Katholischer PhilosemitZum 500. Todestag von Johann Reuchlin (1455-1522)

Auf einer populistischen Karikatur von 1521 steht Johann Reuchlin hinter Ulrich von Hutten und Martin Luther, als ob er ihr Parteigänger wäre – Fake News! Tatsächlich geht der papsttreue Reuchlin auf Distanz zu ihnen. Seine Begeisterung für jüdische Schriften und die heilige hebräische Sprache machen ihn dieser Zeit immer wieder als „Judenfreund“ verdächtig – damals ein Schimpfwort. Franz Posset, deutsch-amerikanischer Reformationshistoriker und Reuchlin-Biograf, skizziert dessen Wirken und Debatten als Medienereignis der Frühen Neuzeit. [3 Abbildungen in der PDF-Datei im Abo-Bereich]

Das Reuchlin-Jahr 2022 soll den großen Humanisten der Renaissancezeit würdigen, dessen 500. Todestag am 30. Juni 2022 gefeiert wird. Seinem Selbstverständnis nach ist er ein „humanistischer Katholik“.1 Reuchlins weltoffene Katholizität ist der Nährboden und das Quellwasser seines Denkens und grundlegend für seinen Philosemitismus, auch wenn er damit nur eine zeitgenössische Minderheit vertritt. Im Folgenden soll wenigstens kurz sein katholischer Glaube skizziert werden, obgleich Reuchlin oft nur als der geniale Verteidiger der akademischen Freiheit und der mutige Vertreter gegen konservativ-katholisch-kirchliche Zeitgenossen dargestellt wird. Einige seiner humanistischen Freunde (die Reuchlinisten) haben ihn zu dieser Gegnerschaft hochstilisiert. Das war zum Teil berechtigt, weil ihm schließlich die kirchliche Inquisition unter Anführung des örtlichen Inquisitors in Köln und eines konservativen, katholischen, vom Judentum zur Kirche konvertierten Schriftstellers und Judenhassers namens Johann Pfefferkorn nachjagte.2 Der Konflikt geht als ein fast zehnjähriges, „frühneuzeitliches Medienereignis“ in die Geschichte ein.3 Die Literatur hierzu ist ausgiebig. Allerdings wird kaum hervorgehoben, dass es sich bei Reuchlin und Pfefferkorn um zwei praktizierende Katholiken handelt, die beide loyal zur Kirche des Papstes stehen, aber in skandalösem, erbittertem Hahnenkampf aufeinander losgehen. Es handelt sich also um einen innerkirchlichen Konflikt.

Wenn man „Philosemitismus“ (griech. Philos, „Freund“, und Semitismus) als einen Sammelbegriff für eine den Juden, dem Judentum oder seinen Kulturleistungen gegenüber wohlgesinnten Haltung definiert, gehört Reuchlin zu dessen Hauptvertretern. Wenn man „Philosemitismus“ aus dem Zusammenhang des 19. Jahrhunderts herausnimmt, wo der Begriff seit etwa 1880 ursprünglich als abwertendes Schlagwort vor allem von Antisemiten verwendet wurde, dann ist Reuchlin der Spitzenreiter des sogenannten Philosemitismus seit der Zeit um 1500, aber eben ohne den Beigeschmack des Begriffs aus dem 19. Jahrhundert.

In der Tat, Reuchlin will immer und aufrichtig papsttreu bleiben. Er besteht auf seiner Glaubens-Integrität (integritas fidei) und christlichen Simplizität. In all seinen Schriften in der Vergangenheit und in der Zukunft möchte er nichts gegen die katholische Kirche (ecclesia catholica) denken, sagen oder schreiben und auch nicht gegen ihr Haupt, den Papst, dessen Urteil in Sachen des Glaubens und der Sitten er sich immer unterwerfe. Er wolle immer in Übereinstimmung mit dem sein, was die Kirche „fühle“ (sentiat) und er verachte alle, die „der heiligen Mutter Kirche“ Skandale bereiten.4

Reuchlin steht im totalen Gegensatz zu Martin Luther und seiner Ablehnung der päpstlichen Autorität und seines Judenhasses. Klaus Wengst, evangelischer Professor für Neues Testament in Bochum, stellt fest, dass der Protestantismus mit dem „Geburtsfehler“ des Antisemitismus behaftet sei.5 Protestanten müssen mit dem „Geburtsfehler“ leben und sie distanzieren sich zu Recht und immer wieder von Luther und dem Antisemitismus der Deutschen Christen der Nazi-Zeit und der Gegenwart.

