Meine Berlinale-EröffnungEine bessere Zukunft säen

Lesen Sie hier die Eindrücke unseres Redakteurs Stephan Langer vom ersten Tag der Berlinale.

Minus 2 Grad am Morgen, Schneefall am Abend. Gleich zu Beginn der 68. Berlinale wird wieder einmal deutlich, dass das größte Kulturspektakel Deutschlands allein schon wegen seines Termins etwas Besonderes ist. Wenn das Festival anfange, sei das immer auch ein rituelles Abschiednehmen vom Winter, meinte eine Journalisten-Kollegin von der „Berliner Zeitung“.

Im Vorfeld gab es diesmal einige Irritationen um die Ausrichtung der Berlinale. 79 deutsche Regisseure brachten im letzten Herbst ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck. Veränderungen müssten her, das Filmfest solle programmatisch erneuert und „entschlackt“ werden, erklärten sie. Sonst werde man gegenüber den anderen beiden großen internationalen Festivals – Cannes und Venedig – hoffnungslos zurückfallen.

Derart pauschal, ist diese Kritik nicht stichhaltig. Die Berlinale hat sicherlich stärkere und schwächere Jahrgänge, wie andere Festivals auch. Sie hat es aber ohne Zweifel geschafft, einen eigenen Charakter zu entwickeln und zu bewahren: Berlin ist politisch, im guten Sinne engagiert – und zugleich auch künstlerisch immer wieder mutig. Vor allem ist die Berlinale nicht nur für Kritiker und Film-Händler da, sondern sie will ein Fest für Cineasten sein. „Das Wichtigste, was dieses Festival legitimiert, ist, dem Publikum Lust aufs Kino zu machen“, sagt Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Und so gesehen kann sogar die Hypothek des kalten Wetters zum Vorteil werden. In Berlin, so heißt es wohl nicht zu Unrecht, schaut das Publikum wirklich die Filme an – allein schon, um im Warmen zu sein.

In den nächsten Tagen soll also wieder das Kino für sich sprechen. Fast vierhundert Werke werden gezeigt, die meisten zum ersten Mal überhaupt. Zudem haben hier Filme eine Chance, die kaum den Weg ins Kino finden werden, weil sie nicht die Kassen klingeln lassen. Einen solchen Streifen habe ich zum Auftakt in der Reihe „Forum“ gesehen: „Wild relatives“, auf deutsch etwa: „Wilde Verwandten“.

Gemeint sind damit Getreidesamen. Dokumentarisch wird die Arbeit des „Saatgut-Tresors“ auf Spitzbergen erzählt. Hier in Norwegen, im - derzeit noch - ewigen Eis werden die Samen von Kulturpflanzen aufbewahrt. Antasten soll man diese stille Reserve am Besten nicht, so jedenfalls die Theorie. Denn eigentlich müsste jeder Landwirt die Samen für die folgende Saison selber gewinnen und heranziehen können. „Früher haben Farmer nie daran gedacht, Saatgut zu kaufen“, erklärt ein Wissenschaftler gleich zu Beginn des Films.

Doch dieser natürliche Kreislauf funktioniert heute immer weniger – aus den verschiedensten, auch menschengemachten Gründen. Industriell erzeugtes Saatgut ist zum Beispiel billiger, vielleicht zunächst auch ertragreicher und widerstandsfähiger. Aber sein Einsatz geht zu Lasten der Artenvielfalt, die immer noch der beste Garant für nachhaltigen Ackerbau ist.

Der Film zeigt, wie erstmals Getreidesamen aus Spitzbergen entnommen werden, um sie im Nahen Osten nachzuzüchten. Das ist notwendig geworden, weil ein lokales Saatgut-Depot in Syrien aufgrund des Krieges aufgegeben wurde. Im benachbarten Libanon soll es neu aufgebaut werden. Das Vorhaben glückt tatsächlich. Am Ende bringen die Wissenschaftler neues Saatgut nach Norwegen zurück.

Der Film macht Hoffnung. Er zeigt, dass menschengemachte Probleme von Menschen auch wieder behoben werden können. Zumindest manchmal. Überdies ist er indirekt auch ein Statement gegen Krieg: Während der nur Zerstörung anrichtet, lässt Zusammenarbeit über Grenzen hinweg etwas wachsen. „Wild Relatives“ war also ein überaus passender Eröffnungsfilm für meine persönliche Berlinale. So kann es weitergehen.

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