Rezensionen: Theologie & Kirche

Feddersen, Jan / Gessler, Philipp: Phrase Unser. Die blutleere Sprache der Kirche. München: Claudius Verlag 2020. 184 S. Gb. 20,–.

Der Titel macht neugierig. Das Buch will untersuchen, „woher die facettenreiche kirchliche Sprache kommt, wie sie wirkt und welche Abgründe in ihr stecken.“ In 18 Kapiteln und einem ausführlichen Glossar findet sich eine Fülle einschlägiger Beispiele samt Analyse und Bewertung durch kirchliche Fachleute. Die meisten von ihnen sind in der evangelischen Kirche beheimatet, einige auch in der katholischen. Der Grad ihrer jeweiligen Beheimatung ist verschieden. Das verrät die Art der Kritik.

Die Sprach-Beispiele haben beim Rezensenten zu einer ernst-heiteren Schreib- und Sprech-Selbst-Erforschung geführt, verbunden mit dem Wunsch, die christlichen Kirchen mögen einem zweiten Otto Waalkes nicht die Chance geben, sie so durch den Kakao zu ziehen, wie es der erste tat mit seinem Sketch „Das Wort zum Montag“.

Zur Herkunft kirchlicher Sprache liefern die Autoren interessante Deutungen: Im Zuge der schroffen Absetzung von der Nazi-Generation in den 1960er- und 1970er-Jahren sei es zu weicheren Formen der Kommunikation gekommen. Es habe eine „Sozialpädagogisierung der kirchlichen Sprache“ stattgefunden.

An den Beispielen werden auch die Milieus erkennbar, aus denen diese Sprache kam: das links-liberale und grüne Bürgertum und das protestantische Pfarrhaus, das sich diesem Bürgertum geöffnet habe, außerdem Akademien, Synoden, Kirchentage. Die wortbewusste und sprachmächtige evangelische Welt habe versucht, aus vielen Einzelnen ein menschenfreundliches Wir zu machen – durch umarmende Sprache. Ist man dabei der Gefahr erlegen, die vorhandenen Gegensätze und Widersprüche zu verschleiern? Daher der Vorwurf, diese Sprache sei nur scheinbar freundlich, eigentlich sei sie unwahrhaftig. Wenn eine starke Hierarchie vorherrscht, verbunden mit klerikaler Selbstbehauptung, vor allem bei den Katholiken, komme es leicht zum Vertuschen.

Gewiss hat die kirchliche Sprache eine eigenartige Ambivalenz: Sie will verbindend, friedvoll und höflich sein, sie will die Angesprochenen nicht nötigen – das ist der Vorteil; aber dafür verzichtet sie auf notwendige Klarstellung, auf Zuspitzung und Schärfe – das ist der Nachteil. Im Grunde zeigt sich hier die Kirche als eine Autorität im Dilemma. Dieses erfordert geistliche Unterscheidung. Sicherlich ist die Sprachkrise auch „Resultat einer Krise des Glaubens und des Gottesgedankens in der deutschen Gesellschaft insgesamt“ (109).

Kirchliche Sprache ist nicht nur Gedrucktes, sondern auch Gesprochenes, und zwar in Form von Lesungen, Predigten und Gebeten. Sprecherinnen und Sprecher sollten in der Lage sein, Gedrucktes mit Hilfe ihrer Stimme zum Leben zu erwecken. Gerne würde ich die Autoren und ihre Gewährsleute hören, wie sie selbst predigen, vorlesen oder vorbeten, zum Beispiel wenn sie das Glaubensbekenntnis auslegen oder wenn sie die Bibel erklären. Würden sie dafür eine gut durchblutete Sprache finden?

Bisweilen habe ich mich beim Lesen des Buches verstolpert. Das könnte daran liegen, dass die Autoren ihr Geschriebenes vermutlich nur geschrieben und nicht selbst gehört oder sich vorgelesen haben. Was den Vergleich zwischen der protestantischen und der katholischen Kirchensprache betrifft, könnte es sich lohnen, diesen zu verfeinern, um angesichts der Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten voneinander zu lernen. Das Buch ist anregend und wirkt als Bluterfrischungskur für Kirchenleute.

Wendelin Köster SJ

 

Berger, Klaus: Ehe und Himmelreich. Frau und Mann im Urchristentum. Freiburg: Herder 2019. 304 S. Gb. 25,–.

