Versuchung und ErprobungSkizzen zum neutestamentlichen Umgang mit einem beunruhigenden Thema

Abstract / DOI

Temptation and Seduction: New Testament Dealings with an Disquieting Topic. The article analyzes the two main scenes in the Synoptic Gospels where Jesus is portrayed in a situation of temptation: the accounts of Jesus’ wilderness temptation in the Gospels of Mark and Matthew (with a short glimpse on Luke), and the Markan account of Jesus’ Prayer in Gethsemani (with a short glimpse on John). In addition to that, the treatment of the temptation in the letter to the Hebrews is correlated with the Gospels’ narrative accounts. 

«Und führe uns nicht in Versuchung», so lautet die in der Matthäusfassung sechste, in der Lukasfassung fünfte Bitte des Gebets, das Jesus seine Jünger gelehrt hat (Mt 6, 13 par Lk 11, 4). Es handelt sich um die an den Vater (!) gerichtete Bitte, die Beter nicht einer Situation der Prüfung, Erprobung oder Bewährung auszusetzen, in der sie ihre Treue und ihren Gehorsam erweisen müssen – und in der sie auch scheitern könnten, indem sie als Geprüfte zum Tun des Bösen verleitet werden.1 Der entscheidende Begriff peirasmós (πειρασμός) wird in der deutschen Übersetzung des Vaterunsers eher verkürzend mit «Versuchung» wiedergegeben, er umfasst aber auch das Bedeutungsspektrum «Erprobung, Prüfung».2 Laut Michael Wolter steht er «als metonymische Umschreibung für krisenhafte Wirklichkeitserfahrungen, in die Gott seine Erwählten und Frommen bisweilen führt, um sie auf die Probe zu stellen.»3 Wolter weist unter Bezug auf Sir 2, 1 darauf hin, dass nur Glaubende diese Krisenerfahrung als «Prüfung» identifizieren können.4 Wer auf die Probe gestellt wird, sollte unter Beweis stellen, ob er wirklich das ist, wofür er gehalten wird oder gehalten werden möchte. In diesem Sinne kann man sogar Gott «auf die Probe stellen» (Dtn 6, 16; Jes 7, 12). Erprobt werden immer die Gerechtigkeit, die Treue oder der Gehorsam jüdischer Frommer, niemals werden beispielsweise fremde Völker oder Sünder auf die Probe gestellt: «Erprobung durch Gott ist also stets die Folge von Erwählung. Die Frommen und Gerechten werden daraufhin geprüft, ob sie sich auch in Konfliktsituationen in Übereinstimmung mit dem ihnen von Gott zugewiesenen Status verhalten».5 Klassische Beispiele sind die Prüfungen Abrahams, Israels in der Wüste, Josefs und Hiobs. Und eben dies wird dem Gott Israels auch durchaus zugetraut.

Der Sohn in der Wüste

Inwiefern gilt dies aber auch für Jesus selbst? Immerhin berichten alle drei synoptischen Evangelien ausdrücklich von einer «Prüfung» Jesu in der Wüste vor Beginn seines öffentlichen Auftretens.6 Im Falle dieser satanischen Versuchung Jesu sind die literarische Gestaltung durch die Evangelisten und die historische Rückfrage methodisch streng voneinander zu trennen. Dies gilt zwar grundsätzlich für jeden biblischen Text, aber doch insbesondere für die diversen neutestamentlichen Versuchungsgeschichten. Hinzu kommt, dass die Evangelisten offenbar ein universales Erzählmotiv verarbeiten, dass nämlich Helden zu Beginn ihrer Karriere in eine Auseinandersetzung mit einem Widersacher geraten müssen. Das können dämonische Akteure, aber auch Gott selbst oder ein Stellvertreter sein. So heißt es beispielsweise in Sir 4, 16f (hebr.): «Anfangs (!) erprobte ich ihn mit Prüfungen. Danach wird angefüllt werden sein Herz von mir.» Weitere außerbiblische Beispiele sind Herakles, Buddha oder Zarathustra.7

