wurden verschiedene Interpretationen vorgelegt.18 Augustinus (354–430) diskutiert die von Cyprian zitierte lateinische Fassung der Bitte sowie eine Fassung, die näher am griechischen Text ist (ne inducas nos in temptationem), die leicht modifiziert von der Vulgata aufgenommen wird.19 Bei der Versuchung selbst unterscheidet Augustinus zwischen Versuchungen, die nicht von Gott kommen, etwa durch die eigenen Begierden, und Erprobungen des Glaubens durch Gott.

Man hat auch eine endzeitliche Interpretation von Mt 6, 13a ins Spiel gebracht. Mit πειρασµός wäre dann eine endzeitliche Prüfung gemeint, wie sie in Offb 3, 10 im Blick ist: «die Stunde der Versuchung (ὥρας τοῦ πειρασµοῦ), die über die ganze Erde kommen soll, um die Bewohner der Erde auf die Probe zu stellen (πειράσαι)». Die jüdischen Parallelen der sechsten Vaterunser-Bitte sprechen aber dagegen.20 Die Bitte des Vaterunser ist nicht apokalyptisch, wohl aber radikal eschatologisch zu verstehen, es geht um die die Treue in der Nachfolge 21

Die umstrittene Bitte muss von den Versuchungen her verstanden werden, denen Jesus ausgesetzt war.22 Denn auch Jesus, der in allem uns gleich war, außer der Sünde, wurde versucht: «Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unseren Schwächen, sondern einen, der in allem wie wir versucht worden ist (πεπειρασµένον), aber nicht gesündigt hat» (Hebr. 4, 15). «Denn da er gelitten hat und selbst in Versuchung geführt wurde (πειρασθείς), kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden (πειραζοµένοις)» (Hebr. 2, 18). 23

Doch wie wird Jesus in Versuchung geführt, und wer ist daran beteiligt? Mt 4, 1–11 (par. Mk 1, 12f; Lk 4, 1–2) erzählt, dass Jesus von Gottes Geist (πνεύµα) in die Wüste geführt wurde, damit der Teufel (διαβόλος) ihn dort versuche (πειρασθῆναι).24 Die Versuchung Jesu gehört zum Heilsplan Gottes. Im Garten Getsemani erfährt Jesus eine innere Anfechtung. Er wendet sich an Petrus sowie die beiden Söhne des Zebedäus, Jakobus und Johannes, mit der Warnung: «Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet! (ἵνα µὴ εἰσέλθητε εἰς πειρασµόν). Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach» (Mt 26, 41 parr.). In beiden Fällen geht es um die Gefahr, Gott untreu zu werden. Wie die Wüste ist der Garten Getsemani, in dem Jesus betet, zugleich Ort der Anfechtung.25

Während uns die Exegeten versichern, dass die Übersetzung «und führe uns nicht in Versuchung» wortgetreu und sinngemäß richtig ist, erklärte Papst Franziskus kürzlich in einer italienischen TV-Serie zum Vaterunser, dass es sich dabei um «keine gute Übersetzung»26 handle. Besser sei «und lass uns nicht in Versuchung geraten». Damit bescheinigt Franziskus indirekt auch der Übersetzung der als authentisch geltenden Vulgata (et ne inducas nos in tentationem) «keine gute Übersetzung» zu sein.27 Für den Papst steht fest, dass Gott uns nicht in Versuchung führt, dies vielmehr das Werk des Teufels sei: «Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan.»٢٨ Die deutschen Bischöfe haben erklärt, an der Fassung «und führe uns nicht in Versuchung» aus philologischen, theologischen und liturgischen Gründen festhalten zu wollen, man sehe «keine Notwendigkeit einer Neuübersetzung»29. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland verteidigte die Übersetzung der sechsten Vaterunser-Bitte, die sich am Luthertext orientiert: «vnd füre vns nicht in versuchung».

