Rezensionen: Theologie & Kirche

Koch, Kurt Kardinal: Wohin geht die Ökumene? Rückblicke – Einblicke – Ausblicke. Regensburg: Friedrich Pustet 2021. 299 S. Kt. 29,95.

In diesem Buch meldet sich der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen zu Wort. Er tut es hier weniger als Träger eines mit Autorität ausgestatteten Amtes in der Kirche denn als umfassend gebildeter Theologe, der die Positionen der Kirche, der er zugehört, ohne Wenn und Aber vertritt und gleichzeitig in äußerst gründlicher Weise erörtert und ökumenisch sensibel nachzeichnet.

Sein Thema ist die vielfache Gespaltenheit der Kirche und ihr Auftrag, schon heute und auf ihrem Weg in die Zukunft ihre Einheit wiederzugewinnen. Diese Einheit ist ein von ihrer Herkunft im Leben und Wirken Jesu Christi bestimmtes Merkmal. Immer wieder und verstärkt in der neueren Zeit hat es ein vielschichtiges Bemühen gegeben, die Wunden der Spaltung zu heilen. Kardinal Koch zeichnet einige dieser Aktivitäten nach. Dabei lässt er in ausführlicher Weise deutlich werden, dass die Situation, in der sich die katholische Kirche heute ökumenisch befindet, nicht zuletzt durch die Entscheidungen des Zweiten Vatikanischen Konzils und die sie bestätigenden und weiterführenden Ermutigungen seitens der Päpste – Johannes Paul II., Benedikt XVI., Franziskus – bestimmt ist. Deren Positionen zeichnet der Verfasser ausführlich nach. Der ökumenische Einsatz, der der katholischen Kirche heute und weiterhin aufgetragen ist, geht – grob gesprochen – in drei Richtungen.

Am ehesten vertraut ist uns in der Regel, welche Schritte auf mehr Einheit hin mit den aus der abendländischen Reformation stammenden Kirchen schon gesetzt wurden. Gleichzeitig gilt es die Brücken zu festigen, die es hin zu den Kirchen des Ostens ansatzweise schon gibt. Diese Kirchen haben ihre Konturen aufgrund von Entscheidungen, die oft schon im ersten Jahrtausend gefällt worden sind. Recht neue ökumenische Herausforderungen ergeben sich aus dem starken Anwachsen der kirchlichen Gemeinschaften mit evangelikalen und pentekostalen Profilen. Es macht ein starkes Verdienst des vorliegenden Buches aus, dass die genannten drei Felder des ökumenischen Einsatzes der katholischen Kirche umfassend dargestellt werden. Die historischen Vorentwicklungen kommen dabei ebenso zur Sprache wie die heutigen und künftigen Formen der ökumenischen Herausforderungen.

Kardinal Koch lenkt in seinen Ausführungen den Blick auch auf die Dimensionen, die das ökumenische Engagement aufweisen muss, wenn es auf die Dauer tragfähig sein soll. Dabei stellt er vor allem die spirituellen Aspekte, die alle anderen Aktionen begleiten, ja tragen sollen, heraus. Das Gebet um die sichtbare Einheit der Christenheit ist hier besonders wichtig. Der Verfasser schildert, dass auf dem Weg der Wiedergewinnung der kirchlichen Einheit im Laufe der jüngeren Geschichte schon viel erreicht worden ist. Aber das Ziel dieses Weges ist noch nicht erreicht. Und dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass ein Konsens über die Konturen der anzuzielenden Einheit der Kirche bislang nur teilweise hat erreicht werden können. Man kann nur hoffen, dass dieses Buch das positive Echo findet, das es in jeder Hinsicht verdient.

                               Werner Löser SJ

 

Born, Luna: Missbrauch mit den Missbrauchten. Mehr Träume, als die katholische Kirche zerstören kann. Baden-Baden: Tectum 2019. 282 S. Kt. 25,–.