Wie haben aber die drei synoptischen Evangelisten dieses Erzählmotiv aufgegriffen und im Lichte ihrer Christologie verändert? In ihren Evangelien geht seine Versuchung bzw. Erprobung in der Wüste8 durch den Satan der öffentlichen Verkündigung Jesu voraus. Damit bildet sie eine Art Vorspiel für die Proklamation, dass Gott seine Königsherrschaft jetzt im Wirken Jesu aufzurichten beginnt. Doch gehört noch mehr zu diesem Vorspiel. Denn in allen drei synoptischen Evangelien findet die Erprobung Jesu im Anschluss an die Herabkunft des Heiligen Geistes auf ihn statt, die sich unmittelbar nach der Taufe Jesu im Jordan ereignet. Diese Geistverleihung wird begleitet von der Stimme Gottes, der Jesus als seinen geliebten Sohn identifiziert, an dem er Wohlgefallen gefunden habe. Dieser Konnex mit der Gabe des Geistes und der Identifikation als Gottes geliebter Sohn ist für das Verständnis der Erprobung Jesu in der synoptischen Darstellung entscheidend. Zugleich ist deutlich, dass man bei der satanischen Versuchung Jesu zu Beginn seines Wirkens ebensowenig mit psychologischen Erklärungsmustern oder historischen Erinnerungen operieren kann wie im Falle von Geistbegabung und Gottessohnproklamation. Daher sind die drei synoptischen Erprobungserzählungen in erster Linie als literarisch-theologische Phänomene zu analysieren. Mit dem Instrumentarium historischer Kritik kommt man kaum hinter die Ebene der Erzählung zurück. Dies zeigt schon die Fassung des Markus.

Die Versuchung Jesu durch den Satan in der Wüste im Markusevangelium

Die literarisch älteste Fassung der Erprobung Jesu stammt aus dem Markusevangelium. Im Anschluss an die Schilderung des Auftretens Johannes des Täufers (Mk 1, 4–8) und der Taufe Jesu im Jordan (1, 9) werden die Leser Zeugen einer Art Berufungsvision Jesu, der den Himmel sich spalten und den Geist sichtbar in Gestalt einer Taube auf sich herabkommen sieht (1, 10). Danach werden sie zu Mithörern einer Audition Jesu, denn eine Stimme kommt aus den Himmeln herab: «Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen» (1, 11). Diese löst eine ganze Reihe von Schriftassoziationen aus ( Jes 41, 1 und Ps 2, 7, aber auch Gen 22, 2).

Unmittelbar danach übernimmt dann der Geist selbst die Regie, er «wirft ihn in die Wüste hinaus». Der anschließende vierzigtägige Wüstenaufenthalt Jesu mit der dort erfolgten Erprobung durch den Satan sind also durch den Geist – und also durch Gott selbst, da der Geist ja aus dem Himmel kam – angestoßen.

Markus 1, 12–13

1,12

a

Und sogleich wirft ihn der Geist in die Wüste hinaus.

1, 13

a

Und er wurde vierzig Tage lang in der Wüste vom Satan versucht
(καὶ ἦν… πειραζόμενος ὑπὸ τοῦ σατανᾶ),9

b

und er war mit den wilden Tieren (καὶ ἦν μετὰ τῶν θηρίων),

c

und die Engel leisteten ihm den Tischdienst (καὶ οἱ ἄγγελοι διηκόνουν αὐτῷ).

Vom Jordan aus treibt der Geist Jesus also nicht direkt wieder in das gelobte Land zurück (vgl. Jos 3), sondern in die Wüste, versetzt ihn also symbolisch in die Situation Israels vor dem Einzug ins Land. Erst nach dem 40tägigen Wüstenaufenthalt zieht der Gottessohn ins Land ein und beginnt in Galiläa seine Verkündigung, dass Gott nun eben dort und gegen alle Widerstände seine Königsherrschaft aufrichtet (1, 14f ).

Vom Geist wird Jesus in die Begegnung mit drei Arten von nicht-menschlichen Wesen getrieben. Vom Satan wird er auf die Probe gestellt (13a), dies wird flankiert vom sog. Tierfrieden (13b), womit die paradiesische Zeit des Anfangs wiederkehrt ( Jes 11, 5–9; 65, 25; Hos 2, 18), sowie von der Bedienung durch Engel, die ihm offenbar das «Brot der Engel» (Ps 78, 25 LXX), also das Manna (Ex 16) servieren. Der Tierfrieden wie auch die Engels-Diakonie könnten darauf hindeuten, dass Jesus die satanische Erprobung siegreich überstanden hat, doch deutet Markus mit keiner Silbe einen Kampf an, dessen erfolgreiche Beendigung man eigens berichten müsste.

