KirchenkriseDie frommen Illusionen der Servicekirche

Ein Münsteraner Pfarrer hat eine Diskussion ins Rollen gebracht: über mangelnde Ernsthaftigkeit im innersten Kirchenleben.

Die Nachricht hat sich rasch weit über Münster hinaus ausgebreitet, in der Presse für Aufsehen und in den sozialen Netzwerken für ein lebendiges Echo gesorgt, allein auf Facebook viele Zehntausende Mal: Thomas Frings, 55, Großneffe des berühmten Kölner Kardinals und Pfarrer der Gemeinde Heilig-Kreuz, wird sich Ostern von seinem Dienst im geistlichen Amt beurlauben lassen und sich zunächst in die Einsamkeit eines Klosters zurückziehen. Doch nicht dies hat die Aufmerksamkeit von vielen geweckt, sondern wie er seinen Schritt offen und öffentlich begründet: mit massiven Missständen und Fehlentwicklungen im religiösen Leben, in der Seelsorge - und nicht bloß in der Kirchenpolitik.

Die sehr sachliche, einfühlsam beschreibende, betont persönliche Stellungnahme von Frings könnte als Weckruf verstan­den werden, im Kirchen(funktionärs)leben nicht länger frommen Lügen zu huldigen, sondern endlich den Tatsachen, der bitteren Wahrheit ins Gesicht zu schauen: Abbruch allenthalben. Das beginnt schon bei den ständigen Beschwichtigungen, Schönrednereien und Vertröstungen angesichts des Priesternachwuchses, kollabierend gegen null. Eine dieser Lügengeschichten heißt: Bei uns sei - im Gegensatz etwa zur Dritten Welt - das Verhältnis zwischen Priestern und Gläubigen doch gut und ausgewogen. Wegen des sich ausweitenden Gläubigenmangels falle der Priestermangel gar nicht so ins Gewicht. Die Quote bleibe ja gleich. Welch eine Logik! Weniger Priester werden durch weniger Gläubige ausgeglichen...

Rückblickend auf seinen fast dreißigjährigen Dienst als Priester räumt Frings mit den ewigen Mythen auf: „Die Veränderungen im Verhältnis der Gesellschaft zur Kirche, aber auch das Verlangen der Mitglieder in ihr, haben zu einer schrittweisen Veränderung bei mir geführt. Solange ich lebe, kenne ich nur eine schwindende Zahl bei den in der Kirche Aktiven und eine wachsende Zahl bei den Kirchenaustritten … Bin ich Priester geworden mit der Erwartung, dass Glaube und Kirche wieder relevanter werden? Mit 27 hatte ich zumindest Hoffnung! Aber unter veränderten Koordinaten habe ich mich verändert. Ich habe den Glauben daran verloren, dass der Weg, auf dem ich als Gemeindepfarrer mit Freude und Engagement gegangen bin, ein zukunftsweisender ist. Bestenfalls vermag er eine leichte Bremse auf dem Weg des Bedeutungsverlustes zu sein.“ Bezeichnend sei die Aussage bei einer Umfrage zum Pastoralplan, was man sich für die Zukunft wünsche: „Dass alles wieder so ist wie vor dreißig Jahren.“ Dieser Wunsch, gesteht Frings, sei zwar der ehrlichste, aber auch der, der sich am unwahrscheinlichsten erfüllt.

Der Mantel des Schweigens

In der Folge führt der engagierte Pfarrer Beispiele an für viele Illusionen, mit denen man sich Tag für Tag über die dramatische Lage hinwegtröstet. Zum Beispiel wird fortlaufend behauptet, Kindergärten und Schulen seien Lernorte des Glaubens, eine große Chance für die Glaubensverkündigung. Das aber ist - so die Erfahrung von Frings und von vielen - eine vollkommen unrealistische Hoffnung. Denn die Tatsachen belegen anderes. Zwar will der Geistliche das hohe Engagement der Angestellten für die Kinder und Jugendlichen nicht infrage stellen, aber die Erwartungen hätten sich schlichtweg nicht erfüllt. Sie stimmten nicht einmal in den Jahren, als man noch auf Erzieherinnen und Erzieher zurückgreifen konnte, die sich im Glauben auskannten und persönlich überzeugend ihr Christsein lebten, was heute so zusehends seltener der Fall ist. Aber auch über dieses Faktum wird der kirchliche Mantel des Schweigens gebreitet. Tabus über Tabus.

Erstkommunion mit Kirchenaustritt

Der Seelsorger nimmt die Caritas davon nicht aus. Zwar erntet die Kirche nach wie vor größte Anerkennung für ihr soziales Wirken. Aber der Bezug zum Eigentlichen, zum Gottesglauben, zum Christusbekenntnis, zur Auferstehungshoffnung, wird von denen, die das Soziale loben, kaum mehr hergestellt. Im Grunde wird die Glaubensgemeinschaft als eine Art Wohlfahrtsorganisation betrachtet. Dabei überwiegt eine recht äußerliche, „praktische und finan­ziel­le Sicht“ auf Kirche.

Sehr genau beschreibt Frings die Akzentverschiebungen in der Glaubensunterweisung, in der sogenannten Katechese. Früher habe diese das religiöse Leben bloß begleitet, dessen Mitte die aktive Teilnahme und Teilhabe der Glaubenden an der Feier der Eucharistie bildete. Inzwischen haben sich auch da die Verhältnisse umgekehrt: viel Belehrung, viel Erklärung, viel Pädagogik, viel Didaktik, viel Unterweisung, aber der Gottesdienst wird dabei zur Nebensache, zur höchst seltenen Begleitung der Lehrstunden. Vielfach sei die Katechese schon an die Stelle der sonntäglichen Eucharistie getreten. Aber immer noch wird von den kirchlich leitend Verantwortlichen so getan, als ob „die Saat eines Tages aufgehen werde“. Frings entmythologisiert auch das: „Die erste Generation, von der man das erhoffte, kommt ins Rentenalter und tritt vermehrt aus der Kirche aus.“

Immer wieder heißt es, sich selber demontierend und entschuldigend: Religiöse Erziehung sei nicht dazu da, christlichen Nachwuchs zu „rekrutieren“. Aber wozu denn sonst?! Natürlich muss es darum gehen, Kinder und Jugendliche für den Christusglauben und eine entsprechende Glau­bens­praxis, das regelmäßige Mitfeiern der Sakramente, zu gewinnen! Frings erwähnt den absurden, immer wieder zu hörenden Spruch: „Das Ziel der Kommunionvorbereitung ist gar nicht, dass die Menschen sonntags wiederkommen.“ Bedauerlicherweise würden wir „lieber den Sinn eines Sakraments“ verändern, als dass wir uns von der üblichen, faktisch unwirksamen Art der Katechese endlich verabschieden. Zudem herrsche selbst unter Theologen immer noch ein magisches Sakramentenverständnis vor in dem Sinne: Wenn nur einmal etwas religiös eingepflanzt worden sei, werde es sich vielleicht doch später einmal gnadenvoll auswirken. Ein Trugschluss, denn wer nichts einübt, wird auch nichts ernten.

Dabei sind diejenigen, die am wenigsten mit Kirche im Sinn haben, oftmals die Konservativsten, wenn es darum geht, eine schöne Feier serviert zu bekommen. Frings: „Mangels Alternativen einigen sich … Fernstehende und Hauptamtliche darauf, einen Jahrgang lang - wenn die Kinder im dritten Schuljahr sind - so zu tun, als würde man sich gegenseitig glauben, was man sagt. Die Lebenswirklichkeit der Menschen wahrzunehmen kann aber nicht heißen, die Bedeutung der Sakramente bis zur Belanglosigkeit herabzustufen, nur um alle zu befriedigen: die, die Fotos im Album haben wollen, und die, die ihren Kindern ihre eigene Glaubenspraxis näherbringen möchten. Alle Milieustudien werden ignoriert, wenn es an die Tradition geht, Ärger geben könnte oder mit Kirchenaustritt gedroht wird. Etwa fünfzig Prozent der Familien kamen in diesem Jahr schon nicht mehr zum Dankgottesdienst, weil der auf einem Sonntag lag - 25 Prozent der Kinder haben schon ein ausgetretenes Elternteil - ein Elternpaar ist unmittelbar nach der Erstkommunion des Kindes ausgetreten - ein Hochzeitspaar in den Tagen nach der Trauung.“

Zuviel Tradition statt Sehnsucht

Das sind Fakten, die kirchlich jedoch verdrängt werden. Denn sonst müsste man die Wahrheit mit der Frage verbinden, ob man den realen folkloristischen Ausverkauf der heiligen Sakramente auf Dauer wirklich billigen möchte, statt Ansprüche zu stellen an die Ernsthaftigkeit christlichen Lebens. Denn: „Dass wir durch Kindergärten als Lernorte des Glaubens oder kirchliche Schulen noch spürbaren Einfluss nehmen, daran habe ich den Glauben verloren. Trotz des Versprechens der Eltern hinsichtlich der Erziehung im Glauben können die meisten Kinder bei der Kommunionvorbereitung weder Kreuzzeichen noch Vaterunser. Doch alle gehen jahrgangsweise zur Kommunion, mit der die meisten Familien weder vorher noch nachher etwas anfangen.“

Ein weiterer beliebter Spruch unter Seelsorgstheoretikern und Seelsorgspraktikern lautet, man müsse die Menschen da abholen, wo sie stehen. Frings stellt auch dem die Realität entgegen: Immer mehr wollen gar nicht abgeholt werden, um dorthin zu gehen, wohin wir sie führen möchten - zur Mitfeier der Sakramente. „Wir bedienen viel Tradition und wecken zu wenig Sehnsucht“, so die Erkenntnis des Seelsorgers. „Ich bin kein Verfechter des ‚heiligen Restes‘, wohl aber eines mutigen Abschiednehmens vom Gewohnten, auch wenn es Ärger gibt. Ermöglichen wir allen alles, aber sagen wir auch, was das kostet, und zwar nicht nur an Kirchensteuern, sondern auch im Leben, am Werktag wie am Sonntag. Uns kann das Mitglieder kosten, aber das tut die jetzige Praxis auch. Vielleicht gewinnen wir aber Menschen und an Glaubwürdigkeit. Das Risiko ist es mir wert.“

Frings betont nochmals, dass er sehr gern Priester war und mit Freude die Eucharistie feierte. Er freue sich über jede und jeden, die das ebenfalls tun - und sei es unregelmäßig. Doch trotz allen Engagements und trotz des „katholischen Münster“ ist es eine Tatsache: „In unserer Gemeinde kommen neunzig Prozent nicht einmal im Jahr am Sonntag, siebzig Prozent nicht einmal an Weihnachten.“

Auch den Glauben an Dialoge, Synoden, Foren, soziologische Umfragen und Erhebungen, Beratungen, Leitlinien und unüberschaubar viele Pastoralpläne, von denen der eine um den anderen „fortgeschrieben“ wird, ohne dass sich etwas zum Positiven wendet, unterzieht Frings kräftigem Zweifeln. Etliche Aktionen mögen angesichts aktueller Not als notwendig erscheinen, da und dort gebe es durchaus Erkenntnisgewinne. „Dennoch fällt die Bilanz ernüchternd aus, hat sich doch am Bedeutungsverlust vom in der Kirche gelebten Glauben nichts geändert.“ Thomas Frings erwähnt den 1988 gestorbenen Theologen, geistlichen Schriftsteller und hoch angesehenen Spiritual des Münsteraner Priesterseminars Johannes Bours, der über viele Jahre auch Mitarbeiter des CIG war. In einer geradezu prophetischen Rede bei einem Priester-Besinnungstag sagte Bours: „Wenn Sie auf dem Höhepunkt Ihrer Schaffenskraft sind, wird kaum mehr jemand da sein.“

Natürlich stellt sich Frings selber auch die Frage, ob er die Entwicklungen zu negativ sehe. Schließlich habe es bereits seit der Zeit der Apostel „nie eine ideale Gemeinschaft in der Nachfolge Jesu gegeben“. Es sei jedoch ein Unterschied, ob sich diese Gemeinschaft ausbreitet, ob Gemeinden gegründet, Kirchen gebaut, Gesellschaft und Kultur beeinflusst und geprägt werden oder ob man zeit seines Lebens nur Versuche zur Stabilisierung, faktisch aber Rückbau um Rückbau, Rückgang um Rückgang erlebt, wobei „gleichzeitig die Servicementalität“ wächst. Der Gläubige oder womöglich Gar-nicht-mehr-Gläubige tritt dann bloß noch als Kunde für Rituale, Kult, ein bisschen Allerweltserbauung und festliche Familienunterhaltung auf. Schließlich habe er einen Anspruch darauf, wenn er doch Kirchensteuern zahlt. Das Sakrament wird zum kommerziellen Tauschobjekt. Und der Priester wird zum nicht mehr ernstgenommenen exotischen Ritual-Service-Onkel. Alle kirchlichen Korrekturen und Reformversuche, so beobachtet Frings, „sind schon mit einem Verfallsdatum oder Fragezeichen versehen“. Dennoch habe er nicht den Glauben daran verloren, „dass es ein christliches Programm für unsere Gesellschaft gibt, für das es sich zu leben lohnt“. Sein Leben als Priester habe er als erfüllend erfahren, er möchte weiter Priester bleiben. Dennoch sehe er sich als Gemeindepfarrer „vermehrt in einer Funktion des Bedienens von Traditionen und als Verfügungsmasse einer Kirche, die auf allen Ebenen mehr an ihrer Vergangenheit arbeitet als an ihrer Zukunft“.

