Vorbemerkungen
Mit seinem Aufsatz «Gnade und Berufung ohne Reue»1 will Benedikt XVI. die Aussagen des II. Vatikanischen Konzils in «Nostra aetate» so vertieft aufnehmen und weiterdenken, dass sowohl das Verhältnis zwischen dem Alten und dem Neuen Testament im zweiteiligen christlichen Bibelkanon, als auch im Zusammenhang damit das Verhältnis zwischen Christen und Juden theologisch präziser zu verstehen ist. Im Rückblick auf die unselige Geschichte der Kirche in ihrem Verhältnis zum Judentum bedeutet das:
1.) Die Idee, dass Israel aufgrund seiner Ablehnung Jesu, des messianischen Sohnes Gottes, die Teilhabe am Erwählungsbund für immer verloren habe und an seine Stelle die Liebe Gottes zu seiner Kirche getreten sei, für die Gott einen neuen Bund geschaffen habe («Substitution»), ist zwar bereits im 2. Jahrhundert entstanden und zieht sich durch alle Jahrhunderte hindurch als Grund der Verachtung und Ausgrenzung der Juden und leider auch vieler Gewalttaten gegen sie bis zum Holocaust als Höhepunkt. Im Blick darauf muss sie in unserer Gegenwart von der Leitung der Kirche deutlich abgelehnt werden. Das ist nun endlich durch den Lehrentscheid des Konzils geschehen. Dieser muss freilich nach Benedikts Urteil in manchen Einzelheiten noch weiter geklärt werden. Dem dient sein Aufsatz.
2.) In engem Zusammenhang damit steht auch die Aufgabe, das Verhältnis des Neuen Bundes zum Alten und also auch des Neuen Testaments zum Alten neu zu ergründen. Benedikt tut das durch die These, dass im Alten Testament nicht einfach Fakten erzählt und aneinandergereiht werden, auf die dann das Neue Testament als auf jeweils einzelne Prophetien zurückgreift, sondern sie sind als ein Ganzes zu verstehen: als die Geschichte der Taten Gottes, als «dynamisches Drama», das, in der Schöpfung begonnen, als Verwirklichung des Heilswillens Gottes ein Kontinuum darstellt, das auf die Zukunft der Endzeit zuläuft. Darum ist nicht nur von einem, sondern von mehreren Bünden (im Plural) die Rede: Der Bund mit Noah (Gen 6, 18; 9, 9–11) wird erneuert durch den Bund mit Abraham (15, 18) und seinen Nachkommen (17, 19); und dieser wird dokumentiert durch die beiden Tafeln des Bundes mit Israel, Seinem Volk (Ex 19, 5; Dtn 5, 2; 9, 11). Und der konkretisiert sich mit dem Bund mit David (Ps 89, 4–6; 132, 12). Dieser wiederum wird später eschatologisch hochgesteigert durch die Ankündigung eines neuen Bundes ( Jes 55, 3; Jer 31, 31f), einen Bund des Friedens (Ez 37, 26) unter Jesus Christus, dem messianischen Sohn Gottes (Hebr 7, 21f; 9, 15; 13, 20).
Schließlich erscheint 3.) im Neuen Testament Jesus als dieser Messias. Sein Kreuzestod zur Sühnung der Sünden Israels und aller Menschen sowie seine Auferweckung durch Gott zum ewigen Leben sind selbst bereits eschatologisches Heilsgeschehen, in dem sich die dynamische Geschichte des Alten Bundes zum Neuen Bund vollendet. Deswegen darf man – nach Benedikts einleuchtendem Urteil – die dynamische Kontinuität der beiden Bünde nicht so voneinander scheiden, dass der Alte Bund nur Israel betreffe und der Neue Bund allein die Christen und einzelne Juden, die sich zum Glauben an den Messias Jesus bekehren. Vielmehr: Der einzig-eine Gott will in der Geschichte der aufeinanderfolgenden alttestamentlichen Bünde in verborgener Wahrheit insgeheim bereits von Anfang an die Menschheit als ganze in seine Erwählungsgnade mit Israel einbeziehen. Mag seit der endgültigen Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 70 n.Chr. die Synagoge die Kirche ablehnen und umgekehrt – der Heilswille Gottes gilt nach wie vor ganz Israel und der Vollzahl aller Völker in gleicher Weise. Die endzeitliche Errettung wird nach Röm 11 allen zuteilwerden. In diesem Sinn leben Israel und die Kirche in einer universalen Gemeinschaft, sodass beide einander als Gottes Kinder anerkennen müssen. Dass der Bund mit Israel von Gott nicht um des Neuen willen seine Geltung verloren hat, sondern «ungekündigt» besteht, aber in den Neuen Bund insgeheim einbezogen ist, ist wahr und soll von der Kirche heute endlich anerkannt werden. Dies ist die entscheidende These Benedikts.