Anlass der päpstlichen Kritik an der deutschen Fassung der sechsten Vaterunser-Bitte war die Änderung der französischen Übersetzung. Bislang lautete sie «ne nous soumets pas à la tentation» (unterwerfe uns nicht der Versuchung), nun heißt es «et ne nous laisse pas entrer en tentation» (lass uns nicht in Versuchung geraten). Diese Fassung hat auch das Spanische («ne nos dejes caer en la tentacion») und das Portugiesische («no nos dexes cair em tentaçao»). Bald soll die Fassung auch im Italienischen eingeführt werden.

Im Englischen wird in manchen Kirchen unter Rekurs auf Offb 3, 10 mit der Variante «save us from the time of trial» (und rette uns vor der Stunde des Gerichts) experimentiert (statt «and lead us not into temptation»). Der Neutestamentler Thomas Söding schreibt dazu: «Übersetzungen sind diese Varianten nicht. Sie umkreisen die Bitte, treffen sie aber nicht.»30 Sie verharmlosen das Vaterunser31, führen zu einer Banalisierung des Herrengebets.32 Irreführend sind die Übertragungen «Bewahre uns in der Versuchung» oder «Lasse uns in der Versuchung nicht im Stich», da hier die Verbindung von Gott und Versuchung aufgelöst wird. Gott soll mit der Versuchung nichts mehr zu tun haben.

So dezidiert nun auch Franziskus, der die Übersetzung «und lass uns nicht in Versuchung geraten» empfiehlt. Damit wird er der Komplexität des Gottesbildes im Alten und Neuen Testament nicht gerecht.33 Was wäre auch damit gewonnen? Es bleibt doch Gott, der es zulässt, dass der Teufel uns versucht.34 Wenn der Papst sagt, der Teufel sei mehr als «Mythos, Repräsentation, Symbol, Redewendung oder Idee»35, er sei keine «diffuse Sache»36, sondern eine reale Macht, ja Person, dann ist das gut katholisch, auch Johannes Paul II. (1978–2005) und Benedikt XVI. (2005–2013) haben so gelehrt. Doch Franziskus macht aus dem Teufel gleichsam einen Gegenspieler Gottes auf Augenhöhe, der überall sein Unwesen treibt, in der Welt und in der Kirche, um hier seine Schlingen zu legen. Das christliche Leben betrachtet der Papst als steten Kampf gegen den Teufel.

Selbst für den Missbrauchsskandal, der die katholische Kirche derzeit bis in ihre Grundfesten hinein erschüttert, macht Franziskus den Satan verantwortlich. In diesen Zeiten sei der «große Ankläger gegen die Bischöfe losgezogen», um die Sünden aufzudecken, «damit sie jeder sehen kann, aber vor allem um das Volk mit Skandalen zu schockieren»37. Die Kirche müsse «vor den Angriffen des Bösen, des großen Anklägers, bewahrt werden und gleichzeitig ihrer Schuld, ihren Fehlern und ihren in der Gegenwart und in der Vergangenheit begangenen Missständen immer mehr bewusst werden»38.

Für den Kampf gegen den Teufel empfiehlt Franziskus das Gebet zum Erzengel Michael (Offb 12, 7–9): «Erzengel Michael, verteidige uns im Kampf. Sei unsere Verteidigung gegen die Bosheit und die Schlingen des Teufels.»39 In einem «Schreiben an das Volk Gottes» (20. August 2018) anlässlich des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche schwört der Papst die Gläubigen auf den Kampf gegen den Teufel ein. Um sich für den Kampf zu rüsten, fordert er zu Buße, Fasten und Gebet auf.40 Sicherlich könnte man gegenwärtig versucht sein, das Vertrauen in die Kirche zu verlieren, vielleicht sogar am Glauben selbst zu zweifeln. Doch statt die Bischöfe ins Gebet zu nehmen, die versagt haben, gibt Franziskus den Gläubigen gute Ratschläge, wie sie dem Treiben des Teufels widerstehen können.

