Kirche zwischen Staatsmacht und islamistischen RebellenZur Situation der Christen in Syrien

Der Bürgerkrieg in Syrien hat bereits über 90 000 Menschenleben gefordert. Matthias Vogt, Länderreferent beim Hilfswerk „Missio“ in Aachen, gibt einen Einblick in die Lage der Christen und skizziert mögliche Szenarien für die Nachkriegsära.

Im März 2011 begannen im Rahmen des sogenannten "Arabischen Frühlings" in Syrien erste Proteste gegen die Regierung von Präsident Bashar al-Asad. Das Regime beantwortete Forderungen nach mehr Demokratie und Einhaltung der Menschenrechte mit massiven Repressionsmaßnahmen durch die staatlichen Sicherheitsapparate1.

Dies führte schnell zu einer Aufstandsbewegung in weiten Teilen des Landes. Es bildeten sich "lokale Koordinierungskomitees" zur Organisation der Proteste und Bekanntmachung der Forderungen sowie der zum Teil gewalttätigen Gegenmaßnahmen der Sicherheitsbehörden. Im weiteren Verlauf kam es zu einer Militarisierung des Konflikts durch Abfall militärischer Einheiten aus der staatlichen Armee sowie die Bewaffnung der Opposition aus dem Ausland. Seit Ende 2011 herrscht offener Bürgerkrieg. Die staatliche Armee geht mit schweren Waffen gegen bewaffnete Einheiten der Opposition vor. Die Aufständischen kämpfen im Straßenkampf gegen die Einheiten der Regierungsarmee. Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, Chemiewaffen eingesetzt zu haben. Rücksicht auf die Zivilbevölkerung wird von keiner Seite genommen.

Die Regierung von Präsident Bashar al-Asad

Das säkular ausgerichtete Regime der Baath-Partei unter Hafis al-Asad und seinem Sohn Bashar garantiert den Anhängern der christlichen Kirchen in Syrien umfängliche Religionsfreiheit: Glaubens- und Gewissensfreiheit, inklusive Recht auf Religionswechsel (also beispielsweise vom Islam zum Christentum zu konvertieren), private und öffentliche Ausübung gottesdienstlicher Handlungen und sonstige Aktivitäten christlicher Vereine (wie z. B. Pfadfinderveranstaltungen), Organisationsfreiheit und Gewährung einer Rechtspersönlichkeit für die Kirchen2. Ähnliche Freiheiten kommen in der Praxis ebenso den Sunniten, Alawiten und Schiiten zu.

Mit Blick auf die Gewährung umfänglicher Religionsfreiheit unterscheidet sich das Regime in Syrien erheblich von vielen anderen islamisch geprägten Staaten der Region. Diese Politik befürworten viele Kirchenvertreter und leiten daraus die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Unterstützung des Systems ab. Bei der Bewertung dieser Unterstützung für das Regime ist aber auch zu berücksichtigen, dass es Personen des öffentlichen Lebens in Syrien bisher nicht möglich war, sich in offenen Widerspruch zum Regime zu stellen, ohne ihre Stellung in Gefahr zu bringen oder sich zum Teil brutalen Repressionsmaßnahmen auszusetzen.

Verschiedene Kirchenvertreter in Syrien machen jedoch darauf aufmerksam, dass das Regime zwar Religionsfreiheit garantiert, dafür aber massivste Menschenrechtsverletzungen in fast allen anderen Bereichen begangen hat und weiter begeht3. Ohne Ansehen ihrer Religionszugehörigkeit sind davon alle Syrer in gleicher Weise betroffen.

Die syrische Opposition

Die Opposition besteht aus einer Reihe von Gruppierungen innerhalb und außerhalb Syriens. Bis zum Beginn des Aufstands im März 2011 war es aufgrund des vom Asad-Regime ausgeübten extremen Drucks und der geheimdienstlichen Kontrolle jedweder politischen Richtung außerhalb der Baath-Partei und der vom Regime zugelassenen "Oppositionsparteien", die den Führungsanspruch der Baath-Partei akzeptieren und in der "National Progressive Front" (NPF) zusammengeschlossen sind, nicht möglich, tatsächliche Oppositionsgruppen im Land zu organisieren.