Es ist darum eine Missdeutung, wenn etliche Leser in Benedikts Aufsatz einen versteckten Antijudaismus sehen wollen. Dass es darin vielmehr umgekehrt darum geht, die Botschaft von «Nostra aetate» zu klären, sagen andere Leser, die Benedikt zustimmen, mit Recht. Doch wie dieser in seinen Ausführungen eine notwendige Präzisierung der Konzilsbotschaft geben will, so bedürfen m.E. die seinigen einer genaueren biblisch-exegetischen Begründung.2
1. Der Heilsweg Gottes von der Schöpfung bis zur Erwählung Abrahams
Das Alte Testament beginnt nicht mit dem Ruf an Abraham und also nicht mit dem Anfang der Geschichte Israels, sondern mit dem Schöpfungswerk, dem Ruf alles, was ist, ins Sein durch die Macht des Wortes Gottes: «Und er sprach, und es ward.» Den Menschen hat Gott als Sein Bild geschaffen; er sollte den Auftrag Gottes zur Bewahrung der ganzen Schöpfung erfüllen. Dazu bedurfte er der Kraft des Schöpfers, der als solcher auch der Erhalter alles Geschaffenen ist. Dazu musste Adam Gott als Seinem «Ebenbild» gleichen. Alles Leben hat seine Quelle in Gottes Leben. Und so ist alles «gut» und sogar «sehr gut», was Gott geschaffen hat: und dazu, dass es gut bleibe, soll der Mensch aufgrund seines Auftrags sorgen. Kein Böses soll in die Welt des Paradieses hineinwirken. Das Leben soll nicht im Tod zunichtewerden. Darum behält sich Gott Seine bleibende Herrschaft in den beiden Bäumen des Lebens und der Erkenntnis des Guten im Gegensatz zum Bösen vor. Diese Bäume sollen für die Menschen in ihrer Fürsorge für alle sonstige Kreatur unberührbar sein. Denn nur wenn in allem, was der Mensch in gehorsamer Ausführung seines Auftrags zu tun hat, Gottes Herrschaft über das Leben zur Wirkung kommt, kann es Böses nicht geben. Doch in der Freiheit, die der Mensch zur Wahrnehmung seines Auftrags vom Schöpfer als einziges Geschöpf empfangen hat, ist die Möglichkeit des Zuwiderhandelns gegen Gottes Gebot enthalten. Die Schlange als Symbol des Bösen verführt so Eva und Adam; statt Gott gehorsam zu sein, soll der Wille in ihnen durchbrechen, selbst zu werden wie Gott. Das meinen die Menschen zu tun, indem sie mit dem Essen der verbotenen Frucht die Erkenntnis des Guten und Bösen sich selbst aneignen: Sie wollen erkennen, was für sie gut und nicht gut ist. So wird aus der Freiheit zum Gehorsam der Egoismus des Geschöpfs, in dessen Handeln das Böse existent wird. Die Menschen werden zu Sündern. Sünder aber dürfen nicht weiter über die Schöpfung herrschen. Sie werden aus deren Garten ausgestoßen und müssen nun in der Wüste sehen, wie sie, die Gott-los, sie selbst sein wollen, sich selbst verloren haben. Sie müssen mit Mühsal schuften, um sich aus dem verfluchten Acker etwas zu essen zu verschaffen, und schließlich «zum Staub zurückkehren», aus dem Gott sie als seine Menschen erschaffen hat (Gen 3, 19). Ohne Gott gibt es kein Leben.
So beginnt mit der Schöpfung nicht nur die Geschichte der bleibenden Güte Gottes für alle Seine Geschöpfe, sondern auch die der Sünde des Menschen, mit dessen Ruf ins Dasein die ganze Schöpfung eigentlich «sehr gut» war und es bleiben sollte. Diese tiefe Widersprüchlichkeit wird alle weitere Geschichte bestimmen.
2. Die Erwählung Abrahams als Beginn der Geschichte eines «gerechten» Volkes Gottes inmitten von Völkern, die ihren Götzen dienen
Aus dem gottlos gewordenen Menschenpaar wird alsbald ein mörderisches Menschengeschlecht. Es beginnt mit dem Brudermord (Gen 4); um seinetwillen muss Gott seine ganze Schöpfung durch die Sintflut vernichten (Gen 6, 5–8) – eben deswegen, weil sie unter der Herrschaft von Sündern nicht mehr gut bleiben, sondern durch das nunmehr existent gewordene Böse in ihrem Wesen nichtig geworden ist. Aber, oh Wunder: Einen Menschen, Noah, und dessen Familie und Haustiere rettet Gott (Gen 8, 1–9, 17) aus der Flut, um mit seinem Geschlecht eine neue Menschheit werden zu lassen, so wie Er sie in der Schöpfung gewollt hat (Gen 8, 21f). Deswegen schließt er den ersten «Bund» (Gen 9, 13–17) mit dem Versprechen, eine Sintflut nicht noch einmal zu wiederholen (Gen 9, 11).