Denn es kommt Markus offenbar gar nicht darauf an, dass sich Jesus als gehorsamer Sohn in der Erprobung zu bewähren hat – sozusagen mit offenem Ende. Im Unterschied zu Abraham und anderen Frommen, die Gott der Erprobung unterzieht, um sie als bewährt zu erweisen und zugleich ihr Gottesverhältnis zu vertiefen,10 erweist sich der geliebte Gottessohn in der Erprobung auch im Hinblick auf den Satan von vorneherein als der «Stärkere».

Das zeigen die auf die Erprobung Jesu in Mk 1, 12 folgenden erfolgreichen, ja eigentümlich «mühelosen» Exorzismen Jesu: Die Austreibung eines Dämons in der Synagoge von Kapharnaum am Sabbat (Mk 1, 21–28) ist die erste Machttat Jesu nach der Jüngerberufung. Auch hier findet weder ein Kampf noch eine Beschwörung statt. Mit Recht heißt es daher am Ende: «Den unreinen Geistern gebietet er, und sie gehorchen ihm» (1, 28). Und er macht weiter, treibt auch am Abend des Sabbat viele Dämonen aus, denen er zudem ein Schweigegebot auferlegt (1, 34, vgl. 1, 39). Laut 3, 11 fielen die unreinen Geister, wenn sie ihn sahen, vor ihm nieder und schrien: «Du bist der Sohn Gottes». Die Dämonen wissen also ebenso wie die Leser, wer er ist.

Wenig später sieht sich Jesus dann mit dem Vorwurf konfrontiert, diese Dämonenaustreibungen mit Hilfe des Satans selbst, des Obersten der Dämonen, zu vollziehen (3, 22). Das nicht bestrittene Phänomen der Dämonenaustreibungen wird von seinen Gegnern also als Teufelsbündnis gedeutet. Auf diesen schwerwiegenden Vorwurf reagiert Jesus mit einer Art Gleichnis: «Niemand kann in das Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, wenn er nicht zuvor den Starken gebunden hat – und dann wird er sein Haus ausrauben» (3, 27). Seine Antwort auf den Vorwurf des Teufelsbündnisses lautet also, dass er den Satan gebunden hat und deswegen die Dämonen austreibt. Dass dies damals in der Wüste geschah, wird allerdings nicht gesagt. Weil Jesus aber Träger des Gottesgeistes ist, in der Kraft des Geistes den Satan gebunden hat und in dieser Kraft nun dessen Dämonen austreibt, deswegen kann die Lästerung gegen den Heiligen Geist nicht vergeben werden (3, 28–30).

Die knappe Skizze zeigt, dass die 40tägige Erprobung Jesu durch den Satan von Markus in die Fluchtlinie von Geistbegabung und Gottessohnschaft gestellt wurde und zugleich die Tiefendimension der zahl- und erfolgreichen Exorzismen bildet. Diese wiederum sind konkreter Vollzug der Aufrichtung der Königsherrschaft Gottes durch den Gottessohn und Geistträger. Indem sich der Gottessohn auch gegenüber dem eigentlichen Widersacher als der «Stärkere» erweist, teilt Markus den Lesern seines Evangeliums einen wesentlichen Zug dieser Gottesherrschaft mit, durch die Menschen aus der Macht des Bösen entrissen werden. Die Erprobung Jesu in der Wüste durch den Satan ist aber auch das Vorzeichen für die später von Markus erzählten drei «Erprobungen» Jesu durch Menschen (8, 11; 10, 2; 12, 15)11 und qualifiziert diese indirekt als satanisch.

Im Dialog mit dem Satan: Die Versuchung Jesu im Matthäusevangelium

Bekanntlich bauen Matthäus und Lukas die knappe markinische Erprobungsszene zu einer großangelegten dreifachen Dialogszene zwischen dem Satan und Jesus aus, wobei sie offenbar unabhängig voneinander auf die sog. Logienquelle zurückgreifen. Auch jene hypothetische zweite Quelle kannte demnach den Konnex zwischen den Ereignissen um die Taufe Jesu und der anschließenden Erprobung in der Wüste.12 Weitgehend Übereinstimmung herrscht darüber, dass das Prüfungsgespräch zwischen Jesus und dem Teufel von Anfang an ein literarisches Produkt war, die aus der Septuaginta stammenden Schriftzitate dokumentieren zudem, dass es von Anfang an auf Griechisch formuliert war.

