Rezensionen: Kunst & Kultur

Seiler, Jörg (Hg.): Literatur. Gender. Konfession: Katholische Schriftstellerinnen. Band 1: Forschungsperspektiven. Regensburg: Friedrich Pustet 2018. 214 S. Kt. 29,95.

Inwieweit sind katholische Schriftstellerinnen sowohl Produkte als auch Produzentinnen katholischer Weiblichkeitsideale, und inwieweit verhalten sie sich in ihren Werken kritisch diesen Idealen gegenüber? Im vorliegenden Band analysieren die Autorinnen und Autoren ausgewählte Prosatexte katholischer Schriftstellerinnen, die im Untersuchungszeitraum zwischen 1908 und 1962, d.h. zwischen dem katholischen Literaturstreit und dem Zweiten Vatikanischen Konzil, gelebt haben. Im Spannungsfeld zwischen Leben und Werk beleuchten die Beiträge den Einfluss und die Darstellung spezifisch katholischer Geschlechternormen.

Zu diesen Normen gehören Antonia Leugers zufolge neben einer als natürlich verstandenen Zweigeschlechtlichkeit die Subordination der Frau unter den Mann, entweder als ledige „reine“ Jungfrau oder als Gattin, Hausfrau und Mutter. Soziologisch begründet wird diese Charakterisierung katholischer Geschlechternormen durch den antimodernistischen Zeitgeist des Katholizismus im Untersuchungszeitraum. Allerdings lässt sie die Frage offen, was daran explizit katholisch sei.

Lucia Scherzberg argumentiert, dass sich die Subordinationsnorm aus einem problematischen Verständnis der „symbolischen Geschlechterordnung“ (79) zwischen einem als vorwiegend männlich begriffenen Gott und seinem als weiblich begriffenen Volk Israel oder, im christlichen Verständnis, seiner als weiblich begriffenen Kirche ergibt. Allerdings greift diese Bibelreflexion zu kurz, wenn sie die Komplexität der archetypisch-geschlechtlichen Rollen und Machtzuordnungen von Gott und Volk im Alten Testament ungewollt einebnet: So lassen sich geschlechtliche Archetypen sinnvoll nur auf der Ebene zuordnen, auf der sich das Verhältnis von Gott und Israel im biblischen Kontext als Liebesverhältnis erweist; dieses jedoch entspricht keinesfalls einem eindeutigen Machtverhältnis in nur eine Richtung. Positiv anzumerken ist jedoch, dass Scherzberg das Potenzial des Alten Testamentes für eine flexiblere geschlechtliche Archetypisierung Gottes hervorhebt und die starre Fixierung auf das Männliche als „kulturelle Konstruktion“ (81) charakterisiert.

Die eigentlichen Analysekapitel weisen eine beachtliche Vielfalt an äußerst interessanten Inhalten und eine noch erstaunlichere Bandbreite an Qualitäten auf. Mit Abstand das beste Kapitel stammt von Maria Cristina Giacomin, die drei äußerst kluge Entscheidungen getroffen hat: Zum einen hat sie mit dem Roman Jesse und Maria von Enrica von Handel-Mazzetti einen Text gewählt, in dem die katholische Konfession der weiblichen Hauptfigur explizit eine wichtige Rolle in der innertextlichen Konfliktentwicklung spielt. Zweitens interpretiert sie die Figurendarstellung in diesem Roman sorgfältig und mit geübtem Blick für die Ambivalenzen und belegt jeden Interpretationsschritt mit Zitaten, was dem Verständnis und der Glaubhaftigkeit ihres Beitrags enorm dienlich ist. Drittens geht sie auf die Rezeptions- und Bearbeitungsgeschichte des Romans ein und deckt somit konfessionelle Denkmuster innerhalb des christlichen Literaturbetriebs des Untersuchungszeitraums auf.

Dass es tatsächlich eine spezifisch milieu-katholisch definierte Subordinationsnorm für Frauen gab (oder gibt?), wird von Hiltrud Häntzschel belegt. Sie zitiert die sechste Generaloberin der Gesellschaft vom Heiligen Herzen: „Wo höhere Frauenbildung unter dem Einfluss der Kirche erblüht ist, da stand sie auf der Grundlage (…) strenger Selbstzucht und Überwachung (…). Außerhalb der Kirche hat [sie] zu Übertreibungen und Entgleisungen geführt und im Begehren nach gleichen Rechten, gleichen Zielen und Berufszweigen das Gleichgewicht der gesellschaftlichen Ordnung ins Schwanken gebracht“ (154).

