Grundrezepte gelingender Ministrantenpastoral in der PraxisDie jungen Menschen in den Blick nehmen

Kirche und Welt verändern sich derzeit rasant. Seelsorger fragen sich, wie sie diesen Veränderungen begegnen, damit Ministranten auch in Zukunft ihre Heimat in den Gemeinden finden. Vielerorts erfahren Verantwortliche der pfarrlichen Jugendarbeit, dass Kinder und Jugendliche engagiert ihren Dienst übernehmen und gleichzeitig immer weniger Zeit bei der Mitgestaltung von Kirche bleibt. Anhand menschlicher Grundbedürfnisse betrachten wir im folgenden Text Praxen kirchlicher Jugendarbeit und suchen Grundrezepte sinnvoller Ministrantenpastoral vor Ort.

An manchen Tagen geht es in Pfarrheimen zu, wie in einem Taubenschlag. Während sich die jüngeren Ministranten von ihren Gruppenleitern verabschieden, bereiten die älteren geschäftig den Elternabend vor. Wer diese Stimmung erleben durfte, der weiß, welch positive Kraft auf die Gemeinde übergeht. Ministranten kommen gerne in den Gemeindehäusern zusammen. Sie erfahren Heimat, wenn sie sich willkommen und sicher fühlen, die Türen für kurzfristige Treffen offen stehen und Raum zum Entfalten ist. Wenn sie sich einmischen dürfen, spontane Ideen nicht von vornherein auf Ablehnung stoßen, dann gestalten sie das Pfarrleben gerne mit und prägen die Kultur der Kirchengemeinde. Regelmäßige Treffen bilden christliche Gemeinden und bedienen das Grundbedürfnis nach sozialen Beziehungen. Jugendliche brauchen Gleichaltrige, in deren Runde sie sich wohlfühlen. Erst wenn sie sich regelmäßig treffen, entsteht eine Gruppendynamik, die zur Festigkeit der Gruppe beiträgt. Man lernt sich kennen, teilt gemeinsame Erlebnisse, streitet und versöhnt sich. Daraus entwickelt sich eine tragende Gemeinschaft. Neben der Schule stehen Ministrantengruppen in Konkurrenz zu Angeboten freier Anbieter und der Vereine. Oft präsentieren sich diese professionell. Um sich ihrer Bedeutung im Klaren zu sein, ziehen sich viele Leiterrunden einmal im Jahr zur Klausur zurück. Verantwortliche vergewissern sich in diesem Rahmen ihrer Stärken und arbeiten die ganz eigene Qualität kirchlicher Gruppenarbeit heraus. Die Ergebnisse werden der Öffentlichkeit präsentiert, z. B. durch Stellwände in den Kirchen oder Beiträge in Ortszeitungen. Eine Qualität ist z. B. die überschaubare Gruppengröße. Dadurch können Ministrantenleiter individueller auf die Kinder eingehen, als dies im Schulunterricht möglich ist.
Wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, dann zerfallen Beziehungen. Gemeinsame Erlebnisse schaffen Geschichten. Noch viele Jahre nach dem sintflutartigen Regenguss im Zeltlager, dem großen Schwitzen bei der Ministrantenwallfahrt oder dem fast verpassten Flug zum Weltjugendtag werden diese Geschichten erzählt und im Laufe der Zeit ausgeschmückt. Man lacht und erinnert sich an die gemeinsam gemeisterte Krise. Dadurch entsteht Identität und Gruppenkultur. Anekdoten entstehen bei nicht alltäglichen Unternehmungen, die die Jugendlichen fordern. Jüngere Ministranten hören davon und wollen ein Teil der Erzählung werden. Leiter sollten daher den Raum schaffen, dass diese Geschichten weitergegeben und bewahrt werden.