Die Muslimbruderschaft wurde vom Regime brutal unterdrückt und überwacht, ist aber aufgrund ihrer Tradition und ihrer Bekanntheit sowie durch die internationale Unterstützung streng islamisch bis islamistisch ausgerichteter Staaten und Gruppen wohl schneller in der Lage als andere, in Syrien eine Organisation aufzubauen. Im Syrischen Nationalrat spielt die Muslimbruderschaft ihre Rolle zwar bewusst herunter, dennoch verfügt sie über erheblichen Einfluss. Am 25. März 2012 hat sich die syrische Muslimbruderschaft in einem "Gelübde" auf Werte wie Aufbau eines demokratischen Staats, Einsatz für Menschenrechte, rechtliche Gleichheit von Mann und Frau und eine ausgewogene Repräsentation aller religiösen und konfessionellen Gruppen in einem freien Syrien festgelegt und die kulturelle Pluralität als Wert an sich anerkannt4, dennoch bleiben in weiten Kreisen der christlichen und säkular geprägten Bevölkerung Syriens Zweifel an der Aufrichtigkeit dieses Bekenntnisses.

Die Freie Syrische Armee ist keineswegs eine einheitliche und hierarchisch organisierte Armee, wie dies der Name nahezulegen scheint. Es handelt sich vielmehr um relativ unabhängig voneinander operierende Brigaden, deren politische Ziele von den jeweiligen Kommandeuren bestimmt werden. Desertierten Einheiten der offiziellen syrischen Armee haben sich Kämpfer unterschiedlichster Herkunft angeschlossen. Auch dies macht für Beobachter die Lage in Syrien sehr unübersichtlich. Christen, die in besonderer Weise auf einen Staat angewiesen sind, der in der Lage ist, das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen, fürchten mehr als andere, dass dies durch die Heterogenität der Freien Syrischen Armee in Frage gestellt ist.

Die Regierung Syriens hat in den vergangenen Jahren Trainingslager von al-Qa’ida im eigenen Land unterstützt. Unter dem Eindruck des Arabischen Frühlings hat die al-Qa’ida-Führung im Juli 2011 einen Kurswechsel ihrer Syrien-Politik vorgenommen. Um nicht das Ansehen in der Bevölkerung der anderen arabischislamischen Länder zu verlieren, hat al-Qa’ida-Führer Ayman al-Zawahiri die Einheiten in Syrien dazu aufgerufen, ihre Zusammenarbeit mit dem Asad-Regime zu beenden und den bewaffneten Kampf zu eröffnen. Die Freie Syrische Armee kooperiert in der Regel nicht mit al-Qa’ida-Einheiten. Ziel von al-Qa’ida ist kein demokratischer Umsturz, sondern die dauerhafte Destabilisierung des Staatswesens5. Dies wird bestätigt durch einen Bericht der UN-Kommission für Menschenrechte, die unter Leitung von Paulo Sérgio Pinheiro im September 2012 Syrien besucht hat. Der Bericht spricht von einer dramatischen Zunahme der Spannungen zwischen den einzelnen Religions- und Volksgruppen ("sectarian tensions"). Ausländische radikale Islamisten und Djihadisten seien nach Syrien eingedrungen, um gegen die Regierung von Präsident al-Asad zu kämpfen6.

Der Einfluss der Muslimbruderschaft sowie das Einsickern islamistischer Kämpfer erweckt in Teilen der syrischen Bevölkerung - insbesondere bei Christen - den Eindruck, die Opposition werde von islamistischen Gruppen dominiert. Es besteht die Furcht einer Machtübernahme durch diese Gruppen mit negativen Folgen für die Religionsfreiheit für alle nicht-islamischen, bzw. nicht-sunnitischen Gemeinschaften. Unter diesen Vorzeichen ist damit zu rechnen, dass nicht-sunnitische religiöse Gruppen, vor allem Christen, Opfer terroristischer Anschläge in Syrien werden, sollte die Situation instabil bleiben. Trotz der Beteiligung von al-Qa’ida- Einheiten am Kampf gegen das Regime kann jedoch keineswegs die gesamte Oppositions- und Aufstandsbewegung als "terroristisch" bezeichnet werden, wie das Asad-Regime dies propagandistisch tut.