Die Autorin Luna Born wurde als Kind von einem Priester sexuell missbraucht. Mit viel Mut und der Hoffnung auf Anerkennung entschließt sie sich als erwachsene Frau, den Missbrauch bei der katholischen Kirche anzuzeigen, weil ihr „klar war, dass es [sie] unendlich entlasten würde, wenn [ihr] Leid anerkannt würde. Und vor allem, wenn [sie] sicher wäre, dass der Beschuldigte […] nicht weiter sein Unwesen treiben könne“ (30). Die auf die Anzeige folgenden Erfahrungen beschreibt sie als „Missbrauch mit den Missbrauchten“: Der Umgang mit ihr ist alles andere als traumasensibel, die überwiegend männlichen und schlecht qualifizierten Ansprechpartner wechseln häufig, und obwohl ihr geglaubt wird, wird der Täter durch das Beharren auf die Unschuldsvermutung weiter geschützt. Im zweiten Teil des Buches thematisiert sie außerdem, welche Strukturen in der Kirche Missbrauch begünstigen.

Bereits bei der Beschreibung der äußeren Hürden bekommen Leserinnen und Leser einen Einblick, wie wenig opferfreundlich eine solche Anzeige sein kann: Das Wohn-Bistum der Betroffenen ist gar nicht zuständig, sondern das des Täters; jeder Bischof entscheidet unterschiedlich, „wie er mit […] dem potenziellen Täter und mit [ihr] als Opfer umgeht“ (92). Obwohl Born deutlich macht, mit welcher Belastung dies verbunden ist, bekommt sie ständig neue Ansprechpersonen zugewiesen. Man sollte erwarten, dass diese dann zumindest ein großes Verständnis für Missbrauchsfolgen und entsprechende Ausbildungen mitbringen. Doch erlebt Born einen Umgang ohne Rücksicht auf ihre Bedürfnisse und ohne Transparenz und Kontrollmöglichkeit für sie als Opfer. Und obwohl alle Beteiligten ihr glauben, wird schnell klar: Der Täter streitet alles ab, es steht Aussage gegen Aussage. Er wird geschont und arbeitet weiter bis zum Ruhestand. Die zentrale Koordinierungsstelle der DBK empfiehlt zwar, Born als Opfer anzuerkennen, doch das zuständige Bistum entscheidet sich dagegen, stets auf die Unschuldsvermutung beharrend. Born weist wiederholt auf die Befangenheit der Entscheider hin.

Wesentlich in diesem Buch ist neben der Beschreibung der unterschiedlichen Verfahren zweier Bistümer der Einblick in das Erleben der Opfer, wie Borns anfängliches Vertrauen, ihre Hoffnung und ihr Mut im Laufe des Verfahrens immer mehr zerstört werden, sie irgendwann nur noch zermürbt und wütend ist, darüber wie mit ihr umgegangen wird. Sie fragt sich, ob „die Herren des zuständigen Bistums [sich] einmal gefragt haben, wie das ist […], eine Sekunde lang darüber nachgedacht [haben], welchen Schmerz diese Frage in [ihr] auslösen könnte“ (45). Wiederholt bittet sie: „Gehen Sie vorsichtiger mit mir um!“ (150). Umso berührender ist es, dass Born ihr Buch dennoch als „ein Glücksbuch […] und eine Liebeserklärung an das Leben“ (45) bezeichnet. Ein Buch, das helfen soll, dass Vertuschung und Wegschauen aufhören. Sie nimmt ihre Stärke und Resilienz wahr, denn trotz des Kampfes hat sie „mehr Träume, als die Kirche zerstören kann“ (159). Born ermöglicht es den Lesern durch klare Sprache und Originaldokumente, die chronologische Entwicklung und ihr Erleben sehr gut nachzuverfolgen. Aufgelockert ist der Text mit eigenen Bildern, die ihre Gefühle ausdrücken, kurzen Tagebucheinträgen sowie einer Erläuterung zu Traumafolgestörungen. Jedem Kapitel ist ein kurzes Zeitungszitat als Motto vorangestellt. Im zweiten Teil des Buches, in dem Born die Strukturen beschreibt, die Missbrauch in der Kirche begünstigen, finden sich längere Kapitel mit vielen Presse- und Internetzitaten.