Verantwortung übernehmen

Wie Papst Franziskus in seinem Nachsynodalen Schreiben „Christus vivit“ betont, sind „[…] die jungen Menschen selbst die in der Jugendpastoral Tätigen“ (Nr. 203) Das Prinzip „Jugend leitet Jugend“ ist eine wichtige Voraussetzung gelingender Jugendarbeit, damit Ministranten eine Freiheit erfahren, die sie in anderen Gruppen kaum erleben. Ein ehrlicher Austausch über persönliche Themen ist in diesen geschützten Kreisen möglich. Qualifizierte Gruppenleiter sind dafür Grundvoraussetzung. Wer Lust am Leiten hat, sollte außer dem passenden Alter eine fachliche Ausbildung erfahren. Dies schützt vor Frust und Überforderung. Neben den Inhalten erleben Gruppenleiter bei überpfarrlichen Gruppenleiterkursen, dass sie nicht alleine sind, sondern sich viele Jugendliche als Ministranten engagieren. Sie lernen andere Traditionen kennen, Ideen werden ausgetauscht und es entstehen Netzwerke. Die Rolle der Gruppenleiter ändert sich im Laufe der Entwicklung einer Gruppe. Vermitteln sie am Beginn den Kindern vor allem Inhalte, sind sie später mehr Moderator und Unterstützer. Eine gefestigte Persönlichkeit gehört daher zum Leiten, um sich auf die unterschiedlichen Anforderungen einstellen zu können.

Wertschätzung erfahren

Vieles ist in unseren Gemeinden zur Selbstverständlichkeit geworden. Doch ehrenamtliches Engagement ist beileibe nicht normal, sondern braucht Wertschätzung. Die Kirchengemeinde freut sich, wenn neue Kinder ihren Dienst antreten. Aufnahmefeiern, bei denen diesen gezeigt wird, wie sehr wir ihre Entscheidung schätzen, sind heute selbstverständlich. Später wird oft auf das Defizit gesehen. Dieser negative Blick verhindert Entwicklung. Ein wertschätzender Umgang untereinander, bei dem es nicht normal ist, dass Gruppenleiter Beiträge zu Fahrten selbst bezahlen müssen und Eltern einen Dank für ihren Hintergrunddienst bekommen, tragen zu einer positiven Atmosphäre bei. Letztendlich muss es eine Haltung der Gemeinde sein, die dankbar für den Dienst der Jugendlichen ist. Seelsorger sollten als gutes Beispiel in die Gemeinde wirken und diese ermutigen, ihre Dankbarkeit immer wieder in Wort und Tat auszudrücken.
In unseren Gemeinden herrscht manchmal das Motto: „Gib mir erst einmal deinen kleinen Finger, dann nehme ich mir den ganzen Arm!“ Diese Vereinnahmung schreckt ab. Jugendliche erfahren, dass Veränderungen zu ihrem Leben gehören. Feste Ämter und zu starke Bindungen an Verpflichtungen schränken die Flexibilität der jungen Menschen ein. Zeitlich begrenzte Aufgaben werden gerne übernommen, wenn deutlich wird, dass ich mich im Anschluss für weitere Arbeiten neu entscheiden kann.
Werden Ministranten am Ende ihrer Ministrantenkarriere ordentlich verabschiedet, zeigt dies Außenstehenden, dass das Aufhören nicht missbilligt, sondern die geleistete Tätigkeit wertgeschätzt wird. Auch wenn sich jemand nur zwei Jahre engagiert hat, muss dies gewürdigt werden. Oft erleben wir, dass Ministranten immer unregelmäßiger ihren Dienst übernehmen, bis sie gar nicht mehr erscheinen. Für ein „Auf Wiedersehen“ fehlte der Mut. Hauptamtliche fragen nicht nach, weil sie der Wirklichkeit nicht ins Auge sehen möchten. Doch was nützen Namen auf Listen, es geht um den Menschen – den Ministranten. Was bleibt, ist ein schlechtes Gefühl zwischen Jugendlichen, Eltern und Betreuern. Wie viel schöner wäre es, den geleisteten Dienst wertzuschätzen, sich für die Zeit zu bedanken und sich an gemeinsame Erlebnisse zu erinnern.