Die zivile Opposition ist durch die Militarisierung stark in den Hintergrund getreten. Es darf aber nicht vergessen werden, dass der Aufstand in Syrien auf zivilen Protest für mehr Demokratie und die Einhaltung der Menschenrechte zurückgeht, der von zahlreichen Syrern im In- und Ausland unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit und politischen Ausrichtung mitgetragen wird.

Konfessionalisierung des Konflikts

Im Zuge der Militarisierung des Konflikts haben die Kurden eine eigene Miliz eingerichtet, die Teile Nordsyriens sowie bestimmte Stadtviertel in Aleppo kontrolliert. Ziel ist es, das Einsickern islamistischer und gewaltbereiter Elemente zu verhindern. Grundsätzlich steht die hinter diesen Milizen stehende Kurdish Democratic Union sowohl der Asad-Regierung als auch der Opposition abweisend gegenüber.

Seit September 2012 organisieren auch Christen in verschiedenen Städten "Volkskomitees zum Selbstschutz". Christliche Gemeinden wurden insbesondere im "Tal der Christen" (im Westen des Landes), in der Altstadt von Aleppo und im Damaszener Vorort Jaramana in den vergangenen Monaten immer wieder Opfer von Gewalt. Trotz wiederholter Aufrufe der syrischen Bischöfe, nicht zu den Waffen zu greifen, sind d erartige Selbstschutzgruppen insbesondere innerhalb der griechisch-orthodoxen und armenischen Gemeinschaft entstanden. In Aleppo kämpften armenische Einheiten eine Zeit lang an der Seite der staatlichen Armee gegen die Aufständischen.

Die Alawiten werden bisher durch die staatlichen Sicherheitsapparate vertreten sowie durch die shabiha-Milizen, irreguläre Einheiten, die im Sinn des Regimes oftmals kriegs- und völkerrechtswidrige Operationen durchführen. Bei einem Zusammenbruch des Asad-Regimes ist damit zu rechnen, dass die Alawiten aus den Resten dieser Apparate eigene Milizen aufbauen werden.

Die zunehmende Konfessionalisierung des Konflikts ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass zunehmend islamistische Gruppen an Einfluss gewinnen und Christen immer mehr zum Ziel von Angriffen und Anschlägen werden. Es muss auch berücksichtigt werden, dass die Propaganda des Asad-Regimes auf nicht religiöse Forderungen der Demonstranten nach mehr Demokratie, Freiheit und "Würde" durch das Schüren von Angst vor konfessionellen Auseinandersetzungen, terroristischen Aktivitäten durch Islamisten und allgemeines Chaos wie im Irak reagiert hat. Vor allem in christlichen und alawitischen Kreisen hat diese "sectarian speech" von Präsident Bashar al-Asad und seinen Getreuen eine diffuse Angst vor unkontrollierten Veränderungen bewirkt. Inzwischen ist - ganz im Sinn einer self fulfilling prophecy - vieles Wirklichkeit geworden, was zunächst nur ein Propagandamittel der Regierung war7.

Auf Seiten des Regimes von al-Asad greift spätestens seit Mai 2013 auch die libanesische Hizbollah ein. Mit ihrer massiven militärischen Unterstützung ist es dem Regime gelungen, einige zentrale Stellungen wieder einzunehmen und sich offenbar in eine bessere Position für mögliche Verhandlungen mit der Opposition unter internationaler Aufsicht zu bringen. Das Eingreifen der schiitischen Hizbollah nährt Befürchtungen vor einer weiteren Konfessionalisierung des Konflikts zwischen sunnitisch-islamistischen Kämpfern auf Seiten der Opposition und einer schiitischalawitischen Allianz auf Seiten der Regierung.