Ein Lob der Dienstleistungen

Wie zu erwarten, kam Widerrede. Auf dem quasi-kirchenamtlichen Internetportal „katholisch.de“ meldete sich der Kölner Pastoralreferent Peter Otten mit einem Plädoyer für die Servicekirche zu Wort. Was denn an Service schlecht sei, gibt er zu bedenken. „Für jede Angelegenheit gibt es in Deutschland einen Service: Ob es die im Internet bestellte Jeans ist, die doch nicht passt; ob es das Konto ist, das gesperrt werden muss, oder der Notdienst in der Apotheke. Warum gibt es das im Rahmen der Kirche eigentlich nicht für Tod, Trauer und Beerdigung? Wie einfach wäre ein zentrales Callcenter zu organisieren, wo ein trauernder, verzweifelter Mensch sicher sein kann, dass ihm in jedem Fall jemand weiterhilft. Wenn wir schon ein Jahr der Barmherzigkeit wie eine Monstranz vor uns hertragen - wäre das nicht ein konkreter Service: Tote begraben? Wo liegt das Problem, dies zum Beispiel in einer Großstadt wie Köln zu organisieren? Es wäre hochprofessionelle, hochmoderne, serviceorientierte Seelsorge. Doch Begriffe wie ‚Service‘ oder ‚Dienstleistung‘ scheinen in der Kirche unter Verdacht zu stehen. Menschen, die lediglich eine ordentliche Taufe für ihre Kinder wünschen, eine festliche Hochzeit oder Beistand in Krankheit, Trauer oder Tod, scheinen zunehmend einer Art Musterung unterzogen zu werden: Ich kenne die nicht, die wollen doch nur das Fest, die können nicht mitbeten, die haben vom Glauben keine Ahnung. Das führt nicht selten zu Frust… Dabei scheinen vielfach schlicht die Erwartungen nicht geklärt.“

Otten bezweifelt, dass das von Frings gezeichnete Bild die Gemeindesituation trifft. „Meine persönliche Erfahrung im Hinblick auf Gruppen, Initiativen und Verbände ist das jedenfalls überhaupt nicht. Ich selbst habe mich übrigens auch noch nie als Versorger empfunden.“ Otten befürchtet außerdem, dass die Not, christliche Gemeinden mit Seelsorgern zu „versorgen“, am Ende dazu führt, mehr und mehr ehrenamtlich den Gemeindemitgliedern aufzubürden, somit das Charismatische dem Professionellen vorzuziehen. Werden auf diese Weise womöglich sogar die hauptamtlichen Berufe nicht ordinierter Theologen geringer bewertet, zurückgedrängt? In manchen Hirtenbriefen und Bischofsplänen wird der Eindruck geweckt und verstärkt, dass es in der Stunde der Laien die Laien allein richten könnten und sollten. Otten meint, Menschen, die in Kontakt zur Kirche treten, sollten dort eine „professionelle Dienstleistung“ erwarten dürfen, zu der die entsprechend Berufstätigen durch Theologiestudium und weitere Ausbildung qualifiziert sind.

Schwerkraft Eucharistie

Im Englischen bedeutet Gottesdienst einfach service. Im Deutschen hat das Wort jedoch eine andere Klangfarbe im Sinne von: „Der Kunde ist König“. Aber ist der Christ Kunde? Christsein heißt doch: sich mühen in der Nachfolge Jesu Christi - also alles andere als ein leichter Gang. Der Glaubende ist nicht „König“, sondern eher „Sklave“ im Gehorsam vor Gott. Dieses Joch aber ist leicht, insofern es befreit zu der Freiheit, für die Christus freigemacht hat. Freiheit aber verlangt auch Anstrengung, Gnade setzt die Natur voraus und vollendet sie - also auch Leistung! Christsein ist in dieser Dialektik leicht und schwer zugleich, denn es hängt am schwierigen Glauben an die Auferweckung Jesu Christi und an der Erwartung der kommenden Welt. Dies bildet das Zentrum des Christseins: die liturgische Feier der Eucharistie, der Sakramente, der Vergegenwärtigung Christi. Ohne die Schwerkraft dieses Zentrums ist aller Service „nichts“. Diesen Anspruch sollte man nicht klein und kleiner machen, nicht zur minimalistischen Wellness für gewisse Stunden verkümmern lassen. Thomas Frings hat recht: Es ist höchste Zeit umzudenken, neu zu denken: im Kern des Glaubens, im Kern des Sakramentalen, im Kern der Eucharistie. Keine frommen Lügen! Mehr Ernsthaftigkeit fördern und fordern - gerade da, wo es ernsthaft um alles geht, um Sein und Nichtsein, um den Glauben, um Christus, um Gott. Frings hat seinen viel diskutierten Text präzise überschrieben: „Kurskorrektur!“

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