Die hypertrophe Teufelsrhetorik des Papstes mit seiner jesuitischen Prägung zu erklären, wirkt wenig überzeugend41, denn Franziskus geht über die Vorstellung der «zwei Banner» bzw. Heerlager bei Ignatius von Loyola (1491–1556) deutlich hinaus.42 Bei Franziskus hat die Rede von Gott und dem Teufel ein dualistisches Gefälle: Der Teufel wird zu einer von Gott unabhängigen dunklen Gegenmacht ausgemalt, um den lieben Vater im Himmel als Helfer in der Not in ein umso helleres Licht zu tauchen. Die evangelische Theologin Isolde Karle spricht von Dualismus, der mit dem biblischen Monotheismus unvereinbar ist.43

Denn wer anders als Gott hat Abraham befohlen, Isaak, den Sohn der Verheißung, zu binden (Gen 22)? Wer anders als Gott hat Israel in der Wüste auf die Probe gestellt (Dtn 8, 2f; Ex 20, 20), wer hat dem Teufel die Freiheit gegeben, Ijob Gottesfurcht zu prüfen (Ijob 1, 6–12)? Wer anders als Gott hat Jesus, der ihn seinen Vater nannte, in die Wüste, den Ort der Versuchung (Mt 4, 1; Mk 1, 12; Lk 4, 1), geführt, um ihn dort vom Teufel versuchen zu lassen? Und wer schließlich anders als Gott gab seinem Sohn den Kelch des Leidens zu trinken (Mt 20, 22; Lk 22, 42)? Gegen einen Dualismus von Gott und Teufel spricht nicht nur die Jiob-Erzählung, in der Satan nicht als selbstständige widergöttliche Macht auftritt, vielmehr in seinem Wirken abhängig bleibt von Gott, der ihm Grenzen setzt (an Jiob darf er sich nicht vergreifen: Jiob 1, 12). Gegen einen Dualismus von Gott und Teufel sprechen auch die Versuchungen Jesu.

Die sechste Vaterunser-Bitte ist eine Anfrage an unsere Rede vom Teufel. Wir müssen so vom Teufel sprechen, wie die Bibel von ihm spricht. Der Teufel ist kein Gegenspieler Gottes, der schalten und walten könnte, wie er will, er kann nur wirken in den Grenzen, die Gott ihm gibt. Mit dem Sieg Christi über Sünde und Tod ist die Macht des Teufels zudem gebrochen, auch wenn er nicht aus der Welt verschwunden ist. Doch der neue Mensch in Christus ist frei, der Versuchung zum Bösen zu widerstehen.

Die sechste Vaterunser-Bitte ist aber vor allem eine Anfrage an unser Gottesbild. Nirgendwo entlässt die Bibel Gott aus seiner Verantwortung für die Versuchung, weder im Alten noch im Neuen Testament. Gott ist zwar nicht die Macht, die zum Bösen verführt, doch er wird als ein Gott erfahren, der direkt oder indirekt in die Versuchung führt.44 Bei der Versuchung sind nach biblischem Verständnis mehrere Akteure beteiligt: Gott, der uns in die Versuchung führt oder auf die Probe stellt, der Satan, dem Gott die Freiheit gibt, uns zu versuchen, und der Mensch. Dass viele Menschen Schwierigkeiten mit der sechsten Vaterunser-Bitte haben, liegt auch daran, dass sie zwischen «in Versuchung führen» und «versuchen» nicht unterscheiden.

Man hat mit Blick auf die Paradigmata im Alten Testament zwischen Erprobung, Anfechtung und Reifung unterschieden, wobei es der Gerechte, nicht der Sünder ist, der in Versuchung geführt wird.45 Für die Erprobung durch Gott steht Abraham, für die Anfechtung im Glauben durch den Satan steht Jiob. Bei der Reifung wird die Versuchung als Festigung im Glauben verstanden, in diesem Sinne kann der Beter sogar darum bitten, auf Herz und Nieren geprüft zu werden (vgl. Ps 26, 2; 139, 23).