Übergriffe auf Christen und christliche Einrichtungen

Große Sorge bereitet der christlichen Bevölkerung Syriens, dass es seit 2012 vermehrt zu gezielten Übergriffen auf Christen kommt. Symbolisch stehen dafür die Entführung und Ermordung eines griechisch-orthodoxen Priesters in einem Vorort von Damaskus sowie die Entführung zweier Priester in der Nähe von Aleppo im Februar 2013. Einen traurigen Höhepunkt erreichten diese Entführungen von Symbolfiguren der Kirchen am 22. April 2013 mit der Verschleppung des griechisch-orthodoxen Metropoliten von Aleppo und Iskenderun, Boulos al-Yazigi, und des syrisch-orthodoxen Erzbischofs von Aleppo, Mor Youhanna Ibrahim. Die Identität der Entführer bleibt dabei, wie in vielen Fällen, unklar. Es wird darüber spekuliert, ob es sich um ausländische islamistische Kämpfer oder um Kriminelle handelt, die Lösegeld erpressen wollen.

In jedem Fall ist die christliche Bevölkerung durch derartige Übergriffe massiv verunsichert, weil sie ihnen vor Augen führen, wie schutzlos sie in der Situation von Chaos und Gewalt bewaffneten Gruppen ausgeliefert ist. Entführungen und Ermordungen betreffen allerdings nicht nur Christen, sondern alle Syrer. So befinden sich auch mehrere Imame in der Hand von Unbekannten, und im März 2013 fiel der landesweit bekannte Prediger der Umayyaden-Moschee in Damaskus, Muhammad al-Buti, einem Bombenanschlag zum Opfer.

In den zentralsyrischen Provinzen Idlib und Hama, die von den Rebellen gehalten werden, sickern immer mehr islamistische Kämpfer ein, die dort einen islamischen Staat errichten wollen. Sie bedrängen Christen und christliche Dörfer. Immer wieder kommt es zu blutigen Übergriffen, zuletzt bei einem Überfall islamistischer Kämpfer auf den Franziskanerkonvent in al-Ghassaniya in der Provinz Idlib. Ein Mönch wurde dabei erschossen, der Konvent teilweise zerstört. Übergriffe auf Zivilisten in Nordsyrien beklagt auch der "Jesuit Refugee Service" (JRS). Die Freie Syrische Armee verurteile derartige Aktionen zwar und schreibe sie kriminellen Banden und extremistischen Gruppen zu, könne sie aber auch nicht verhindern8.

Auch in der Euphratregion in der Gegend von Hassake und Deir al-Zor wird die Lage für Christen zunehmend kritisch. Kirchenführer aus der Region warnen vor dem zunehmenden Einfluss islamistischer Kämpfer, die die christliche Bevölkerung bedrohten. So seien aus einzelnen Dörfern nahe der türkischen Grenze alle Christen vertrieben worden. Christenfeindliche Graffiti an den Hauswänden dokumentierten die radikalislamischen Hintergründe der dortigen Rebellen.

Stellungnahmen von Kirchenvertretern im Syrien-Konflikt

Vertreter der Kirchen haben wiederholt vor einem Umsturz gewarnt; die meisten setzen sich für einen allmählichen und friedlichen Übergang ein. Es herrscht offenbar große Angst vor einem Absinken des Landes in Chaos und Gewalt bei einem Sturz des Regimes. Die Warnungen ziehen sich quer durch die christlichen Kirchen; entsprechend wird der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Aleppo, Mor Youhanna Ibrahim, zitiert - ebenso wie der griechisch-melkitisch-katholische Patriarch Gregorios III. Laham und der melkitische Erzbischof von Aleppo, Jean-Clément Jeanbart. Sie treten vehement für Reformen innerhalb des bestehenden Systems ein.

Je heftiger die Kämpfe in Syrien jedoch werden und je unsicherer die Situation auch für Christen wird, desto mehr rückt Patriarch Gregorios von der Regierung ab. Im Juli 2012 forderte er ein sofortiges Ende der Kämpfe und betonte, die katholische Kirche in Syrien verlange "Reformen, Freiheit, Demokratie, Korruptionsbekämpfung, Entwicklungsförderung und Redefreiheit". Die Belieferung der Opposition mit Waffen durch das Ausland zerstöre die Opposition selbst und gefährde die nationale Einheit.

