Sterbebegleitung und religiöse WandlungWenn sich Himmel und Erde berühren

Halt geben, präsent sein, andere befähigen, einen Sterbenden auf seinem letzten Weg zu begleiten: All das (und noch viel mehr) macht Sterbebegleitung aus. Für Menschen wie den Bonner Stadtdechanten und Münsterpfarrer Dr. Wolfgang Picken, die in diesem Bereich arbeiten, sind solche Dinge fast alltäglich. Und doch erleben sie immer wieder nicht zu erklärende Momente, die nicht nur den eigenen Glauben bestärken.

Fazit

Sterbebegleitung besteht aus der konzentrierten Begleitung der Alltäglichkeit des Lebens, zu der auch das Leben des Sterbenden gehört. Sie bedeutet, die Angehörigen oder Freunde des Sterbenden zur Begleitung zu befähigen. Nur wenn man den Menschen die Angst nimmt, sich mit dem Tod zu beschäftigen, können sie Nähe, Sicherheit und Halt vermitteln.

Bei der Sterbebegleitung gerät man als Seelsorger in eine Situation, mit der man sonst so nirgendwo konfrontiert wird. Es ist eine Situation außerhalb unserer Realität, in der sich Himmel und Erde berühren. Der Sterbende – und damit auch indirekt der Begleiter – geht auf einen Punkt zu, auf dem aus Glaubensperspektive das eine ins andere übergeht. Meine Erfahrung ist, dass man diesen Moment, diesen Prozess spüren kann. Dass man als Seelsorger merkt, dass sich zwei Welten berühren. Auf einmal ist das Jenseitige ganz nah. Ein Mensch stirbt, und plötzlich breitet sich ein eigenartiger Friede im Raum aus. Der Tod kommt, und dennoch ist Bewegung im Raum. Faktisch bedeutet der Tod erst einmal ein Ende. Ein Ende des Leids, der Krankheit, des Sterbens. Dennoch wird deutlich, dass er nicht das Ende ist. Als Priester kann man häufig spüren, dass es ein Anfang ist. Man wird im übertragenden Sinn Zeuge der Auferstehung. Es ist ein heiliger, ein heilsamer und heilender Moment. Es geschehen irreale Dinge, die man kaum glauben kann, wenn sich Himmel und Erde annähern.
Ich habe Frau P. begleitet, mit der ich lange Jahre verbunden war. Manche Sterbende rufen den Priester aus Frömmigkeit, manche lassen sich bis zum Ende geistlich begleiten, bei anderen ist es die Bemühung um Nähe. Wieder andere wollen einen Pastor dabeihaben, weil sie denken, dass es nicht schaden kann, jemanden dabeizuhaben, der ein bisschen nachhilft, falls sich die Tür zum Himmel doch nicht ganz öffnet. Genauso war es bei Frau P. Ihre Worte: „Wenn es so weit ist, lasse ich Dich rufen, damit Du da bist, wenn die Tür klemmt. Ich möchte jemanden dabeihaben, der was von der anderen Welt versteht.“ So war es dann auch. Als ich ankam, war sie – sie hatte eine schwere Krankheit – nicht mehr ansprechbar. Ihre Tochter lag bei ihr im Bett, Gesicht an Gesicht mit ihrer Mutter. Dann kam die Schwester der Sterbenden und legte sich mit ihrem Kopf an die Schläfe ihrer Schwester. So bauten sie eine Brücke, und Frau P. konnte sterben. Ich kniete am Bett und mein Blick fiel auf eine Holzfigur, eine alte Frau mit zwei Engeln, die Kopf an Kopf mit ihr stehen. Das gleiche Bild. Ich schaute dorthin und dachte, dass es das nicht geben kann. Aber es gibt es.

