Die Zukunft des Islam in DeutschlandZwischen Tradition und Moderne

Wohin führt der Weg des Islam in Deutschland? Kann es einen „ deutschen“ oder „europäischen“ Islam geben? Wie werden gesellschaftliche Entwicklungen Einfluss auf den Islam nehmen? Die Zukunft des Islam ist ein Thema, das in einer breiten Öffentlichkeit wie auch innerislamisch diskutiert wird.

Literarisch hat Michel Houellebecq in seinem Roman Unterwerfung, französisch: Soumission, (2015) das Thema mit großer öffentlicher Resonanz aufgegriffen. In der Bewertung des Islam ist die Bevölkerung in Europa gespalten. Rechtspopulistische Bestrebungen treten seit geraumer Zeit mit antiislamischer Hetze auf, während Kirchen und Dialoginitiativen Brücken eines Dialogs beschreiten.
Mit dem Ziel der Förderung des Verständnisses und der Begegnung von Menschen verschiedener kultureller und religiöser Traditionen wurde 1990 die Georges-Anawati- Stiftung gegründet, die besonders die Begegnung und Verständigung zwischen Christen und Muslimen fördert. Das 20jährige Jubiläum der Stiftung ist Anlass, den Blick auf die Zukunft des Islam und des Dialogs zu richten.
Der Dominikaner Georges Chebata Anawati (1905–1994) ist nicht nur der Namensgeber, sondern auch Programm für die Anawati- Stiftung. Er hat leidenschaftlich in seiner Heimat Ägypten den christlich- islamischen Dialog gepflegt und wegweisende Impulse in die katholische Kirche gegeben. „Welche Bedeutung hat der Islam im Plan Gottes?“ Diese Frage beschäftigte Anawati als Christ. Zur Zeit Martin Luthers wurde darauf geantwortet: Der Islam sei eine christliche Häresie und von Gott zur Prüfung für den rechten Glauben gesandt, der nur der christliche sein könne. Dieser Blick auf den Islam hat sich in den großen christlichen Kirchen grundlegend von einer ablehnenden zu einer wertschätzenden Haltung geändert.

Die gegenwärtige Gestalt des Islam in Deutschland

Unter „Gestalt“ soll sowohl das äußere Erscheinungsbild, Struktur und Organisation einer Religionsgemeinschaft wie auch die innere Ausrichtung und Gestaltung des religiösen Lebens verstanden werden. Wer über die Zukunft des Islam spricht, muss vorab den Blick auf die gegenwärtige Situation richten. In einer sich kontinuierlich wandelnden religiösen Landschaft hat der Islam seinen festen Platz. Etwa 4,5 Millionen Muslime leben zum jetzigen Zeitpunkt in Deutschland und wollen auch zukünftig hier leben.
Äußerlich wahrnehmbar wird die Präsenz des Islam schon im Bild einer Stadt, wenn etwa anstelle von „Hinterhofmoscheen“ repräsentative Bauwerke neu errichtet werden oder kopftuchtragende Musliminnen auf Straßen und Plätzen anzutreffen sind.
Vier große islamische Zusammenschlüsse – DITIB, VIKZ, Milli Görüs und als ein Dachverband der ZMD – haben sich seit den 1970er Jahren in Deutschland als Vereine konstituiert und organisieren hierzulande das kulturelle und religiöse Leben vieler Muslime. Als Dachverband schiitischer Gemeinden wurde 2009 die „Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands“ (IGS) gegründet. Auch wenn diesen Verbänden nur eine Minderheit der Musliminnen und Muslime (geschätzt 12 bis 15 Prozent) angehört, verstehen sie sich als Sprachrohr des Islam in Deutschland.
Neben den großen Verbänden haben sich besonders im letzten Jahrzehnt Gruppierungen, die sich einem „Reformislam“ zurechnen, formiert. Hierzu gehören beispielsweise der 2010 gegründete „Liberal Islamische Bund“ und die „Alhambra Gesellschaft“, ein Zusammenschluss junger Musliminnen und Muslime mit besonderer Ausrichtung auf Europa. Das „Studienwerk Avicenna“, 2012 in Osnabrück ins Leben gerufen, fördert besonders begabte muslimische Studierende. Durch Geflüchtete aus islamisch geprägten Ländern, die sich in Deutschland niedergelassen haben, hat sich das Spektrum des Islam in den vergangenen Jahren nochmals vergrößert. Auch die an sechs deutschen Universitäten eingerichteten islamisch-theologischen Lehrstühle, die einen Schwerpunkt auf die Ausbildung muslimischer Lehrkräfte legen, gehören zum Spektrum des Islam.
In der öffentlichen Meinung wird dem Islam von vielen Menschen häufig mit Ablehnung, Unverständnis und Antipathie begegnet, in vielen Medien wird er oft ausschließlich als gesellschaftliches Phänomen und dazu nur als Problem dargestellt. Der Islam – so eine immer wieder kolportierte negative Generalisierung – sei eine vormoderne Religion, die die Aufklärung noch vor sich habe, der Koran sei ein dem Westen fremder Text, der eine ihm fremde Tradition begründe.

