Zu einem Neuansatz in der FirmpastoralMitarbeit am Reich Gottes

Fazit

Die Wiedergewinnung des Bezugs auf das Reich Gottes kann die Theologie wie auch die Vorbereitung auf das Firmsakrament inhaltlich profilieren. Damit wird Jugendlichen ein Kriterium vorgelegt, das ihre Entscheidung für das Sakrament klarer konturiert. Wer auf ein Sakrament sich einlässt, muss auch wissen, worauf er oder sie sich einlässt.

Jeder, der sich im Bereich der Sakramentenpastoral bewegt, weiß ein traurig Lied zu singen. Gewiss ist es richtig, dass es reichlich Grund zur Klage gibt. Die Klagen finden sich weniger bei jenen, die diese Pastoral reflektieren, als bei jenen, die in ihrem Vollzug wesentlich mitwirken. Ein Großteil der Verantwortlichen in den Pfarreien, Gemeinden oder welchen kirchlichen Bezugsgrößen auch immer, sind davon betroffen. Selten allerdings findet dies einen öffentlichen Ausdruck. Ein solch seltener Fall ist der des Münsteraner Pfarrers einer nicht unbedeutenden Stadtpfarrei, der vor etwa zwei Jahren öffentlich seinen Antrag auf Beurlaubung unter dezidiertem Hinweis auf seine leidvollen Erfahrungen in der Sakramentenpastoral begründete. Er inspirierte damit eine lebhafte Diskussion weit über Münster hinaus mit zum größten Teil zustimmenden und seine Entscheidung unterstützenden Positionen. Das wiegt umso schwerer, als dieser Pfarrer von vielen als besonders inspirierend, ideenreich und theologisch gebildet beschrieben wird.
Es gibt allerdings noch eine zweite Beobachtung – und die interessiert die Pastoraltheologie nicht minder: Sowohl in der unmittelbaren Sakramentenpastoral wie auch in der Sakramententheologie lässt sich eine Spur nur sehr schwer auffinden, die doch für die Theologie zentral ist (oder es wenigstens sein müsste): die Spur des Reiches Gottes. Für die gesamte Theologie seien hier nur zwei Hinweise erlaubt: a) Im „Katechismus der katholischen Kirche“ in der Ausgabe von 1993 findet das Reich Gottes überhaupt keine Aufnahme in das Register, in den späteren Auflagen findet sich ein Bezug zum Reich Gottes nur in dem Kapitel über Jesus Christus und ganz beiläufig unter jenem über den Heiligen Geist. b) In der breit angelegten Studie zur Eschatologie von Joseph Ratzinger wird unter dem Stichwort „exegetischer Befund“ über 20 Seiten an keiner einzigen Stelle ein Hinweis zum Reich Gottes angeführt.
Auch in den geläufigen Materialien zur Sakramentenpastoral – und das betrifft alle Sakramente, die intensiv vorbereitet werden – finden sich Hinweise auf das Reich Gottes eher beiläufig, wenn denn überhaupt. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber der Mainstream der Materialien markiert hier einen Totalausfall.
Dies irritiert umso mehr, als spätestens seit Evangelii nuntiandi die Orientierung am Reich Gottes zentral für die Frage der Evangelisierung ausgegeben und damit lehramtlich, zumindest im Range einer Enzyklika, aufgegriffen wurde (vgl. EN 8–14). Auch angesichts des biblischen Befundes muss dies irritieren. Schließlich stellt die Verkündigung des Reiches Gottes die entscheidende, zentrale Aussage der Botschaft Jesu insgesamt dar. Es ist daher unabdingbar, sich dieser zentralen Orientierung am Reich Gottes zu stellen. Insbesondere eine biblische Aufarbeitung der inhaltlichen Struktur des vor allem bei den Synoptikern behandelten Reiches Gottes ist ein wichtiger Schritt. In allen drei gesellschaftlichen Praxisfeldern der Ökonomie, der Politik und der Kultur/Religion lassen sich wichtige Erkenntnisse zur inhaltlichen Präzisierung der Reich-Gottes- Perspektive finden und für heutige Herausforderungen fruchtbar machen. Aber auch die eschatologisch- 19 apokalyptische Dimension hat auch heute noch eine theologisch nicht zu überschätzende Bedeutung.
Auf die Sakramente hin übertragen könnte man sagen: Sakramente sind Vorschein, reale Antizipation der Hoffnung auf das Reich Gottes im Modus des noch Ausstehenden. Jenseits der dogmatischen Distinktionen zu Form und Materie gewinnen die Sakramente praktisch-theologisch ihre besondere Bedeutung in der sinnlichen Wahrnehmung des Reiches Gottes im jeweiligen Sakrament. Das, was als Reich Gottes erhofft wird, wird im Sakrament auf je spezielle Weise auch schon ansatzhaft erfahrbar.
Wenn dies stimmt, dann ist auch im Sakrament der Firmung der Bezug zum Reich Gottes nicht nur herzustellen, sondern auch zugleich sichtbar zu machen, dass im Sakrament selbst ein Vorschein des Reiches Gottes zu erfahren ist. Eine erste Sichtung soll dabei unter Bezug auf die Liturgie der Firmung erfolgen, genauer: unter Bezug auf die Herabrufung des Geistes durch den Bischof.