Doch aus Noahs Geschlecht wird – entgegen diesem Segen Gottes – nochmals eine gottlose Menschheit, die die Ursünde Adams wiederholt. Nun bauen sie einen Turm, «dessen Spitze bis an den Himmel reicht, dass wir uns einen Namen machen» (Gen 11, 4), einen Namen nämlich, der Gottes Namen verdrängen soll. Auch hier muss Gott eingreifen. Er «verwirrt» ihre Sprache, sodass aus der einen Menschheit eine Welt voller verschiedener Völker entsteht, in der keines das andere auf Anhieb versteht. So verkehrt er den ursprünglichen Sinn der Sprache als Medium der Gemeinschaft aller Menschen, die gemeinsam allen anderen Geschöpfen ihre Namen gegeben hatten (Gen 2, 20), in das Gegenteil einer gemeinschaftslosen Menschheit von Völkern, die, weil sie einander sprachlich nicht mehr verstehen, mit dem Mittel militärischer Auseinandersetzungen die Beziehungen zueinander vergiften.
So beginnt Gott in einer neuen Phase Seiner Geschichte mit den Menschen eine Teilgeschichte eines Volkes von Gerechten inmitten der sündigen Gesamtheit der vielen Völker: die Geschichte eines Bundes, die bestimmt ist durch Gottes Erwählung Abrahams und seiner Nachkommen, in der die erwählten Menschen dem Willen Seiner Güte für sie ihrerseits entsprechen sollen durch ein Zusammenleben in Gerechtigkeit. Dazu ruft Gott Abraham heraus aus seiner Sippe, um ihm auf dem Wege nachzufolgen, dessen Ziel einmal die Gabe eines eigenen Landes sein soll. Das Volk, das Gott in der Berufung Abrahams zu schaffen gedenkt, soll die Alternative zur übrigen Sünden verfallenen Menschheit sein, die an Israel sehen soll, wie nach dem Willen des Schöpfers eigentlich alle Völker leben sollen.
Aber auch hier wirkt die Sünde herein. Abrahams Enkel stoßen ihren ungeliebten Bruder Joseph aus der Familie aus. Sie werfen ihn in eine Grube und verkaufen ihn einer Karawane von Fremden (Gen 37, 18ff), die ihn wiederum an einen hohen Beamten am Königshof Ägyptens verkaufen (Gen 39, 1f). Dort gerät er zunächst ins Gefängnis. Seinen beiden Mitgefangenen deutet er ihre Träume, und der Pharao lässt ihn zu sich bringen, um auch dessen Träume zu deuten (Gen 41). Weil der von einer Folge von sieben fruchtbaren und sieben unfruchtbaren Jahren handelt, wird Joseph zum höchsten Beamten, der entsprechende Regularien im ganzen Reich einführt, um darauf vernünftig zu reagieren. Der Hunger in der zweiten Phase treibt auch die Söhne Jakobs nach Ägypten. Am Hof des Pharao erkennen sie in dem für die Verteilung von Lebensmitteln zuständigen Beamten ihren Bruder nicht. Er aber erkennt sie, versorgt sie reichlich für ihre Heimfahrt, auf der sie entdecken, dass er ihnen ihr Geld in den Getreidesäcken versteckt mitgegeben hat (V 42, 25 ff). Bei der zweiten Reise handelt Joseph ebenso (Gen 44), verlangt aber seinen Lieblingsbruder Benjamin zu sehen. So zieht in der dritten Reise die ganze Sippe Jakobs mit Benjamin nach Ägypten, und der ganzen Familie wird vom Pharao ein ganzer Bezirk als ihr Wohnbereich angewiesen, wo sie nun leben und sich binnen kurzer Zeit zu einem großen Volk vermehren. Vor seinem Tod deutet Joseph das ganze Geschehen mit dem Wort: «Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen» (Gen 50, 20). Diese Deutung entspricht dem Heilswillen des Bundes Gottes.