Die katholische Vorstellung von Mann und Frau, Ehe und Zölibat ist Thema gesellschaftlicher wie kirchlicher Debatten. Dabei lohnt sich stets ein Blick auf die Quelle des Glaubens: die Heilige Schrift. Einen solchen Blick bietet Klaus Berger, emeritierter Professor für das Neue Testament in Heidelberg. Er fragt, was unsere Bibel über das Verhältnis von Mann und Frau zu sagen hat – und überrascht schon am Beginn des Bandes. Berger sieht zwei Linien in der Verkündigung Jesu, die sich nicht ohne weiteres zusammenbringen lassen und die der Wissenschaftler daher als Wandel interpretiert: „Vom Ehefeind zum Ehefreund?“

Sowohl bei Jesus als auch in der Verkündigung des Paulus finden sich für beide Positionen Belege. Dabei bietet Berger auch eine Auslegung des Zölibats, den er nicht nur als Ehelosigkeit, sondern eben auch als Entsagung einer eigenen Familie versteht. Während der Mensch in Ehe und Familie lebt und auf eine Ergänzung seiner selbst angewiesen ist, unterscheidet sich Gott diametral hiervon: Er ist gerade nicht in familiäre Bezüge eingebunden, wie das für pagane Götter durchaus üblich war. Eine christliche Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen ist damit für Berger auch eine Nachahmung dieses Gottes.

Im weiteren Verlauf der Darstellung beschreibt Berger den „dualen Weg“. Er stellt fest, dass Mann und Frau im Neuen Testament unterschiedliche Aufgaben zugewiesen bekommen und verschieden eingebettet werden: „Wichtige Funktionen für Frauen sind verbunden mit den Stichworten Witwen, Prophetinnen, diakonische Charismen (nach den Kirchenordnungen besonders Nachbarschaftshilfe und Primärmission). Für Männer dagegen geht es um Apostel, Patriarchen, Zwölferkreis, Älteste, das Bild der Sklaven und dann Bischöfe. Das sind, genau betrachtet, zwei verschiedene Welten.“

Es folgen Betrachtungen zur Ehe im Neuen Testament. Aufschlussreich ist das Ende des Bandes. Der Autor macht durchweg klar: Sexualität ist nicht der Kern des Christentums – auch wenn einschlägige Berichterstattungen bisweilen anderes vermuten lassen könnten. Interessant ist ein Einwurf, über den man gerne noch mehr gehört hätte: Ethische Fragen, insbesondere auch die Sexualität betreffend, werden im Neuen Testament vor allem an der Frage eines glaubwürdigen Zeugnisses gemessen. Verhalten sich Christen falsch, wirft das einen Schatten auf die Glaubhaftigkeit ihres Evangeliums. Welche Schlüsse aber ließen sich daraus ziehen? Könnte man dann die Sexualmoral des Christentums ständig an gesellschaftliche Vorstellungen anpassen? Schlüsse, die Berger selbst nicht ziehen würde, die aber einer breiteren Darstellung wert wären.

Klaus Berger überzeugt in diesem Band wie schon in früheren Schriften vor allem durch seine breite Kunde und Wiedergabe biblischer, aber auch außerbiblischer Quellen. Berger bewegt sich souverän zwischen den Büchern der Heiligen Schrift, apokryphen Texten, Auslegungen der Rabbinen und der Kirchenväter. So werden wertvolle Parallelen sichtbar.

Benedikt Bögle

 

„Bleiben, erheben, wandeln“ (Hg.): Frauen machen Kirche. Ostfildern: Patmos 2020. 232 S. Gb. 19,–.

Von Ostern bis Pfingsten 2019 schrieben katholisch engagierte Frauen den Blog 50 Tage – 50 Frauen auf der Webseite bleiben.erheben.wandeln. Unter der Leitfrage, warum frau „dennoch“ in der Kirche bleibt, erzählen die Beiträge vor allem von Kirchenerfahrungen. Die Texte sind oft recht emotional, voller Zorn, Trauer und Sorge, aber auch mit klaren Zeugnissen der Hoffnung und des Vertrauens. Der Blog fand großen Zuspruch, noch mehr Autorinnen meldeten sich – im Buch finden sich jetzt 80 Beiträge von Frauen unterschiedlichen Alters und verschiedener Herkunft, die Mehrzahl Österreicherinnen, andere aus dem gesamten deutschsprachigen Raum.