Lydia Mechtenberg

 

Zierholz, Steffen: Räume der Reform. Kunst und Lebenskunst der Jesuiten in Rom 1580-1700. Berlin: Gebr. Mann 2019. 288 S. Gb. 69,-.

Für seine Dissertation an der Universität Bern (2015), auf die dieses Werk zurückgeht, konnte Steffen Zierholz auch in der Bibliotheca Hertziana in Rom arbeiten. Er erweist sich als umfassend kompetent und zahlreicher Sprachen mächtig. Dabei setzt er bei seiner Leserschaft die Kenntnis des Italienischen des 16./17. Jh. voraus.

Kunst wird hier im Anschluss an Michel Foucault nicht nur ästhetisch wahrgenommen, sondern auch als Lebenskunst, d.h. im Zusammenhang mit einem bestimmten, vom Künstler angezielten Lebensentwurf, der ihn oder seine Gruppe prägt. Die Jesuiten der Gründungszeit des Ordens bieten sich dafür als Beispiel an. Der Orden bietet für eine solche Betrachtung den Vorteil, dass er sich in seiner Bildungsarbeit wie in seiner sakralen Kunst auf Gründungsdokumente der Gesellschaft Jesu beziehen kann. Dazu zählen allen voran die Exerzitien des Ignatius, daneben sein Pilgerbericht, die zweifache Formula Instituti sowie frühe Texte der Gründergeneration, sei es biografischer Art zu Ignatius, sei es auch allgemein spiritueller Natur. Bevor sich Zierholz der Malerei in den Hauptkirchen der Jesuiten in Rom zuwendet, stellt er „Die Bildhauerei als Metapher der Selbst-Formung“ und „als exegetisches Modell der Lebenskunst“ heraus (35-64). Dies wohl, weil hier am leichtesten der Brückenschlag zwischen Kunst und Lebenskunst aufgezeigt werden kann.

Noch bevor der Verfasser zur Interpretation des Bildprogramms der jesuitischen Hauptkirchen in Rom übergeht, schreibt er „Zur enargeia jesuitischer Räume“, zum Zusammenhang zwischen „Raumgestaltung und Gebetspraxis“ sowie „Präsenz in Meditation und Malerei“. Als Beispiel dient hier die Capella della Natività in der Jesuitenkirche Il Gesù. Der Grundgedanke besteht darin, dass in der jesuitischen Raumgestaltung ermöglicht werden soll, sich den meditierten Gegenstand lebhaft vor Augen zu führen. Die Seitenkapellen des Gesù werden dabei vor allem als Stätten persönlichen Gebets gesehen, was deren Sinn vielleicht nicht ganz ausschöpft, dienen sie doch zunächst der Feier des Gottesdienstes.

Im Folgenden stellt Zierholz zwei römische Jesuitenkirchen vor, die ihre besondere Bedeutung dadurch erhalten, dass sie zu Ausbildungsstätten des Jesuitennachwuchses gehörten: S. Andrea in Quirinale, gestaltet von keinem Geringeren als Gian Lorenzo Bernini als Kirche des Jesuitennoviziats, und S. Ignazio, die von Andrea Pozzo gestaltete Kirche des Collegio Romano, der wichtigsten Ausbildungsstätte des Ordens im Herzen von Rom. Bei S. Andrea geht es vor allem um die Vorbereitung der Novizen auf die Bereitschaft zur Kreuzesnachfolge bis hin zum möglichen Martyrium. Hier spielt der Kirchenpatron Andreas die entscheidende Rolle. Ansatzpunkt in der Gründungsgeschichte des Ordens ist die Vision des Ignatius in La Storta vor den Toren Roms, so wie sie vor allem Ribadeneira wiedergibt. Hier spricht der kreuztragende Christus selbst zu Ignatius: „Ich will euch in Rom gnädig sein“. Während diese Szene das Altarbild in S. Ignazio bestimmt, wirkt sie sich doch aus in der Bebilderung von S. Andrea in Quirinale.

In S. Ignazio beherrscht sonst das große Langhausfresko von Andrea Pozzo den Eindruck des Betrachters. Hier wirken sich andere Texte der ignatianischen Exerzitien aus: die Betrachtungen vom Ruf des Königs und von den Zwei Bannern, wozu auch diejenigen von den drei Zeiten der Wahl hinzukommen. Hier sollen die Jesuitenschüler auf die Teilnahme an der weltweiten Sendung der Gesellschaft Jesu vorbereitet werden. Zierholz legt durchgängig Wert darauf, nicht von Gegenreformation, sondern von Reform zu sprechen. Das tut ausgesprochen gut. Auch sonst kann sein Buch allen empfohlen werden, die sich für den Zusammenhang zwischen Kunst und Spiritualität des Jesuitenordens in seiner Gründungsphase interessieren. Etwas Vorsicht ist vielleicht geboten, wenn gelegentlich von „ethisch gedachte(r) Selbstverbesserung“ (30), ja sogar „Selbst-Heiligung“ (158) gesprochen wird. Auch für die ersten Jesuiten waren Tugend und Heiligung vor allem Werk Gottes.

