Der Beitrag des Kindermissionswerkes „Die Sternsinger“Kindesschutz als weltkirchliche Aufgabe

Fälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker und andere kirchliche Mitarbeiter sind in der katholischen Kirche seit mehreren Jahrzehnten bekannt. Die Ortskirche in Deutschland, die u. a. mit großen Hilfswerken, missionierenden Orden und Kontinente verbindenden Diözesanund Pfarreipartnerschaften fast in der gesamten Weltkirche präsent ist, muss sich dem Missbrauchsskandal und seinen Konsequenzen nicht nur auf nationaler, sondern auch auf globaler Ebene stellen. Dies gilt insbesondere für das Kinderhilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“.

Wenn Kleriker, von denen erwartet wird, dass sie einen liebenden Gott vertreten und die Menschen zu ihm führen wollen, ihre Macht missbrauchen, um Minderjährige und Schutzbefohlene zu Objekten ihrer eigenen sexuellen Lust zu machen, dann zerstören sie damit Existenzen – physisch, psychisch und moralisch –, und sie erschüttern zugleich die Glaubwürdigkeit der Kirche bis ins Mark.
Das hat die Kirche lange nicht wahrgenommen oder wahrnehmen wollen, doch mittlerweile scheint sie die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Der Kinderschutzgipfel Ende Februar 2019 im Vatikan mit Papst Franziskus, den Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen weltweit, den Patriarchen der mit Rom unierten Ostkirchen, Ordensoberen und Kurienvertretern war in dieser Hinsicht ein nie dagewesener Moment der Besinnung, der Erneuerung und des Aufbruchs. Er war – entgegen manch harscher Kritik – ein deutliches Signal an die Kirche, an die Welt und an die Opfer, dass die Kirche umkehren muss. Verkrustete Strukturen, die tausendfachen Missbrauch und unendliches Leid nicht nur nicht verhindern konnten, sondern dafür herhielten, die Verbrechen zu verbrämen und zu vertuschen, müssen von Grund auf erneuert werden, darüber waren sich die Teilnehmer einig. Die Kirchenoberen bekannten sich zu ihrer Verantwortung, zu Transparenz und Rechenschaftspflicht. Diese Einsicht ist jetzt auch in jenen Ortskirchen überall in der Welt angekommen, die das Anliegen bislang als Problem einer angeblich degenerierten westlichen Kultur abtaten und sich selbst nicht betroffen fühlten. Die entschlossene Weise, wie die deutsche Bischofskonferenz in ihrer Frühjahrsvollversammlung 2019 in Lingen das Thema aufgriff, indem sie als Reaktion darauf einen Synodalen Weg beschloss, macht Mut und kann auch die Ortskirchen in anderen Kontinenten ermutigen, das Problem ganz oben auf die kirchliche Agenda zu setzen.
Welche Not die Opfer sexuellen Missbrauchs erleiden, das beschreibt die im September 2018 von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichte „MHG-Studie“ zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland wie folgt: „Neben einem hohen Anteil körperlicher Beschwerden“ gibt es auch psychische Symptome wie „Depression, Angst, Schlaf- oder Essstörungen, posttraumatische Symptome (Flashbacks, Alpträume, Vermeidungsverhalten), Suizidalität, selbstverletzendes Verhalten sowie Alkohol- und Drogenkonsum.“ Und man muss leider davon ausgehen, dass für Opfer sexuellen Missbrauchs, die in prekären Situationen der Südkontinente oder Osteuropas leben, der Zugang zu medizinischer, psychologischer, psychotherapeutischer und juristischer Unterstützung oft sehr viel schwieriger ist als in Deutschland.
Sexueller Missbrauch bedeutet für die weltkirchlichen Akteure in Deutschland in ihrem missionarischen und entwicklungspolitischen Auftrag eine mehrfache Herausforderung: Einerseits müssen sie sicherstellen, dass in den von ihnen geförderten Projekten der Schutz vor sexualisierter Gewalt gewährleistet ist. Andererseits gehören Minderjährige und Schutzbefohlene, die Missbrauchsopfer geworden sind, ebenso zu den Notleidenden und damit zu den Zielgruppen der weltkirchlichen Akteure wie diejenigen, die Hunger, Krankheit, Verfolgung oder Unterdrückung erleiden.