Der neue Pharao jedoch macht die Israeliten zu Sklaven, die nun karg leben, aber sich in vielen Dienstleistungen verausgaben müssen (Ex 1). Gott aber beruft Mose als seinen Diener, der Israel aus diesem Sklavengefängnis befreien soll. Dieser jedoch bittet Gott um die Mitteilung Seines Eigennamens, weil er mit diesem allein die Israeliten überzeugen kann. So erfolgt die erste Offenbarung des Namens des Gottes Abrahams, in dem dieser sein Wesen ausspricht: «Jahwe», das heißt: «ICH bin, der Ich bin und werde sein, der Ich sein werde:» (Ex 3, 14). Dies wird konkret in der nachfolgenden Befreiung: «ICH will mit dir sein!» (Ex 3, 12). Doch der Pharao weigert sich, seine Sklaven zu entlassen. Und so bedarf es einer Reihe von Katastrophen (Ex 5–11), bevor Israel endlich in der Passah-Nacht Ägypten verlassen kann (Ex 12, 37ff). Sie ziehen bis zum Schilfmeer, wohin das ägyptische Heer sie verfolgt. Gott aber öffnet einen Pfad mitten durch das Meer, dessen Flut sich nach beiden Seiten zurückzieht; und als sie auf der gegenüber liegenden Seite angelangt sind, schauen sie zurück und sehen, wie das ganze Heer der Ägypter beim Wiederzusammenschießen der Flut umkommt (EX 14). So singen sie Jahwe einen Dank- und Lobgesang, «der so herrlich und heilig ist, schrecklich, löblich und wundertätig.» (EX 15, 11). In diesem Sinn wird Jahwe «König sein, immer und ewiglich.» (V 18).
Dieses Wunderhandeln Gottes der Befreiung seines Volkes wird von nun an durch alle Generationen Israels hindurch der Erweis dessen sein, dass Jahwe immer den Bund mit Seinem erwählten Volk durch dessen Errettung verwirklichen wird. So ist im Dekalog dieses Befreiungswunder geradezu das Attribut seines heiligen Namens (Ex 20, 2).
Wir sind hier im Zentrum der Theologie des Alten Testaments. Wenn man das Buch Exodus (mit Papst Benedikt) kanonisch liest – das heißt, so wie es im überlieferten Text vorliegt –, dann wird deutlich, wie der Sinn des Namens Gottes «Jahwe» in jedem Geschehen immer wunderbarer hervortritt: Zuerst wird betont, dass dieser ICH derselbe Gott ist wie der, der Abraham berufen hat und dessen Sippe zu Seinem eigenen Volk hat werden lassen (Ex 14, 14.15.18;20). Unmittelbar nach der Offenbarung Seines Namens als Fundament des Dekalogs (Ex 20, 1–7) folgt jedoch die Katastrophe der Anbetung des aus eigenem Besitz selbst gemachten Götzen (Ex 32). Kaum dass Gott den Bund mit Seinem Eigentumsvolk auf den beiden Steintafeln dokumentiert hat, hat dieses ihn bereits gebrochen, und zwar direkt das 1. Gebot! Doch auf Moses Flehen für Israel, das seine Sünde bereut, erweist sich Gott kraft Seines Namens, indem er sogar diese Sünde des totalen Abfalls vergibt: Das ICH von Ex 3, 14 wird konkret als «Wem Ich gnädig bin, dem bin Ich gnädig.» (Ex 32, 19). Er ist Gott als «barmherzig und gnädig, geduldig und reich an Liebe und Treue» (Ex 34, 6). In Seiner Gnade lässt Gott es einfach nicht zu, dass Israel den Bund zunichtemacht, den doch Er mit ihm gegründet hat. Gewiss lässt Er die Schuldigen die Folge ihrer Sünde eine Zeit lang erfahren – sonst würde der Ernst , um den es in den Geboten Seines Bundes geht, nicht echt sein. Aber während dieses «Zorngericht» seine kurz bemessene Zeit hat, hat Seine Gnade ewige Wirkung (Ex 34, 7). Das heißt: In Gott selbst tritt Sein berechtigter Zorn hinter Seine Gnade unendlich weit zurück. Das ist im hebräischen Urtext mit dem Übersetzungswort «geduldig» gemeint. Gott ist also in Seinem Wesen wunderbar. Das zeigt sich in jeder Vergebung! Jahwe erneuert den Bund, indem Er den Dekalog auf zwei neuen Steintafeln selbst einmeißelt (Ex 34, 28;Dtn 10, 1ff). Liest man nun in den Geschichtsbüchern weiter, so wiederholt sich dieses Wunder immer wieder neu. Denn immer von Neuem