Gemeinsam ist den Autorinnen, dass sie sich für die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche einsetzen. Die Ämterfrage ist nur ein, wenn auch symbolisch und strategisch wichtiger, Baustein in dieser Auseinandersetzung. Es geht auch um Partizipation im weiteren Sinn und um Kompetenz, um Fragen des Stils und letztlich in hohem Maß um Wertschätzung. Einige Frauen fühlen sich durch die Kirche in ihrer Würde herabgesetzt (z.B. M. Lerchner, 124), andere weisen diesen Gedanken heftig zurück, denn das würde ja bedeuten, dass nur der Zugang zur Weihe Würde verleiht (G. Seiler, 181) – wäre das nicht eine neue Klerikalisierung der Kirche? Wichtig ist vielen Autorinnen, dass sie als Frauen in der Kirche einen Lebensort und eine Heimat gefunden haben und daher, gleichsam gegen alle Widerfahrnisse, bleiben. Auffällig viele beziehen sich auf Maria von Magdala als jene biblische Frau, die ihnen Wege zum Glauben weist und Hoffnungszeichen bleibt. Manche Frauen können heute mit der fast immer eucharistischen, männlich geprägten Liturgie nichts mehr anfangen. Viele sehen Papst Franziskus positiv, auch wenn sein Frauenbild sicher nicht von „westlicher“ Genderkultur geprägt ist und seine Reformvorhaben an vielen Ecken kaum vorankommen.

Kritisch einzuwenden an dem Buch wäre, dass die Vielzahl der ungefiltert übernommenen Texte zu einigen ermüdenden Redundanzen führt und dass man die Auswahl der Beiträge als einseitig sehen kann: Alle Autorinnen kritisieren die Kirche, sind aber „geblieben“ – wo sind die vielen, die schon „gegangen“ sind? Doch das klare, auch einseitige Profil des Buches hat ja auch Vorteile. Für mich als Mann und Priester zeigte die Lektüre nochmals, wie viele gebildete, oft jüngere Frauen in ihrer Kirche doch sehr unzufrieden sind, oft voller Groll und Aggression, wie sehr sie innerlich und äußerlich ringen – und wie viele Frauen sich schon abgewandt haben und weiter abwenden.

Offensichtlich schafft es die Kirche nicht, diesen Schrei zu hören und sich so zu entwickeln,dass die menschlichen und geistlichen Ressourcen von Frauen angenommen werden. Und dann muss man immer wieder von Kardinälen hören, die „Unmöglichkeit“ der Frauenordination sei von Papst Johannes Paul II. „unfehlbar“ festgestellt worden – das ist nicht nur theologisch fragwürdig, sondern auch ignorant und verächtlich.

                Stefan Kiechle SJ

 

Florin, Christiane: Trotzdem – wie ich versuche, katholisch zu bleiben. München: Kösel 2020. 176 S. Kt. 20,–.

Christiane Florin legt ein sehr persönliches Buch vor. Die Spannung, die es durchzieht, ergibt sich aus den beiden Rollen, zu denen sie sich bekennt: zum einen die politikwissenschaftlich geschulte Journalistin, die von außen professionell auf die Kirche blickt (77-98), zum anderem die Katholikin, die als solche eben nicht nur draußen, sondern auch drinnen steht. Ihre kirchliche Sozialisation im leicht „linksgebürsteten“ (17 u.a.) rheinisch-katholischen Jugendverbandsmilieu, sich selbst und auch noch ihre anfängliche Berichterstattung nach 2010 unterzieht sie einer Selbstkritik: „Ein vertuschender Bischof hat eine andere Verantwortung als ein wegsehendes Schaf … Aber wenn wir uns der Frage, was sexueller Missbrauch mit uns zu tun hat, entziehen, stehen wir Schafe mit den Hirten unter Generalverdacht“ (76).

Pressekonferenz der Deutschen Bischofskonferenz am 20.9.2020 zur Veröffentlichung der MHG-Studie in Fulda (Florin lockte bekanntlich mit ihrer abschließenden Frage dem Vorsitzenden Kardinal Marx das legendäre „Nein“ heraus – 32 ff.), Rückblick auf die Ereignisse von 2010-2018, „bescheidenheitsbrutaler“ (77 ff.) Umgang von Bischöfen und Apologeten des Status quo mit dem Wort „Macht“, innere Widersprüche in der katholischen Sexualmoral, Diskriminierung der Frauen, ständig stolpernde katholische „Streitkultur“ – die Autorin beschreibt dazu ihre Erfahrungen und ihre Lernschritte. Abwehrstrategien der Autoritären unterzieht sie ebenso wie Konfliktvermeidungsstrategien der Reformer einer Kritik, bei der niemand ungerupft bleibt. Inkonsequenzen duldet sie nicht, intellektuelle Erbärmlichkeit legt sie argumentationslogisch bloß, gelegentlich zu Hohn zugespitzte brillante Formulierungen lese ich mit grimmigem, meist zustimmendem Lachen.

