Wesen des MinistrantendienstesGlaubenserfahrung Liturgie

Sonntag für Sonntag finden sich Jugendliche zusammen, um Gott und den Menschen am Altar zu dienen. Was als augenscheinlich einfacher Dienst beginnt, entfaltet sich für die Ministrantinnen und Ministranten über ihre Dienstjahre hinweg zu einer Oase jugendlichen Glaubens. Was es heißt, diesen Weg zu beschreiten und sich davon prägen zu lassen, soll dieser Artikel aufzeigen.

Die Studie „Wie ticken Jugendliche 2016“ gelangt zu der Erkenntnis, dass jugendliche Spiritualität besonders vom persönlichen Gebet als herausragendem Merkmal geprägt ist. Die Teilnahme an liturgischen Feiern, abgesehen von den traditionellen Festen im Jahreskreis, von Taufe, Erstkommunion, Firmung und Hochzeit spielen dagegen eine eher untergeordnete Rolle. Mag diese Erkenntnis für die breite Masse an Jugendlichen symptomatisch sein, so ist dies für die Ministrantinnen und Ministranten der Grund ihrer Erfolgsgeschichte. Bundesweit engagieren sich fast 360.000 Jugendliche und übernehmen als Ministrantinnen und Ministranten eine wichtige Aufgabe in den liturgischen Feiern ihrer Pfarrgemeinden. Sie stehen damit im Zentrum des Glaubens und im Fokus der Gottesdienstbesucher. In der Verantwortung stehend, zum Gelingen der Liturgie beizutragen, sehen sie sich vielfältigen Ansprüchen und Anforderungen ausgesetzt. Sie darin zu begleiten, ist eine wichtige Aufgabe der Ministrantenpastoral. Mit vier Keynotes möchte ich aufzeigen, welche Kompetenzen für Ministrantinnen und Ministranten bedeutsam sind und was diese für die Entwicklung junger Menschen hin zu gereiften Persönlichkeiten beitragen können.

Erfahren

Der heilige Ambrosius spricht zu den Neugetauften: „[...] ihr habt die Taufe empfangen, ihr besitzt den Glauben.“ Ambrosius versteht das Sakrament der Taufe als eine Erfahrung, die den Glauben im Menschen anlegt. Als performativer Akt verändert die Feier des Sakramentes die Wirklichkeit des Feiernden. Diesen herausgehobenen Erfahrungsraum betreten die Ministrantinnen und Ministranten in der Feier der Eucharistie in besonderer Weise. Einzug, Tagesgebet, Evangelium, Kollekte, Gabenbereitung, Hochgebet, Segen und Auszug sind Elemente der Eucharistiefeier, die die Jugendlichen nicht nur erleben, sondern an deren Vollzug sie beteiligt sind. Will diese Beteiligung mehr sein als ein Hilfsdienst, der zum Gelingen der liturgischen Handlung beiträgt, stellt sich die Frage, worin dessen Qualität besteht. Beispielhaft greife ich die Gabenbereitung heraus. Zunächst geht es darum, die Hostienschale und den Kelch zum Altar zu bringen, damit der Priester die Gebete über die Gaben sprechen und diese für die Eucharistie vorbereiten kann. Brot und Wein sind aber nicht nur die einfache Materie, um das Mahl zu feiern. Sie vergegenwärtigen viel mehr das menschliche Dasein und die damit verbundenen Erfahrungen. Mit den Gaben lege ich die misslungene Schulaufgabe, das siegreiche Fußballturnier, den Stress mit den Eltern und den wohltuenden Abend mit Freunden auf den Altar. Ich bitte dabei um die Wandlung des Misslungenen und danke für das Schöne. Das Besondere am Ministrantendienst ist, dass die Jugendlichen die Handlung nicht nur geistlich und schauend für sich, sondern tätig und handelnd für die Gemeinde vollziehen. In einem physischen Akt legen sie nicht nur ihre, sondern vor allem die Nöte und Freuden der Gemeinde auf den Altar. Die leidvollen Erfahrungen, dort abund damit weggelegt, werden gelindert. Ich darf darauf vertrauen, dass Christus dieses Leid zu seinem Leid macht und Gott das Leiden Christi in die Freude der Auferstehung verwandelt. Die freudvollen Erfahrungen dagegen erfüllen durch Christus alle Gläubigen, die durch die Eucharistie ein Leib werden. So erfahren sich die Jugendlichen als bedeutsame Teilhaber am liturgischen Vollzug. Durch ihre Hände finden die in den Gaben kumulierten Freuden und Nöte der Gemeinde ihren Weg zu Gott. Durch die Gabenbereitung sind sie Träger und Boten von Leid und Freude der Gemeinde. Dadurch erfahren sie in besonderer Weise die Dimension der Stellvertretung und wachsen damit tief in die Grundkoordinaten christlichen Lebens hinein.