Nach einem Bombenanschlag in Aleppo im Februar 2012 mit 28 Toten hat der chaldäische Erzbischof des Stadt, Antoine Audo, vor einer Konfessionalisierung des Konflikts und vor Auseinandersetzungen zwischen Christen, Sunniten, Schiiten und Alawiten gewarnt. Er forderte ausländische Regierungen dazu auf, den Dialog zwischen Regierung und Opposition zu befördern, statt eine Seite auf Kosten der anderen zu unterstützen. Diese Politik drohe das Land in ein Chaos zu stürzen wie den Irak.

Der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Djazira und Euphrat, Eustathius Matta Rohan, betonte in einem Interview im Juli 2012, dass keineswegs alle Christen das Regime von al-Asad unterstützten. Es gebe auch Christen in der Opposition. Es gehe vielen um die Einleitung von Reformen, die zu mehr Demokratie und Freiheit führten. Durch den Bürgerkrieg seien diese Bemühungen jedoch gefährdet. Die Opposition habe kein klares Programm für eine freiheitliche und säkulare Ordnung des Staates und das Zusammenleben der unterschiedlichen Religionsgruppen. Christen wendeten sich aber gegen die Gewalt des Regimes gegen das eigene Volk.

Der Heilige Stuhl setzt sich nachdrücklich für eine Lösung auf dem Verhandlungsweg ein und macht sich Sorgen um das friedliche Zusammenleben der Religionsgemeinschaften. Dies bringen der päpstliche Beobachter beim UN-Menschenrechtsrat, Erzbischof Silvano Maria Tomasi, und der Apostolische Nuntius in Syrien, Mario Zenari, immer wieder zum Ausdruck. Letzterer fordert auch nachdrücklich ein größeres Engagement der Kirche in Syrien für die Werte der katholischen Soziallehre. Armee, Geheimdienste und shabiha-Milizen missbrauchten Kinder als menschliche Schutzschilde.

Kirchliche Beobachter aus dem Libanon, die freier sprechen können als die Syrer, die mit Repressionsmaßnahmen des Asad-Regimes rechnen müssen, betonen, dass der Ruf nach Reformen, die von syrischen Kirchenvertretern kommen, auch auf die Ungerechtigkeit des bestehenden Systems hindeuteten. Der armenisch-katholische Patriarch von Kilikien, Nerses Bedros XIX. Tarmuni (residiert in Beirut), hat in einem Interview mit Radio Vatikan die Christen des Nahen Ostens ermutigt, die Umbrüche in der arabischen Welt als Chance zu verstehen. Es sei an der Zeit, die autoritären Militärregime abzulösen, um gerechtere und menschlichere Machtstrukturen aufzubauen. Für Christen könne es nicht darum gehen, Sonderrechte zu wahren oder auf jeden Fall auf der Seite des Stärkeren zu stehen. Er äußerte jedoch auch Verständnis für die Sorgen vieler Christen, weil sie numerisch in der Minderheit seien und daher durch Wahlen an die Macht gelangte Islamisten fürchten. Anonym äußern sich auch einzelne Kirchenvertreter aus Syrien kritisch gegenüber dem Asad-Regime, dem es gelinge, sich als einzigen Garanten der Religionsfreiheit und der Minderheitenrechte darzustellen. Vielmehr müsse aber ein Staat aufgebaut werden, der auf den gleichen Rechten aller beruhe9.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Positionierung von Christen in Syrien - und dies betrifft nicht nur Vertreter der Kirchen, sondern einen Großteil der christlichen Bevölkerung - weniger von eigenen politischen Überzeugungen abhängt als von Hypothesen bezüglich des Ausgangs des Konflikts und dessen Konsequenzen für ihre Lebensbedingungen in Syrien. Vor allem die Unklarheit über die Ziele der Opposition über einen Sturz al-Asads hinaus lässt die meisten zögern, sich für die Opposition einzusetzen10.

