Ein Leben im Kontext seiner ZeitMartin Luther (1483–1546)

Jahrhunderte lang bestimmte das Urteil des Johannes Cochlaeus das negative Bild Martin Luthers in der katholischen Geschichtsschreibung. Seit Joseph Lortz wird der Reformator positiver beurteilt. In den letzten 50 Jahren ist das Verständnis für den geistlichen und theologischen Weg Luthers ebenso gewachsen wie eine differenziertere Bewertung seiner Persönlichkeit im Kontext des Umbruchs vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit. Im Umfeld der 500-jährigen Erinnerung an den Beginn der Reformation kommen deshalb die bleibenden Leistungen und die zeitbedingten Defizite der Reformation in ein größeres Gleichgewicht.

Martin Luther wurde am 10. November 1483 in Eisleben geboren. Die Grafschaft Mansfeld befand sich durch den Kupferbergbau in einem wirtschaftlichen Aufschwung. Der Vater profitierte davon. Als Hüttenmeister gehörte er zur aufstrebenden Mittelschicht. Ausgrabungen unter dem Elternhaus belegen den bescheidenen Wohlstand und die Vielfalt der Hausgeräte. Der Sohn besuchte die Schulen in Mansfeld, Magdeburg und Eisenach. 1501 begann Martin das Studium in Erfurt, das er 1505 mit dem Titel des „Magister Artium“ abschloss. Auf Wunsch des Vaters schloss sich das Jurastudium an. Doch bereits nach wenigen Wochen brach er nach einem erschütternden Erlebnis dieses Studium ab und trat in das Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt ein.
In der folgenden theologischen Ausbildung, die 1507 mit der Priesterweihe und 1509 mit dem Erwerb des biblischen Bakkalaureus in Wittenberg endete, empfing Luther seine geistigen Prägungen. Die Forschung ist sich mittlerweile einig darüber, dass Luther in dem breiten Strom der Theologie und Frömmigkeit des späten Mittelalters seine wesentlichen Anregungen empfangen hat, wenn auch selektiv. Wilhelm von Ockham in der Vermittlung der Tübinger (Gabriel Biel) war ihm wichtiger als Thomas von Aquin. Seinen Ordensvater Augustinus zog er Thomas von Aquin vor. An der Ablasspraxis und Reliquienverehrung störte er sich auch auf einer Romreise nicht, wohl aber am Sittenverfall in der Stadt der Renaissancepäpste. Wichtige Impulse bezog der Magister aus der Mystik und der niederländischen „Devotio moderna“, besonders aber von Bernhard von Clairvaux.

Die reformatorische Entdeckung

Seit 1511 war er wieder in Wittenberg, wo er an der sächsischen Landesuniversität zunächst den Doktor der Theologie erwarb. 1512 übernahm er den biblischen Lehrstuhl. Seine ersten Vorlesungen galten den Psalmen und den Paulusbriefen.
Innerhalb der ersten Jahre seiner theologischen Lehrtätigkeit vollzog sich bei Luther die Wandlung zum Reformator. Es ging um die Frage der Rechtfertigung des Menschen vor Gott. In der spätmittelalterlichen Frömmigkeit war es zu einer einseitigen Betonung des Gerichtsgedankens gekommen. Das zweischneidige Schwert im Munde Christi, des Weltenrichters, wie es u. a. auf dem Friedhof der Stadtkirche zu Wittenberg dargestellt war, sollte einseitig den Gerichtsgedanken zum Ausdruck bringen. Die Schrecken des Jüngsten Tags und der Zorn Gottes wurden vielfach bildlich dargestellt. Die Angst vor dem strafenden Zorn Gottes musste umso schlimmer wirken, je mehr die Erfahrung der menschlichen Sündhaftigkeit („concupiscentia“) dazukam. Besonders die Interpretation von Röm 1,17 („Denn im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie es in der Schrift heißt: Der aus Glauben Gerechte wird leben.“) bereitete Luther Schwierigkeiten. Er verstand „Gerechtigkeit“ als aktiv und zürnend, nach der Gott als Gerechter den Sünder straft, bis er sie als passiv verstehen lernte, nach der Gott es ist, der den Menschen gerecht macht.
Diese Erkenntnis, die übrigens in der Exegese des Mittelalters bereits vertreten worden war und deshalb keineswegs eine Neuentdeckung Luthers darstellt, wird auch als „Turmerlebnis“ bezeichnet, weil Luther selbst in den Tischreden darauf zu sprechen kommt. Wann sich dieser Durchbruch vollzog, darüber besteht in der Forschung Uneinigkeit. Ging die ältere Forschung von einer Frühdatierung (zwischen 1511 und 1515) aus, so neigt man heute eher dazu, den reformatorischen Durchbruch nach dem Ablassstreit anzusetzen. Auf jeden Fall nimmt die Rechtfertigungslehre eine Schlüsselfunktion in der lutherischen Theologie ein. Der Mensch wird vor Gott durch den Glauben gerecht. Dadurch erhält er als „Gerechter und Sünder“ („simul iustus et peccator“) ein neues Sein. Entscheidend für Luther ist der Glaube, nicht die Werke. Letztere dürfen nicht isoliert gesehen werden, sondern müssen in ihrer Hinordnung auf den Glauben und als Frucht des Glaubens interpretiert werden.