Besondere Aufgabe des Kindermissionswerkes

Als Kinderhilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland sieht sich das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ bezüglich der Missbrauchsskandale in der Kirche in ganz besonderer Weise gefordert. In seinem Auftrag sind nicht nur jedes Jahr über 300.000 Kinder in ganz Deutschland als Sternsinger unterwegs und besuchen die Menschen in ihren Gemeinden, sondern das Werk fördert auch Jahr für Jahr über 2.000 Projekte in aller Welt, in denen Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt stehen.
Kindesmissbrauch findet in allen Ländern der Erde, in allen Kulturkreisen und in allen gesellschaftlichen Schichten statt. Genaue Statistiken gibt es nicht, allenfalls Schätzungen. Der Europäische Rat hat vor mehreren Jahren die Kampagne „one in five“ initiiert, d. h. man geht davon aus, dass auf unserem Kontinent einer von fünf Minderjährigen sexuelle Gewalterfahrungen macht. UNICEF schätzt, dass beispielsweise in Indien 43 Prozent der Kinder und Jugendlichen sexuelle Gewalterfahrungen machen – das wären mehr als zwei von fünf. Projektpartner des Kindermissionswerkes bestätigen diese Zahlen oder nennen zum Teil noch höhere – etwa in Mittelamerika oder im südlichen Afrika. Vier von fünf Fällen sexueller Gewalt finden Schätzungen zufolge im familiären oder nachbarschaftlichen Umfeld der Kinder statt.
Kinder, die Missbrauch erlitten haben, sind oft traumatisiert und brauchen professionelle Unterstützung, Begleitung und Therapie. Aber es muss vor allem auch präventiv alles getan werden, damit sich diese Verbrechen nicht wiederholen. Millionen von Kindern besuchen weltweit katholische Schulen oder sind in kirchliche Projekte und Initiativen eingebunden – auch in solche, die mit Spendengeldern aus Deutschland finanziert werden. Die Herausforderung besteht also nicht nur darin, dass solche Projekte Schutz vor Übergriffen und Missbrauch bieten, sondern auch Kinder, die beispielsweise durch familiäre Missbrauchserfahrungen traumatisiert sind, dort aufgefangen und professionell betreut werden. Beide Aspekte des Kindesschutzes stellen in vielen Ländern eine gewaltige Herausforderung dar.
Um seiner Verantwortung im Bereich des Kindesschutzes in der Weltkirche gerecht zu werden, hat das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ beim Vorstand eine Stabsstelle Kindesschutz eingerichtet und mit einer Expertin für diesen komplexen Bereich besetzt. Die Stelle dient der Stärkung des Kindesschutzes im Werk selbst, in den geförderten Projekten und in den mit dem Werk verbundenen Ortskirchen. Des Weiteren soll die Stelle dazu beitragen, das Kindermissionswerk als Kompetenzzentrum für Kindesschutz im weltkirchlichen Bereich in Deutschland weiter zu entwickeln und zu vernetzen.

