Was von der Berlinale bleibtNeue Pfade, Scheitern inklusive

Und schon ist es wieder vorbei. Zwar steuert die Berlinale offiziell erst noch auf ihren Höhepunkt zu – die Verleihung der Bären erfolgt am Samstagabend –, doch für mich ist jetzt schon Schluss. Zeit also, eine vorläufige Bilanz zu ziehen.

In meiner Wahrnehmung war es einer der stärkeren Berlinale-Jahrgänge. Gleich mehreren Wettbewerbsfilmen traue ich einen Bären zu, und in den vielen Sonderreihen habe ich so manche Perle entdeckt. Vielleicht ist es ja so, dass die Filmemacher nach all den Erschütterungen und Verunsicherungen der letzten Jahre wieder zu stärkerer Klarheit gefunden haben. Viele Diskussionen hätten inzwischen „eine neue Ebene gefunden“, beobachtet auch Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Das sei etwa beim Thema Migration der Fall, wo es inzwischen weniger um die Flucht selber gehe, als vielmehr um die Folgen und Hintergründe.

Auffallend oft kam bei dieser Berlinale das Thema „Religion“ vor, gerade auch das Christentum. Im Wettbewerbsfilm „La Prière“ (Das Gebet) ging es sogar ausdrücklich um die verändernde Kraft des traditionellen liturgischen Betens. Weitere Filme aus den Nebenreihen sind zu nennen, etwa das Flüchtlingsdrama „Fortuna“ von Germinal Roaux, mit einem wie immer glänzenden Bruno Ganz als Klostervorsteher. In „The Best Thing You Can Do With Your Life“ (Das Beste, was du mit deinem Leben anfangen kannst) geht Zita Erffa in einer Art Filmtagebuch den Motiven ihres Bruders nach, mit denen er in die umstrittene Gemeinschaft der „Legionäre Christi“ eintrat. All das wirft für mich die Frage auf: Geht die Zeit des kritischen Abarbeitens am Christentum ein Stück weit zu Ende? Kann sich eine junge Generation wieder neu für den Glauben interessieren?

Natürlich sind nicht alle der vierhundert Berlinale-Filme Meisterwerke. Vielfach erzählt ist inzwischen die Szene aus einem koreanischen Film, in der sich eine Frau ein Stück Fleisch aus ihrem Arm schneidet und damit den Mann füttert, der sie gerade vergewaltigt hat. Das muss man wirklich nicht gut finden. Aber ist es tatsächlich so, wie die „Berliner Zeitung“ schrieb? Dass bei einem typischen Berlinale-Film drei Dinge zusammenkommen: Wenig Dialog, lange szenische Einstellungen und vor allem: kein Humor.

Man kann es auch anders sagen. Auf der Berlinale werden sicherlich Werke gezeigt, die nicht eingängig sind. Es sind vielmehr Filme, die etwas wagen – und damit ein Risiko auf mehreren Ebenen auf sich nehmen. An der Kinokasse dürften sie schon mal keinen Erfolg haben. Und der Film kann ja auch künstlerisch scheitern, das Unterfangen sich als nicht realisierbar herausstellen. Stichwort: Gewollt und nicht gekonnt … Dass Filmkünstler sich heute diesem Wagnis aussetzen, ist kaum genug zu würdigen. Auf ausgetretenen Pfaden kommt schließlich keiner weiter.

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