Florin hat sich trotzdem für das „Trotzdem“ im Titel des Buches entschieden: Sie spürt die Fallen ihrer Lust an der scharf ätzenden Analyse. Am Ende formuliert sie: „Mein Trotzdem nenne ich Zynismus-Prävention“ (172). Etwas von der Trauer einer Katholikin zeigt sich. Sie liegt tiefer als die Versuchung zu Zynismus und Besserwisserei. Im abschließenden Kapitel vergeht mir dann auch das grimmig zustimmende Lachen. Es weicht einer verhaltenen Freude. Florin will die Kirche nicht den Autoritären überlassen. Sie bekennt sich als „leidenschaftliche Streiterin für die Lauen“ gegen den Hochmut der vatikanisch gepemperten Elitären (169). Die spirituelle Tragweite des Missbrauchs veranlasst sie zu einer Relecture der Bibel, vor allem des Neuen Testamentes. Sie entdeckt das Evangelium neu: Das „macht mich zweifelnder. Zugleich bin ich mir sicher, dass ich von dieser Art des Christseins nicht mehr ablassen werde. Es ist ein lebenslanger Drahtseilakt“ (171).

Von ihrem Glauben bleibe ihr „die Frage übrig: Wer war froh, dass es Dich gab? Die Hungernden, die ich speiste. Die Dürstenden, denen ich zu trinken gab. Die Nackten, die ich bekleidet …“ (173) Für mich ist das nicht nur ein Rest-Glauben – rufe ich ihr zu, falls sie das „übrig“ in der „übrig gebliebenen Frage“ so meinen sollte. Vielmehr sehe ich da ein Senfkorn, in dem das Potential für einen Baum steckt, „größer als alle anderen Gewächse“ (Mk 4,32).

Klaus Mertes SJ

 

 

Etscheid-Stams, Markus / Szymanowski, Björn / Qualbrink, Andrea / Jürgens, Benedikt (Hgg.): Gesucht: die Pfarrei der Zukunft. Der kreative Prozess im Bistum Essen. Freiburg: Herder 2020. 400 S. Gb. 32,–.

Längst gelten Gemeinden und Pfarreien als kirchliche Sorgenkinder. Mit der Krise der Gemeindetheologie und den massiven Strukturveränderungen von Pfarreien in Fusionen, Kooperationen und Seelsorgeeinheiten unterliegen sie einem massiven Veränderungsstress. Wenn das Bistum Essen mit einem aufwendigen Prozess der Kirchenentwicklung einen wichtigen Fokus auf die Pfarreien legt, ist dies auch als ungewohnte und durchaus überfällige Würdigung dieser Sozialform und der in ihr haupt- und ehrenamtlich wirkenden Menschen zu deuten.

Mit dem Pfarreientwicklungsprozess (PEP) wurden die 42 verbliebenen Pfarreien des Bistums Essen zur inhaltlichen Mitarbeit aufgefordert. So entstanden 42 Voten, in denen sich die Gremien der Pfarreien zu ihrem Verständnis des kirchlichen Lebens vor Ort, wie es bis 2030 gestaltet werden soll, positioniert haben. Der vorliegende Sammelband präsentiert eine Studie, in der die Pfarreivoten von Björn Szymanowski vom Zentrum für angewandte Pastoralforschung (ZAP) ausgewertet wurden. Dazu kommen eine Reihe von Beiträgen, die das Projekt in Fragen einer sozialraumorientierten Kirchenentwicklung einordnen, verschiedene Instrumente dabei vorstellen und kritische Anfragen (Birgit Hoyer) stellen: Warum sollen Pfarreien sich so dringlich an den Vorgaben der Diözesanleitung und dessen „Zukunftsbild“ orientierten? Gibt es nicht die berechtigte Erwartung, dass die Bistumsleitungen sich an den Erfahrungen und Kirchenentwicklungen vor Ort orientieren und diese als Lernimpulse würdigen? Braucht es nicht gerade die Heterogenität, mit der Pfarreien ihre innere Struktur ausbilden und ihre Bezüge zum gesellschaftlichen Umfeld gestalten?