Johannes Beutler SJ

 

Wenzel, Knut: Die Wucht des Undarstellbaren. Bildkulturen des Christentums. Freiburg: Herder 2019. 367 S. Gb. 40,–.

„Bildkulturen des Christentums“ allein wäre ein unendliches Feld. Knut Wenzel, Fundamentaltheologe in Frankfurt, wählt daher wie ein Diptychon zwei „Tafeln“ aus, welche die beiden Hauptteile des Buchs bilden: Mariendarstellungen und Christusdarstellungen. Für beide werden eine gute Zahl von Hauptwerken abendländischer Kunst abgebildet, eher kleinformatig, aber technisch ordentlich gedruckt, und sie werden ausführlich kommentiert und ausgedeutet. Was macht die Wahrheit etwa eines Christusbildes aus? „Wahr sind die Bilder Christi nicht als getreue Abbilder einer von ihnen unabhängigen und ohne sie bestehenden Wirklichkeit; ihre Wahrheit liegt in der osmotischen Funktion, sowohl Ausdrucksgestalt der Bedeutungssehnsucht des Menschen als auch Konkretionsgestalt – menschliche Verleiblichung – der Bedeutungszusage Gottes zu sein“ (17). Weil Christus das Bild Gottes ist, wird die christliche Bildkultur ganz von der Inkarnation her gedeutet. Das Göttliche ist zwar transzendent, also undarstellbar, aber zugleich gibt es eine unstillbare Lust am Bild – die Bildkulturen des Christentums erheben jene eigentümlich christliche, gleichsam inkarnierte Wucht des Undarstellbaren.

Einige Höhepunkte – Bildauswahl und Bildkultur sind immer subjektiv – seien erwähnt: die kühle Erotik von Fouquets „Madonna des Diptychons von Melun“ (1456); Botticellis „Annunciazione“ (1490) und seine neue Bejahung der Würde des Menschen; der starke Gefühlsausdruck von Bellinis „Pietà“ (1472), der das Subjektive betont und auf die Romantik vorausweist; Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ (1500), das zugleich ein Christusbild ist und „sowohl die Wucht des Bildlichen als auch dessen Brechung … in exemplarischer Weise in eins setzt“ (205); Elsheimers „Flucht nach Ägypten“ (1609) und seine Spannung zwischen der humilitas des Messias und dem „Übermaß des Kosmischen“ in der dunkel aufquellenden Landschaft (237); verschiedene Kruzifixe, ausgestreckt „zwischen Intimität und Öffentlichkeit, Körperleid und Heilszeichen“ (270) – als Gipfel die Kreuzigung des „Isenheimer Altars“ von Grünewald (1512-16), in der Leid und Schmerz ungebremst und in aller Brutalität ausgestellt werden.

Einige Ausflüge in die philosophisch-theologische Spekulation sind anregend, etwa die Ausführungen über Geschlechteridentität und Begehren (145 ff.) oder jene über die Mysterien Christi (301 ff.). Andere wirken auf den unbedarften Leser überinterpretierend (Fra Angelicos „Verkündigung“ und Derrida, 105 f.) oder reichlich gewollt (in Bellinis „Sacra Conversazione“ von 1505, in der die Personen glatt aneinander vorbeischauen, finde „absolute Kommunikation“ statt, 196 ff.), manche in der Sprache verquast, schwer nachzuvollziehen. Die Ausflüge springen bisweilen ohne innere Logik voran, und das Buch wirkt dadurch etwas unaufgeräumt – auf dieses Prädikat kommt man, weil der Autor selbst es für Parodis „Kreuzabnahme“ konstatiert (159 ff.). Oder muss Kunstbetrachtung immer einigermaßen schweifen, mäandern, also auch subjektiv-assoziativ dem Chaotischen aller Religion und ihrer undarstellbaren Wucht Raum geben? Immer wieder lädt das Buch – was sonst selten zu finden ist – zu sehr tiefen künstlerischen und zugleich theologisch-spirituellen Bildbegegnungen ein.

Stefan Kiechle SJ

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