Fausts Versuchungen

Abstract / DOI

Faust’s Temptations. The prologue in Goethe’s «Faust» is commonly associated by commentators with the quarrel between God and Satan in the Book of Job, but not with the sixth petition of the Lord’s Prayer. Goethe transforms the motif of temptation by disconnecting it from the question of salvation. Mephistopheles tempts Faust in order to stimulate his genuinly modern and subjective human pursuit. «Faust» is not a heroic epos, but a tragedy and a warning; it does have a salvific but immanent undertone.

Die Frage, ob die Geschichte des legendären Gelehrten Johann Faust, die uns Goethe in seinem großen Faust-Schauspiel nominell als «Tragödie» in zwei Teilen vor Augen führt, auch als eine Reflexion auf die sechste Bitte des Vaterunsers zu verstehen ist, ist nicht leicht zu beantworten. Einerseits nimmt der Text keinen Bezug auf das Vaterunser oder gar die Bitte, nicht einer «Versuchung» ausgesetzt zu werden. Andererseits gibt es einige Anreize, die Geschichte des Doctor Faustus auch in Goethes Version als Geschichte einer anhaltenden Versuchung durch den Teufel zu verstehen. Schon im Urfaust, den Goethe in Frankfurt vor seiner Übersiedlung nach Weimar (1775) schrieb, wird Faust – der Stofftradition entsprechend – von dem teuflischen Mephistopheles begleitet, der dem Gelehrten nicht nur als Führer durch die Welt dient, sondern auch als Verführer agiert, der Faust auf eine letztlich verderbliche Lebensbahn ziehen will. Im Prolog im Himmel, den Goethe um 1800 schrieb und dem damals abgeschlossenen ersten Teil des Faust voranstellte, wird dieser Eindruck verstärkt. Mephistopheles erhält dort vom «Herrn» höchstpersönlich die Erlaubnis, Faust, wenn er, Mephistopheles, es denn vermag, «von seinem Urquell» abzuziehen (Vers 324), was man – unter einer gewissen Vernachlässigung der Komplexität der Goetheschen Figurengestaltung1 – so verstehen könnte, als führe Gott selbst Faust mit Hilfe des Teufels in Versuchung oder lasse ihn in Versuchung geraten. Erstaunlicherweise nehmen aber die überaus kenntnisreichen Kommentare und Lehrbücher zum Faust,2 deren vielfältige Erläuterungen aus einem ganzen Bergwerk von tiefschürfenden Interpretationen geschöpft sind, bei der Erläuterung des Prologs zwar auf das in Hiob 1, 6–12 geschilderte Gespräch zwischen dem Herrn und dem Satan Bezug, nicht aber auf die sechste Bitte des Vaterunsers.

Immerhin gehen einige Kommentatoren auf die Vorstellung ein, dass es sich bei dem Versuch des Mephistopheles, den Probanden des himmlischen Gesprächs mit Erlaubnis des Herrn seine – also des Teufels – «Straße sacht zu führen» (314), um eine Versuchung im herkömmlichen religiösen Sinn (und mithin auch im Sinn der sechsten Bitte des Vaterunsers) handeln könne. Verwiesen sei auf Albrecht Schönes Kommentar zum Prolog im Himmel, der konzediert, dass in Goethes Faust der «herkömmliche Teufelsauftrag, die Menschen zu versuchen», eine Rolle spiele. Allerdings stellt Schöne sogleich auch fest, dass es dabei nicht «um Fausts ewiges Seelenheil gehe», nicht «um seine jenseitige Rettung oder Verdammnis, um Himmel oder Hölle».3 Dass dieser Anschein dennoch entsteht, ist auf die Stofftradition, die vermeintliche «Wette» zwischen dem Herrn und dem Teufel und auf die «Grablegung» am Ende des Schauspiels zurückzuführen, die an die geistlichen Spiele des Mittelalters und das Jesuitendrama erinnert.

Zum legendären Fauststoff, der 1587 in dem später so genannten Volksbuch über den D. Fausten schriftlich fixiert wurde und die weitere Tradierung bis zu Goethe bestimmte, ist Faust das Exempel eines Menschen, der der dauernden Gefährdung durch den Teufel erliegt und von diesem in zwei besonders schwerwiegende Sünden oder Fehlhaltungen hineingezogen wird. Sie heißen «superbia», was mit «Hochmut» oder «Überhebung» zu übersetzen ist, und «curiositas», was «Neugier» oder «Wissbegierde» meint. Es sind jene Haltungen, in denen sich – nach Genesis 3, 1–7 der vom Teufel insinuierte Wunsch der ersten Menschen äußerte, die menschliche Bedingtheit hinter sich zu lassen und wie Gott zu sein – oder, anders gesagt, sein Leben ganz aus eigenen Gnaden nach eigenen Einsichten und Maßstäben führen zu können. Faust geht, um diesem Wunsch zu entsprechen, einen Pakt mit dem Teufel ein und verliert dadurch sein Seelenheil, was bis zu Goethe in den drastischen Schilderungen seines gottlosen Todes und seiner Höllenfahrt gezeigt wurde. Das Faustbuch von 1587 war, wie der Faust-Interpret Jochen Schmidt feststellt, eine «religiöse Warnschrift» protestantischer Provenienz: «Die menschliche Natur wird als durch und durch schlecht verstanden, das Gute und Rettende liegt allein bei Gott. Nur durch den Glauben, ‹sola fide›, kann der Mensch Rettung finden.»4