Wut und Fassungslosigkeit, Schmerz und Entsetzen – aber auch Hoffnung und Kampfgeist ruft die Lektüre hervor. Nur wenige Bücher geben so gute Einblicke in das Erleben der Opfer innerhalb kirchlicher Verfahren. Für alle Personen, die innerhalb der Kirche Missbrauchsfälle bearbeiten, sollte dieses Buch Pflichtlektüre sein, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was ihr – oft gut gemeintes – Handeln auslösen kann.

                Katrin Gehlhaar

 

Schenke, Ludger: Das andere Zeugnis von Jesus. Die theologische Alternative des Johannesevangeliums. Freiburg: Herder 2021. 160 S. Gb. 20,–.

Das nach Johannes benannte Evangelium weist gegenüber den ersten drei Evangelien, aber auch gegenüber Paulus und seiner Schule erhebliche Unterschiede auf. Am Anfang des hier vorgelegten Bandes des emeritierten Mainzer Neutestamentlers steht das Gedankenexperiment, wie die christliche Lehre wohl aussähe, wenn wir nur das Zeugnis des Johannes hätten (13). Einleitungsfragen spielen dabei eine untergeordnete Rolle, wie etwa der Aufbau des Vierten Evangeliums, seine zeitliche und räumliche Darstellung des Lebens Jesu und Gestaltungsprinzipien: Entsprechend früheren Vorschlägen sieht Schenke im Vierten Evangelium ein Drama in fünf Akten.

Wichtiger sind die theologischen Unterschiede zu den Synoptikern und etwa Paulus. Hauptunterschied zu den früheren Evangelien ist die Tatsache, dass bei Johannes nicht Gott spricht, sondern Jesus. Dabei sind er selbst und seine Sendung der eigentliche Inhalt seiner Verkündigung (15). Der Gedanke einer Jungfrauengeburt fehlt bei Johannes (14 u.ö.). Seine Herkunft von Gott, dem Vater, kann auch ohne diese Vorstellung zum Ausdruck gebracht werden. Der Autor vermisst bei Johannes auch den Sühnetod Jesu und die Eucharistie (18-20). Ebenso fehlt nach ihm auch der Bundesgedanke. Zum Judentum als solchem scheint Jesus in Spannung zu stehen (61 u.ö.). Im Folgenden werden Wort und Werk Jesu im Einzelnen nach Johannes dargestellt, was hier nicht nachgezeichnet werden kann.

Die Einladung des Verfassers, sich einmal christliche Verkündigung vorwiegend auf der Grundlage des Johannesevangeliums vorzustellen, erscheint durchaus lohnend. Dabei wären einige Annahmen, von denen Schenke ausgeht, noch einmal kritisch zu überprüfen. So kann man dem Vierten Evangelisten nicht einfach den Bundesgedanken absprechen, auch wenn das Wort nicht vorkommt. Mindestens zweimal wird auf das Hauptgebot der Gottesliebe nach Dtn 6,4 f. angespielt (Joh 5,42.44; 8,41 f.), und Teile der Abschiedsreden sind mit den Worten der Bundestheologie formuliert („Liebe zu Jesus/Gott“ und „Halten der Gebote“ in Joh 14,15-24). Auch wenn eine eigentliche Sühnetheologie fehlt, wird Jesus doch als Gottesknecht dargestellt, der nach dem Vierten Lied dieses Knechtes (nach der Septuaginta-Fassung) „erhöht und verherrlicht werden“ soll (vgl. Jes 52,13 LXX). Er gibt als guter Hirte sein Leben für die Seinen (Joh 10,11-18). In den Auseinandersetzungen Jesu mit den „Juden“ in Joh 5-10 geht es nicht um das Judentum, sondern um die führenden Vertreter des Judentums als Gegenspieler Jesu in Jerusalem.

Dazu schließlich abschließend noch die Frage, wer der „andere Zeuge“ im Sinn des Verfassers sein soll. Für Schenke ist er offenbar der von Jesus geliebte Jünger, der zumindest in den Abschiedsreden auftritt und dann bis zum Ende des Evangeliums zentrale Bedeutung besitzt. Schenke sieht ihn schon bei den Berufungsszenen erwähnt (48). Es fällt schwer, einen aus dem Heiligen Land stammenden unmittelbaren Jünger Jesu hinter der auch in diesem Buch vorausgesetzten eher späten Darstellung von Leben und Wesen Jesu zu sehen. So bleibt weiter Diskussionsbedarf.