Die vorgestellten Prozesse im Bistum Essen werden in die regionalen und geschichtlichen Spezifika (Andreas Henkelmann, Martin Belz) eingeordnet, können aber gerade in ihrer kommunikativen Qualität für die Arbeit in anderen Diözesen und Regionen anregend sein. Denn darin drückt sich auch eine überfällige Wertschätzung gegenüber den im Parochialsystem engagierten haupt- und ehrenamtlichen Menschen aus. Ihre Erfahrungen vor Ort werden als theologische Erkenntnisquelle sichtbar (Hans-Joachim Sander), ohne dass die kirchlichen Organisationsprozesse vorschnell in geistliche Prozesse überhöht werden müssten. Ein Blick auf die engen, kirchenrechtlichen Spielräume (Bernhard Sven Anuth), die Erwartungen gesellschaftlicher Kontexte (Jan-Hendrik Kamlage und Sebastian Sponheuer) und die Parallelen zu anderen Großorganisationen bieten wertvolle Anregungen. Die unbequemen Fragen zur „Qualität in Pfarreien“ (Thomas Wienhardt), der Ruf nach etablierten Mechanismen für ein kirchliches Verständnis als Lernender Organisation und die Erinnerung an die kirchliche Verpflichtung zur Mitgestaltung gesellschaftlichen Lebens im Zuge des „Community Organizing“ (Tobias Meier) drücken einen anspruchsvollen Umgang mit der nach wie vor dominanten Sozialform der Pfarrei aus.

Ungünstig erscheinen lediglich die übergroße Nähe zwischen diözesanen Auftraggeberinnen und Forschungsinstitut sowie die Berücksichtigung von lediglich einer einzigen Autorin. Wer sich in anderen Diözesen um die Entwicklung von Pfarreien und Gemeinden kümmert und nicht nur deren äußere Organisationsstruktur verändern will, findet in dem vorliegenden Band vielfältige und wertvolle Impulse.

                Wolfgang Beck

 

Englert, Rudolf: Geht Religion auch ohne Theologie? Freiburg: Herder 2020. 184 S. Kt. 35,–.

Die Frage im Titel wirkt banal und macht zugleich neugierig: Geht Religion auch ohne Theologie? Selbstverständlich, so möchte man meinen; denn vielen Religionen ist durchaus fremd, was sich im Raum des Christentums als kritische Selbstreflexion im Medium humaner Vernunft herausgebildet hat. Doch auch Christsein ist zweifellos möglich, ohne zuvor ein Studium der Theologie absolviert zu haben. Wie ist dann aber der curriculare Anspruch zu rechtfertigen, im Religionsunterricht religiöses Wissen zu vermitteln? Und welchen Beitrag kann die Theologie dazu leisten?

Solchen Fragen spürt der emeritierte Essener Religionspädagoge Rudolf Englert in Vorlesungen nach, die er 2019 im Rahmen seiner Papst-Benedikt-XVI.-Gastprofessur in Regensburg gehalten hat. In sechs Kapiteln trägt Englert grundlegenden „Verschiebungen in der Architektur des Religiösen“ (15) Rechnung: der Einsicht nämlich, dass sich religiöse Interpretationen von Selbst und Welt heutzutage zunehmend weniger an kognitiven Gehalten orientieren als an ästhetischen, praktischen und emotionalen Qualitäten. Dieser Befund verstört, trifft er in Katechese und Religionsunterricht doch vielfach auf Konzepte, welche auf die kognitiven Dimensionen des christlichen Glaubens setzen.

Seinen Lesern und Leserinnen mutet Englert deshalb einen „Perspektivenwechsel“ (11) zu: Nicht die theologische Begriffsarbeit bildet die Grundlage seiner Analysen, sondern die Empirie. Vielfältige Wahrnehmungen aus der Praxis des Religionsunterrichtes werfen die Frage auf, welchen Beitrag Theologie für ein vertieftes Verständnis religiöser Gehalte und Vollzüge leisten kann. Hilfreich ist dabei Englerts Unterscheidung von vier Formen von Theologie: einer wissenschaftlichen, einer lehramtlichen, einer „sapientialen“ und einer „hybriden“ Theologie (19-34). Auf je unterschiedliche Weisen entsprechen diese Formen von Theologie der Vielfalt von Biografien, Identitäten und Erfahrungsräumen in der religiösen Situation der Gegenwart.