Wenn man Reuchlin als Philosemit in den Blick nimmt, muss man auch mit der Vorstellung von Reuchlin als Vorläufer der Reformation aufräumen. Paradebeispiel für diese einseitige Sicht ist ein Holzschnitt (Abb. 1), der aus dem reformatorischen Lager in Straßburg stammt und mit der Jahreszahl 1521 am oberen Rand versehen ist. Man kann den Eindruck gewinnen, Reuchlin sei eine Art Antreiber der lutherischen Reformation. Gelegentlich wird nur der linke Ausschnitt des Bildes gezeigt, der Reuchlin als einen der „Anwälte der Freiheit“ vorstellt (so lautet der Titel des Begleitbands zur Ausstellung im Reuchlinhaus Pforzheim, 2015).6 Reuchlin befindet sich in evidenter Gesellschaft mit dem deutsch-nationalen und anti-römischen Ulrich von Hutten, der in Ritterrüstung und mit Schwert in der Hand auftritt. Martin Luther in der Kutte des Augustinerordens ist mit einem Buch in jeder Hand bewaffnet. Er ist ihr geistiger/geistlicher Anführer, der die militärische Rückendeckung des Reichsritters und Humanisten Hutten genießt sowie die vermeintlich geistige Unterstützung Reuchlins.

Die Schwierigkeit der Interpretation des Holzschnittes liegt darin, dass das Bild Richtiges und Falsches darstellt, was Reuchlin, Hutten und Luther betrifft. Reuchlin wird gerade noch in das Bild von links her hineingezwängt. Er steht so hinter Hutten und Luther. Bei dieser Bildkonzeption handelt es sich um fake news, was Reuchlins angebliche enge Zusammengehörigkeit mit Hutten und Luther betrifft, wie zu zeigen ist. Dagegen entspricht das Zweigespann von Luther und Hutten den historischen Tatsachen, zumindest was die Zeit der Produktion dieses Holzschnittes um 1521 angeht.

Der Holzschnitt wird ursprünglich auf einem Titelblatt für zwei Texte verwendet, die dem Schriftsteller Dr. Thomas Murner OFM zugeschrieben werden. Der Holzschnitt ist zwischen den beiden Titeln eingesetzt. Der obere Titel lautet: History Von den fier [vier] ketzren Prediger ordens der obseruantz zů Bern jm Schweytzer land verbrant / in de[m] jar noch Cchristi [sic] geburt. M.CCCC.ix. vff de[m] nechste[n] donderstag noch pfingste[n]. Der zweite Titel steht unter dem Bild und lautet: Ein kurtzer begriff vnbillicher frevel handlung Hochstrats, Murnars, Doctor Jhesus, un[d] irer anhenger, wider den Christlichen Doctor Martin Luther, von alle liebhaber Evangelisther lere.

Neben den drei „Patronen der Freiheit“ (links im Bild, Reuchlin, Hutten und Luther) ist eine Gruppe von sechs Ordensgeistlichen versammelt (Mitte des Bildes), wobei unklar ist, wer „Doctor Jhesus“ sein soll. Sie stellen das Conciliabulum malignantium („Konzilchen der Bösewichte“) dar, zu welchem auch die Gruppe rechts im Bild gehört. Die Gestalten in der mittleren Gruppe sind teilweise namentlich identifiziert und im Fall Murner auch einzigartig karikiert:

(a) Der Franziskaner Dr. Thomas „Murnar“ ist als Kater mit Katzenfratze und einem langen Katzenschwanz abgebildet, wobei sein Familienname „Murner“ als Mur-„Nar[r]“ verunglimpft wird. Dieser intellektuelle Franziskaner ist seit 1505 ein Poeta laureatus (wie Hutten, dem diese Ehre 1517 zuteil wurde). Solche Auszeichnung ist mit der Verleihung eines Doktorgrades vergleichbar oder mit der Erhebung in den Ritterstand.7

Murner wird speziell aufs Korn genommen durch die Verspottung als „Kater“. In Wirklichkeit gilt Murner als ein starker Verteidiger Reuchlins und macht sich 1512 zum Beispiel als Herausgeber jüdischer Gebete auf Latein und Deutsch einen Namen: Der juden Benedicite wie sy gott den herren loben und im [ihm] umb die speyß dancken8 (Abb. 2).

(b) Der Dominikaner ist Dr. Jacob Hoogstraeten (Hochstraten), der das Amt des Inquisitors der Kölner, Mainzer und Trierer Kirchenprovinz innehat. Antijüdisch orientiert lässt er Reuchlin 1513 vor das Inquisitionstribunal in Mainz zitieren, dem dieser ausweicht.