Auch Goethes Prolog im Himmel, der das traditionsreiche Welttheater- und Psychomachia-Modell des Kampfes zwischen guten und bösen Geistern um eine menschliche Seele aufgreift, erweckt zunächst einmal den Eindruck, dass ein Mensch mit des Herrn ausdrücklicher Billigung in sündhafte und verderbliche Versuchung geführt werden solle. Mephistopheles erbittet die «Erlaubnis» dafür (313) und ist sich seines Verführungserfolgs so sicher, dass er dem Herrn eine Wette darüber anbietet (312 und 331). So scheint es, als werde Faust zum Spielball einer Wette zwischen Gott und Teufel. Aber dem ist nicht so. Der Herr geht auf das Wettangebot des Mephistopheles gar nicht ein, und zwar nicht etwa nur, weil ihm der Teufel nicht ebenbürtig ist, sondern weil Faust, den der Herr ausdrücklich als seinen «Knecht» bezeichnet (299), gar nicht Gegenstand der von Mephistopheles vorgeschlagenen Wette sein kann. Gewiss ist er, wie man sehen wird, von einer Erfahrungs- und Wissbegierde, die nach Mephistos Urteil an «Tollheit» grenzt (303) und eine Wiederholung des Sündenfalls erwarten lässt. Aber der Herr betrachtet seinen «Knecht» mit anderen Augen (308f ):

Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient,
So werd ich ihn bald in die Klarheit führen.

Zu dem Streben, das Mephistopheles an Faust beobachtet, gehört, wie der Herr sagt, das Irren (317), das aber nicht als sündhaft zu werten ist und nicht ins Verderben führt, sondern zur Erkundung des menschlichen Wesens und Daseins gehört. In diesem Sinn kann der Herr Faust gelassen dem Teufel in die Hand geben (323–329):

Nun gut, es [dieses Geschäft] sei dir überlassen!
Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,
Und führ’ ihn, kannst du ihn erfassen,
Auf deinem Wege mit herab,
Und steh beschämt, wenn du bekennen mußt:
Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.

Das «wenn» im Vers 327 ist nicht konditional, sondern temporal zu verstehen. Es meint nicht etwa einen offenen Ausgang, über den man eine Wette abschließen könnte, sondern verweist auf den noch unbestimmten Zeitpunkt, an dem der Teufel einsehen und eingestehen muss, was der Herr mit den beiden anschließenden Versen sagt.

Damit wird all das hinfällig, was die zentrale Botschaft des Faust-Buchs von 1587 und der nachfolgenden Gestaltungen ausmachte: die Warnung vor superbia und curiositas sowie die Beschwörung des Heils durch den Glauben allein. Zurecht betont Jochen Schmidt deswegen in seiner Faust-Exegese, dass Goethe eher katholischen Teufelsbündnergeschichten folge, in denen die Menschen sich dem Teufel teils aus eigener Kraft, teils mit Hilfe von Fürsprechern und kirchlichen Gnadenmitteln entwinden können und gerettet werden.5 Ebendies zeigt auch der Schluss des Schauspiels, an dem – unter der Überschrift «Grablegung» – in einer fast burlesken Szene der «greuliche Höllenrachen» noch einmal aufgetan wird, die auf Fausts Seele lauernden Teufel aber von den Engeln abgelenkt werden und «Faustens Unsterbliches» von Engeln unter den Lobpreisungen «Heiliger Anachoreten» und «Seliger Knaben», die allesamt von All-Erlösung und All-Vereinigung künden, durch Bergschluchten «gebirgauf» der «einher schwebenden» «Mater gloriosa» entgegengetragen wird. Wiederum zurecht spricht Jochen Schmidt von einem «katholisierenden» Schluss und verweist auf Äußerungen Goethes, die seine Vorliebe für das Menschenbild des Pelagius und die Idee der «Apokatastasis panton» oder «Wiederbringung aller» zeigen.6 Zum Katholiken wird Goethe dadurch nicht gemacht; seine Verwendung katholischer oder «katholisierender» Formeln und Figurationen ist Ausdruck einer an «Totalität» interessierten Weltsicht,7 die sich mit katholischen Bildwelten berührt, aber nicht im katholischen Glauben aufgeht.8 Goethes Faust hat keine «bekenntnishafte religiöse Kontur».9