                Johannes Beutler SJ

 

Lohfink, Gerhard: Ausgespannt zwischen Himmel und Erde. Große Bibeltexte neu erkundet. Freiburg: Herder 2021, 406 S. Gb. 28,–.

Gerhard Lohfink bietet eine Sammlung von insgesamt 70 in der Regel kurzen Texten an. Jeder dieser Texte gilt der bibel-theologischen und spirituell-aktuellen Entfaltung eines Themas. Miteinander bilden die Texte so etwas wie ein Mosaik, dessen Elemente ihre Eigenständigkeit aufweisen. Im Miteinander ergeben sie ein stimmiges Ganzes. Worin dieses besteht, kommt am deutlichsten in einem Text ans Licht, der ein wenig aus dem Rahmen fällt, weil er nicht nur die Befassung mit einem einzelnen biblischen Motiv bietet: „Geistliche Gemeinschaften im Licht der Bibel“ (96-116). Er wurde als Vortrag vor der Jesusbruderschaft von Gnadenthal konzipiert und gehalten. Darin kommt deutlich zur Sprache, dass es ein fundamentales Anliegen Lohfinks ist, der in den biblischen Texten gemeinten, in viele Richtungen entfalteten Wirklichkeit – das gemeinsame Leben im Zeichen des Evangeliums – in alle Richtungen nachzugehen. Das Mosaik der zahlreichen Texte hat in diesem Text so etwas wie einen alles zusammenhaltenden Fluchtpunkt.

Der Verfasser hat die Texte nach ihrem jeweiligen thematischen Schwerpunkt zu drei Gruppen zusammengeordnet. Die erste – „Grundlegendes“ – bietet Texte mit jeweils tendenziell umfassender und ins theologisch Systematische reichender Ausrichtung. In der zweiten Gruppe – „Festzeiten und Feste“ – geht es um im Ablauf des liturgischen Kirchenjahres auftauchende Motive. So wird deutlich, dass dieses von den Christen vollzogenen, Jahr für Jahr sich erneut ereignenden Mitgehens mit der kirchlichen Gemeinschaft seine Ausgangspunkte in den biblisch bezeugten Ereignissen im Leben Jesu hat. Die dritte Gruppe der Texte ist überschrieben mit „In der Freude des Glaubens“. In ihnen greift der Autor unterschiedliche biblische Motive auf. So entsteht ein überaus reichhaltiges Potpourri geistlicher Anregungen.

Jeder der Texte ist ein sprachlich gelungenes Stück, das man mit Freude liest. Im Hintergrund steht jeweils die Rezeption der Erkenntnisse der exegetischen Forschung. Sie helfen, überraschende Details der jeweils ausgelegten Texte wahrzunehmen.  Charakteristisch für die angebotene Deutung der Texte ist durchgehend die Verwurzlung der Jesus und seine Jünger betreffenden Traditionen in der Geschichte Israels. Schließlich sei auf die gelungene Darlegung der Bedeutsamkeit der biblischen Motive für die heutigen persönlichen und gemeinsamen Lebenserfahrungen hingewiesen. Gerhard Lohfink hat wieder ein geistlich überaus anregendes Buch zustande gebracht. Es bietet vielfache Orientierung in den wahrlich nicht einfachen Zeiten, die wir Christen in der Nachfolge Jesu persönlich und miteinander zu bestehen haben.

                Werner Löser SJ

 

Dalferth, Ingolf U.: Sünde. Die Entdeckung der Menschlichkeit. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2020. 432 S. Kt. 32,–.

In einem Tagebucheintrag während seiner Romreise 1924 hält Dietrich Bonhoeffer seinen Eindruck von einem Besuch in Santa Maria Maggiore fest: „Nachmittag Maria Maggiore, großer Beichttag, alle Beichtstühle besetzt und von Betenden umdrängt“ (DBW 9, 89). Dieser Anblick ist heute selten. Es scheint, als ob selbst in der katholischen Kirche hierzulande das Sündenbewusstsein und der Drang nach Absolution von den Gläubigen kaum mehr empfunden wird, nicht zuletzt, weil der Sündendiskurs obsolet geworden ist, gar als reaktionär gilt.