Christliche Friedensinitiativen und Vorschläge zu einer Lösung des Konflikts

Vertreter der Kirchen engagieren sich seit März 2012 in lokalen Friedensinitiativen, musâlaha (Versöhnung) genannt. Gebildet hat sich die Bewegung in Homs als Friedensinitiative von religiösen Führern der Sunniten, Alawiten sowie katholischen und orthodoxen Kirchenvertreten zusammen mit zivilgesellschaftlichen Gruppen. Unter demselben Namen haben sich anschließend Initiativen in anderen Regionen und Städten des Landes zusammengefunden, so auch in Damaskus. Von einigen wird die Initiative als regimetreu kritisiert. Sie selbst betont dagegen ihre Unabhängigkeit, ihr gehe es allein darum, Menschenleben zu retten und Dialog und Frieden zu ermöglichen.

Der syrisch-orthodoxe Metropolit von Aleppo, Mor Youhanna Ibrahim, rief im August 2012 alle Konfliktparteien aus dem In- und Ausland dazu auf, einen runden Tisch zu bilden, um über die Etablierung eines Nationalrats zu beraten, der dazu in der Lage sei, "Vertrauen und Respekt" aller Bürger Syriens wieder herzustellen. Insbesondere gehe es dabei um die Festlegung von Grundprinzipien einer neuen Verfassung, die allen Bürgern gleiche Rechte sichert, um die Entwicklung eines Programms für die künftige Innen- und Außenpolitik Syriens, um die Überwindung der Spaltungen in der Armee und um die Ausarbeitung eines "Verhaltenskodex" für die Sicherheits- und Geheimdienste zur "Verhinderung der Fehler der Vergangenheit". Er rief zur Vorbereitung von freien und fairen Parlamentswahlen und zur Wahl eines Präsidenten auf, der in der Lage sei, "die Interessen Syriens aufrecht zu erhalten und einen sicheren, stabilen, friedlichen und demokratischen Staat aufzubauen". Der Metropolit würdigt die Motive der Demonstranten und kritisiert indirekt das bestehende System, in dem es seit den 1980er Jahren zu schweren Fehlern, verursacht unter anderem durch die starke Korruption, gekommen sei.

Die katholischen Bischöfe von Aleppo haben im September 2012 alle Seiten zu einem "ernsthaften und wirkkräftigen Dialog für die nationale Aussöhnung" aufgerufen. Papst Benedikt XVI. hat dies zu Beginn seiner Libanonreise am 14. September bekräftigt und einen Stopp der Waffenlieferungen nach Syrien gefordert; diese seien eine "schwere Sünde". Stattdessen müssten "Ideen des Frieden, der Kreativität" nach Syrien gebracht werden11. Auch Papst Franziskus hat in den ersten Monaten seines Pontifikats wiederholt alle Konfliktparteien zur Versöhnungsbereitschaft aufgefordert und an das Leid der Zivilbevölkerung erinnert. Der Gewalt sowie "jeder religiösen, kulturellen und sozialen Diskriminierung"12 müsse ein Ende gesetzt werden. Die Aufrufe zu Frieden und Versöhnung, die von hochrangigen Kirchenvertretern ausgehen, sowie die praktischen Initiativen könnten ein Ansatzpunkt für die Integration der Kirchen und von Christen in ein neues politisches Systems Syriens sein. Gleichzeitig sind Friedensinitiativen aber auch der Kritik von Seiten oppositioneller Kräfte ausgesetzt, die sie - zu Recht oder zu Unrecht - als Versuch interpretieren, dem Asad-Regime zu einer Stabilisierung zu verhelfen.

Mögliche Szenarien

1. Militärische Niederschlagung des Aufstands und Stabilisierung des Asad-Regimes: Sollte es dem System gelingen, sich zu stabilisieren, ist mit einer rücksichtslosen "Säuberung" zur rechnen, die alle tatsächlichen oder vermeintlichen Unterstützer des Aufstands ungeachtet ihrer Religions- oder Volkszugehörigkeit treffen wird. Davon werden auch Christen und Kirchenvertreter betroffen sein, die das Asad-Regime nicht - oder nicht durchgehend - mit dem erwarteten Nachdruck durch ihre Stellungnahmen gestützt haben. Das Abtreten führender Kirchenvertreter könnte zu einer empfindlichen Schwächung der Kirchen und Verunsicherung der Gläubigen führen.