Zusammenarbeit mit dem „Center for Child Protection“ in Rom

Das Kindermissionswerk legt bei seiner Projektförderung besonderen Wert auf Prävention, und das bedeutet vor allem Bildung und Schulung von Menschen, denen Kinder und Jugendliche anvertraut werden. Die wichtigste Partnerorganisation ist in dieser Hinsicht das 2012 durch den deutschen Jesuiten und Psychologen P. Hans Zollner gegründete „Centre for Child Protection“ (CCP), das an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom angesiedelt ist. Das Hauptanliegen dieses Zentrums ist die Erarbeitung und Bereitstellung von Bildungsressourcen für Personen, die in der Weltkirche im Bereich der Missbrauchsprävention tätig sind. Das Kernstück des CCP sind interdisziplinäre Diplom- und Lizentiatskurse in dem neuen und einzigartigen Studienfach „Safeguarding“ für kirchliche Verantwortliche und Missbrauchsbeauftragte aus allen Kontinenten. Das CCP bietet den Ortskirchen, Bischofskonferenzen, Orden, Universitäten, Priesterseminaren usw. zudem einen E-Learning-Kurs zur Ausbildung von lokalen Multiplikatoren an, da ja nicht alle Interessenten die Möglichkeit haben, die Kurse in Rom zu besuchen.
Das Kindermissionswerk fördert das CCP praktisch von Anfang an auch finanziell und hat die Kooperation im Lauf der Jahre stetig intensiviert. 2017 wurde zusammen mit missio Aachen ein Kooperationsvertrag mit dem CCP geschlossen, in dem die drei Parteien sich verpflichten, gemeinsam die Ortskirchen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa bei der Entwicklung und Durchführung von Kinderschutzmaßnahmen zu beraten und zu unterstützen. Das CCP legt dabei seine Expertise und seine Schulungsinstrumente, die Hilfswerke ihre weltweiten Kontakte und kirchlichen Netzwerkverbindungen – und selbstverständlich auch Fördermittel – in die Waagschale. Mit der Umsetzung des Vertrags wurde ein Vorstandsmitglied des Kindermissionswerkes beauftragt, das in den vergangenen zweieinhalb Jahren knapp 30 Länder in fünf Kontinenten besucht hat, um die Verantwortlichen der dortigen Bischofs- und Ordensoberenkonferenzen, katholischen Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen sowie die jeweiligen Nuntien für die Anliegen des Kindesschutzes zu sensibilisieren und sie bei der Implementierung von Präventionsmaßnahmen zu beraten und zu unterstützen. Dabei geht es auch darum, über die Bildungsangebote des CCP zu informieren und die entsprechenden Schulungsinstrumente anzubieten. Da weltweit auf Dauer nicht alle Impulse für den Kindesschutz vom CCP in Rom allein ausgehen können, fördert das Kindermissionswerk auch auf den Südkontinenten die Gründung lokaler und regionaler Kindesschutzzentren als Beratungs,- Schulungsund Forschungszentren nach dem Modell des CCP.

Standards und Richtlinien

Welche Kindesschutzmaßnahmen ergreift das Kindermissionswerk über diese Kooperation mit dem CCP hinaus in seiner weltkirchlichen Arbeit?
In der Projektarbeit wird Kindesschutz als Querschnittsaufgabe bei jeglicher Förderung angesehen, denn alle Projekte des Kindermissionswerkes haben Kinder und Jugendliche als Zielgruppe. Jeder Antragsteller muss über die Kindesschutzmaßnahmen in seiner Einrichtung Aufschluss geben, etwa über Richtlinien, institutionelle Schutzkonzepte, Verhaltenskodizes oder Personalschulungen. Entsprechende Nachweise müssen zusammen mit dem Projektantrag eingereicht werden. Kann ein Antragsteller damit nicht dienen, bedeutet dies zwar nicht die automatische Ablehnung seines Antrags, aber er wird auf die Dringlichkeit von präventiven Kindesschutzmaßnahmen hingewiesen, und ihm wird bei Bedarf Beratung und Unterstützung bei der Erarbeitung angeboten. Ziel des Kindermissionswerkes ist es, in absehbarer Zeit nur noch solche Projektpartner zu fördern, die einen Mindeststandard an präventiven Maßnahmen in ihrem Projekt nachweisen können. Bei der Berichterstattung zu den Projekten müssen die Partner schriftlich zu Fragen Stellung nehmen wie: Welche Maßnahmen zum Schutz der Kinder und Jugendlichen wurden durchgeführt? Wurde eine Kindesschutz-Policy bzw. ein institutionelles Schutzkonzept entwickelt? Wurde eine für den Kindesschutz zuständige Ansprechperson ernannt, und wurde diese geschult?
Das Kindermissionswerk ist sich bewusst, dass viele Projektpartner die gewünschten Auflagen noch nicht erfüllen können, weil ihnen das Knowhow und die entsprechenden Schulungsmöglichkeiten fehlen. Das Kindermissionswerk bietet seinen Partnern den schon genannten E-Learning-Kurs des CCP an, schlägt katholischen Universitäten eine Kooperation mit der Universität Gregoriana in Rom vor, in deren Rahmen sie selbst Multiplikatoren ausbilden können. Und das Werk rät Bischofskonferenzen und Kongregationen, Kandidaten zum Diplom- bzw. Lizentiatskurs nach Rom zu schicken, damit diese später professionell in die Präventionsarbeit ihrer Ortskirchen einsteigen können. Und das Kindermissionswerk organisiert Schulungen von Partnern in Zusammenarbeit mit anderen kirchlichen Akteuren. Zu all dem stellt das Werk bei Bedarf auch finanzielle Mittel zur Verfügung.