 

Der Priester ist das Werkzeug, der Gott in die Nähe des Sterbenden bringt

Es gibt so viele Geschichten, in denen erkennbar wird, dass Dinge geschehen, die man als Theologe nicht erklären kann. Es gibt viele Krankensalbungsgeschichten, in denen es genauso ist. Der Priester ist das Werkzeug, das Gott in die Nähe des Sterbenden bringt, indem es Stirn und Hände berührt. Dabei handelt es sich um zwei sehr sensible Punkte, an denen Gott spürbar wird – in Deinen Gedanken und in Deiner Hilflosigkeit. Du übergibst am Ende Deine Gedanken an jemand anderen und legst Dein Leben in seine Hände. Man muss es nur zulassen – als Sterbender und als Priester. Gott braucht an vielen Stellen Werkzeuge, damit er in der Welt handeln kann. Besonders wichtig ist es an der Seite eines Sterbenden. Er muss loslassen, muss einen existenziellen Weg gehen. Er hat einen Anspruch darauf, in so schwieriger Situation Stärkung zu erhalten, die man nur durch Gottes Nähe bekommen kann. Meine Aufgabe ist das stellvertretende Dasein. Ich schenke als Priester Nähe, bin verlässlich und präsent.
Vor einigen Jahren wurde ich zu einer Familie mit vier erwachsenen Kindern gerufen. Bei den beiden älteren Brüdern war im Abstand von sechs Wochen ein Hirntumor diagnostiziert worden. Dass dies so war, war ein Zufall, es gab keine genetische Indikation. Als ich zur Begleitung gerufen wurde, lag der erste bereits gelähmt im Bett, der zweite zog ein Bein hinter sich her. Ich kam in das Zimmer des gelähmten und erblindeten jungen Mannes, der außerdem kaum sprechen konnte. Aber er hat mir signalisiert, dass es gut ist, dass ich da bin. Die Familie an sich hatte zwar religiöse Wurzeln, war aber nicht mehr besonders religiös. Einige waren außerdem aus der Kirche ausgetreten. Dementsprechend stellte der zweite Sohn auch direkt fest, dass zwar der Ältere eine Krankensalbung haben wollte, das für ihn aber gar nichts wäre. Dennoch waren alle dabei: die drei Geschwister, die Eltern und die Verlobte des zweiten erkrankten Sohnes. Sie haben Rotz und Wasser geheult, aber es war spürbar, dass sie angerührt und froh waren, dabei gewesen zu sein. Der Sterbende selbst machte einen gefestigten Eindruck. Ich erinnere mich, dass es Aschermittwoch war. Am Abend zelebrierte ich die Messe. Am Ende des Gottesdienstes habe ich der Gemeinde dann die Geschichte dieser Familie erzählt. Und sie gebeten, an diesem Abend für sie zu beten. Im Gegenzug müssten die Gläubigen die gesamte Osterzeit keine Buße tun. Als ich nach Hause kam, habe ich der Familie kurz geschrieben, dass nun eine gesamte Gemeinde für sie betet. Am nächsten Morgen fuhr ich dorthin, der Vater öffnete mir die Tür. Heulend, ich dachte, der Sohn sei gestorben. Doch es war etwas anderes geschehen. Bevor ich klingelte, hatte er im Zimmer seines Sohnes Halt gemacht. Und der gelähmte Sohn saß im Bett und begrüßte ihn mit den Worten: Ich habe gut geschlafen. Der Vater, so berichtete er mir, war total irritiert, ging zu seinem Handy und las meine Nachricht. Er musste weinen. Genau in diesem Moment habe ich geklingelt. So etwas kann man nicht erklären. Das hat auch der Vater immer wieder betont, der eigentlich schon längst innerlich mit der Kirche abgeschlossen hatte.

 

