Gegenseitige Veränderung im Schweigen und RedenTrauerpastoral als bedingungsloses Dasein

Im pluralen Angebot von säkularer wie religiöser Trauerbegleitung stellt sich die Frage, was christliche Begleitung als Trauerpastoral ausmacht. Die christliche Haltung eines bedingungslosen Daseins führt zu dieser Frage hin.

Fazit

Trauerpastoral lässt sich nicht mit Methoden oder Rezepten machen. Menschsein und menschliche Situationen erfordern vielmehr ein Einlassen auf die einzelne Person, was unberechenbar und riskant sein kann. Die christliche Botschaft findet sich dabei in einer Haltung bedingungsloser Anerkennung, aus der heraus der Auftrag des Daseins folgt. Wo ein offener Raum des Daseins entsteht, kann Begegnung geschehen, die Trauer verwandelt und aus der alle Beteiligten verändert hervorgehen – wie eben damals in Emmaus.

„… und da ist immer noch ein Licht!“, lautete der Titel der großen Messeveranstaltung „Leben und Tod“ in Freiburg im Breisgau, die im letzten Jahr zum zweiten Mal stattfand. Auf private Initiative hin und mit einem Programmbeirat – mit dabei sind auch die evangelischen Landeskirchen und katholische Diözesen – wird die Veranstaltung professionell gestemmt. Auf der zugehörigen Homepage steht: „Warum reden wir so ungern über den Tod, wenn wir doch alle unweigerlich irgendwann sterben müssen? Die LEBEN UND TOD hat sich dieser und vieler weiterer Fragen angenommen und bietet die Möglichkeit, sich mit den Themen am Ende des Lebens auseinanderzusetzen.“
Zwei Dinge fallen mir unmittelbar in der Beschäftigung mit der Veranstaltung auf. Zum einen drückt der Titel „… und da ist immer noch ein Licht!“ eine Hoffnung über den Tod hinaus aus, ohne dass sie exklusiv und explizit aus dem christlichen Auferstehungsarchiv stammt. Christlicher Glaube bietet also für den Glauben an ein Leben über den Tod hinaus nur einen von vielen Interpretationshorizonten. Zum anderen zeigen sich auf der Messe viele Initiativen von Traueragenturen, die hoch professionell zum Thema Seelsorge, Trauerbegleitung und Bestattungskultur arbeiten. Viele Bestattungsinstitute bieten mit großer Expertise Trauerbegleitung, Trauerseminare oder Trauercafés an.

Christliche Botschaft der bedingungslosen Anerkennung

Die säkularen Initiativen im Bereich der Trauerbegleitung fragen an, welche Haltung und Botschaft eine christliche Trauerbegleitung ausmacht und prägt. Zunächst zeigt sich die christliche Botschaft aus einer Heils- und Erlösungsperspektive in der Haltung einer bedingungslosen Anerkennung (vgl. Christoph Böttigheimer, Bedingungslos anerkannt). Die grundchristliche Zusage aus dem Wandlungsmysterium von Tod und Auferstehung Jesu Christi liegt in einer Bedingungslosigkeit der Liebe Gottes, die immer wieder neu anfangen lässt und die eine Hoffnung über den Tod hinaus in eine ewige Beziehungsgemeinschaft mit Gott in sich trägt.
Von dieser zentralen Botschaft müsste eine christliche Trauerpastoral geprägt sein. Christliche Begleitung in der Trauer ist dann ohne Bedingung, voraussetzungs- und absichtslos. Diese Botschaft zeigt sich zunächst in einem Dasein und in einer Präsenz, die aushält und einfach da ist. In diesem Sein steckt ein bedingungsloses Beziehungsangebot, das ausdrückt, dass Gott bedingungslos da ist, auch wenn es manchmal als ein schwaches oder entzogenes Dasein erfahren wird. Aus dieser Präsenz, die in der Trauerbegleitung oft auch ein einfaches Schweigen bedeutet, kann sich ein Gespräch über Leben und Sterben entwickeln oder Fragen zur Sprache kommen, die einfach im Raum stehen. Es drängen sich immer wieder Fragen der Theodizee, Schuld oder noch offener Wünsche auf. Sie brauchen einen Ort des Austausches, der Platz bietet für die christlichen Zusagenarrative der bedingungslosen Liebe, des Immer-neu-beginnen-Könnens oder des Mit-Gott-Rechnens gerade in der Trauer. Im Gespräch über christliche Hoffnung, aber auch über den Zweifel am Glauben kann sich ein Raum öffnen, in dem Wandlung entsteht, in dem sich zur Trauer auch ein hoffnungsvolles Licht paart. Manchmal bringen dann Zeichen die Hoffnung besser zum Ausdruck als Worte. Symbolhandlungen können Zuversicht im Leben und im Sterben, den Übergang vom Leben zum Tod und den Wandel vom Tod zum Leben ästhetisch und emotional erfahrbar machen. Im christlichen Kontext gibt es dafür alte Traditionen. Beispielsweise stärkt Menschen die Zusage, für sie in der Kirche eine Kerze anzuzünden. Ein weiteres starkes Zeichen drückt sich im Zeichnen eines Kreuzes mit Weihwasser auf die Stirn des/der Trauernden aus. Es ist oft ein bewegender, tiefer und hoffnungsvoller Moment.

Christliche Trauerpastoral als bedingungsloses Dasein

In der Suche nach der spezifischen christlichen Botschaft in der Trauerpastoral wurde deutlich, dass sich Verkündigung zunächst in einem bedingungslosen Dasein zeigt und sich in dieser Haltung die christliche Botschaft implizit ausdrückt. Christliche Trauerpastoral als Ort und Moment der Krise und der Wiedererlangung von Lebensmut ist ein Grundort sozial-diakonischen Handelns von Kirche. In der Diakonie (Dienst am Menschen) steckt implizit immer auch die christliche Botschaft der Nächstenliebe und somit auch Martyria (Verkündigung). Im Aushalten der Trauer, der Fragen, der Zweifel findet sich die Zusage des Daseins und umgekehrt drückt sich die Zusage christlichen Glaubens im aushaltenden Dasein aus.

Dasein in der Trauerpastoral als Ausdruck christlicher Gottesrede

Dieses christliche Dasein in der Trauerpastoral gewinnt inhaltlich und qualifizierend noch ein besonderes Format durch die Orientierung an der christlichen Gottesrede. Rainer Bucher und Johann Pock haben sieben Aspekte entwickelt, die christliche Rede von Gott inhaltlich qualifizieren und die gerade für das Dasein in der Trauerpastoral leitend sein können. Drei für mich entscheidende Aspekte möchte ich kurz darstellen. Ein erster Aspekt christlicher Gottesrede zeigt sich darin, dass Jesus nicht von Gott redet, ohne gleichzeitig zu heilen und solidarisch zu handeln. In der Verkündigung Jesu verschränken sich stets Wort und Tat. Das dahinterstehende Profil ist ein diakonisches. Es geht Jesus in seiner Verkündigung um den Menschen und er erwartet, dass Menschen wiederum mit Menschen so umgehen, wie Gott mit ihnen umgeht: gnädig, barmherzig und verzeihend. Im Kontext der Trauerpastoral meint dieser Aspekt, sich mit den Trauernden empathisch zu solidarisieren und ihnen mit weitem Herzen zu begegnen.
Ein zweiter relevanter Aspekt im Handeln Jesu wird darin offensichtlich, dass sein Handeln eine Konsequenz seiner Gottesbeziehung ist. In seinem Handeln wird sein Gottesbild offensichtlich. In vielen Gleichnissen zeigt sich ein Gottesbild, das von einer Güte ohne Vorleistung geprägt ist. Bucher schreibt: „Diese Rede ist Konsequenz einer Gottesbeziehung, die wie armselig und schief auch immer, erfahren hat, wovon sie spricht.“ (Bucher/Pock, Entdeckungen wagen, S. 192) Die Gottesbeziehung ist also keine theoretische, sondern eine erfahrene, die sich im eigenen Handeln wieder zeigt. Übertragen auf die Trauerpastoral bedeutet dies, dass die christliche Begleitungspastoral Ausdruck der je eigenen Gottesbeziehung ist, die keine Formel, sondern ein ständiges Suchen und Wiederfinden bedeutet.
Ein dritter Aspekt zeigt sich darin, dass Jesus von Gott schweigt, um für ihn zu handeln. Nicht immer greift Jesus zum Wort, sondern lässt durch sein Schweigen Dinge wirken, in denen nicht mehr das Wort, sondern Gott in die ganze Wirklichkeit hineinscheint. Dies geschieht beispielsweise in der Perikope mit der Ehebrecherin aus dem Johannesevangelium. In die Gnadenlosigkeit der geforderten Steinigung schreibt Jesus im Schweigen etwas in den Sand, ohne die Frau zu verurteilen. Das bereits erwähnte Schweigen und Aushalten in der Trauersituation ist oft das angemessene Handeln, in dem Raum für solidarische Sprachlosigkeit und Ohnmacht entsteht und das von einem Gott erzählt, der nicht alles wieder gut macht, auf den man jedoch auch im Schweigen hofft.
Christliche Verkündigung in der Trauerpastoral als bedingungsloses Dasein könnte sich in der Komplementarität von Wort und Tat, im reflektierten Rückbezug auf die Gottesbeziehung und durch das Aushalten von Schweigen in besonderer Weise qualifizieren und verantworten.

Emmausweg als Trauerweg von unterschiedlichen Trauerfacetten

Das bedingungslose Dasein und der daraus ermöglichte Trauerraum als christliches Angebot einer Trauerpastoral soll im Folgenden mit konkreten Trauererfahrungen verknüpft werden, um die Relevanz eines Daseins als christliche Verkündigung auf dem Trauerweg aufzuzeigen. Dazu werden Erfahrungen ausgehend vom Kaleidoskop des Trauerns nach Chris Paul und die Emmausgeschichte als Begleitungs- und Trauerweg des Daseins in eine produktive Verbindung gebracht.
Chris Paul beginnt mit der Beschreibung der Trauerfacette Überleben. Es handelt sich um eine Überlebensstrategie, weiterzuatmen, den Tag und die Nacht und den nächsten Tag zu überstehen. Alles ist diesem Anliegen untergeordnet. Gleichzeitig ermöglicht das Überleben Momente des Kraftschöpfens und des Ausruhens. In der Emmausgeschichte machen sich die beiden Jünger einfach auf den Weg. Sie wollen zurück in ihre Heimat gehen, an den Ort ihrer Routine. Das gemeinsame Gehen ist eine Überlebensstrategie, weil es in Bewegung bringt, nicht allein sein lässt und einen Möglichkeitsraum für Neues schafft.
Eine weitere Trauerfacette bei Chris Paul sind die Gefühle. Sie beschreibt die Gefühle der Trauer als intensiv und stark, aber auch zart und zärtlich. Es sind oft verwirrend überwältigende Gefühle. Diese Gefühle brauchen Ausdruck in Traurigkeit, Verzweiflung, Tränen, Wut und Geschrei oder Schweigen und Abwenden. Die Sehnsucht äußert sich oft in Erinnerung oder in Besuchen des Grabes. Auch die Jünger von Emmaus kommen in ein Erinnern, als Jesus sie anspricht. Sie bleiben stehen und sind traurig. Ihre Gefühle erhalten einen Platz und sie erzählen erinnernd voll Entsetzen darüber, dass Jesus von all dem Schrecklichen anscheinend nichts weiß.
Als eine weitere Trauerfacette beschreibt Chris Paul die Facette der Wirklichkeit. Es sind die Momente, in denen man begreift, dass ein Mensch tot ist. Es fällt schwer zu verstehen, dass jemand gestorben ist und was das eigentlich bedeutet. In diesen Momenten der Trauer entstehen Fragen nach dem Danach. Auch diese bekommen in der Emmausgeschichte einen Raum. Es steht dort, dass Jesus den Jüngern den Sinn der Schrift erschließt. Im Begreifen der Wirklichkeit haben auch sie Fragen, die Jesus in einen größeren Horizont der Geschichte und des Glaubens stellt, der ein neues Verstehen eröffnet.
Chris Paul spricht in einer weiteren Trauerfacette vom Verbunden-bleiben. Menschliche Beziehungen zwischen Lebenden bestehen aus dem Bewusstsein innerer Verbundenheit, aber auch aus Blicken, Berührungen und gemeinsamen Aktivitäten. Es ist gut, mit Freundinnen und Freunden verbunden zu bleiben, aber gerade auch Formen zu finden, wie man mit dem/ der Verstorbenen verbunden bleiben kann. Erinnerungen, Anekdoten oder Zeichen sind dazu hilfreich. In der Emmausgeschichte verschwimmt die Ebene zwischen dem Fremden und dem vertrauten Verlorenen. Jedenfalls wollen sie mit Jesus, ohne dass sie ihn als den Verstorbenen erkennen, verbunden bleiben und bitten ihn, zu bleiben. In diesem Moment erfahren und erhalten sie ein tiefes Zeichen der Verbundenheit: das Brechen des Brotes. Es wird zum Erinnerungs- und Vergegenwärtigungszeichen.
Schließlich benennt Chris Paul eine letzte Trauerfacette: das Einordnen. Nach dem Durchleben von Gefühlen, Fragen und Wünschen beginnt ein neues Begreifen und Verstehen, das das Erlebte neu einordnet. Die Neubewertung der Vergangenheit färbt den Blick auf die Gegenwart und hat dann auch Auswirkungen auf die Zukunft. Auch die Emmausjünger ordnen das Erfahrene in einem neuen Horizont und im Erzählen der neuen Perspektive. Sie sprechen davon, dass ihnen das Herz brannte. Es ist der Moment, in dem wieder Lebensfreude und Sinn erkennbar werden. Und dieses neue Einordnen gibt ihnen Kraft, aufzubrechen und sich nochmals auf den Weg zu machen.
Der Trauerweg von Emmaus in der Zusammenschau mit den Trauerfacetten von Chris Paul entfaltet die favorisierte Grundhaltung eines bedingungslosen Daseins als christliche Verkündigung in der Trauerpastoral. Es werden dabei unterschiedliche Facetten deutlich, die für Begleitende in der Trauerpastoral inspirierend und leitend sein können.

Trauerbegleitung als gemeinsames Lernen

In den ersten Verortungen dieses Artikels und den darauffolgenden Entfaltungen einer Haltung des bedingungslosen Daseins wird offensichtlich, dass Trauerbegleitung keine Katechese ist. Der Trauerweg wird selbst zur Lebens- und Glaubenskatechese, auf dem die Botschaft christlichen Glaubens im Mitgehen und Aushalten erfahrbar werden kann. Dabei wird die Gewissheit zur Erfahrung, dass Gott da ist, dass ich noch mit ihm rechne oder dass ich mit ihm immer wieder neu beginnen kann. Es ist ein gemeinsamer Weg von Hoffnung und Trauer, von Glaubenserfahrung und Glaubensverlust, von Zweifel und Glauben an die Wandlung der Auferstehung. Eine so verstandene Trauerbegleitung wird zur Begegnung, in der manchmal die Rollen verschwimmen und nicht mehr deutlich ist, wer wem den „Sinn der Schrift erklärt“. Der Trauerweg wird dann mit Michel Foucault zur Begegnung, aus dem Begleitende und Trauernde verändert hervorgehen können.

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