Lernen

Die Konstitution über die heilige Liturgie bringt zum Ausdruck, dass die sichtbaren Zeichen der Liturgie auf die unsichtbaren, göttlichen Dinge verweisen. All das äußerlich Sichtbare, die Gesten, Worte und Realien im Gottesdienst stehen nicht für sich, sondern deuten auf eine Wirklichkeit hin, die dem menschlichen Auge zunächst verborgen ist. Doch verborgen bleiben möchte Gott nicht. So heißt es im Buch des Propheten Amos 3,7: „Nichts tut Gott, der Herr, ohne dass er seinen Knechten, den Propheten, zuvor seinen Ratschluss offenbart hat.“ Gott möchte den Schleier entfernen und den Menschen einen Blick auf seine dahinterliegende Wirklichkeit gewähren und die Menschen zu Mitwissern an seinem Geheimnis machen. Einen besonderen Blick auf diese Wirklichkeit gewährt die Feier der Eucharistie. Durch sie birgt sich die Gemeinde schon heute in die Existenz des Auferstandenen ein. Damit dies gelingt, ist eine würdige Feier der Eucharistie bedeutsam. Allem Tun im Gottesdienst kommt daher eine besondere Qualität zu. Die Vollzüge stehen nicht mehr für sich, sondern durch sie kommt Gott ins Spiel und wird durch sie sichtbar. Eine Verbeugung vor dem Altar ist daher kein Akt zur ästhetischen Verschönerung der Zeremonie, sondern vielmehr eine ehrfürchtige Begegnung mit Christus im Zeichen des Altares. Auch wenn dies ein kleines Beispiel ist, zeigt es doch, dass selbst durch kleine und oftmals wenig bedachte Vollzüge der Schleier des Verborgenen fällt und Gott in diese Welt einbricht. Dies ruft unübersehbar ins Bewusstsein, dass der Ministrantendienst ein wahrhaft liturgischer Dienst ist, ohne den Gott nicht in der Art erfahrbar wird wie ohne ihn. So lässt sich leicht verstehen, dass die Ministrantinnen und Ministranten in ihrem Dienst Spezialhandlungen vollziehen, die erlernt werden müssen. Ministrantinnen und Ministranten müssen den Dienst von seinen Vollzügen her kennen und beherrschen. Dies ist die Aufgabe einer klassischen Ministrantenprobe, zu der die Ministrantenleiter vor den Hochfesten einladen. Es geht darum, den Dienst zu üben und zu versuchen, ihn sachlich und formal korrekt auszuführen. Sie lernen dabei den korrekten Ablauf der Liturgie und deren Elemente kennen. Die ihnen zukommenden Aufgaben üben sie ein und versuchen, diese durch Proben zu professionalisieren. Die Meisterklasse besteht schließlich darin, die Vollzüge von ihrer litur gietheologischen Bedeutung her zu 21 verstehen und das Handeln daraus ästhetisch und würdevoll hervorgehen zu lassen. Die Ministrantinnen und Ministranten üben damit nicht nur die Liturgie, sondern lernen auch den Glauben der Kirche.