Die sechste Vaterunser-Bitte meint nicht eine Prüfung moralischer Art, es geht auch nicht um Reifung, vielmehr um eine Versuchung, wie sie Jesus in der Wüste und auch später erfahren hat und der auch die Jünger ausgesetzt sein werden.46 Daher wäre es irreführend, πειρασµός in Mt 6, 13a mit «Prüfung»47 zu übersetzen. Es geht um Versuchungen, bei denen das Böse und die Lüge so überhandnehmen, dass wir versucht sind, unser Vertrauen in Gott und am Ende auch unseren Glauben zu verlieren. Wie die zum Teil höllischen Anfechtungen mancher Heiliger zeigen, kann sich die Gnade auch verdunkeln.48 Der vormals so vertraute Gott kann als einer erfahren werden, der nicht mehr spricht.49 Dies steht in deutlicher Spannung zum weichgespülten Gottesbild, wie es heute vielfach in Predigt, Gottesdienst und Katechese vermittelt wird. Es gibt auch das, was man die dunklen Seiten Gottes nennen kann.50

Bei der sechsten Vaterunser-Bitte geht es auch um die Versuchbarkeit unserer Freiheit. Die Versuchungsbitte lässt sich nicht ohne die Realität des Bösen, das durch den Menschen in die Welt gekommen ist, und die Versuchbarkeit des Menschen verstehen.51 Würde man die Bitte durch eine freie Übertragung entschärfen, es bliebe doch bei der Verantwortung Gottes dafür, dass wir versucht werden. «Die Alternative wäre ein latenter oder manifester Dualismus von Gott und bösen Mächten oder von Gott und der Schöpfung.»٥٢

Das Vaterunser erklärt nicht, warum es das Böse, die Versuchung und die Anfechtung im Glauben gibt, sowenig wie sie die Existenz von Ungerechtigkeit, Schuld und Not erklärt.53 Das Vaterunser ist keine rationale Theodizee, sondern Gebet. Wenn wir das Vaterunser sprechen, tun wir es in der Hoffnung, Gott werde uns, wenn wir erprobt und in Versuchung geführt werden, nicht mehr zumuten als wir tragen können. Diese Hoffnung drückt das Wort des Apostels Paulus aus: «Noch ist keine Versuchung (πειρασµός) über euch gekommen, die den Menschen überfordert. Gott ist treu, er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet (πειρασθῆναι). Er wird euch mit der Versuchung (σὺν τῷ πειρασµῷ) auch einen Ausweg schaffen, sodass ihr sie bestehen könnt» (1 Kor 10, 13).

In diesem Sinne hat auch Hieronymus (347–420) die sechste Vaterunser-Bitte verstanden: «ne inducas nos in temptationem quam ferre non possumus» (führe uns nicht in eine Versuchung, die wir nicht zu tragen vermögen).54 Die syrische Jakobus-Liturgie lässt den Priester nach Abschluss des Vaterunser beten: «Ja, Herr, unser Gott, führe uns nicht in eine Versuchung, die wir nicht zu ertragen vermöchten, sondern gib mit der Versuchung auch den Ausweg, dass wir bestehen können, und erlöse uns von dem Bösen.»55 In der Versuchung, so hoffen wir, wird Gott an seiner Verheißung und Treue festhalten: «Der Herr kann die Frommen aus der Versuchung retten» (2 Petr 2, 9). Sprechen wir die letzten Bitten des Vaterunser, so bitten wir, dass die Prüfungen und Versuchungen in unserem Leben nicht zu schwer sein werden, Gott uns vielmehr vom Bösen erlösen möge (vgl. 2 Tim 4, 18).56

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen