Katholikentag in LeipzigKatholikentagsroutine

Die Veranstaltung in Leipzig war ein fünftägiges Glaubensfest. Sie vermittelte aber in vielem auch einen Eindruck, wie es sein könnte, wenn Christen öffentlich keine bedeutende Rolle mehr spielen.

Gott tritt in unserer Zeit vor allem „als Frage“ auf. Darauf hat der tschechische Priester, Soziologe und Theologe Tomáš Halík in seinem jüngsten Buch „Ich will, dass du bist“ über den Gott der Liebe hingewiesen. Dass Jesus die Antwort Gottes auf diese Frage sei, lässt sich der Bibel entnehmen. Doch der Mann aus Nazaret sei genauer besehen „die zweite Antwort“. Denn „erst der Jesus, der das Schweigen des Todes durchschritten hat, jenes Schweigen, das die erste unmittelbare Antwort auf die erschütternde Frage am Kreuz war, kann eine Antwort auf die Fragen derer werden, welche die Finsternis des Karfreitags berührt haben.“

Ob für die Mehrzahl der halben Million Leipziger, die zu fünf Sechsteln keiner Religion angehören, „Gott“ existiert, war beim hundertsten Katholikentag eine häufig zu vernehmende Frage unter den 32000 Dauerteilnehmern und 4000 Tagesgästen. Immer wieder betonten Vertreter des Zen­tralkomitees der deutschen Katholiken, dass das Christentreffen in einer der säkularsten Städte Europas Wagnis und Herausforderung zugleich sei. Der Präsident des Gremiums, Thomas Sternberg, sagte bei der Eröffnung, von der international geprägten Metropole solle ein starkes Zeichen ausgehen: „ein Signal der Offenheit und der Toleranz gegen jeden dumpfen Nationalismus“. „Seht, da ist der Mensch!“, lautete das Leitwort des Treffens.

Das Überthema AfD

Mit ins Zentrum der fünf Tage gehörte, dass Europas Völker seit der Wende 1989 erneut mit einer historischen Situation konfrontiert sind: der Flüchtlingskrise und der Asylpolitik. Papst Franziskus brachte dies beschwörend und auf Deutsch in einer Videobotschaft zum Ausdruck: „Wir sehen, wie Menschen bloßgestellt, hin- und hergestoßen und ihrer Würde beraubt werden, weil sie keine Arbeit haben oder weil sie Flüchtlinge sind.“ Solchen Personen wurde in Leipzig viel Aufmerksamkeit zuteil, etwa indem sie in den Gottesdiensten aktive Rollen übernahmen oder auf Podien und in Gesprächsrunden Raum bekamen, über ihre Freuden und Ängste, über ihre Trauer und Hoffnungen sprachen.

Das Flüchtlingsthema wurde auch durch Funktionäre der Partei Alternative für Deutschland (AfD) befeuert, die sich während des Katholikentags, wenn auch nicht im Rahmen des Kirchentreffens, medial zum Teil beleidigend zu Wort meldeten. Weil das Katholiken-Zentralkomitee trotz Mahnungen vieler Journalisten und der „Basis“ seinen früheren Beschluss, keine AfD-Mitglieder zu Wort kommen zu lassen, nicht revidierte, überlagerte die Debatte darüber die Berichterstattung massiv. Die „Frankfurter Allgemeine“ kommentierte den Beschluss der Organisatoren als „plumpe Ausgrenzung“, weil so ein bedeutendes gesellschaftspolitisches Thema nicht gemäß seiner realen Bedeutung angemessen und repräsentativ, auch für die Meinungsvielfalt unter den Katholiken selbst, verhandelt wurde.

Wie sehr Integration und Fremdsein die Christen derzeit beschäftigt, zeigte sich beim Podium „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“. Bundestagspräsident Norbert Lammert erklärte, dass es mittlerweile zwei Formen des Fremdseins gebe: Flüchtlinge, die sich in der Fremde fremd fühlen, und Deutsche, die sich in gewohnter Umgebung fremd fühlen. „Da sind Besorgnisse schon verständlich.“ Die Begegnung der Kulturen sei keine gemütliche Veranstaltung. Eine andere Besorgnis aber sei, dass aus dem Gefühl des Fremdseins immer häufiger Vorurteile und Feindschaft entstehen. „Das macht mir Sorgen“, so Lammert, und das Publikum dankte mit Applaus. Der Islamwissenschaftler Ahmad Milad Karimi betonte mit dem Politiker, dass die Neuen sich an die Gepflogenheiten hierzulande halten müssten. Aber es darf auch nicht jeder dem Verdacht ausgesetzt sein, er sei dumm und habe zudem ein Pro­blem mit seiner Männerrolle, so Karimi.

Politprominenz wenig interessant

Der Katholikentag war mehrheitlich weiblich geprägt, 56 Prozent waren Teilnehmerinnen. Zwei Drittel der Besucher waren älter als vierzig Jahre, jeder zehnte war evangelisch. In der Messestadt Leipzig, die auch die Stadt Bachs, Wagners und Gellerts war, wurden stimmungsvolle Feste und Gottesdienste gefeiert. Die große Messe-Metropole nahm die Gäste gewohnt routiniert auf wie viele andere Touristen auch, etwa kurz zuvor die 23000 schwarz gekleideten und zum Teil exzessiv gepiercten Personen der Wave-Gothic-Bewegung oder Fußballfans. In Veranstaltungen blieben die Christen allerdings weitgehend unter sich. Die Hoffnung der Veranstalter, dass eine auch geistige Brücke zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden geschlagen würde, hat sich nicht erfüllt.

Das Gefüge des Katholikentags ist brüchiger geworden. Die Veranstaltung, die sich einmal ausdrücklich als politische Einmischung und Zeitansage des Laienkatholizismus in Gesellschaft und Staat verstand, leidet unter Routine und Ermüdung. Die „Süddeutsche Zeitung“ beobachtete etliche Schwachstellen: „Es fehlte auf den Podien, wer den Konsens des gemäßigt aufgeklärt Katholischen hätte stören können. Es fehlte, auch diesseits der AfD, jede Kritik an der Haltung der Kirchen in der Flüchtlingsdebatte. Es fehlte der dezidierte TTIP-Befürworter, der stramme Atheist, der strenge Muslim, der Islamkritiker.“ Man könnte hinzufügen: Es fehlte auch an einer konkreten Tat der Solidarität mit den bedrängten orientalischen Christen. Mitglieder der Bundesregierung und weiterer Parteien waren wie gewohnt gut und häufig vertreten (bis auf Bundeskanzlerin Angela Merkel, die beim G7-Gipfel in Japan weilte). Aber die Hallen waren bei deren Auftritten häufig nur schwach gefüllt. Zu einem Podium mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe in der Oper zum Jahrhundertthema „Pflege“ kamen gerade einmal 120 Leute. Bei anderen Podien mit dem Innenminister, der Arbeitsministerin oder dem Bundespräsidenten war es nur wenig anders. Womöglich hat die Dauerberieselung mit politischen Talkshows im Fernsehen und die exzessive Präsentation von Politikern und ihren oft glatten, allgemeinen, schon oft wiederholten Statements auf allen digitalen Kanälen die Leute abgestumpft. Wenn früher einmal galt: „Den oder die will ich unbedingt mal live erleben“, ist dieses „voyeuristische“ Bedürfnis längst gewichen. Politische Personen sind auf Kirchentagen keine Nachrichten, keine Neuigkeiten mehr.

Gut besucht waren hingegen spirituell-religiöse Vorträge, oft mit langen Warteschlangen vor den Hallen. Der biblisch-geistliche Themenbereich machte sehr viele Angebote. Im rund 700-seitigen Programmheft nahm allein das Spirituelle fast vierzig Seiten ein. Hinzu kamen musikalische Angebote von großem Interesse, so die Uraufführung des Oratoriums „Ecce homo“, komponiert vom Briten Colin Mawby, oder das traditionell angebotene Konzert der „Wise Guys“. Auch eine Gospelnacht mit 5000 Besuchern auf dem Markt gehörte zu den Publikumsrennern.

Bis auf den letzten Platz gefüllt war der Saal der Oper bei der Uraufführung von „Psalm 2016. Stoßgebet eines Narren“. Der Neusser Komponist des Neuen Geistlichen Lieds Gregor Linßen präsentierte mit Instrumentalisten (Gitarre, Violine, Klavier, Schlagzeug, Baß, Perkussion), Projektchor sowie mit zwei Schauspielern eine stark inszenierte Vertonung biblischer Psalmen. Linßen setzte die Bibel in Beziehung zu existenziellen Fragen der Menschen, zur Vielfalt der Religionen, zum erfahrbaren oder eben nicht erfahrbaren Gott. Es ist ein begeisterndes rhythmisches, anderthalbstündiges Werk über die Hoffnungen und Grenzen der Religionen angesichts der menschlichen Grenzen und Hoffnungen.

Das Mysterium Gedächtnis

Der Glaube lebt von und mit der Vernunft. Deshalb fand im Themenbereich „Dialog mit Wissenschaft und Recht“ unter anderem eine spannende Veranstaltung „Altern und Erinnerung“ ihren Platz, wieder mit nur wenigen Teilnehmern, rund vierzig. Angesichts zunehmender Alterskrankheiten, die das Gedächtnis beeinträchtigen, und angesichts der Hirnforschung, die sich intensiv mit der Frage nach dem rätselhaften Entstehen des Gedächtnisses und dessen Verlust befasst, skizzierte der Braunschweiger Forscher Martin Korte das menschliche Gedächtnis als einen „komplexen Prozess aus Wahrnehmung, Verarbeitung und Lebensführung“. Das menschliche Gedächtnis sei kein an eine Stelle festgelegter Ort im Gehirn. „Je mehr Nervenzellen beansprucht werden, desto älter können sie werden und bleiben funktionsfähig.“ Der Psychiater Hans-Werner Wahl ergänzte, dass man beim Gedächtnis von einer „Dreizeitigkeit“ sprechen müsse. Vergangenheit des eigenen Lebens, Gegenwart und Zukunft greifen im Gedächtnisprozess ineinander. Die Psychiaterin Vjera Holthoff-Detto aus Berlin, Fachfrau für Alters­krankheiten, erinnerte daran, dass Vergesslichkeit in den meisten Fällen wieder reduziert werden kann - freilich nicht bei schweren Demenzerkrankungen. Forschungen hätten ergeben, dass insbesondere Depressionen die Gedächtnisleistung stark beeinträchtigen können. Würden diese behandelt, bestünde die Chance, dass das Gedächtnis wieder besser funktioniere. Spannend wäre es gewesen, dieses Thema auf die Religion anzuwenden. Was bedeutet die Erinnerung in Juden- und Christentum, wo sich das kollektive - biblische - Gedächtnis auf die Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk und jedem Einzelnen bezieht? Was ist, wenn das Gedächtnis falsch funktioniert oder völlig ausfällt? Ist Gott dann verschwunden?

Es geht auch ohne Gott?

Ob man ohne Gott gut leben kann, fragte eine Veranstaltung mit dem Philosophen Eberhard Tiefensee und dem thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow von der Linkspartei. „Ja, es geht auch ohne Kirche als Werteagentur“, meinte Tiefensee provokativ. „Religiöse Menschen unterscheiden sich in ihren Moralvorstellungen nicht wesentlich von nichtreligiösen Personen.“ Weshalb es dann aber gerade im Osten zu Depression, Rechtsextremismus und Sinnleere kommt, erklärte Tiefensee nicht. Bodo Ramelow, praktizierender evangelischer Christ, rief den Amoklauf eines Schülers am Erfurter Gutenberg-Gymnasium ins Gedächtnis. Es sei sehr hilfreich gewesen, dass die Schüler, Eltern und Angehörigen, selbst wenn sie mit Religion nichts anfangen konnten, zur Kirche kommen konnten. Ramelow kritisierte indes den Umgang der SED mit dem christlichen Glauben in der DDR. Es habe eine „sehr totalitäre Art“ gegeben, den Menschen den Glauben „auszutreiben“.

Ernüchternd war auch ein wenig besuchtes Podium über das bevorstehende Reformationsjubiläum. Alles schon gehört? Alles schon mal gesagt? Aber ökumenisch nichts Neues, kein Durchbruch. Fromme Worte reichen eben nicht mehr. Und die Zeit der ökumenischen Pioniere scheint vorbei zu sein.

Zwölf Themenbereiche waren angeboten, auch da vieles in Wiederholung früherer Katholiken- und Kirchentage: Außenpolitik und Ukraine-Krise, Hungerlöhne und Kinderarbeit, fairer Handel und Kirche der Armen, Religionsdialog und Religionskonflikt, Israel und Islam, Geschlechterfrage, die Frauenfrage und geistliche Ämter?… Vielleicht wäre es eine Überlegung wert, auf politische Podien weitgehend zu verzichten, um sich dem Glauben, der Kirchengemeinschaft, der spirituellen Entwicklung, der Katechese, dem Religionsunterricht stärker zu widmen - was eine politische Haltung nicht ausschließt.