Biblische Bezüge

Unmittelbar vor der Spendung der Firmung wird im Gottesdienst durch den Bischof um die Gaben des Geistes für die Firmbewerberinnen und Firmbewerber gebetet.
„Wir bitten dich, Herr, sende ihnen den Heiligen Geist, den Beistand. Gib ihnen den Geist der Weisheit und der Einsicht, des Rates, der Erkenntnis und der Stärke, den Geist der Frömmigkeit und der Gottesfurcht.“
Dieses Gebet um die Gaben des Geistes rekurriert auf einen Text in der Hebräischen Bibel, dem messianischen Text in Jes 11. Protojesaja hatte in der Krisensituation des achten Jahrhunderts gegen die Macht- und Reichtumsakkumulation der herrschenden Oberschicht opponiert, die Mechanismen der Verarmung − vor allem aufgrund der Verschuldungsproblematik − erkannt und angeprangert, die auf Großmachtbestrebungen ausgerichtete Bündnispolitik des Königs Achaz kritisiert und den Zusammenhang mit dem JHWH-Glauben hergestellt. Seine grundlegende Alternative, die in der Tradition des Exodusglaubens stand, lautete: JHWH oder militärische Macht. In diesen gesellschaftlichen Konstellationen muss Jes 11 interpretiert werden. Wie stark diese Hoffnung auf einen Neuanfang, einen neuen Geist, auf den Retter, den Messias war und wie stark sie sich von den Wünschen der Herrschenden unterschied, wird an drei Texten sichtbar, die ganz in dieser Tradition stehen und insofern als Sachparallelen gelten können, nämlich der ebenfalls in messianischer Tradition stehende Text Sach 9 und die sogenannte Antrittsrede Lk 4,14–21. Beide Texte haben für das Verständnis von Heiligem Geist eine tragende Funktion. In Sach 9 wird eine neue Perspektive eingetragen, insofern die Befreiung nun nicht mehr allein für das Volk Israel reklamiert, sondern universalisiert wird und für alle Völker gilt, die unter politischer Fremdherrschaft leiden oder die generell Opfer von Herrschaft sind. Für Christinnen und Christen erweist sich Jesus von Nazareth als Repräsentant dieser Königsherrschaft Gottes, wenn er, ganz in der Tradition Sacharjas stehend, ins Zentrum der ökonomischen, politischen und ideologisch-kulturellen Macht Jerusalem auf einem Esel, nicht auf einem Pferd, einzieht (vgl. Mt 21,5). Der Geist Gottes, der Jesus von Nazareth für Christinnen und Christen in besonderer Weise sichtbar macht, ist der Geist, von dem bereits zu Beginn seines öffentlichen Auftretens die Rede ist; in ihm wird erkennbar, „wes Geistes Kind“ er ist, aus welchem Geist er lebt, welcher ihn prägt. Im Synagogengottesdienst in Nazareth schlägt er das Buch Jesaja auf, in dem es heißt:
„Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ (Lk 4,18f.)
In diesem Geist wird die Kontinuität zu Tora und Prophetie sichtbar. Wird in dem Gebet um die Gaben des Geistes zwar sehr inhaltsreich, aber doch auch sehr subtil sichtbar, auf welchen Geist Christinnen und Christen sich berufen und verpflichten, welchem Geist sie gehorchen, so ist im strengen Sinne der gesamte Gottesdienst in einer ähnlichen Struktur aufgebaut, dass sichtbar wird, mit welchem Geist Menschen, die gefirmt werden, ausgestattet sind, etwa wenn sie im Glaubensbekenntnis gefragt werden, ob sie bereit sind, aus dem Geist Gottes zu leben. In der Salbung mit Chrisam stellen sich die nun Gefirmten bewusst in die Tradition mit dem Gesalbten, Χριστός, und machen darin deutlich, dass das Einstehen für Recht und Gerechtigkeit noch immer das zentrale Korrektiv gegenüber den Plausibilitäten der Herrschenden und für Christinnen und Christen den „Preis unserer Orthodoxie“ (Synodenbeschluss „Unsere Hoffnung“) darstellt.