Auch bei Matthäus führt der Geist Jesus in die Wüste, aber nun mit dem klaren Zweck, «um vom Teufel erprobt zu werden» (Mt 4, 1). Noch deutlicher als bei Markus steht also Gott selbst hinter dem Erprobungsgeschehen.

Matthäus baut das Diptychon aus Geistverleihung und Erprobung zu einem großangelegten Eröffnungstext für das öffentliche Wirken Jesu aus. Hatte Markus die Tauf- mit der Wüstenerzählung durch das Stichwort τὸ πνεῦμα verlinkt – das Jesus bei der Taufe verliehene Pneuma treibt ihn unmittelbar in die Wüste –, so verstärkt Matthäus diese Verbindung noch, indem er den Satan Jesus ausdrücklich mit der Wendung «Wenn du der Sohn Gottes bist...» in Versuchung führen lässt (4, 3.6). Dies verweist auf die Prädikation Jesu als «mein Sohn, der geliebte» bei Herabkunft des Geistes zurück (3, 17). Matthäus verlinkt also die Erprobungs- mit der Tauferzählung durch die Gottessohnschaft Jesu. Weitere strukturelle Parallelen kommen hinzu.13

Der Versucher tritt im Unterschied zu Markus erst nach einem 40 Tage und Nächte dauernden Fasten an Jesus heran. Jesus, der nun Hunger verspürt, soll seine göttliche Macht dazu nutzen, sich selbst zu sättigen: «Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine zu Brot werden!» (4, 3). Der Teufel fordert Jesus zu einem Handeln auf, das mit seiner Identität als Gottessohn ja durchaus in Übereinstimmung steht. Und dass Jesus zu einer solchen Tat in der Lage wäre, zeigen die beiden Speisungsgeschichten (Mt 14, 13–21; 15, 32–39).14 Bemerkenswert ist, dass der Teufel dem Wort Jesu solche schöpferische Macht zutraut. Dass die Bedeutung der Erprobungsgeschichte weit über ihren engeren Kontext hinausreicht, zeigt ein Blick auf die Matthäuspassion. Hier fügt der Evangelist in die markinische Passionsgeschichte die Lästerung des Gekreuzigten durch die Umstehenden mit den Worten ein: «Hilf dir selbst, wenn du Gottes Sohn bist, und steige herab vom Kreuz!» (27, 40). Und kurz darauf die Mitglieder des Hohen Rates: «Er vertraute auf Gott, der rette ihn jetzt, wenn er ihn liebt, er sagte nämlich: Ich bin Gottes Sohn!» (27, 43). Offenbar sollen die Leser des Evangeliums die beiden Szenen miteinander verbinden und im Spott der Passanten dieselbe satanische Versuchung hören wie zu Beginn des Wirkens Jesu. Doch hier wie dort rettet der Gottessohn nicht sich selbst, sondern andere. In der Passion sind es dann der heidnische (!) Hauptmann und die Soldaten, die Jesus bewachen, die angesichts der Umstände seines Todes zur Erkenntnis kommen: «Wahrlich, dieser war Gottes Sohn!» (27, 54).

Zurück zur Erprobungsgeschichte: Hier kontert Jesus die erste satanische Versuchung mit der Schrift, indem er Dtn 8, 3 zitiert: Die Bindung an Gottes Wort macht eine eigenmächtige, noch dazu wunderhafte Sättigung überflüssig. Und indem Jesus die Forderungen des Satans in das Licht der Schrift rückt, erweist er ihren widergöttlichen Charakter.15

Bei der zweiten Versuchung auf der Zinne des Tempels – dem Ort verdichteter Gottespräsenz – fordert der Teufel Jesus dazu auf, den ihm zugesagten Schutz durch Engel in Anspruch zu nehmen. Dabei zitiert nun auch der Teufel die Schrift (Ps 91, 11f ). Dass Gott seinen Sohn beschützt, weiß der Leser aus Mt 1–2, nun geht es aber darum, dass Jesus die Notlage selbst herbeiführen soll. Jesus kontert diesmal mit Dtn 6, 16, dem Verbot, Gott auf die Probe zu stellen. Das Ansinnen des Teufels wird damit als frevelhafte Herausforderung Gottes selbst entlarvt, die zudem die Bindung des Sohnes an den Willen des Vaters verletzen würde.16 Erneut verlinkt Matthäus die Erprobung Jesu redaktionell mit der Passionsgeschichte: Noch angesichts seiner Verhaftung weigert sich der Gottessohn, zwölf Legionen Engel zu seiner Hilfe herbeizubitten (26, 53). Wie Jesus nicht sich selbst sättigt, sondern andere, so rettet er sich nicht selbst vor dem Tod, sondern gibt sein Leben hin als Lösegeld für viele (20, 28), vergießt er sein Bundesblut für viele zur Vergebung der Sünden (26, 28).