Eltern einbeziehen

Eltern müssen spüren, dass ihre Kinder in unseren Gruppen sicher sind. Dafür ist eine gute Beziehung zu ihnen wichtig. In der Erstkommunionvorbereitung wird sehr viel Zeit mit den zukünftigen Ministranten verbracht. Im Religionsunterricht, bei der außerschulischen Vorbereitung und in den Gottesdiensten entsteht eine Beziehung zwischen Kindern und Hauptamtlichen. Es wird gespielt, gelernt, erkundet, gebetet und das Vertrauen wächst. Bei den Eltern sieht die Beziehungsarbeit oft anders aus. Manchmal sind die einzigen Berührungspunkte der Erstkommunionelternabend, die korrigierte Religionsprobe, das kurze Gespräch nach dem Schülergottesdienst und die Elternbriefe. Wollen wir eine qualifizierte Ministrantenpastoral in der Gemeinde, sind die Eltern unsere wichtigsten Partner. Der Kontakt zu ihnen sollte nicht dem Zufall überlassen werden. „Welche Auswirkungen hat der Dienst auf den Alltag der Familie? Was wird von den Kindern erwartet, wenn sie sich entschließen, sich in der Gemeinde zu engagieren? Was können die Kinder in der Ministrantenarbeit lernen?“ – dies fragen sich Mütter und Väter, die selbst nicht bei den Ministranten waren. Verantwortliche sollten Antworten bieten. Durch eine bewusste Elternarbeit erfahren Eltern Unterstützung. Der Austausch über Erziehungsprobleme entlastet und Hilfe bei Notfällen schafft Erleichterung. In einigen Gemeinden haben sich Ministranten-Väter-Wochenenden etabliert. Väter verbringen Zeit mit ihren Kindern, z. B. beim Schlauchbootfahren. An diesen Tagen wird die Beziehung zwischen Vätern und Kindern, aber auch zwischen Betreuern und Vätern gefestigt. Regelmäßige Elternabende bringen Eltern immer wieder auf den gleichen Stand und helfen, Probleme frühzeitig anzusprechen und auszuräumen. Nicht vergessen sollte man all die Eltern, die Ministrantengruppen leiten. Ihnen ist es wichtig, dass ihre Kinder eine funktionierende Gruppenarbeit erleben. Dieser Einsatz darf nicht als „Notlösung“ betrachtet werden, bis es wieder Jugendliche gibt, die diesen Dienst übernehmen. Vielmehr sollten Verantwortliche dankbar sein für die Vielfalt, die die Ministrantenarbeit auch in diesem Bereich bietet.