Englert lässt sich von dieser Vielfalt her Fragen aufgeben, die der Theologie nicht fremd sind, nun aber aus Erfahrungen gelebter Religiosität erwachsen – so etwa die Frage, was überhaupt Gegenstand religiöser Rede ist (41-60), ob religiöse Fragen zu beantworten sind (61-93), welche Bedeutung religiöse Traditionen haben (95-125), ob Religionen einen wie auch immer gearteten Wahrheitsanspruch erheben können (127-152) und – die vorausgehenden Beobachtungen und Analysen bündelnd – ob man Religion lehren und lernen kann (153-182).

Bei alledem betont Englert, dass die gesteigerte Aufmerksamkeit für die Struktur religiöser Erfahrungen und Bedürfnisse in Katechese und Religionsunterricht keineswegs einen Verzicht auf die selbstkritische Reflexion und Begleitung gläubiger Praxis zur Folge hat. Vielmehr ist diese Praxis vor der humanen Vernunft zu rechtfertigen und so nicht zuletzt auch gegen Missbrauch zu schützen. Gegen jeden religiösen Fundamentalismus ist die Einsicht zu verteidigen, dass Fragen nach dem Sinn des Ganzen auch dann gestellt werden dürfen, wenn sie nicht unmittelbar beantwortet werden können. Auch insofern muten Englerts Beobachtungen aus der schulischen Praxis und seine treffsicheren Analysen der akademischen Theologie eine heilsame Reflexion auf ihre vielfach unbefragten Voraussetzungen und Zielsetzungen zu.

Dirk Ansorge

 

Peng-Keller, Simon: Überhelle Präsenz. Kontemplation als Gabe, Praxis und Lebensform. Würzburg: echter 2019. 220 S. Kt. 16,90.

Kontemplation gibt es im Christentum schon immer, wie auch in manchen anderen Religionen. Lange galt sie in der Kirche als höchste Form des Gebets, wurde aber auch misstrauisch beäugt und in den letzten Jahrhunderten bisweilen vergessen. Seit einigen Jahrzehnten neu entdeckt, wird Kontemplation wieder vermehrt praktiziert, in Kursen, in Lehrgängen und von vielen Christen im alltäglichen Leben. Simon Peng-Keller begleitet kontemplative Exerzitien und bildet Begleitende aus. Er ist Professor für Spiritual Care in Zürich.

In der Kontemplation geht man in die Stille und Leere. Man eröffnet einen „Resonanzraum“ (7), um in Gottes Gegenwart zu treten. Ohne Worte, Bilder und Gedanken schaut man auf Gott. Allerdings wird im Vollzug auch Zerstreuendes und Dunkles, das in der Lebensgeschichte oder in der Person schlummert, präsent und muss ertragen und durchlitten werden. Kontemplation ist zum einen reine Gabe, fokussiert auf die göttliche Wirklichkeit, zum zweiten Praxis, also konkretes Üben und Mühen (48), zum dritten auch Lebensform, welche alles Dasein und Tun durchwaltet – so die drei Teile des Buches. Achtsamkeit steht im Zentrum, ebenso die leiblich-sinnliche Wahrnehmung, insbesondere über den Atem, außerdem der offene und komplexe Umgang mit Emotionen, Sehnsüchten, Gedankenwelten. Kontemplation ist äußerst vielfältig in ihren Traditionen und Methoden, bis heute sind die reichen Schätze der spirituellen Tradition im kirchlichen Leben bei weitem zu wenig präsent.

Peng-Keller reflektiert auf hohem Niveau, mit Zeugnissen großer Autoren: Am meisten zitiert werden Simone Weil, Carlo Carretto, die „Scala divini amoris“ und die „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“. Seine eigenen Gedankengänge sind oft theologisch anspruchsvoll – in diesen Teilen ist sein Buch nicht immer leicht zu lesen. Allerdings bringt der Autor immer wieder Erfahrungen aus seinem persönlichen Werdegang und aus seiner Begleitpraxis ein – in diesen Abschnitten ist es narrativer und leichter zugänglich. Die gelungene Mischung beider Ebenen macht jedoch das Besondere und die Frucht des Buches aus. Am Ende verweist es darauf, dass Kontemplation nicht nur ein ganz persönliches und inneres Geschehen ist, sondern soziale, kirchliche und interreligiöse Aspekte umfasst.

In einer hektischen und ständig bewegten Welt hat es Kontemplation schwer – doch zugleich zeigt die Tatsache, dass sie immer mehr entdeckt und praktiziert wird, das Wirkens des Geistes.

Stefan Kiechle SJ

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