Rezensionen: Politik & Gesellschaft

Dischereit, Esther (Hg.): Hab keine Angst, erzähl alles! Das Attentat von Halle und die Stimmen der Überlebenden.
Freiburg: Herder 2021, 272 S. Gb. 20,–.

 Am 9.10.2019 hatte sich die jüdische Gemeinde von Halle zusammen mit Gästen aus Berlin zu Jom Kippur in der Synagoge versammelt, als ein Attentäter einen Anschlag auf sie verübte. Da es ihm nicht gelang, in die Synagoge einzudringen, ermordete er die Passantin Jana L., bedrohte weitere Menschen und hielt schließlich vor dem nahe gelegenen Kiez-Döner. Dort erschoss er einen jungen Mann, Kevin S., weil er wie ein „Nahöstler“ aussah. Auf seinem weiteren Fluchtweg hinterließ er eine mörderische Spur. Es war der Robustheit der Eingangstür zur Synagoge, dem Versagen der selbstgebastelten Waffen, dem beherzten Einschreiten eines Taxifahrers sowie anderen Umständen zu verdanken, dass insgesamt 66 Menschen das Morden überlebten.

Esther Dischereit, Lyrikerin, Essayistin, Dozentin an diversen Universitäten von Wien bis in den USA, verfolgte 2020 das Gerichtsverfahren gegen den Attentäter von Halle. In dem vorliegenden Band sammelt sie die Stimmen der Überlebenden, die Plädoyers der Nebenklagevertreterinnen und -vertreter sowie die Stellungnahmen der Sachverständigen. Der Titel ist der Aussage von Rabbinerin Rebecca Blady entnommen (60-69). Sie war für quälende Stunden in der verbarrikadierten Synagoge von ihrer kleinen Tochter getrennt, die sich mit der Babysitterin in der Stadt aufhielt. Die Erfahrung der Trennung rief das transgenerationell wirkende Trauma ihrer Familie in ihr auf. Ihre in den USA lebende Großmutter, Holocaust-Überlebende, war von Dr. Mengele von ihrer Mutter getrennt worden, bevor sie nach Birkenau deportiert wurde. „Erzähl alles, habe keine Angst“, ermutigte die Großmutter am Tage vor der Aussage ihre Enkelin: „Meine Großmutter hatte nie die Möglichkeit, vor einem deutschen Gericht auszusagen. Und heute habe ich diese Möglichkeit. Und ich will, dass das Gericht weiß – auch wenn die Shoa vorbei ist –, die Auswirkungen sind nicht vorbei“ (64).

Die vorliegende Textsammlung gewährt einen tiefen Einblick in die Dimensionen, die durch die grauenhafte Tat eines antisemitisch-fremdenfeindlich motivierten Täters berührt sind, und zwar aus der Perspektive der Überlebenden. So erschließt sich, dass man dem Vorgang nicht gerecht wird, wenn man ihn bloß als die Tat eines Einzeltäters einschätzt. Es wird gleichfalls deutlich, dass Antisemitismus alle angeht. Die mörderische Spur, die der Täter hinterlässt, beschränkt sich nicht auf die Synagoge. „Wieso stört euch unser Glaube?“ fragt der muslimische Kiez-Döner-Betreiber Ismet Tekin (36-38). Und der 20 Jahre alte Kevin S. hatte gerade im Fan-Club des Halleschen Fußballclubs HFC einen wichtigen Ort der sozialen Zugehörigkeit für sich gefunden. Eindrucksvoll und zugleich erschütternd ist nachzulesen, wie der Vater des ermordeten Kevin über seinen Nebenklagevertreter den Täter anspricht und ihm das Ausmaß seiner Taten vor Augen führt. Der Täter habe ihm und der Gesellschaft mit dieser Tat einen Spiegel vorgehalten: „Sie haben gezeigt und klar gemacht, dass ich kein Jude oder Ausländer sein muss, um von rechtem Terror getötet zu werden. Jetzt weiß die Gesellschaft: Es geht uns alle an.“ (151). Es bleibt zu hoffen, dass die Gesellschaft nach einigen Monaten der Empörung den Blick von diesem Spiegel nicht wieder abwendet.   