Der Ablassstreit

Neben der theologischen Erkenntnis war es noch ein äußeres Ereignis, das die Entwicklung Martin Luthers zum Reformator beförderte. Es geht um den Ablass, der im 11. Jahrhundert im Zusammenhang mit den Kreuzzügen und den Heiligen Jahren (ab 1300) entstand. Der Portiuncula-Ablass, verbunden mit einem beliebig häufigen Besuch einer Kirche, war der nächste Schritt. Er führte hin zu den massenhaften Ablässen für riesige Reliquiensammlungen. Die größten befanden sich in sächsischem Gebiet. In Wittenberg besaß Kurfürst Friedrich der Weise annähernd 19 000 Partikel von Heiligen, in Halle Erzbischof Albrecht von Brandenburg im Jahre 1520 insgesamt 8133 Partikel und 42 ganze Heiligenkörper, die er in einem Jahr auf 21 441 Partikel und 42 Körper steigern konnte. Zur Zeit Luthers war der Ablass auch Teil von Geschäften zur Finanzierung von Kirchenbauten. 1507 hatte Julius II. einen Ablass zur Finanzierung des Neubaus der Peterskirche ausgeschrieben, der von Leo X. erneuert wurde. Rom suchte nun nach Gelegenheiten, diesen Ablass verkünden zu dürfen. Die Gelegenheit bot sich, als 1514 Albrecht von Brandenburg, der im Jahr zuvor mit 23 Jahren Erzbischof von Magdeburg und Administrator von Halberstadt geworden war, auch zum Erzbischof von Mainz postuliert wurde. Für den Erwerb dieses Bistums musste er eine Dispensgebühr nach Rom zahlen. Die Kurie gestand Albrecht zu, die Hälfte des Erlöses durch die Ablasseinnahmen selbst behalten zu dürfen, um seine Schulden beim Bankhaus Fugger zurückzahlen zu können. Die Ablassinstruktion, mit der Albrecht von Brandenburg die Kampagne begleitete, war theologisch im Wesentlichen korrekt. Reißerischer stellte sich die Predigt dar, mit der die Ablassprediger, in unserem Fall der Dominikaner Johann Tetzel (1465–1519), die Verkündigung begleiteten.
Mit dieser Ablasspraxis kam Luther als Seelsorger im Beichtstuhl in Kontakt. Seine Reaktion darauf war eine wissenschaftliche. Am 31. Oktober 1517 richtete er einen Brief an Erzbischof Albrecht von Brandenburg, in dem er ihn zur Änderung der Predigtweise aufforderte. Diesem Brief legte er die berühmten 95 Thesen bei – ob sie auch an die Tür der Wittenberger Schlosskirche angeschlagen wurden, ist eher zweifelhaft. Durch die Ablassthesen wurde Luther schlagartig zu einem berühmten Mann. Innerhalb weniger Wochen wurden sie ohne Wissen des Verfassers an mehreren Orten des Reichs nachgedruckt. Es trat das ein, was Luther selbst in seinem Brief an Albrecht noch als Drohung beigefügt hatte: „Dann könnte es so weit kommen, daß einer aufsteht, der durch seine Bücher die Ablaßprediger sowohl als auch die Instruktionen öffentlich widerlegt – zur höchsten Schande Eurer erlauchten Hoheit. Davor graut mir in tiefster Seele, und doch fürchte ich dies für die nächste Zukunft, wenn nicht eilends Abhilfe geschaffen wird.“