widersetzt sich Israel dem Willen Gottes. So vollzieht sich Adams Sünde leider auch in der Geschichte des Volkes, in dem Gott doch eigentlich allen Völkern beispielhaft erkennbar werden lassen wollte, dass der Noah-Bund seine Geltung behält. Bereits in der Zeit der Wanderung durch die Wüste, die Gott als Erprobung der Gerechtigkeit Israels in die Länge zieht (40 Jahre!), empört sich das Volk in jeder Phase der Entbehrung immer wieder gegen Gott, sogar auch gegen das den Bund begründende Errettungshandeln seines Gottes im Exodus (Ex 16, 31; 17, 3). Obwohl Jahwe ihren Hunger durch das Manna, das wunderbare «Brot vom Himmel» (Ex 16, 4) und durch Wachteln (Ex 16, 13) und ihren Durst durch das wunderbar aus dem Felsen herausfließende Wasser stillt (Num 27, 12ff), hört das «Murren» nicht auf! «So seid ihr dem Herrn ungehorsam gewesen, solange ich euch gekannt habe». (Dtn 9, 24). Israel hat die Probe nicht bestanden. Deswegen wird die Exodus- und Wüstengeneration – einschließlich Moses selbst (Dtn 3, 23ff) – das Land der Verheißung nicht betreten dürfen. Allein die junge Generation unter der Führung Josuas (Num 27, 12ff) darf den Jordan überschreiten und in das Land einziehen. Zuvor lässt Gott Mose noch einmal den ganzen Dekalog verkünden (Dtn 5) und die Israeliten zum Gehorsam verpflichten: «dass du in allen Seinen Wegen wandelst und Ihn liebst und Jahwe, deinem Gott, dienst von ganzem Herzen und von ganzer Seele» (5. Mos 10, 12). Es soll ein gerechtes Volk sein, das in das verheißene Land einzieht. Wer ungehorsam ist, den trifft Gottes «Fluch» (5. Mos 27, 11ff). Nur ein gehorsames Bundesvolk soll unter Gottes Segen das Land bewohnen (28, 1ff; 30, 1ff).
Die Zusage, dass Gott «mit Seinem Volk sein» will ( Jos 1, 9), und alle Völker «erkennen sollen, wie mächtig Er als Israels Gott ist» ( Jos 4, 24ff) , erfüllt sich nun aber auf eine Weise, die allem widerstreitet, was bisher über Gottes Wesen gesagt worden ist und sonst im Alten Testament von Ihm gesagt wird. Als erste Stadt wird Jericho erobert und auf Gottes ausdrücklichen Befehl so «gebannt», dass sämtliche Bewohner, von den Greisen bis zu den kleinen Kindern, samt allen Haustieren ermordet werden ( Jos 6). Und so geht es fort von einer Stadt bis zur anderen ( Jos 10, 28ff). Diese von Gott gewollte und Israel befohlene Vollstreckung des «Bannes» soll offenbar den Nachbarvölkern die Macht des Gottes dieses neu angesiedelten Volkes erweisen, der keine menschliche Macht gewachsen ist. Sie sollen sich vor diesem Israel fürchten, sodass dieses von daher in Frieden leben kann.
Freilich irritiert dies uns Leser: Gott ordnet doch kein solches Gemetzel an! Da dieser «Bann» in der folgenden Geschichte immer wieder befohlen und vollstreckt wird, tritt die Bedeutung dieses Machterweises Gottes im Zusammenhang des Glaubens Israels zwar unübersehbar hervor. Aber wie sich das mit dem Sinn des Namens Gottes in Ex 34, 6 vereinbart, bleibt rätselhaft. Dies gehört zu den Aspekten des Alten Testaments, die nicht nur uns heutigen Christen unannehmbar sind, sondern auch dem Gottesverständnis Israels selbst eigentlich widerstreiten.
Die ganze Geschichte Israels ist von lauter Kriegen bestimmt, die einmal mit Jahwes Hilfe gewonnen, das andere Mal verloren werden, weil Gott Seinem Volk zürnt. Schließlich werden beide Königreiche Israels, das im Norden in Samaria (2. Kön 17) wie auch das traditionell judäische Reich im Süden (587 n.Chr.) durch feindliche Übermacht zunichte (2. Kön 25). Die Babylonier zerstören die Stadt Jerusalem samt dem Tempel und führen die gesamte Oberschicht Judas als Gefangene nach Babylon, wo sie 70 Jahre hindurch bleiben, zutiefst enttäuscht und hoffnungslos, je wieder nach Hause zurückkehren zu können.