In der dritten Versuchung zeigt der Teufel Jesus von einem hohen Berg aus alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit mit dem Angebot: «Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest» (4, 8f ). Jesus antwortet mit Dtn 6, 13: «Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen!» (4, 10). Wieder dient das Schriftzitat zur Entlarvung Satans, dessen Angebot, Jesus die Weltherrschaft um den Preis seiner Anbetung zu gewähren, zutiefst widergöttlich ist.17 Erneut verlinkt Matthäus dies mit anderen zentralen Szenen seines Evangeliums. So verkündet der Auferstandene seinen Jüngern im Zusammenhang der Abschiedsszene auf dem Berg in Galiläa: «Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden» (28, 16). Die dem Gekreuzigten vom Vater gegebene Allmacht übertrifft bei weitem, was der Teufel je geben konnte – alle Reiche der Welt –, und sie ist zugleich von anderer Art als die Teufelsherrschaft über die Welt (vgl. Mt 20, 20–28 u.ö.). Umgekehrt bedeutet das Angebot der Weltherrschaft durch den Satan nichts anderes als das Angebot, Passion und Kreuz zu umgehen. Der Weg des Gottessohnes zur göttlichen Allmacht im Himmel und auf Erden führt aber über das Kreuz, dies schließt auch eine Ausübung dieser Macht im Sinne des Satans aus. Und Jesu abschließendes «Geh weg, Satan!» (4, 10: ὕπαγε, σατανᾶ) werden die Leser dann in seinem Wort an Petrus nachklingen hören: Denn dieser hatte auf die erste Leidensankündigung (Mt 16, 21) mit scharfem Tadel reagiert und musste sich dafür sagen lassen: «Geh weg, hinter mich, Satan!» (16, 23 ὕπαγε ὀπίσω μου, σατανᾶ). Man kann sagen, dass Matthäus diese Szene, die er aus Markus übernommen hat (vgl. Mk 8, 33),18 sozusagen im Voraus kommentiert: Durch sein Verhalten gegenüber dem Satan erweist Jesus, dass seine Gottessohnschaft in der vollständigen Bindung an den Willen des Vaters besteht – daher verweist die matthäische Erprobungs-Erzählung auch schon auf Gethsemani (s.u.). Hier wie dort nimmt Jesus in der Situation der Erprobung aber gerade keine «göttlichen» bzw. «übernatürlichen» Mittel zu Hilfe.19

Kurz zur lukanischen Fassung der Begegnung mit dem Satan in der Wüste: Auch bei Lukas gehört diese Erprobungsszene (Lk 4, 1–13) zusammen mit der Geistverleihung und Sohnesproklamation (3, 21f ) zum Prolog des öffentlichen Auftretens Jesu. In der Taufe wird Jesus durch die Himmelsstimme selbst von seiner Identität in Kenntnis gesetzt und durch die Geistgabe für seine Aufgabe ausgerüstet.20 Direkt im Anschluss an die Erprobung erfolgt dann die sog. «Antrittspredigt» Jesu in der Synagoge von Nazareth über Jes 61, 1–2, die in einem Eklat endet (Lk 4, 14–30). Lukas schiebt aber das Geschlechtsregister Jesu (3, 23–38) zwischen Taufe und Erprobung, das mit dem «Gottessohn» Adam endet. Außerdem bildet der mutwillige Sturz von der Tempelzinne bei Lukas die dritte und letzte Versuchung.