Glaube in Gesellschaft

Der Jesuit Felix Körner hat ein Buch mit dem Titel „Glaube in Gesellschaft“ herausgegeben, in dem er Stimmen muslimischer Theologen der „Ankaraner-Schule“ zum Verhältnis Religion und Gesellschaft zusammengestellt hat. Zwei As pekte werden mit diesem Titel angesprochen. Zum einen: Der eigene Glaube steht heute in Gesellschaft mit anderen Glaubenswegen, Menschen unterschiedlicher religiöser und weltanschaulicher Beheimatung leben Tür an Tür. Zum anderen: Glaube, auch wenn er sich als „übernatürliche Stiftung“ versteht, ist – und war schon immer – auf Gesellschaft bezogen; Religionen wirken in ihrer sozial-caritativen Ausrichtung zum Wohl von Menschen, aber auch ein Handeln im eigenen Machtinteresse ist ihnen nicht fremd.
Heftigen Streit löste in Deutschland der Satz aus: „Der Islam gehört zu Deutschland“, dem heftig widersprochen wurde, allerdings mit einem Zusatz, der versöhnlich klingen soll: Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, Muslime jedoch gehörten sehr wohl dazu. In dieser Sicht wird versucht, zwischen „dem“ Islam als gesellschaftlichem Phänomen, seiner Außenseite, und dem religiösen Leben von Muslimen, seiner Innenseite, zu differenzieren.
Kritiker und Verteidiger des Islam tappen mitunter in die gleiche Falle: Wenn Kritiker den Islam lediglich in einer spezifischen gesellschaftlichen Erscheinungsform sehen, halten Muslime dem oft entgegen, islamische Einrichtungen, zumindest in Deutschland, seien unpolitisch und ausschließlich für religiöse Angelegenheiten zuständig. Eine solche Unterscheidung führt jedoch in Aporien, da jeweils nur eine Seite der Religion wahrgenommen wird.

Die zukünftige Gestalt des Islam in Deutschland

Wer Aussagen zur Zukunft des Islam trifft, begibt sich auf dünnes Eis. Prognosen basieren auf Erfahrungen, aktuellen Gegebenheiten und sozio-politischen Prämissen. Es gilt, sich weder von einem Wunschdenken noch von Schreckensszenarien leiten zu lassen. Was Prognosen unsicher macht, sind religiös-politische unterschiedliche Entwicklungen im globalen Kontext, die kaum vorauszusehen sind und ihre Auswirkungen auch regional zeitigen.
Einige Entwicklungen innerhalb des Islam in Deutschland sehe ich als gut vorhersehbar und sogar als unumkehrbar an, andere sind an Voraussetzungen geknüpft.