3. Die Geschichte nach seiner Heimkehr nach Jerusalem
Der Grund für diese generationenlange Verhaftung in eine Gefangenschaft in Babylonien, die der früheren in Ägypten gleicht, ist der permanente Bundesbruch in Götzendienst und sozialer Ungerechtigkeit der Reichen gegen die Armen (vgl. z.B. Am 8, 4–6; Jes 1, 17). Jetzt sehen alle Gefangenen ihre Sünden ein, die so böse sind, dass die Meinung sie beherrscht, mit dem Bund sei es nun ein für alle Mal aus (vgl. z.B. Klagelieder Jeremias 2; 5, 19–22); Gott sei jetzt nicht mehr zur Vergebung und Hilfe zu bewegen. Doch die Wahrheit Seines Namens nach Ex 34, 6f verwirklicht sich selbst an diesen Verlorenen (Klagelieder 3, 20–33). Gott lässt ihnen durch Propheten wie Jeremia, Ezechiel und Deuterojesaja ( Jes 40ff) Trost und Hoffnung zusprechen (z.B. im Brief Jeremias: Jer 29). Gott wird Seinen Bund erneuern ( Jer 31, 31). Aber es wird ein wesenhaft neuer Bund sein: Jeder Israelit soll in seinem eigenen Herzen und Gewissen um Gottes Heilswillen und Seine Gebote wissen ( Jer 31, 31ff). Und Jahwe kündigt die Rückkehr nach Jerusalem und den Neubau der Stadt und des Tempels an ( Jer 31, 38ff). Das Gleiche verkündigt Deuterojesaja ( Jes 40):»ICH, ich bin es, der um meinetwillen deine Vergehen auslöscht, ich denke nicht mehr an deine Sünden ( Jes 43, 24f).
Doch diese Heilszusagen beziehen sich nicht nur auf die irdische nachexilische Geschichte des Volkes, sondern weit darüber hinaus auf eine vollendete Heilszeit in einer endzeitlichen Zukunft. Alles, was die Propheten Israel im Namen Gottes verkünden, hat zugleich mit der irdischen Zukunft einen eschatologischen Zukunftsaspekt, der ganz und gar wunderbar ist. In dieser Zukunft wird sich Gottes Barmherzigkeit nach Ex 34, 6 vollenden ( Jes 48, 9–11; 54, 7–10). «So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken» ( Jes 55, 7–9). Der davidische Messias wird sich als der gute Hirte der Schafherde Gottes erbarmen (Ez 17.23ff). Ezechiel sieht das kommende Heil im Bild einer Auferweckung von Toten in einem riesigen Gräberfeld (Ez 37). Auch der Prophet Hosea verkündigt Gottes Erbarmen über die Israeliten, die durch ihre Sünden alles Erbarmen verloren haben.3 Überall ist es die Gnade Jahwes, in der sich der Name Gottes von Ex 34, 6 verwirklicht (z.B. Joel 2, 12f): «Wer des HERRN Namen anruft, wird errettet werden.» ( Joel 3, 5). Sogar die vielen harten Anklagen, die nahezu das ganze Buch Amos füllen, enden mit einer Zusage der Vergebung und eines Neubaus.4 So zeigt sich: Alle Propheten kennen Gottes Namen von Ex 34, 6f, den sie als ihr Fundament und ihre Quelle verkündigen.
4. Die Psalmen und Weisheitsbücher
Das Gleiche gilt für die Psalmen und sogar auch für die Weisheitsbücher. Besonders in den Psalmen ist von Gottes Heilshandeln im Sinne Seines Namens von Ex 34, 6 häufig die Rede, wenn der Beter seine Sünden bekennt (Ps 51, 3f; 86, 5) oder wenn er Rettung aus akuter Not erfleht oder für sie dankt.5 In Ps 106, 19–23 steht die Katastrophe des Goldenen Kalbs von Ex 32–34 direkt vor Augen.6 Alle Rückblicke in die Geschichte haben es mit Götzendienst zu tun.7 Viele Hilferufe um Vergebung bedienen sich des Wortlauts in Ex 34, 6.8 Für die Macht der Gnade Gottes gibt es im ganzen Universum keine Grenze (36, 6–10; 57, 11; 108, 5). Den ärmsten Menschen hilft sie auf.9 Besonders gilt das für die Rettung vor Feinden.10 Wo die Vergebung verzeiht, lautet die Frage: «Willst du denn auf ewig zürnen? … Um deines Namens Willen reiß uns heraus!» (79, 5.9; 85, 6–8). Immer und immer wieder hat Gott in der Wüstenzeit geholfen. Hilflos sind Glaubende nie gewesen (78, 38; 85, 10–12). Es gibt zwar Psalmen, die darum bitten, politische Feinde durch Gottes Zorn zu vernichten.11 «Rachepsalmen» sind es aber gleichwohl nicht; geht es doch entscheidend darum, dass auch Israels Feinde selbst zur Erkenntnis der Macht Gottes kommen, Sein Volk vor ihnen zu schützen (Ps 83, 8.13ff). Und es gibt keine Scheu vor dem Gedanken, dass letztlich alle Völker von der Schöpfergüte des einzig-einen Gottes umfangen sind (Ps 145, 13–21).12
So kann man tatsächlich im Namen Gottes von Ex 3, 14; 20, 2; 34, 6f den Kern und die Wurzel aller Rede von Gott im ganzen Alten Testament erkennen (vgl. Ps 136!). In all seinen Büchern finden sich noch direkte Zitate oder Hinweise auf diesen Namen Jahwes, in dem sich all sein Handeln konzentriert. Es wird damit nun auch deutlich, dass sich das gesamte Gotteszeugnis des Alten Testaments in Wirken und Geschichte Jesu vollendet. In seiner Verkündigung der Gottesherrschaft geht es in der Sache um die endzeitliche Macht und um den letzten Heilswillen der Gnade und Barmherzigkeit im Sinn von Ex 3, 14f. Auch wenn sich keine direkten Zitate finden, kann man sehen, wie die ganze Dynamik des alttestamentlichen Gotteszeugnisses in der Verkündigung Jesu ihr Ziel findet ( Joh 1, 14! Vgl auch alle Grußformeln am Anfang und Schluss der Briefe: «Gnade und Friede!»).Und noch mehr: In seinem Sühnetod zur Befreiung von unseren Sünden wirkt die Liebe Gottes von Ex 34, 6f in letzter Radikalität; und in seiner Auferweckung die Allmacht ihrer rettenden Hilfe. Darum ist vor allem der Psalter zum Gebet der Kirche geworden.