Der linke Teil des Holzschnitts gehört wohl zum reformatorischen Propagandatext, der mit „Ein kurtzer begriff“ betitelt ist. Der Text fasse den bösen Frevel zusammen, der von dem Inquisitor in Köln Hoogstraeten, von dem Schriftsteller Thomas Murner in Straßburg, und von dem namentlich nicht genauer identifizierten „Doctor Jhesus“ begangen worden sei, sowie ihrer Anhänger, die gegen den christlichen Doktor Martin Luther vorgingen. Der christliche Professor Luther und die Liebhaber der evangelischen Wahrheit (Lehre) werden gegen die namentlich hervorgehobenen Ordensmänner Hoogstraeten OP und Murner OFM ausgespielt.

Der rechte Teil des Holzschnittes hat weder etwas mit Luthers Reformation zu tun noch mit Reuchlins Konflikt mit Pfefferkorn, sondern mit dem vorreformatorischen „Jetzerprozess“ (1506-1509) in Bern. Der Holzschnitt zeigt das Stadtwappen von Bern über ihren Köpfen. Nur der Ordensbruder, der mit dem Rücken zu mittleren Gruppe gekehrt ist, wird mit seinem vollen Namen, Hans Jatzer (Jetzer), gekennzeichnet. Er ist so alt wie Luther, stirbt aber bereits 1515. Er ist ein Dominikaner und gehört zur Gruppe, die mit den Worten auf Deutsch „Maculisten von Bern“ über ihnen gebrandmarkt wird. Es würde zu weit führen, den fatalen Streit in der damaligen Mariologie hier auszubreiten, den die Vertreter der Befleckten Empfängnis Mariens (Makulisten, meist Dominikaner) und Vertreter der Unbefleckten Empfängnis (Immakulisten, meist Franziskaner) geführt haben. In einem früheren Prozess (1504) vor dem Bischof von Straßburg war Reuchlin wahrscheinlich der Rechtsanwalt eines Dominikaners aus Frankfurt namens Wigand Wirt.9 Reuchlins theologische Position in der Mariologie entsprach wohl nicht der seiner Klienten, den Dominikanern. Wenn man seinen 1495 geschriebenen Kommentar zu der Mariensequenz Jakobs von Mühldorf „Ave virginalis forma“ betrachtet, scheint Reuchlin eher der Franziskanischen, immakulistischen Position zuzuneigen.10 Der Buchtitel, der über dem Holzschnitt erscheint, bezieht sich nur auf die Gruppe der Makulisten (rechts im Bild). Der Text befasst sich nämlich mit der Geschichte, die der Franziskaner (Thomas Murner) von den vier Häretikern des Predigerordens (Dominikaner) erzählt, die 1509 in Bern im Schweizer Land verbrannt worden sind.

Ob Reuchlin den Holzschnitt gekannt hat und ob er sich dagegen gewehrt hätte, ist unklar. Dass die Zusammenbindung Reuchlins mit Hutten und Luther nicht den historischen Tatsachen entspricht, sei kurz erläutert. Die Beziehung zwischen Reuchlin und Luther war immer minimal. Nur weil Philipp Melanchthon seinen Kollegen Luther dazu gedrängt hat, greift Luther am 14. Dezember 1518 zur Feder,11 um ein Schreiben an Reuchlin zu verfassen. Luther versucht, Reuchlin zu einem Gegner Roms umzufunktionieren. In Luthers Sicht habe Reuchlin durch Gottes Barmherzigkeit die gegnerischen Lügenmäuler gestopft und erweise sich als ein Werkzeug des göttlichen Ratschlusses. Luther trete Reuchlins „Nachfolge“ in diesem Kampf an. Die Dominikaner (zu denen der Kölner Inquisitor gehört) wüteten früher gegen Reuchlin und gingen nun mit aller Gewalt auch gegen ihn, Luther, vor. Reuchlins gottgegebene Standhaftigkeit habe dem Papst als dem Oberhaupt der falschen Theologen die Stirn geboten. Luther sei überzeugt, dass Deutschland es vor allen Reuchlin verdanke, dem unterdrückten Studium der Bibel nach vielen Jahrhunderten zu neuem Leben verholfen zu haben. Wie Christus sei auch Reuchlin erniedrigt worden, um anschließend noch reichere Früchte hervorzubringen.