  1. Die Zahl muslimischer Bürgerinnen und Bürger in Deutschland wird nach seriösen Berechnungen in den nächsten Jahrzehnten zunehmen, sich möglicherweise verdoppeln, aber Angehörige des Islam werden auch zukünftig eine signifikante Minderheit im Lande bleiben.
  2. Die religiöse und kulturelle Pluralität innerhalb der islamischen Community wird ein Kennzeichen des Islam in Deutschland bleiben und eher zu- als abnehmen.
  3. Stimmen eines „Reformislam“, der selbst keineswegs einheit lich ist, werden innerislamisch stärker Gehör finden und den Diskurs befruchten. Der Diskurs, dem sich auch Vertreterinnen und Vertreter traditionalistischer Positionen nicht verweigern können, wird wesentlich Fragen der Übersetzung der koranisch- islamischen Tradition in die Kontexte der Moderne und ihrer Auswirkungen auf die Praxis aufgreifen.
  4. Der Islam als Weltreligion mit dem Koran als verbindlicher und verbindender Grundlage hat sich geschichtlich durchaus regional differenziert entwickelt, etwa mit der Herausbildung unterschiedlicher Rechtsschulen. Auch zukünftig wird es kontextbedingte Entwicklungen innerhalb des Islam geben, wobei Bezeichnungen wie „deutscher Islam“ irreführend sind. Die innerislamischen Bewegungen und Debatten, etwa zu Freiheits- und Frauenrechten, zeugen davon, dass der Islam kein statisches Gebilde ist und ihm ein Veränderungspotential innewohnt.
  5. Die Säkularität im Westen wird Einfluss auch auf Musliminnen und Muslime haben. „Antimodernisten- Eid“ und Abschottung der Kirche haben sich in der Vergangenheit als untauglich erwiesen und werden auch gegenwärtig und zukünftig für alle Religionsgemeinschaften keine geeigneten Wege in der Moderne sein. Auch Musliminnen und Muslime wissen, dass Religion nur eine Option unter anderen ist und dass Menschen auch ohne Religion glücklich sein können.
  6. Unter den Bedingungen eines pluralen und säkularen Umfeldes wird die Weitergabe des Glaubens auch für islamische Gemeinschaften zu einem zentralen Anliegen. Da es offiziell keinen Austritt aus dem Islam gibt (Muslim/Muslimin ist ein Mensch durch Geburt), liegen kaum belastbare Zahlen über die tatsächliche Identifikation von Musliminnen und Muslimen mit islamischen Glaubensüberzeugungen und Institutionen vor. Innere Abkehr vom Glauben und Indifferenz werden auch bei ihnen konstatiert.
  7. Den großen islamischen Verbänden in Deutschland wird auch weiterhin eine Bedeutung zukommen; sie selbst verstehen sich als Religionsgemeinschaften, die weder auf politischer Ebene noch im christlich-muslimischen Dialog außen vor gelassen werden dürfen. An Akzeptanz werden sie gewinnen, wenn sie sich, soweit sie als „Außenstellen“ des türkischen Islam gegründet wurden, wandeln und von der Bevormundung befreien. Die Diskussionen darüber werden intern bereits geführt.
  8. Vielfach sind islamische Gemeinschaften sehr mit sich selbst und der Sicherung ihrer Positionen befasst. Das mag so verständlich sein wie die Fokussierung der Kirchen auf sich selbst. Eine dauerhafte Ausstrahlung in die Gesellschaft erreichen sie nur, wenn sie sich für ihre gesellschaftliche und religiöse Umgebung öffnen und die weltweiten Herausforderungen des Klimaschutzes, des Friedens und der Gerechtigkeit auf ihre Tagesordnung setzen. Hierzu liegen bereits vielversprechende Ansätze vor, wie z. B. die vom Großimam von Al-Azhar Ahmad Al-Tayyeb und Papst Franziskus in Abu Dhabi unterzeichnete gemeinsame Erklärung zur Geschwisterlichkeit (2019) oder die Charta der „Alliance of Virtue“ (2019).
  9. Der Islam in Deutschland wird, ohne ihn in das Korsett einer ihm fremden kirchlichen Verfassung und Struktur zu zwingen, rechtlich anderen Religionsgemeinschaften gleichgestellt werden (müssen), was z. B. die Erteilung des islamischen Religionsunterrichts betrifft.