5. Der Sühnetod des Sohnes Gottes als Vollendung des Vergebungshandelns im Ritual des Versöhnungstags in Lev 16
Hier muss nun ein entscheidender Zusammenhang zwischen dem Alten und dem Neuen Testament hinzugefügt werden. Vergebung seiner Sünden ist Israel nicht nur je aktuell durch Propheten zugesprochen worden, sondern sie hat ihren zentralen Ort im Leben des Volkes im Kult. Jeder einzelne Israelit, der Gott seine Sünden bekennt, durch die er «ungerecht» geworden ist, konnte die Ernsthaftigkeit seiner Umkehr durch ein Opfer konkretisieren. Geschlachtet wurden Haustiere, in deren Blut das Leben ist, dessen Hingabe an Gott, stellvertretend für das Leben der Sünder selbst, durch Gottes Gnade angenommen wurde (Lev 17, 11: «Des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, damit ihr dadurch entsühnt werdet. Denn das Blut wirkt Entsühnung, welches Leben in ihm ist.»). Nur dazu dient das Blut, das darum nicht gegessen werden darf. Der Befreiung ganz Israels von seinen Sünden jedes Jahres dient das Kultfest der Versöhnung ( jom hakkippura – Lev 16), das der Höhepunkt des Jahres ist. Hier bringt der Hohepriester das Blut von Haustieren zuerst für sich selbst und dann für das ganze Volk in das «Allerheiligste», den Raum im Innersten des Tempels, den nur er – und auch nur an diesem einen Festtag – betreten darf. Denn es ist der Ort, an dem Jahwe inmitten Seines «Eigentum»-Volkes «wohnt» – und zwar auf den «Gnadenstuhl», der auf dem Kasten (der «Lade») steht, in der das Heilige Buch der Tora liegt (Ex 40), links und rechts von einem der Erzengel (der «Serafim) beschattet. Der Hohepriester sprengt mit seinem Finger etwas von dem Blut der beiden auf dem Altar geschlachteten Tiere an diesen Sitz Gottes, den «Gnadenstuhl», und gießt dessen Rest unten am Altar aus. Jahwe erkennt das Leben der Tiere im Blut als stellvertretend für das Leben Israels an und vergibt die darin wirksame Sünde des ganzen Volkes. Das ist eine besondere Gabe Seiner Gnade und Liebe von Ex 34, 6f.
Der Hohepriester verkündigt bei seiner Rückkehr aus dem Allerheiligsten dem in der großen Halle des Tempels versammelten Volk die Vergebung seiner während des ganzen Jahres begangenen Sündenfülle. Und die sühnende Wirkung des Gott dargebrachten Tierblutes symbolisiert sich außerdem in einem weiteren Akt: Der Hohepriester stemmt seine Hände auf den Kopf des anderen der beiden für den Kult des Versöhnungstages ausgewählten Bockes und lässt diesen, beladen mit der ganzen Sünde Israels, in die Wüste hinaus bringen, wo es zusammen mit seiner ihm aufgeladenen Last im Tod zunichtewird.