Fallmanagement

Auch wenn Kindesschutz integrierender Bestandteil aller Projekte sein soll, so kann doch nicht vermieden werden, dass es in einzelnen Projekten zu Übergriffen und Missbrauchsfällen kommt. Die von Papst Franziskus deklarierte Null- Toleranz-Politik in der Kirche müssen die Hilfswerke und die anderen weltkirchlichen Akteure selbstverständlich auch von ihren Projektpartnern fordern. Manchmal erhält das Kindermissionswerk Hinweise über Kindeswohlgefährdung durch Freiwillige, die ein Auslandsjahr in einem Projekt leisten, in anderen Fällen weisen Projektmitarbeiter selbst auf Missstände hin, und zuweilen berichtet die Presse über Missbrauchsfälle. Das Kindermissionswerk geht jedem Verdachtsfall bis zu seiner Klärung nach, bezieht den Ortsbischof bzw. den zuständigen Ordensoberen ein und fordert diese ggf. auf, die örtlichen zivilen Behörden einzuschalten. Im Extremfall – etwa bei mangelnder Einsicht oder Kooperationsbereitschaft – muss die Zusammenarbeit mit dem Partner eingestellt und die Finanzierung gestoppt werden. Seit 2012 wurden 27 Verdachtsfälle geprüft, die sich mehr oder weniger zu gleichen Teilen auf die drei Südkontinente verteilen. Etwa ein Drittel der Fälle bezogen sich auf sexualisierte Gewalt. Dem Kindermissionswerk ist klar, dass die Zahl von 27 Fällen in acht Jahren bei Weitem kein realistisches Bild der Gesamtsituation abgibt – bei 2.000 Projekten jährlich muss es eine enorme Dunkelziffer geben. Misshandlung und Missbrauch werden aber in weiten Teilen der Erde immer noch tabuisiert und totgeschwiegen, so dass Verstöße ebenso verschwiegen und vertuscht werden. Dem will das Werk entgegenwirken, indem es mit vereinten Kräften Bewusstseinsbildungs-, Schulungs- und Präventionsarbeit voranbringt.

Perspektiven

In Bezug auf Kindesschutz und Missbrauchsprävention steht der Weltkirche noch ein weiter und schwieriger Weg bevor. Das gilt für den Vatikan, die verschiedenen Ortskirchen, die weltkirchlichen Akteure in Deutschland und insbesondere das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“. Letztlich kommt es darauf an, dass sich alle ihrer Verantwortung stellen, Transparenz walten lassen und ihrer Rechenschaftspflicht nachkommen, so wie es der Kinderschutzgipfel im Februar 2019 im Vatikan gefordert hat. Nur dann kann die Kirche schrittweise wieder an Vertrauen gewinnen und die tiefe Glaubwürdigkeitskrise überwinden.  

FAZIT

Der Kampf gegen sexuellen Missbrauch in und außerhalb der katholischen Kirche ist eine weltweite Aufgabe, der sich Papst Franziskus entschieden stellt. Aktiver Kindesschutz ist spätestens seit den Missbrauchsskandalen 2010 am Canisiuskolleg in Berlin auch eine große Herausforderung für die Kirche in Deutschland. Das trifft insbesondere auf die weltkirchlichen Akteure wie missionierende Orden und Hilfswerke zu, die sich weltweit für eine Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen einsetzen. Als Kinderhilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, das jährlich über 2.000 Kinderprojekte in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa fördert, ist das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ dabei besonders gefordert.  

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