Fragen zur Zukunft des Islam betreffen zuerst Muslime selbst, aber nicht nur. Auch die gesamte Gesellschaft bzw. gesellschaftliche Akteure außerhalb des Islam nehmen auf Entwicklungen Einfluss. Sie haben nicht nur eine Beobachterrolle gegenüber den Religionen einzunehmen, aus der heraus gute oder schlechte Noten erteilt werden. Jürgen Habermas, als prominenteste Stimme, verweist auf das gegenseitige Verwiesensein von Religion und Gesellschaft. Die weltanschauliche Neutralität des Staates ist nach Habermas nicht vereinbar mit „einer politischen Verallgemeinerung einer säkularisierten Weltsicht“. Es könne nicht angehen, religiösen Überzeugungen grundsätzlich einen Wahrheitsgehalt abzusprechen. Stimmen der Religionen seien daher zu hören und in den öffentlichen Diskurs einzubeziehen. Andererseits ist es Aufgabe von Religionsgemeinschaften, ihre Überzeugung auch im säkularen Kontext verstehbar auszusagen und einzubringen.
In der Gesellschaft gibt es nicht nur die lauten Töne einer Islamkritik, sondern auch differenzierte Stimmen aus der Islamwissenschaft, der Geschichtswissenschaft, der Religionswissenschaft und der Theologie. Auf ein Forschungsergebnis von Angelika Neuwirth, Professorin für Arabistik an der Freien Universität in Berlin, soll besonders hingewiesen werden: Sie hält der Sichtweise, dass der Koran ein dem Westen fremder Text sei, entgegen, dass dieser sowohl zur islamischen als auch zur europäischen Tradition gehöre und ein Dokument sei, das nichtmuslimische Europäer und Muslime verbinde. Die Rezeption dieser Erkenntnis über die Fachwissenschaft hinaus steht noch am Anfang. Wer das Abendland lediglich als christliches oder jüdisch-christliches versteht, bekundet eine eingeschränkte Sicht.

Anforderungen an die Kirchen

Jeder Dialog setzt die Anerkennung der Würde und Gleichheit aller Menschen voraus. Er bedarf der Ebene des akademischen Diskurses, aber – ebenso wichtig ist die Ebene der Begegnung und des Dialoges vor Ort. Stärkung und gesellschaftliche Anerkennung verdienen die Dialoginitiativen, die diesen Einsatz bereits seit Jahrzehnten sich zu eigen gemacht haben – die Dialoginitiativen der Kirchen sowie von Initiativen wie der Christlich-Islamischen Gesellschaften oder auch der Georges Anawati Stiftung. Veränderungen erfolgen durch Begegnung.
Den Kirchen kommt weiterhin die Aufgabe zu, einer Verunglimpfung des Islam sowie einer Hetze und Diffamierung von Muslimen entgegenzuwirken, den Dialog des Handelns zum Wohl der Gesellschaft und für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu bestärken und sich als Lerngemeinschaft von Glaubenden unter Glaubenden zu verstehen. Georges Anawati erklärte in seinem letzten Gespräch vor seinem Tod: „Mit einem muslimischen Gläubigen fühle ich mich wie mit meinem Bruder. Kein Unterschied weiter. Du bist so, Gott schenkte Dir Deinen Glauben, und mir schenkte er meinen, Schluss.“

FAZIT

Der Islam in Deutschland steht vor der Aufgabe, sich in einer säkularen Gesellschaft zu verorten, ohne seine religiöse Tradition aufgeben zu müssen. Die Anerkennung einer religiös-weltanschaulichen pluralen Gesellschaft wie auch einer innerislamischen Vielfalt ist der Weg. Die Debatte um die Kontextualität der koranischen Überlieferung unter den Bedingungen der Moderne ist eröffnet. Diese Aufgabe ist nicht nur eine Angelegenheit für Musliminnen und Muslime, sondern verlangt auch von der gesamten Gesellschaft eine konstruktive Beteiligung. Der Dialog – innerislamisch, gesellschaftlich und interreligiös – ist unverzichtbar für eine gute Zukunft des Islam im Kontext einer säkularen Gesellschaft. Kirchen fungieren hier als Brückenbauerinnen.

 

Anzeiger für die Seelsorge-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Newsletter des Anzeiger für die Seelsorge abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.