Sterbebegleitung bedeutet gelebte Nähe

Diese Familie – und viele andere auch – zeigen darüber hinaus eine weitere gute Seite der Sterbebegleitung. Sie bedeutet gelebte Nähe, sie zeigt, wie viel Liebe, Hilfsbereitschaft und Verbindlichkeit unter Menschen besteht. Diese zu sehen und zu nutzen, ist ein wichtiger Aspekt der Sterbebegleitung. Denn die eigentliche Aufgabe des Begleitenden ist es, die Angehörigen oder Freunde zum Begleiten zu befähigen. Sterbebegleitung bedeutet nicht, konzentrierte, zwanghafte Gespräche über irgendetwas zu führen. Sie besteht aus einer konzentrierten Begleitung der Alltäglichkeit des Lebens, zu der auch das Leben eines Sterbenden gehört. Niemand kann in einer so existenziellen Situation so viel Nähe, Sicherheit und Halt vermitteln wie die Frau, die Tochter, der beste Freund oder auch ein Nachbar, der sich dem Sterbenden zuwendet. Das aber ist häufig erst dann möglich, wenn man den Betreffenden die Angst nimmt, sich mit dem Thema zu beschäftigen.
Wir – eine Palliativschwester und ich – haben einmal eine Frau begleitet, die nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause sterben wollte. Das Problem war, dass sie keine Familie, keine Freunde in der Nähe hatte. Sie war gerade nach Bonn gezogen, Single und hatte viel gearbeitet. Zudem lebte sie in einem anonymen Haus, an den Klingeln standen keine Namen, die Wohnungen waren nummeriert. Dennoch wollte sie nach Hause. Daraufhin hat die Palliativschwester sämtliche Bewohner des Hauses angesprochen und ihnen die Situation geschildert. Sie hat die Leute in totaler Anonymität aufgefordert, sich am letzten Weg eines anderen zu beteiligten. Aber mit der Sicherheit, dass jemand, dass wir im Hintergrund stehen und al- les organisieren. Und siehe da: Alle haben mitgemacht. Haben eingekauft, gekocht, die Frau besucht, nachts nach dem Rechten geschaut und geputzt. Zusammen haben sie die Beerdigung organisiert. Der Tod der Frau wirkt bis heute nach. Aus dem anonymen Haus, aus den ehemaligen Nummern ist eine Gemeinschaft geworden, die jedes Jahr den Todestag der Verstorbenen feiert. Wenn heute viele Leute allein sterben, liegt es vielleicht auch daran, dass niemand da ist, der ein Netzwerk bildet. Denn es zeigt sich, dass die Bereitschaft da ist, niemanden allein zu lassen. Sie muss nur aktiviert werden.

Manchmal ist es wichtig, jemandem zu sagen, dass er gehen kann

Wie wichtig das Umfeld ist, habe ich auch an anderer Stelle erfahren. Ich habe einen Mann begleitet, der immer voller Haltung, Disziplin, Pflichterfüllung und Liebe war. Von ihm gab es eine Geschichte: Als er voll im Berufsleben stand, war er dennoch immer da, wenn die Kinder ihn brauchten. Er hat jede Ballettaufführung und jedes Theaterstück gesehen, war aber auch im Krankheitsfall vor Ort. An einem Tag musste eines der Kinder notoperiert werden. Er saß mit seiner Frau am Krankenbett. Er war unruhig, weil er viel zu tun hatte, aber gleichzeitig bleiben wollte. Seine Frau schaute ihn an und sagte: „Komm, Du kannst gehen, hier ist alles in Ordnung.“ Diese Geschichte kannte ich, als ich ihn im Sterben begleitete. Bei meinem letzten Besuch merkte ich, dass er bereit war zu gehen, aber nicht loslassen konnte. Ich habe ihn zu bestärken versucht und mich anschließend lange mit seiner Frau unterhalten. Ich habe ihr geraten, in sein Zimmer zu gehen, die Tür zu schließen, sich ans Bett zu setzen und ihm zu sagen, dass er gehen kann, weil hier alles in Ordnung ist. Sie hat nachgedacht, geweint – und ist zu ihm gegangen. Nach ein paar Minuten holte sie mich. Ich habe mit meiner Hand die Hände der beiden ergriffen. Niemand sagte etwas. Und er konnte sich fallen lassen. Ihm zu sagen, dass er gehen kann, war für ihn sehr wichtig. Auch für die Kinder war es wichtig. Sie haben immer wieder betont, dass es für den Vater entscheidend gewesen ist, dass die Mutter ihm zur richtigen Zeit diese Worte gesagt hat. Es ist nicht wichtig, dass ich sie ermutigt habe. Wichtig ist, dass sie es getan hat.