Den liturgischen Rahmen des Treffens bildeten zwei große Gottesdienste jeweils auf dem Augustusplatz, an dem sich auch das sogenannte Kroch-Hochhaus befindet. Dessen in großen Lettern weithin sichtbares Vergil-Leitwort „Omnia vincit labor“ - „Die Arbeit überwindet alles“, ein Motto der säkularen Arbeiterbewegung, trat während der Gottesdienste in einen Dialog mit dem öffentlich geäußerten religiösen Bekenntnis der Christen. Man fühlte sich unwillkürlich an den Satz von Paulus aus dem Hohenlied der Liebe erinnert: „Die Liebe hält allem stand“- „Omnia sustinet caritas“ (1 Kor 13,7).

In einem gesellschaftlichen Umfeld, das Gott nicht einmal mehr als Frage wahrnimmt, sind religiös wohl noch ganz andere Anstrengungen, ja Innovationen notwendig, als die bisherigen kirchlichen „Events“. Bei einem Podium über die Zukunft der christlichen Katechese deutete der Berliner Erzbischof Heiner Koch an, dass Christen in einem solchen Milieu zunächst einmal „verunsichern“ müssten. „Die Menschen wollen von uns wissen, ob wir auf den Punkt bringen können, was und woran wir eigentlich glauben.“ Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf hatte bei einem Festakt anlässlich dieses hundertsten Katholikentags gefordert, man müsse sich mutig und ohne Tabus für Reformen in Gesellschaft und Kirche einsetzen - notfalls auch mit einem „Schuss Ungehorsam der Hierarchie gegenüber, wenn diese sich den Zeichen der Zeit gegenüber verschließen sollte“.

Der Mensch, den die Kunst sieht

Ein Lichtblick im Programm war auch die Kunstausstellung „Seht, da ist der Mensch“. Das biblische Leitwort prangte auf Englisch und Deutsch am Eingang einer Werkhalle, in der achtzehn zeitgenössische Kunstwerke präsentiert werden (bis 12. Juni) - eine Ausstellung in der alten Leipziger Baumwollspinnerei in Leipzig-Plagwitz, jenem Ort, wo der Anfang der sogenannten Neuen Leipziger Schule um Künstler wie Neo Rauch oder Tim Eitel liegt. Die „Ecce Homo“-Bilder durchziehen die gesamte Kunstgeschichte in immer neuen Variationen - bis heute. Was macht den Menschen zum Menschen? Kuratorin Annegret Laabs vom Kunstmuseum Kloster unser lieben Frauen Magdeburg schreibt in der Begleitpublikation: „Seht, so ist der Mensch: Schwach wie Pilatus, ängstlich wie Petrus, ungläubig wie Judas, ausgeliefert wie Jesus, aber seht, auch so ist der Mensch: gütig, liebend und allzeit hoffend.“ In dieser Spannung stellen unter anderem Jannis Kounellis, Christian Boltanski, Jochen Gerz, Walter Schels oder Tim Eitel Werke aus.

Die Berlinerin Ursula Neugebauer wiederum zeigte mit „en face“ („ins Gesicht/gegenüber) Antlitze von Frauen, die auf dem Straßenstrich in Berlin arbeiten. Dargestellt sind die Gesichter durch Haare der Porträtierten, die Neugebauer schemenhaft zu Nase, Mund, Augen, auf Karton gelegt hat. Jedes Bild ist individuell und persönlich. So entsteht eine körperliche Realpräsenz der je einzelnen Frau, als Abbild ihrer Würde.

Die Filmemacherin Kassandra Wellendorf hat das Video „Invisible“ (Unsichtbar) gedreht. Dazu beobachtete die Künstlerin zwanzig Tage lang an einer zentralen Bushaltestelle in Kopenhagen Menschen und ihr Verhalten beim Warten. Es sind poetische Bilder, die Nervosität und Hektik verbinden mit Ruhe, Nachdenken, Schauen. In diesen Szenen zwischen physischer Nähe und sozialer Distanz, ja Einsamkeit lässt sich in den Gesichtern Unsichtbares ablesen, das die Seele selber zum Ausdruck bringt. Ein berührendes Zeugnis von der Gegenwart des Unsichtbaren unter uns Menschen. Und ein gelungenes Beispiel für die Zusammenarbeit der Geschwister Kunst und Religion.

In Leipzig konnte man den Eindruck gewinnen, dass dieser Katholikentag aufgrund der extremen Minderheiten-Situation der Christen im Osten einen Vorgeschmack gibt auf die Situation des Christentums insgesamt alsbald auch im Westen der deutschen Republik.

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