Klaus Mertes SJ

Mitterstieler, Elmar: Gottes andere Wange. Zumutung und Erlösung.
Würzburg: echter 2021. 176 S. Kt. 16,90.

„Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen.“ Dieser Satz ist gerade dann zu hören, wenn der Einsatz von (militärischer, polizeilicher) Gewalt die letzte Möglichkeit zu sein scheint oder es tatsächlich ist, um Aggression zu stoppen. Dabei ist Mt 5,39 („Wenn dich einer auf die Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin“) nicht als ein Hinweis Jesu zu verstehen, den man sich für Konfliktbewältigung in Schönwetter-Zeiten aufsparen kann, während im Ernstfall andere Gesetze zu gelten hätten, nach dem Motto von Lk 22,36: „Jetzt aber soll der … der kein Geld hat, seinen Mantel verkaufen und sich dafür ein Schwert kaufen.“ Feindesliebe ist vielmehr der Ernstfall der Liebe Gottes: „Jesus ist die andere Wange Gottes“ (Hildegund Keul, 68). Er wirbt für „Werke der Übergebühr“ (Elmar Mitterstieler, 17). Sie wirken wie eine Zumutung, weil sie über das moralisch Geschuldete hinausgehen. Aber gerade dieser Sinn für das Mehr-als-Geforderte befreit überhaupt erst die innere Haltung aus der Spirale der Gewalt, und dies nicht nur privat, sondern auch politisch (vgl. Beispiele dazu 172-174). So bekommt die Deeskalation eine Chance.

Dabei macht es immer einen Unterschied, aus welcher konkreten Situation heraus man spricht. Jesu Bergpredigt ist aus der Situation des Angefeindet-Werdens (Mt 5,11) heraus gesprochen. Das ist etwas anderes, als wenn man aus der Zuschauerposition heraus angefeindeten Personen, Gruppen oder Völkern die Kapitulation empfiehlt, „Soldaten sind Mörder“ skandiert oder von Polizisten als „Bullen“ spricht. Feindesliebe ist ein Akt des Widerstandes gegen Gewalt in Tat und Sprache, ein „contre conduite“ (Michel Foucault), beginnend mit einer inneren Haltung, die es der Gewalt nicht erlaubt, mich zu beherrschen, selbst dann nicht, wenn ich als Soldat oder Soldatin, als Polizistin oder Polizist Gewalttätern mit Waffen in der Hand entgegentreten muss. „Vulneranz“ (vgl. 61-69), also die Bereitschaft, anderen Personen Wunden zuzufügen, entsteht nämlich nicht aus der Aufgabe, Schwächere vor Stärkeren zu schützen, sondern aus dem Impuls, mich selbst vor der Verwundung zu schützen – mehr noch, aus der Opferposition heraus gesprochen: mich vor weiteren Wunden zu schützen und dabei das Gespür für die Vulnerabilität des Anderen loszulassen. Man könnte es auch so formulieren: Wenn ich mich in der Dynamik der Vulneranz befinde, beginnt Feindesliebe gerade dadurch, dass ich nach Mitteln und Wegen suche, mich – meine Gruppe, mein Land – nicht bloß von meiner Wunde her zu definieren, so sehr sie auch schmerzen mag. Das erfordert höchste innere Aktivität sowie die Bereitschaft zu Unterlassungen, die bloß von außen betrachtet wie Passivität wirken, es aber gerade nicht sind.

Siebzehn Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen theologischen Disziplinen nähern sich der beschriebenen Zumutung der Bergpredigt: biblisch-theologisch, anthropologisch, systematisch, ethisch und praktisch. Die Beiträge sind relativ kurz gehalten, meist verständlich zu lesen und gut geeignet für die persönliche Auseinandersetzung ebenso wie für Katechese, Austausch, und auch zum Nachschlagen. So kommen „Dritte Wege“ (141-149) in den Blick, Blickerweiterungen, die über die toxische Fixierung auf Entweder-Oder hinausführen und so neue Handlungsmöglichkeiten in Gewaltkonflikten aufzeigen.

Klaus Mertes SJ

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