Herausforderungen

Setzen sich junge Menschen diesen Herausforderungen aus? Lassen sie ihre eigene Wahrnehmung durch die biblische Option für die Opfer der Geschichte schärfen? Gelingt es, eine Vermittlung ihrer eigenen Lebenswelt mit der kontrafaktischen Option für die Opfer vorzunehmen? Immerhin legt das Gebet um die Gaben des Geistes es nahe, Unterscheidungsmöglichkeiten bereitzustellen, denn nach diesem Gebet brauchen wir:

  • die Gabe der Erkenntnis, um Geist und Ungeist, Gott und Götzen, Wirklichkeit und Schein, Wahres und Falsches unterscheiden zu können,
  • die Gabe der Gottesfurcht, um immer wieder uns des Gottesgedankens zu versichern, die Hoffnung auf sein Reich zu erinnern, die Geschichte Israels zu vergegenwärtigen, die Praxis Jesu wahrzunehmen, in denen uns der Geist Gottes als Geist der Befreiung begegnet,
  • die Gabe des Rates, um in schwierigen Situationen richtig entscheiden zu können,
  • die Gabe der Frömmigkeit, um in einen Prozess der Kommunikation und der Communio einzutreten, in denen der Geist Gottes Richtschnur unserer gegenseitigen Behandlung wie auch unserer Weltwahrnehmung ist,
  • die Gabe der Einsicht, um deutlich erkennen zu können, unter welchen Mechanismen Menschen heute leiden, welche Strukturen Menschen unterdrücken und ausbeuten, wodurch Unfriede und Gewalt gestützt werden, was unsere Schöpfung bedroht, um Spuren einer möglichen Alternative sehen und entwickeln zu lernen,
  • die Gabe der Weisheit, um zu erkennen, was im Leben wichtig ist, worauf es ankommt, was dem Leben Sinn und Orientierung gibt,
  • die Gabe der Stärke, um uns auf die Seite der Opfer der Geschichte zu stellen und Handlungsräume zu eröffnen, die jetzt schon sichtbar machen, dass das Reich Gottes und der Geist Gottes nicht bloße Utopie oder Träumerei sind.

Die Firmpastoral, das zeigen diese kurzen Andeutungen möglicher Konsequenzen, bietet ein deutliches Abarbeitungsprofil und stellt an die Firmbewerberinnen und Firmbewerber wie auch an die sie Begleitenden große Anforderungen.