Mitgehen

Influencer spielen heute mehr denn je eine bedeutsame Rolle im Leben Jugendlicher. Als einflussreiche Youtubestars prägen sie durch ihren Kanal den Alltag ihrer Follower. Dabei verschwimmen zusehends die Altersgrenzen. Die herkömmliche Hierarchie „alt“ prägt „jung“ gilt dabei schon lange nicht mehr. Entscheidend ist, dass Menschen ihre interessanten Erfahrungen oder ein herausragendes Können auf ihrem Kanal teilen und andere daran teilhaben und von ihnen lernen lassen. Dies ist jedoch keine Einbahnstraße, denn Influencer suchen den Kontakt zu ihren Followern und bitten um Rückmeldung oder um Fragen und Anregungen für ihren Kanal. Es ist das System eines gemeinsamen Weges, der auf ähnlichen Interessen gründet. Vergleichbares berichtet Balthasar Fischer von Gottesdiensten mit Neugetauften in Amerika: „Wie in Jerusalem des 4. Jahrhunderts nehmen bei [...] einer nachösterlichen Sonntagsmesse in ungezählten amerikanischen Pfarrkirchen mit den Neugetauften die früher bzw. schon im Säuglingsalter getauften Christen teil und lernen am Enthusiasmus ihrer jüngsten Mitchristen […] neu schätzen, was ihnen schon so lange geschenkt ist.“ Auch hier wird deutlich, dass die alten Lernhierarchien verschwimmen. Es geht um das Beschreiten eines gemeinsamen Weges, auf dem jeder von jedem lernt. So sind auch die Ministrantinnen und Ministranten keine bloßen Empfänger von katechetischen Unterweisungen oder spirituellen Glaubensbotschaften. Sie sind Teil einer Gemeinschaft, die miteinander unterwegs ist und in der jeder vom Glauben des anderen lernt und von dem, was er verstanden hat, gibt. Für die Feier der Eucharistie sind die Jugendlichen die Spezialisten, denn Liturgie macht den Ministrantendienst in seinem Kern aus. Daher kommt auch ihnen die Rolle zu, dieses Wissen und Können in die Gemeinde hineinzutragen. An und mit ihnen kann die Gemeinde neu lernen, was es heißt, Gottesdienst zu feiern. Sie zeigen, dass es froh macht und wohl tut, im Dienst des Herrn zu stehen. Und allein diese Freude der Gemeinde vor Augen zu halten, wird Wirkung erzielen. Darüber hinaus verstehen die Ministrantinnen und Ministranten ihren Dienst und lassen dieses Wissen in ihren Dienst einfließen. An einem ästhetisch gekonnten und würdevollen Ministrantendienst können die Feiernden die Bedeutung der liturgischen Elemente besser mitvollziehen und verstehen. Und letztlich bringen die Jugendlichen das, was sie durch die Liturgie vom Glauben verstanden haben, in ihre Gemeinde ein. Sei es im Religionsunterricht, bei der Firmvorbereitung, im Pfarrgemeinderat oder später in der Erziehung ihrer Kinder. Damit sind die Ministrantinnen und Ministranten bedeutsame Influencer. Sie sind junge Menschen, die mit ihrer Gemeinde gehen und von denen die Gemeinde neu lernen kann, was ihr lange geschenkt ist.

Nachdenken

Auf Ministrantenproben geht es zunächst darum, den Dienst technisch so einzuüben, dass alles sachlich und fachlich korrekt abläuft. Sie stellen damit sicher, dass die Feier so stattfinden kann, wie sie der Ordo Missae vorsieht und wie es dem Glauben der Kirche entspricht. Darüber hinaus loten die Ministrantinnen und Ministranten im Gespräch mit ihren Begleitern aber auch aus, worin die Bedeutung der liturgischen Handlungen liegt und welcher Glaubensinhalt darin zum Ausdruck gebracht wird. Es geht dabei nicht um eine Belehrung der Ministrantinnen und Ministranten, sondern vielmehr um ein interaktives Ergründen der Glaubensinhalte anhand der konkreten Liturgie. Dies bedeutet, Jugendliche nehmen Dinge nicht nur wahr und hin, sondern sie hinterfragen die Bedeutungen der Liturgie und lernen so, den Glauben zu verstehen. Sie denken über das, was sie in der Liturgie tun, nach, begreifen das Handeln von seiner intensionalen Seite und stimmen ihr Handeln darauf ein. Wichtig ist es, die Ministrantinnen und Ministranten zu ermutigen, an Wahrheiten zu zweifeln und Gegebenheiten zu hinterfragen. Nur so werden Jugendliche befähigt, reflexiv zu denken und situationsgerecht sowie dem Glauben und den Menschen entsprechend adäquat Zeugnis vom Glauben zu geben. Selbstverständlich legen die Begleiter der Ministrantinnen und Ministranten den Glauben der Kirche aller Auseinandersetzung zugrunde und bringen als Erwachsene ihre gereifte Expertise ein. Dies gibt ihnen die Möglichkeit, den Glauben wahr und ernst zu nehmen und daran zu wachsen und mündig zu werden. Durch eine solche Form der Auseinandersetzung mit dem Glauben bergen sich die Jugendlichen Schritt für Schritt in den Glauben der Kirche ein. Sie werden Stück für Stück fähiger, während des Gottesdienstes und auch darüber hinaus mit dem Glauben der Kirche und dem, was sie davon verstanden haben, auf Tuchfühlung zu gehen und die Persönlichkeit eines vom Glauben durchdrungenen Ministranten zu entwickeln. Damit werden die Ministrantinnen und Ministranten nicht nur für die Gemeinde zu Mystagogen, weil sie nach außen zeigen, von was sie innerlich ergriffen sind, sondern sie werden auch zu Auto-Mystagogen: Das, was sie vom Glauben verstanden haben, wirkt nach innen, weil sie es nach außen zeigen. Dadurch werden die Ministrantinnen und Ministranten zu unverzichtbaren Trägern des Glaubens.

 

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