Das Leben feiern

Ministranten kommen regelmäßig mit dem Wort Gottes, den Riten und Sakramenten der Kirche in Kontakt. Sie begleiten Menschen an den Knotenpunkten des Lebens. Bei der Taufe, Firmung und den Beerdigungen sind sie dabei. Sinnfragen klingen dadurch an. Verantwortliche sollten immer wieder Räume schaffen, damit die Erlebnisse ins Wort gefasst werden können. Bei Besinnungswochenenden können Glaubens- und Lebensthemen angesprochen und Glaubenszweifel geäußert werden. Methoden müssen mit Bedacht gewählt werden, damit die Ministrantenarbeit nicht zur Verlängerung des Schulunterrichtes wird. Oft reicht es aus, den passenden Rahmen zu schaffen. So kommen beim Lagerfeuer die Sinnfragen nach „dem Woher und dem Wohin“ oft automatisch auf. Gruppenleiter sind in diesen Fällen Glaubenszeugen.
Ministranten sind Profis in der Eucharistie, bei Sakramentalien, Wortgottesfeiern und Andachten – kurz gesagt, bei allen liturgischen Vollzügen. Sie sind routiniert in der praktischen Handlung und wissen über den Sinn ihres Dienstes. Dabei darf es aber nicht bleiben. Es sollte immer wieder thematisiert werden, welche Auswirkungen diese Feiern auf ihren Alltag haben. Methoden wie „Switch“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart können beim Erfahren der Bedeutung für ihr Leben helfen. Das Mitfeiern des Kirchenjahres hat Auswirkung auf das Leben der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Nicht umsonst betont Papst Fran ziskus, wenn er in Christus vivit (Nr. 224) schreibt: „Es ist wichtig, die geprägten Zeiten des Kirchenjahres zu nutzen, […] welche die Routine unterbrechen und helfen, die Freude des Glaubens zu erfahren.“ All dies hilft, sich wieder neu auszurichten und durch das Leben, das Evangelium lebendig werden zu lassen.
Oft erleben Jugendliche nach der Schule eine Orientierungslosigkeit. Im Schulalltag bleibt nur wenig Zeit, sich Gedanken über die zukünftige Ausbildung oder das Studium zu machen. Die Ministranten beschäftigen sich in den Gruppen immer wieder mit der Frage: „Welche Fähigkeiten und Talente habe ich und wie kann ich diese einsetzen?“ Jugendpastoral bietet einen Beitrag, dass die jungen Menschen ihren Platz in der Gesellschaft finden. Ministrantenpastoral ist immer auch Berufungspastoral. Dabei geht es nicht darum, die Jugendlichen in eine Richtung zu drängen, sondern ihnen Möglichkeiten anzubieten, ihren Weg zu finden und damit ein glückliches und sinnvolles Leben zu führen. Schließlich kann in den Ministrantenrunden ein Rahmen geschaffen werden, in dem die Jugendlichen auf Gottes Ruf hin sensibilisiert werden und „den Ruf zum Leben, den Ruf zur Freundschaft mit [Jesus], den Ruf zur Heiligkeit […]“ (Christus vivit, Nr. 248) erfahren können.

Den Einzelnen sehen

Bei allen Überlegungen, die wir in der Ministrantenpastoral anstellen, muss es immer um den jungen Menschen gehen. Ziel darf nicht die Masse sein, sondern dass die Einzelnen mit Gott in Berührung kommen. Franziskus schreibt dazu an die Jugendlichen: „Ich möchte, dass ihr wisst: Wenn der Herr an jeden Einzelnen denkt, an das, was er ihm schenken könnte, so denkt er an ihn als seinen persönlichen Freund. […] Nicht weil das, was er dir geben will, ein außerordentliches oder seltenes Charisma ist, sondern weil es genau auf deine Bedürfnisse zugeschnitten sein wird, zugeschnitten auf dein ganzes Leben.“ (Christus vivit, Nr. 288)
Wir dürfen nicht vergessen, dass Ministranten keine anderen sind, als die, die wir in unseren Schulen begleiten. Auch wenn sie ihr Ministrantengewand überziehen, sind darunter Kinder unserer Zeit. Viele Jugendliche leiden unter dem Schulsystem. Der Alltag ist geprägt von Anpassung, Disziplin und Leistung. Hier kann die pfarrliche Jugendarbeit einen Ausgleich schaffen. Ministranten sind keine Kunden, die beschäftigt werden müssen. Sie sind keine Objekte, an denen gehandelt wird. Auch sind sie keine reinen Funktionsträger. In erster Linie sind sie Menschen, die gemeinsam mit anderen Menschen Gemeinde bilden. Wir sollten uns die Frage Jesu zu eigen machen: „Was willst du, dass ich dir tue?“ (Mk 10,51), damit wir ihnen bei der Suche nach einem Leben in Fülle helfen können. Es ist genau zu überlegen, wie ihnen die Botschaft hilft, damit sie die Freiheit unseres Glaubens erfahren können und wie ihr Beitrag zum Aufbau des Reiches Gottes aussehen kann.
Wo Gemeinden Ministranten wertschätzen, ihnen Räume für die Sinnfragen ihres Lebens schenken, ihnen Mitbestimmung und Einfluss geben, sie fördern und fordern, wo Gemeinschaft unterstützt wird, da wird es trotz Veränderungen aktive Ministranten geben, die sich auch zukünftig gerne in unseren Gemeinden einsetzen.

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