Dalferth nennt dafür im letzten Viertel seines umfangreichen und tiefgründigen Werkes Gründe, zu denen die von ihm beschriebene Karikierung und Trivialisierung des Sündenbegriffs zählt, z.B. in dem Gerede von Jugend-, Mode-, Ess- und sonstigen „Sünden“ (381). Solche Sünden beichtet man augenzwinkernd in Kreisen des „Wohlstandsatheismus“ (384) und in Kreisen, für die Religion nur mehr als „spirituelles Wellnessphänomen“ (382 f.) von Interesse ist. Hier redet man von sich, ohne von sich zu reden, ohne „existenziellen Ernst“, denn „ernst sind Themen, die man nicht behandeln kann, ohne von sich selbst zu sprechen“.

Unschwer zu erkennen sind Anklänge an die Existenzphilosophie von Martin Heidegger, die der Autor in die historische Linie der „Transformationen der Sünde“ (Kap. III) einordnet. Diese Linie zieht er von Thomas Hobbes über Mandeville, Marx, Leibniz, Kant, Kierkegaard, bis hin zu Heidegger und Tillich. Was dem Autor das Recht dazu gibt, ist, dass im Denken dieser Philosophen immer noch der christliche Sündenbegriff Pate gestanden hat – z.B. für die Philosophie der Entfremdung bei Marx und Kierkegaard –, er sozusagen im hegelschen Sinne „aufgehoben“ ist, anders als bei Nietzsche, der mit seinem Denk-Hammer den Sünden- Monolith des Christentums als die Versteinerung des Ressentiments der Sklavenmoral zertrümmert hat. Deshalb behandelt der Autor diesen Philosophen unter der methodischen Leitkategorie „Dekonstruktionen der Sünde“ (Kap. IV), worunter er auch zeitgenössische philosophische Ansätze (feministische und identitäspolitische) rechnet. Aber anders als mancher zeitgenössische Theologe und anders als manch lehramtliche Verlautbarung bemüht sich der Autor um eine angemessene Würdigung der dekonstruktivistischen Strömungen in der zeitgenössischen Philosophie, weil er erkannt hat, dass sie von der Absicht geleitet werden, „die Konstruktionslogik aufzuzeigen, die dem Abzubauenden zugrunde liegt, um so verstehen zu können, wie es dazu gekommen ist bzw. wie man verhindern kann, dass es wieder dazu kommt“ (327).

Um aber sowohl die „Transformationen“ als auch die „Dekonstruktionen der Sünde“ verständlich zu machen, rekonstruiert der Autor zuvor die „Theologische(n) Denktraditionen“ (Kap. II) bei Paulus, Augustinus, Thomas, Luther, Melanchthon, Calvin, also sowohl die katholische als auch die protestantische Tradition, insgesamt eine Art Kompendium der Theologiegeschichte am Leitfaden des Sündenbegriffs. Umrahmt werden die theologischen und philosophischen Kapitel von den Kapiteln „Ferne Erinnerungen“ (Kap. I) und „Der Sinn der Sünde“ (Kap. V), in welchen der Autor das Sündenthema dem Vergessen und Verdrängen entreißt und die dringende Aktualisierung empfiehlt, um nicht einer Ideologisierung des Humanum infolge von aufklärerischen Übervereinfachungen zu verfallen.

Allein die Entfaltung der Komplexität des christlichen Sündenbegriffs erhellt ein wahres Verständnis der Wirklichkeit des Menschen, öffnet den Horizont, um die Endlichkeit des Menschen zu „würdigen“ (408), indem ich erkenne, dass ich mich nicht selbst erschaffen habe, sondern mir selbst von dem unendlich-Anderen, Gott, gegeben wurde als einer, der wie alle anderen auch Abgründe des Unmenschlichen aufreißen kann, aber auch wie alle anderen allein von der Gnade Gottes lebt.

                Alban Sänger

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