Die eigentliche Prüfung Jesu? Die markinische Gethsemani-Szene

Wendet man sich vom Beginn der erzählten Vita Jesu ihrem Ende zu, dann betritt man mit der Gethsemani-Geschichte (Mk 14, 32-42 par) literarisch ganz anderen Boden. Das Portrait des souverän mit der Schrift auf die satanischen Versuchungen reagierenden Jesus ist vergessen. Statt dessen erblickt der Leser – zumindest des Markus- und des Matthäusevangeliums – ein erschütterndes Bild des in Todesangst gefallenen Jesus, der zwar immer noch zur heiligen Schrift Israels seine Zuflucht nimmt, nun aber mit den Worten des Doppelpsalms 42/43 seine Verzweiflung formuliert: «Meine Seele ist betrübt bis in den Tod» (vgl. Ps 42, 6.12; 43, 5). Dreimal bittet Jesus den Vater, der Kelch des Gotteszornes (Mk 14, 36, vgl. Jes 51, 17; Ps 11, 6; Ez 23, 33) möge an ihm vorübergehen, und dreimal betet er sich in den Willen des Vaters hinein, unterstellt er seinen Willen dem des Vaters. Gott ist ja alles möglich, er kann auch den Kelch an Jesus vorübergehen lassen, aber sein Wille ist es, dass der Sohn sein Bundesblut vergießt für viele, wie er es selbst beim letzten Mahl gesagt hatte (Mk 14, 24). Der weitere Verlauf der Passion zeigt dann, dass Jesus bei diesem Entschluss bleibt und jede Gelegenheit der Flucht oder der Selbstverteidigung verstreichen lässt.

Von Gott gibt es in Gethsemani keine Reaktion, im Unterschied zur Tauf- und zur Verklärungsszene schweigt er nun (was in Lk 22, 43 dann durch die Engelerscheinung aufgeweicht wird). Das Gebet des Sohnes zum Vater findet keine Antwort.

Wird Jesus also in Gethsemani «erprobt»? Besteht die Prüfung nun nicht mehr im Flüstern des Satans, sondern im Schweigen des Vaters? Aber wenn überhaupt, dann erzählen die Synoptiker die Gethsemani-Geschichte nur indirekt als Geschichte einer Erprobung Jesu. Ausdrücklich geht es nämlich um die Erprobung der Jünger (die sie aber nicht bestehen). Denn die Jünger sollen wachen und beten, damit sie nicht in Erprobung geraten. Tatsächlich liegt die Pointe der Erzählung in der Gegenüberstellung Jesu und der Jünger.21 Wachen und Beten sollen die Erprobung verhindern.

Markus 14, 37–38

14,37

d

Simon, schläfst du?

e

Konntest du nicht eine Stunde wachen?

14, 38

a

Wachet und betet,

b

damit ihr nicht in Versuchung kommt (ἵνα μὴ ἔλθητε εἰς πειρασμόν).

c

Der Geist ist zwar willig,

d

aber das Fleisch ist schwach.

Bei Markus und Matthäus einmal, bei Lukas sogar zweimal trägt Jesus den Jüngern auf «Betet,» bzw. «Steht auf und betet, dass ihr nicht in Versuchung geratet!» (Lk 22, 40.46). In der Formulierung klingt offenbar die entsprechende Bitte des Vaterunsers an. Die Jünger wachen und beten nicht, sie schlafen und sie werden ihn kurz darauf alle verlassen (Mk 14, 50), Petrus wird ihn sogar verleugnen (Mk 14, 66-72). Im Unterschied zu den Jüngern wacht und betet Jesus, trotz seiner Todesangst unterwirft er seinen Willen dem des Vaters. «Insofern ist dieses Gebet kein Zeichen der menschlichen Schwäche, sondern das Gebet des Siegers und Überwinders inmitten der Todesdrohung».22

Der Widerspruch gegen die Gethsemani-Überlieferung im Johannesevangelium

Aber trotz des hier im Gebet errungenen «Sieges»: Schon die lukanische Entschärfung der markinischen Gethsemani-Szene, vor allem aber ihre konsequente Umformung im Johannesevangelium zeigen deutlich den Anstoß, den die Todesangst Jesu und seine anfängliche Nicht-Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters bereithielten. Denn der johanneische Jesus widerspricht in Joh 12, 27f ausdrücklich der Gethsemani-Überlieferung.23

Johannes 12, 23.27f

12,23

c

Gekommen ist die Stunde,

d

dass der Menschensohn verherrlich werde

(…)

12,27

a

Jetzt ist meine Seele erschüttert.

b

Und was soll ich sagen?

c

Vater, rette mich aus dieser Stunde?

d

Aber deswegen bin ich in diese Stunde gekommen:

12,28

a

Vater, verherrliche Deinen Namen!