Theologische Profilierung

Bereits im Dezember 1517 hatte Erzbischof Albrecht Luther in Rom wegen Verbreitung neuer Lehren angezeigt. Auch der Orden des Dominikaners Tetzel schloss sich dieser Anklage an. Doch in Rom regte man sich zu dieser Frage noch nicht. In der Auseinandersetzung jedoch profilierte sich der Theologe Martin Luther.
Anlässlich des Kapitels der Augustiner in Heidelberg stellte Luther für eine Disputation am 26. April 1518 28 Thesen auf, die von der Unfähigkeit des Menschen zum Guten, von der Ohnmacht des freien Willens und von der Rechtfertigung aus dem Glauben allein handeln.
Vom 12. bis 14. Oktober 1518 fand ein Verhör durch Kardinal Cajetan in Augsburg statt. Luther wurde zum Widerruf aufgefordert. Dieser versicherte seine Treue zur römischen Kirche. Widerrufen könne er jedoch nur, wenn er mit Argumenten aus der Heiligen Schrift widerlegt werde. Er appellierte an den Papst und am 28. November 1518 an ein allgemeines Konzil. Für Cajetan zielten Luthers Vorstellungen darauf ab, „eine neue Kirche zu bauen“.
Der Appell an ein Konzil wurde von Luther selbst bald wieder in Frage gestellt. Auf der Leipziger Disputation vom 27. Juni bis 16. Juli 1519 mit dem Ingolstädter Theologieprofessor Johann Eck (1486–1543), seinem wichtigsten Gegenspieler von da an, ließ er sich zu der Aussage hinreißen, auch Konzile könnten irren und hätten geirrt. Die Heilige Schrift galt ihm von da an als einzige Quelle des Glaubens und als Richtmaß („sola scriptura“).
1520 brachte den öffentlichen Durchbruch Luthers. Durch den Buchdruck hatte er ganz neue Möglichkeiten der Propaganda. Eine Reihe von wichtigen Programmschriften verdeutlichte seine Lehre von der Kirche, über die Vollmacht von Papst und Bischöfen, über die Sakramente sowie das Verhältnis von Glaube und Werken.
In der Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ (August 1520) lehnte er die Überordnung der geistlichen über die weltliche Gewalt, das Lehramt des Papstes und die Konzilien ab. Er betont das allgemeine Priestertum: „Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, daß es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei.“
„Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ handelt von den Sakramenten. Luther lässt nur noch Taufe, Abendmahl und mit Einschränkungen die Buße als Sakramente gelten. Der Laienkelch wird gefordert. Die Lehre von der Transsubstantiation wird als bloße Schulmeinung ohne Verpflichtungscharakter bezeichnet. Er selbst hält jedoch an der wahren Gegenwart Christi im Sakrament fest. Die Auffassung der Messe als Opfer wird aber abgelehnt.
Eine Summe des christlichen Lebens bietet die Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (November 1520).
Mit den drei großen Schriften von 1520 sind die theologischen Koordinaten der lutherischen Reformation festgezurrt: Zentral ist die Rechtfertigung aus dem Glauben allein (sola fide), durch Gottes Gnade (sola gratia), nicht durch gute Werke. Wohl sind diese der Erweis eines Lebens aus dem Glauben. Die christologische Zentrierung zeigt sich in der Berufung auf die Bibel als einzige und letzte Glaubensinstanz (sola scriptura). Im nominalistischen Sinn, nach dem es keine Universalbegriffe, sondern nur individuelle Einzeldinge geben könne, sah Luther die Kirche nicht mehr als „mystischen Leib Christi“, sondern in ihrer Reformbedürftigkeit, die aber nicht durch das Papsttum, sondern nur durch eine repräsentative Konzilsversammlung gelöst werden könne. Der Appell an ein Konzil war gleichzeitig die Absage an den Papst, der für Luther zum Antichrist mutierte.

Getriebener Reformer

Nach der theologischen Grundlegung ging es in den Folgejahren um die konkrete Reform. Luther, nach dem Reichstag von Worms 1521 ein Geächteter, übersetzte auf der Wartburg das Neue Testament. In Wittenberg und anderen Orten hatten radikalere Kräfte das Heft in die Hand genommen. Luther selbst trat mehr und mehr in den Hintergrund.
1525 heiratete Luther Katharina Bora, eine ehemalige Zisterziensernonne, die bereits seit einigen Jahren im Haushalt des Malers Cranach in Wittenberg lebte. Die Betroffenheit über diesen Schritt und die Enttäuschung über Luthers Haltung zu den Bauernaufständen führten dazu, dass einerseits die Fürstenreformation einen Aufschwung nahm, andererseits der sogenannte „linke Flügel“ der Reformation gestärkt wurde. Eine weitere Enttäuschung bereitete schon den Zeitgenossen Luthers Haltung zu den Juden. In der Tradition des spätmittelalterlichen Antijudaismus sah Luther die Verstocktheit der Juden, deren Ablehnung der Zugehörigkeit zum Christentum bei ihm in seinen späteren Jahren zu immer gröberen Ausdrücken und zum Hass führte. Seine Beschimpfungen der Juden stehen in einer Reihe mit ähnlichen Äußerungen gegenüber den Muslimen und haben ihre Spitze im Grobianismus gegen den Papst und die römische Kurie.
1546 starb Martin Luther in seinem Geburtsort Eisleben, der ebenso wie Wittenberg bis heute den in der DDR-Zeit verliehenen Beinamen „Lutherstadt“ trägt.

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