Dass statt der Tiere des «jom kippur» ein Mensch sein Leben stellvertretend für ganz Israel in den Tod hingibt, ist im Alten Testament nur ein einziges Mal bezeugt: im Geschick des «Gottesknechts», von dessen Leiden und Ermordung die Gemeinde seiner Schüler in Deutorojesaja singt ( Jes 52, 13–53, 12): «Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten; und durch seine Wunden sind wir geheilt … Der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird.» (53, 4.7). «So wird er,» der Gerechte, «den vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden.» «Des Herrn Plan wird durch ihn gelingen»; darum wird er nach der Finsternis des Todes «das Licht schauen und die Fülle haben» (V 11).
Es ist ganz deutlich, dass hier das stellvertretende Leidens- und Todesgeschick des Gottesknechts das Sühnegeschehen des Versöhnungstages von Lev 16 zum Vorbild hat. Wie dort im Blut der Tiere, in dem stellvertretend die Menschen ihr verschuldetes Leben Gottes Gnade hingeben, Gott Seine Gnade von Ex 34, 6f in der Vergebung der Sünden ganz Israels wirksam werden lässt, so geschieht dies durch das Geschick des Gottesknechts mit viel tieferer Wirkung und weist so für uns Christen auf das Geschick Jesu, des Gottessohnes, voraus. Hier wird die Zielrichtung des ganzen alttestamentlichen Heilsgeschehens auf dessen eschatologische Vollendung in Jesus Christus so deutlich, dass es für die Urchristenheit klar war: Hier wird im Zeugniszusammenhang der Schrift die Mitte und zugleich Vollendung des gesamten Heilshandelns Gottes in der Geschichte Israels im Voraus sichtbar, sodass in diesem Leiden und Tod des letzten Gottesknechts das zentrale Heilsgeschehen in Jesus Christus unmittelbar zu gewahren ist (vgl. Mt 26, 28; Lk 22, 37; Röm 4, 23–25; Phil 2, 8f; 1 Petr 2, 24). Dieses vollzieht sich in der Eucharistie, in der das sühnende Abschiedsmahl Jesu mit seinen Jüngern gegenwärtig wird. In der alten Formel, die Paulus in Röm 3, 24f zitiert, klingt der Bezug zur Sühnehandlung von Lev 16 sogar wörtlich an (vgl. auch Hebr 9, 1–14).
Es ist also nicht nur so, dass die neutestamentliche Verkündigung auf die voraussagenden Prophetien im Alten Testament jeweils einzeln zurückgreift, sondern umgekehrt: Die Gottesverkündigung des Alten Testaments im Sinn von Ex 34, 6 begründet die Heilsverkündigung des Neuen! Das Alte Testament ist darum nicht die Heilige Schrift allein der Juden, die auch Christen lesen dürfen, sondern es ist für uns Juden und Christen gemeinsame Heilige Schrift. Juden, für die noch heute der Name Gottes das zentrale Mysterium der Tora ist, sollten sich von Ex 34, 6f zur Vollendung der Liebe Gottes in Jesus Christus führen lassen. Nur von der endzeitlichen Vollendung der Liebe Gottes in Ex 34, 6f her können Christen gewiss sein in der Hoffnung darauf, dass Gott Sein gesamtes Volk Israel, das jetzt mehrheitlich noch die Verkündigung und das Geschick Jesu als des Sohnes Gottes ablehnt, zum Endheil mit uns Christen zusammenführen wird (Röm 11, 26f). Darauf zielt die «Dynamik» des alttestamentlichen Handelns Gottes letztlich – wie ebenso auf die endgültige Erlösung für die «Fülle» der Heidenchristen. Beide, Juden und Heiden, werden – so verkündigt es Paulus – das Endheil durch die Heilswirkung des Versöhnungstods Jesu Christi empfangen. Es gibt also keinen besonderen Bund für das erwählte Gottesvolk Israel, der abseits des Kreuzes Jesu Christi endzeitlich vollendet werden würde neben dem Heil für die Christen durch Jesus Christus, sodass dieser nur für Christen der Erlöser wäre13, sondern am «Neuen Bund», in dem durch den Kreuzestod Christi der Alte Bund vollendet worden ist, haben Juden wie Christen gemeinsam teil. Den endzeitlichen Dank- und Lobgesang werden beide in voller Gemeinsamkeit singen. Darin hat Papst Benedikt XVI. zweifellos Recht – auch wenn er den Zusammenhang der Offenbarungen des Namen Gottes in Ex 3, 14 und 20, 2 bis hin zu 34, 6 als Höhepunkt noch nicht gesehen und in seiner zentralen Bedeutung für das Verständnis der ganzen biblischen Botschaft erkannt hat.
So ist dieser Aufsatz nicht nur ein öffentliches Ja zu dem Anliegen des zu Unrecht von christlichen und jüdischen Theologen bestrittenen Aufsatzes Benedikts, sondern zugleich auch meine persönliche Antwort.