Ausblick

Firmpastoral muss sich diesen stellen und zugleich die Fragilität gelingenden Lebens in die Vorbereitung auf dieses Sakrament mit aufnehmen. Sie muss also in den einzelnen Elementen immer der Situation von Jugendlichen Rechnung tragen, indem sie sehr vielfältige kognitive Prozesse genauso bereitstellt wie sehr unterschiedliche Handlungsformen. Sie muss vor allem immer in der Lage sein, sehr schnell und kreativ auf die lebensweltlichen und persönlichen Verhältnisse von Jugendlichen zu reagieren. Neben diesen eher subjektorientierten Variationsmöglichkeiten aber wäre die Wahrnehmung genereller Unsicherheit ein wichtiger Punkt, dennoch angesichts pluraler und multioptionaler Grunderfahrungen Jugendlicher an der Findung tragfähiger Positionen zu arbeiten, aber auch der Ungewissheit genereller Sinnkonstruktionen Rechnung zu tragen.
Es scheint zwar, als neigten viele Jugendliche zu einer großen Bereitschaft, der Behauptung von Sinn schnell, manchmal auch zu schnell zu vertrauen und auf diese sich einzulassen; zugleich aber ahnen sie, dass gerade diese Behauptungen problematisch sind, dass ihnen gegenüber Skepsis notwendig ist. Sie ahnen dies vor allem aber auch, weil in ihrer Lebenssituation zum ersten Mal ein reflektiertes Verständnis für die Nichtidentität menschlichen Lebens entsteht. Die Erfahrungen realen Unrechts, von Gewalt und vielem mehr – selbst wenn dies nicht im eigenen Erlebnisbereich stattfindet – straft jede Behauptung vollendeten Sinns Lügen. Dem muss auch die Firmvorbereitung sich stellen. Recht verstanden macht sie dies freilich schon von Anfang an, denn die Gaben des Geistes sind ja Unterscheidungskriterien, die auf Situationen sich beziehen, die gerade in Unterschieden Orientierung und Entscheidung ermöglichen sollen. Es macht geradezu die Stärke einer biblisch orientierten Firmpastoral aus, die realen Situationen nicht gleichsam theologisch zu nivellieren und damit ideologische Glättungen angesichts der Risse und Schründe dieser Welt vorzunehmen, sondern sie zuzulassen, sich an ihnen abzuarbeiten und gemeinsam mit Jugendlichen Perspektiven einzunehmen, in denen diese Risse und Schründe in einem anderen Licht erscheinen, und ihnen Handlungsalternativen entgegenzusetzen.
In diesen leuchtet etwas auf, was als Möglichkeit gelungenen Lebens bezeichnet werden kann. Gerade an der Schwelle zu einem erwachsenen Dasein ist dies eine enorm wichtige Dimension. Diese Möglichkeit aber ist immer auch bedroht. Für Jugendliche in der Vorbereitung aber dürfte es sehr wichtig sein, diese Möglichkeit zu erleben, Alternativen zum Bestehenden zu entdecken und weiterzuentwickeln. Angesichts einer gesellschaftlichen Mentalität der Alternativlosigkeit ist die Herausarbeitung von Möglichkeiten eine extrem wichtige und produktive pädagogische Herangehensweise, die ihre tiefere Bedeutung im Rahmen der Firmvorbereitung durch eine theologische Begründung bekommt, die gleichfalls darauf abhebt, dass das, was ist, nicht alles sein könne, dass es anders werden möge, dass es aber dazu Menschen braucht, die in die realen Verhältnisse sich einmischen, wohl wissend, dass alles, was sie in der Firmvorbereitung auch praktisch verwirklichen, nicht schon das Ganze sein kann, was es erst wäre, wenn das Reich Gottes wirklich kommt. Bis dahin aber bleibt auch das Firmsakrament ein Vorschein des Reiches Gottes und hält gegen alle Behauptung der Alternativlosigkeit die Möglichkeit fest.

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