Im letzten Brief, den Reuchlin nach Wittenberg abschickt (am 12. September 1519, mit der Adresse an Melanchthon!), lässt Reuchlin zwar Luther höflich grüßen,12 doch dabei bleibt es. Es mag manche überraschen, dass im gesamten Reuchlin-Briefwechsel (vier Bände in der neuen kritischen Ausgabe) die berühmten „95 Thesen“ Luthers von 1517 kein einziges Mal zur Sprache kommen, während gerne davon geredet wird, dass Luthers Thesen wie ein unkontrollierbarer Feuerbrand durch die Welt gegangen seien. Reuchlin geht der Vereinnahmung in das lutherische Lager zunächst aus dem Weg, indem er Luthers Brief unbeantwortet lässt. Nur die Wertschätzung des Hebräischen verbindet Reuchlin mit Luther, der viel von Reuchlins Sprachkenntnis lernt.13

Ferner lässt Reuchlin sich nicht vor den reformatorischen Karren spannen, den Ulrich von Hutten für ihn bereitgestellt hat. Hutten ist auf Reuchlin sehr erbost, als er von einem Brief Reuchlins an die bayrischen Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X, erfährt, wie und wo Reuchlin sich selbst im Getriebe der Zeit angesiedelt sieht, nämlich auf Seiten Roms. Dieser Brief ist leider nicht erhalten.

Der bitter enttäuschte und entrüstete Hutten schreibt am 22. Februar 1521 an Reuchlin: „Unsterbliche Götter, was sehe ich? Dass Du aus Furcht und Schwäche Dich soweit erniedrigst, dass Du Dich nicht einmal gegen diejenigen der Schmähungen enthälst, die stets Deine Rettung gewünscht, auch mit manch grosser Gefahr Deinen Ruf verteidigt haben“.14 Hutten wirft Reuchlin vor, dass er Luthers „Sache immer missbilligt“ habe und es für unerträglich halte, dass Reuchlins Name in Luthers Schriften erscheine. Ferner habe Reuchlin auch versucht, die Reuchlinisten von Luther abzubringen. Reuchlin hoffe anscheinend, die päpstlichen Gegner Luthers besänftigen zu können. Diese Leute dürfe Reuchlin, wenn er ein rechter Mann wäre, nicht einmal „freundlich anreden“. Sarkastisch fährt Hutten fort: „Aber besänftige sie nur, tue auch, was Du so gerne möchtest, gehe, wenn es Dein Alter erlaubt, nach Rom und küsse Papst Leo die Füße.“ Abschließend warnt Hutten: „Mich jedenfalls wirst Du als entschiedenen Widersacher haben, nicht nur, wenn Du jemals Luthers Sache bekämpfst, sondern auch, wenn Du Dich dem römischen Bischof unterwirfst.“ Huttens Brief von 1521 steht also im direkten Gegensatz zum Straßburger Holzschnitt von 1521, der ein Dreigespann von Reuchlin, Hutten und Luther vorspielt.

Prozesse und Bücherverbrennungen

Trotz seiner Loyalität zur Kirche wird Reuchlin von gewissen Judenfeinden als Ketzer verdächtigt. Im März 1514 wird Reuchlin jedoch durch das „Urteil von Speyer“ im Namen des Papstes vom Häresieverdacht freigesprochen, und der Inquisitor muss die Gerichtskosten bezahlen.15 Als Kostenersatz erhält Reuchlin vom Inquisitor 111 Gulden, wie Reuchlin an Konrad Peutinger am 1. Juni (vermutlich vom Jahr 1520) schreibt.16 Nach Reuchlins Freispruch appelliert Hoogstraeten an den Papst. Das Verfahren in Rom, das zwischen 1514 und 1517 dauerte, endet erneut mit Reuchlins Freispruch, was wohl etwas mit der Intervention des Kaisers zu tun hatte. Am 23. Oktober 1514 schrieb Kaiser Maximilian aus Innsbruck an den Humanisten-Papst Leo X. bezüglich seines kaiserlichen Rats Reuchlin und der Kontroverse mit den Theologen von Köln und um die Verbrennung der Bücher der Juden. Der Kaiser nennt Reuchlin ausdrücklich „seinen ehrenhaften, treuen Berater, der uns lieb ist, Iohannes Reuchlin auch Capnio genannt“. Als Kaiser sehe er es als seine Pflicht an, Reuchlin in Schutz zu nehmen. Er ersuche den Papst dringend, den Prozess in Rom niederzuschlagen und Reuchlin von den bösartigen Nachstellungen zu befreien.17 Von all dem scheint Luther nichts zu wissen, wie sein späterer Brief (vom 14. Dezember 1518) an Reuchlin zeigt. In Rom erfolgt ein plötzlicher Umschwung. Der Papst hebt das Urteil von Speyer kurzweg am 23. Juni 1520 auf. Reuchlins Augenspiegel soll verbrannt werden. Reuchlin selbst wird nicht verdammt, aber zum Schweigen verurteilt. Hoogstraeten kann in sein Amt zurückkehren. Nichsdestoweniger lässt derselbe Papst Leo X. um genau dieselbe Zeit den gesamten Babylonischen Talmud drucken.