Wenn nicht mehr Fausts Seelenheil auf dem Spiel steht, nicht mehr Fausts «jenseitige Rettung oder Verdammnis» (Albrecht Schöne) – : zu welchem Zweck erlaubt der Herr dann Mephisto, seinem alten «Teufelsauftrag» nachzugehen und Faust auf eine falsche Bahn zu führen? Der Herr selbst gibt am Ende des Prologs den entscheidenden Hinweis, indem er sagt, der Teufel müsse wirksam werden, um des Menschen strebende «Tätigkeit», die «allzuleicht erschlaffen» könne, in Gang zu halten (340ff ). Mit anderen Worten: Mephistopheles muss als Stimulator von Fausts Streben dienen, und das heißt, da Faust als Exponent des neuzeitlichen oder modernen Menschen zu betrachten ist, als Agent provocateur und erfindungsreicher Helfer der Expansion des modernen Subjekts und seiner möglichst restlosen Welterschließung, die auch Weltbemächtigung sein will. Dafür muss Mephistopheles dienen, indem er Faust nach dessen Gelehrtenkarriere die Versuchungen der Welt – Liebe, Schönheit, Macht – eröffnet. Zugleich tritt er als Versucher in eigener Sache auf, indem er die Absicht verfolgt, Faust, um dem Herrn eine Enttäuschung zu bereiten und Fausts Seele zu gewinnen, von seinem immerwährenden Streben abzubringen und zum Verweilen auf dem «Faulbett» des Erreichten zu verführen (1692–1702). Auch dies ist nicht religiös, sondern innerweltlich zu verstehen, wie wiederum mit Jochen Schmidt festzustellen ist: «Nicht wie in der Tradition geht es um den Abfall von Gott, vielmehr um den Abfall von sich selbst: um eine radikale Form der Selbstentfremdung.»10 Auf dem Spiel steht das Selbstverständnis des sich autonom setzenden, emanzipierten und emanzipatorischen Menschen der Moderne, dessen Bemühen um Welterkenntnis und Weltbemächtigung keine Grenzen kennt. Dass er damit an den Rand der Verzweiflung kommt (Ende der Gelehrten-Tragödie), in die Gefahr sich verselbständigender Triebe wie Sexual- und Machtgier gerät (Walpurgisnacht und Offene Gegend), erschütterndes menschliches Unglück verursacht (Gretchen-Tragödie und Tiefe Nacht), Enttäuschungen erlebt (Helena-Akt), sich in politische und ökonomische Fehlunternehmungen stürzt, die gewaltige menschliche Opfer verlangen (Offene Gegend, 11127f ), und sich dabei verbrecherischer Gehilfen bedient (Palast), wird im Laufe des Schauspiels immer deutlicher und lässt Faust am Ende als einen vielfach Gescheiterten erscheinen, der nächtens von «vier grauen Weibern» namens «Not, Mangel, Sorge und Schuld» heimgesucht wird (Mitternacht). Goethe sah die Ambivalenzen des neuzeitlichen Emanzipations- und Modernisierungsprozesses, wollte aber weder hinter diesen zurück noch den modernen Menschen für seine Verfehlungen verurteilen; die «Schuld» erhält denn auch nur ganz wenige und keineswegs anklägerische Verse, und auch in der exegetischen Literatur ist weniger von Schuld als von moderner Bedenkenlosigkeit und Enthemmung, von Fortschrittswahn und Fatalität die Rede.11 Die Gefahr des Irrtums gehört zur Conditio humana, aus der die Tragik des modernen Menschen und der neuzeitlichen Geschichte erwächst. Goethes Faust ist deswegen nicht ein Heldenepos, sondern – trotz der Salvierung des Protagonisten am Ende – eine «Tragödie» – und eine «Warnschrift» nicht weniger als das Faust-Buch von 1587, aber eine, die mit jenseitigen Bezügen nur vage rechnet und jedenfalls kein religiös geartetes Gericht mit der Möglichkeit ewiger Verdammnis ausruft. Die Weltgeschichte ist – frei nach Hegel – schon Weltgericht genug. Darüber hinaus wollte Goethe offensichtlich nur an Rettung, Versöhnung und Heil glauben. Des Mephistopheles’ böser Urteilsspruch über Gretchen – «Sie ist gerichtet!» – hat allenfalls irdische Geltung; im selben Vers noch wird er durch eine autoritative «Stimme von oben» kassiert, die verkündet: «Ist gerettet!» (4611). So endet «der Tragödie Erster Teil» trotz Gretchens traurigem Schicksal mit einer heilvollen Perspektive, und dem entspricht, dass die Engel, die «Faustens Unsterbliches» am Ende des Zweiten Teils himmelwärts tragen, gleich einleitend feststellen: «Gerettet ist das edle Glied» (11934). Wie dies möglich sein mag, sagen die folgenden stark religiös, ja liturgisch geprägten Hymnen und Anrufungen des himmlischen Personals auf eine geheimnisvoll symbolisierende und schwer fixierbare Weise. Aber wie auch immer: «Das Unbeschreibliche, / Hier ist’s getan» (12108f ).

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