Zwar ist seine Seele «erschüttert» (vgl. dazu Ps 6, 3f.8 LXX), aber der johanneische Jesus verwirft ausdrücklich den Gedanken, den Vater deswegen um Errettung aus dieser Stunde zu bitten. Noch direkt vor seiner Verhaftung stellt er die rhetorische Frage, ob er den Kelch, den der Vater ihm gegeben hat, etwa nicht trinken soll (18, 11), womit er erneut der bei den Synoptikern überlieferten Gethsemani-Tradition widerspricht (vgl. Mk 14,). Diese Stellen, zu denen man noch den Aufbruchsbefehl Joh 14, 30f (vgl. Mk 14, 41f ) hinzunehmen kann, belegen, dass der vierte Evangelist mit Lesern rechnete, die die Gethsemanitradition kannten. Deswegen lässt er seinen Jesus in 12, 27f und 18, 11 mittels rhetorischer Fragen auf diese Tradition anspielen und diese zugleich unterlaufen.

Todesfurcht als Erprobung: der Hebräerbrief

Ausdrücklich spricht der Hebräerbrief von einer Erprobung bzw. Versuchung Jesu. Dieses Motiv entwickelt der Verfasser im Anschluss an seine Inkarnationsaussage und in Verbindung mit der ebenfalls daran anknüpfenden Hohepriesterlehre. Laut dem Hebräerbrief nimmt der ewige Gottesssohn Anteil an Blut und Fleisch, um durch den Tod jenen zu vernichten, der über den Tod gebietet, nämlich den Teufel (Hebr 2, 14). Denn da er sich nicht der Engel, sondern der Nachkommen Abrahams annimmt (2, 16), musste er den Brüdern gleichwerden. Weil der ewige Gottessohn also ein sterblicher Mensch aus Fleisch und Blut wurde, konnte er durch seinen Tod «für uns» Sühne leisten. Diesen ersten Gedanken fasst der Hebräerbrief in die ihm eigentümliche Lehre vom Hohepriestertum Jesu. Parallel dazu entwickelt er dann aber eine zweite Linie, die mit 2, 17f beginnt: Jesus ist nicht nur ein treuer, sondern vor allem ein barmherziger Hohepriester, denn er ist als jemand gestorben, der selbst Versuchungen ausgesetzt war (bzw. erprobt wurde). Deswegen ist er auch imstande, jenen zu helfen, die Versuchungen ausgesetzt sind. Das Präsens zeigt, dass es um die jetzt gewährte Hilfe durch den Erhöhten geht. Die Hilfe wiederum gründet in der Fürbitte des Erhöhten (7, 25), auf die die Glaubenden deswegen zuversichtlich bauen können, weil Jesus selbst den Versuchungen ausgesetzt war.

Diese Erprobung Jesu wird in 4, 14–16 und dann in 5, 6–8 konkretisiert.

Hebräer 4, 15

4,15

a

Denn wir haben nicht einen Hohepriester,

b

der nicht mit unseren Schwachheiten mitfühlen (συμπαθῆσαι) könnte,

c

sondern der in allem in gleicher Weise erprobt wurde (πεπειρασμένον),

d

(doch) ohne Sünde (blieb).

Das Motiv der Erprobung dient hier dazu, das in 4, 14 formulierte Bekenntnis zu Jesus als Sohn Gottes und großem Hohepriester, der durch die Himmel hindurchgeschritten ist, auszubalancieren. «Das, was ein irdischer Hoherpriester nicht zu tun vermag noch zu tun braucht, tut der Erhöhte, weil er selbst der Versuchte war».24 Wie in der sechsten Vaterunserbitte so ist auch in Hebr 2, 18 und 4, 15 Gott als der Versuchende gedacht, das legt auch der Rekurs auf die Prüfung Abrahams in Hebr 11, 17 nahe.25 Wie die alttestamentlichen Gerechten – insbesondere Abraham – wird der irdische Jesus der Erprobung durch Gott selbst ausgesetzt. Das Mitfühlen lernt Jesus, als er mit unserer Schwachheit in Kontakt kam, er kennt diese Schwachheit existentiell aus der Versuchungserfahrung.26 Deswegen dürfen sich die Gläubigen zuversichtlich dem «Thron der Gnade» nähern, um dort Barmherzigkeit zu empfangen und Gnade zu rechtzeitiger Hilfe (4, 16). Aber worin bestand diese Versuchungserfahrung?