In diesen Jahren stehen auch andere Männer in Kirche und Gesellschaft auf Reuchlins Seite. Zum Beispiel: Im Sommer 1514 nimmt der Leibarzt des französischen Königs, Wilhelm Kopp, Reuchlin in Schutz, als ein königlicher Berater abfällig von Reuchlin spricht. Daraufhin wird auch der Arzt selbst als ein Judenfreund beschimpft.18 Seinem Dankesbrief an Kopp legt Reuchlin den Text des Urteils von Speyer bei, das als apostolischer (päpstlicher) Freispruch seines Augenspiegels zu gelten habe.19

Nachdem die Abgrenzung Reuchlins zu Luther und Hutten in etwa deutlich geworden sein dürfte und auch kurz auf den Streit um die Unbefleckte Empfängnis Mariens hingewiesen worden ist, muss nun wenigstens skizzenhaft Reuchlin als ein devoter Diener der Jungfrau Maria vorgestellt werden, weil sehr selten auf seine katholische Marienverehrung hingewiesen wird. Eine Ausnahme bildet vor allem Stefan Rhein in seinem Beitrag „Reuchlin“ im Lexikon für Theologie und Kirche und dann im Lexikon der Reformationszeit, wenn er Reuchlins marianische Themen berücksichtigt: Übersetzung der Marienpredigt des Proklos (1488); Kommentar (nur handschriftlich überliefert) zu der Mariensequenz „Ave virginalis forma“ und Reuchlins Mitgliedschaft in der Salve-Regina-Bruderschaft (in Stuttgart). Doch kann man die Liste ausweiten: Um 1495-1499 dichtete Reuchlin das Carmen Theologicum, das in einem stark beschädigten Einzelblatt gedruckt überliefert ist (Abb. 3).20

Doch ist anzumerken, dass Reuchlin nicht immer dermaßen fromm war. Im Konflikt um die Judenbücher kann er recht rabiat werden. Dem Konvertiten Johann Pfefferkorn solle man die Zunge aus dem Hals schneiden.21 Seinem anderen Gegner in Köln, dem Humanisten Ortwin Gratius, wünscht er die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen.22 Ebenso deutlich drückt Reuchlin seinen Philosemitismus aus: Er wisse, dass seine Gegner verärgert seien, weil er die Juden als Mitbürger respektiere. Die Gegner mögen noch verrückter werden und ihre Bäuche vor Zorn platzen, wenn er die Juden als „unsere Brüder“ bezeichne.23 „… vnd gat [geht] vns ir [der Juden] glaub nichtz an.“24 „Der iud ist vnsers herr gots alls wol als ich“ [=Reuchlin].25

Reuchlins Philosemitismus besteht vor allem im Respekt für die Juden. 1512 schreibt er, dass die Juden im gesamten Bereich der Philosophie älter seien als die Ägypter. Von den Juden wurde die gesamte Philosophie zu allen Völkern der Erde getragen. Reuchlin schließt den Gedankengang ab: „Wir Lateiner trinken also Wasser aus dem Sumpf, die Griechen aus den Bächen, die Juden aus den Quellen.“26

Sein Respekt bezieht sich nicht nur auf die Philosophie der Juden sondern auch auf ihre heilige Sprache, Hebräisch. Im De verbo mirifico (1494) preist Reuchlin die hebräische Sprache, weil es die Sprache sei, in der Gott ohne einen Übersetzer direkt zum Menschen gesprochen habe.27 Im Vorwort zu seinem Werk De rudimentis Hebraicis (1506) schreibt Reuchlin, dass die hebräische Bibel die Quelle sei, „aus der ja die gesamte Theologie sprudelt“. Man müsse die hebräische Sprache als gleichsam vorzüglichste von allen – nicht anders als unsere kleinen Kinder – zärtlich küssen und mit beiden Armen umfangen.28

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