Der Seelsorger muss auch die Physis im Blick haben

Ich bin seit 1993 in der Sterbebegleitung tätig. Damals war ich Kaplan in Bensberg, wo im dortigen Krankenhaus eine Palliativstation eröffnet wurde – die dritte in NRW. Die Stationsleitung sprach mich an, ob ich Sterbende begleiten könnte. Von Anfang an habe ich also durch die medizinische Einbindung bemerkt, wie wichtig es ist, dass auch ein Seelsorger die Physis, die leibliche Situation des Sterbens, im Blick hat. Denn nur, wenn der Sterbende wenig bis gar keine Schmerzen hat, Symptome weitgehend gelindert sind, wird sein Kopf für etwas anderes frei. Daher ist auch die Wichtigkeit der Arbeit der Palliativschwestern besonders hervorzuheben. Zuerst kümmern wir uns um den Körper, dann um die Seele.
Als Kaplan saß ich nachts am Bett eines Sterbenden. Es geschah das Miserere, wegen eines Darmverschlusses kam Kot aus Mund und Nase. Ist man nicht darauf vorbereitet, dass so etwas passieren kann, begleitet man einmal und kommt nicht wieder. Man muss die Angst vor dem Schweiß und dem Gestank des Todes verlieren, weil man sonst keine Hilfe ist. Daher wäre es erstrebenswert, dass jeder Priester ein Pflegepraktikum absolviert, um auf so etwas vorbereitet zu sein. Allerdings sollte man nie eine Sicherheit vortäuschen, die man selbst nicht hat. Ich beantworte beispielsweise nie Fragen, auf die auch der Himmel keine Antwort gibt. So wie die Frage „Warum?“ Die kann ich nicht beantworten. Ich muss es aber auch gar nicht. Denn Sterbebegleitung bedeutet nicht, auf alles eine Antwort zu haben. Sie bedeutet, die Ratlosigkeit und den Zweifel zu teilen, ohne zu verzweifeln. Zu signalisieren, dass ich zwar nicht weiß, welchen Sinn die aktuelle Situation hat. Ich aber weiß, dass mein Dabeisein einen Sinn hat. Das ist ehrlich, damit können die Menschen gut umgehen. Die Vorstellung, dass Gott einem die Pest an den Hals wünscht, damit man etwas lernt – das ist nicht mein Gottesbild. Er will der Gott sein, der in jeder existenziellen Notlage mitempfindet und dabei ist. Weil er es auch so erlitten hat.

Er ist der Gott, der immer da ist. Daher hat er nichts ausgelassen

Jesus hat alles Leid der Welt auf einem Weg, dem Kreuzweg, auf sich genommen. Das lässt sich auf den Sterbenden übertragen. Er kann sein Kreuz nicht mehr tragen. Er fällt dreimal, weil er sich zwar immer wieder aufrichtet, aber gleichzeitig auch immer erschöpfter wird. Er wird symbolisch am Kreuz festgenagelt, wenn er zum Beispiel durch Infusionen die Bewegungsfähigkeit des Körpers verliert. Oder er sieht im übertragenen Sinn die Soldaten, die um die Kleider der Verurteilten würfeln. Man glaubt nicht, was man an Erbstreitigkeiten miterlebt. Wie viele alte Geschichten hochkommen, während der Sterbende noch lebt. Ich verstehe immer mehr, warum Jesu diesen Weg gehen musste. Ein Gott, über dem immer die Sonne scheint, kann nur schwer vermitteln, dass er der Gott ist, der immer da ist. Daher hat er nichts ausgelassen.
Wo ich Leute begleite, stelle ich immer wieder eine religiöse Wandlung fest. Nicht nur bei den Sterbenden, auch bei denen, die begleiten. Da gibt der Glaube auf einmal in schwierigen Zeiten Halt. Die Anzahl derer, die nach einer solchen Erfahrung wieder eine Verbindung zu Kirche und Glaube aufnehmen, ist so hoch wie auf keiner anderen Handlungsebene. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass die existenziellen Fragen nirgendwo so erzeugt werden wie in einer solchen Situation, in der sich Himmel und Erde berühren. Auch der eigene Glaube wird immer unangefochtener, wenn er zur Erfahrung geworden ist. Genau das geschieht bei der Sterbebegleitung. Von daher ist am Ende des Tages auch der Sterbebegleiter der Beschenkte.

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