Beide Linien werden in 5, 5–10 wieder aufgenommen: Jesus der Gottessohn ist Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks, weil er sich selbst zur Sühne in den Tod gab (5, 5f ). An dieser Stelle wird aber nun die zweite Linie erneut aktiviert, und die Leser erfahren, womit Jesus «erprobt» wurde und woran er «den Gehorsam lernte»:

Hebräer 5, 7–8

5,7

a

Er, der in den Tagen seines Fleisches Gebet und flehentliche Bitten dem,

b

der ihn aus dem Tod retten konnte,

c

unter lautem Geschrei und Tränen darbrachte,

d

und aufgrund seiner Gottesfurcht erhört wurde,

5,8

a

lernte, obwohl er Sohn war,

b

an dem, was er litt, den Gehorsam,

c

und, zur ewigen Vollendung geführt, wurde er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils,

d

von Gott ernannt zum Hohepriester wie Melchisedek.

Nun wird die Erprobung Jesu, von der 4, 15 sprach, konkreter. Sie fand «in den Tragen seines Fleisches» statt, also während seiner irdischen Lebenszeit. Auch wenn in den schriftlichen Versionen der Gethsemani-Tradition nicht vom «Weinen und Schreien» die Rede ist (und es also wohl keine literarische Beziehung zwischen ihnen und dem Hebr gibt), so ist doch unschwer zu erkennen, dass der Hebr Jesus hier angesichts seines nahenden Todes portraitiert. Denn der Inhalt der Bitten Jesu ist aus der Gottesprädikation 7b (Gott ist der, «der ihn aus dem Tode retten konnte») zu schließen. Vor allem aber war bereits in 2, 15 von der Todesfurcht die Rede, die die Menschen aus Fleisch und Blut zeit ihres Lebens versklavt. An ihr nahm der ewige Gottessohn also ebenso Anteil wie an der Sterblichkeit selbst, indem er an Fleisch und Blut Anteil nahm.

Grammatisch mehrdeutig ist, ob Jesus um Errettung vor dem Tod oder aus dem Tod gebetet hat. Erhört wurde sein Gebet in jedem Fall nicht durch die Bewahrung von dem Tod, sondern durch die Vollendung (V. 9), also die Auferstehung und Erhöhung des Gekreuzigten und seine Einsetzung zum himmlischen Hohepriester (V. 10). Laut 2, 10 erfolgt die Vollendung des Urhebers des Heils eben durch das Leiden, also durch den Tod. Entscheidend ist, dass Jesus dadurch nicht nur zum mitfühlenden und barmherzigen Hohepriester wurde, sondern – als Sohn! – den Gehorsam lernte (V. 8). Dieser Gehorsam wurde durch den Tod erworben, er wird dann durch den Verfasser des Hebr paränetisch ausbuchstabiert: «Man gehorcht ihm, indem man wie er gehorcht».27

Bemerkenswert ist noch, dass Jesus Gebet und flehentliche Bitten «darbrachte». Der hier verwendete Terminus προσφέρειν stammt aus der Sprache des Kultes.28 Die Todesfurcht, die uns Menschen aus Fleisch und Blut versklavt, sie führte Jesus vor seinem Tod in die Prüfung, er aber brachte sie Gott dar, so wie er sich dann am Kreuz selbst darbrachte (Hebr 9, 14 u.ö.). Beide Linien kommen im Tod Jesu also wieder zusammen.

Zum Abschluss

Widersteht die Exegese der Versuchung, aus den verschiedenen literarischen Zeugnissen ein «echtes» Erlebnis Jesu, einen direkten Zugang zu seinen Gefühlen herauszupräparieren, dann ist der Blick frei, das Kaleidoskop frühchristlicher Interpretationsarbeit an diesem beunruhigenden Thema wahrzunehmen. Beunruhigend sind die dabei entstandenen Texte deswegen, weil sie Gott gerade nicht heraushalten. Er selbst «treibt» mittels des Geistes Jesus zum Satan in die Wüste, er schweigt in Gethsemani und erspart dem in Todesangst hingestreckten Jesus den Kelch seines Zornes nicht, er gibt den Jüngern in der Passion kein Zeichen der Hoffnung mehr, und er erhört die schreienden Bitten seines Sohnes nicht am Kreuz vorbei. Daher haben diese Texte auch jenseits der christologischen Agenda ihrer Verfasser zu allen Zeiten Identifikationsangebote bereitgehalten für Gläubige, die mit ihrem Gott ähnliche Erfahrungen machen mussten. Und die deswegen mit den Worten Jesu den himmlischen Vater bitten: «und führe uns nicht in Versuchung!»

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