Mittelfristig ist mit einer Garantie der Religionsfreiheit zu rechnen wie vor dem Aufstand, allerdings bei massiver Verletzung aller anderen Menschenrechte - dies noch mehr als vor dem Revolutionsversuch, um weitere Aufstände zu unterbinden. Ein freies und unabhängiges Wirken der Kirchen ist bei der geheimdienstlichen Überwachung und den zu erwartenden Repressionsmaßnahmen nicht zu erwarten.

2. Rücktritt und Ausreise von Präsident al-Asad und Einsetzung eines konsensfähigen bisherigen Parteigängers des Regimes, der die Zusammenarbeit mit der Opposition sucht: Allein dieses Szenario würde es erlauben, die Konfliktparteien zusammenzubringen und einen stabilen Übergang in die Wege zu leiten. Ein Syrien gegen das bisherige Regime und diejenigen, die davon profitiert haben, wird nicht nur wegen der eng an das System gebundenen Sicherheitsapparate kaum aufzubauen sein. Dialogbereitschaft und radikaler Wandel des Systems sind der einzige •Weg, um die Alawiten einzubinden und die Konfessionalisierung des Konflikts zurückzudrehen. Bei einem derartigen Szenario könnten Minderheitenrechte und Religionsfreiheit grundsätzlich in Politik und Rechtsprechung gesichert werden.

3. Sturz des Regimes und Etablierung eines (relativ) stabilen Systems unter Führung islamistischer Kräfte: Der vollständige Zusammenbruch des bisherigen Herrschaftssystems ist zwar nicht wahrscheinlich, zu rechnen wäre in einem solchen Fall aber mit einer ähnlichen Entwicklung wie in Ägypten. Wahrscheinlich würde aus freien Wahlen die syrische Muslimbruderschaft oder eine von ihr gegründete, formal unabhängige Partei als Sieger hervorgehen und die Führung der Regierung übernehmen. Diese wird das Gespräch mit Kirchenvertretern suchen und sich bemühen, diese in den Aufbau eines neuen Syrien einzubinden.

Am Führungsanspruch des Islam und der Durchsetzung grundlegender islamischer Rechtsvorstellungen im Alltag wird jedoch dabei kein Zweifel gelassen. Alle Glaubensrichtungen außerhalb des sunnitischen Islam werden de facto in die zweite Reihe gedrängt, auch wenn im öffentlichen Diskurs und in einigen zentralen Verfassungsartikeln die Gleichheit der Staatsbürger bekundet wird. Wahrscheinlich ist dennoch eine massive Diskriminierung durch Gesetzgebung und Verwaltungshandeln. Mit staatlicher Verfolgung ist zwar nicht zu rechnen, allerdings damit, dass Sicherheitsbehörden nicht mit der notwendigen Konsequenz Leib und Leben sowie Eigentum und andere Rechte nicht-sunnitischer Minderheiten schützen. Es muss mit einer hohen Auswanderung christlicher Familien in den Libanon sowie in die westlichen Länder gerechnet werden.

4. Weitere Konfessionalisierung des Konflikts bei praktisch nicht mehr vorhandener Staatsmacht: Unabhängig davon, ob das Asad-Regime formal weiter die Staatsführung in Syrien oder einem Teil des Landes stellt oder vollständig gestürzt und von einer oppositionsgeführten Regierung ersetzt wird, der es nicht gelingt, vollständige Kontrolle über das Land und das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen, wäre das Abrutschen des Landes in einen konfessionalisierten Bürgerkrieg (wie im Libanon von 1975 bis 1990) oder in chaotische Zustände mit Terroranschlägen und Entführungen (ähnlich wie im Irak) der schlimmste Fall für die syrischen Christen.

In einer derartigen Situation würden sehr wahrscheinlich salafistische und djihadistische Gruppen Christen, Alawiten und Schiiten gezielt angreifen, entführen und töten mit dem Ziel der Errichtung eines sunnitisch-islamischen Staates in Syrien. Alle Nicht-Sunniten würden daher zum Verlassen des Landes aufgefordert und durch Schreckensverbreitung dazu genötigt werden. In Teilen des Landes wäre also mit einer verfolgungsähnlichen Situation für Christen und andere religiöse Minderheiten zu rechnen.

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