Prioritäten setzenEntscheidend ist auf der Leinwand

In Pressekonferenzen sprechen Regisseure und Darsteller über ihre Filme. Meistens jedenfalls. Joaquin Phoenix dreht lieber, als dass er redet.

Man mag seinen Job noch so sehr lieben: Es wird immer auch Tage geben, an denen man nicht ganz so gern zur Arbeit geht. Das ist vor allem dann der Fall, wenn etwas ansteht, das einem vielleicht weniger liegt.

Dieses Phänomen gibt es im Büro, in der Schule und in der Fabrik – aber selbst Filmstars kennen das. Sie sind Künstler, und wie die meisten Künstler reden sie ungern über ihre Arbeit. Sie wollen einfach ihre Filme drehen. Die Werke, die sie in die Freiheit entlassen, sollen dann aber für sich selber sprechen.

Ausnahmen von dieser Regel gibt es natürlich auch. Der amerikanische Regisseur Gus Van Sant etwa präsentierte sich bei der Pressekonferenz zu seinem Wettbewerbsbeitrag „Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot“ (Keine Sorge, zu Fuß kommt er nicht weit) bestens aufgelegt. Geduldig setzte er immer noch einmal neu zu einer Antwort an, selbst wenn ein Journalist genau dieselbe Frage wie einer seiner Vorredner stellte – nur um nachher sagen zu können, dass auch er mit dem „Meister“ geredet hat.

Der Mann neben ihm auf dem Podium bot die gegenteilige Erscheinung: Joaquin Phoenix, der Hauptdarsteller aus dem Film, machte keinen Hehl daraus, dass eine Pressekonferenz aus seiner Sicht der mit Abstand schlimmste Teil eines Drehs ist. Er hatte sich ein paar – kurze – Sätze zurechtgelegt, die er dann auch unabhängig von den Fragen losbrachte. Meistens schaute er aber nach unten, irgendwann drehte er den Journalisten sogar den Rücken zu. Und als der Moderator zur Verabschiedung anhob, war Phoenix schon aufgesprungen. Nichts wie raus hier! „Ich weiß nicht, warum es mir so unangenehm ist, mit euch über meine Filme zu reden“, murmelte er noch.

Genervt oder gar aggressiv kam das nicht rüber. Man merkte einfach: Das ist nicht sein Ding. Und deshalb war dem Amerikaner auch keiner böse über seinen Auftritt. Zumal ja alle im Raum gesehen hatten, dass er mit seiner eigentlichen Arbeit – in seinem neuen Film – wieder eine beachtliche Charakterrolle hingelegt hat. Phoenix spielt den Cartoonisten John Callahan (1951–2010), der dem Alkohol verfallen und zudem nach einem Autounfall an den Rollstuhl gefesselt war. Es ist eine hoffnungsvolle Geschichte. Umkehr ist möglich, mit Einschränkungen kann man gut leben – das sind die zentralen Botschaften. Der Film ist vielleicht ein bisschen zu sentimental geworden. Aber die starke Leistung von Joaquin Phoenix überzeugt auf ganzer Linie. Gut, dass er seine Energie in den Film gesteckt und sich nichts für die Journalisten aufgehoben hat!

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